Dr.med. Ursula Davatz erklärt das Konzept der „sozialen Vererbung“ im Zusammenhang mit der Prägung durch die Herkunftsfamilie. Sie argumentiert, dass Wertvorstellungen, Verhaltensmuster und Durchsetzungsmuster innerhalb der Familie von Generation zu Generation weitergegeben werden. Dies geschieht sowohl bewusst als auch unbewusst.

Bewusste Weitergabe:

  • Explizite Erziehung: Eltern vermitteln ihren Kindern explizit bestimmte Wertvorstellungen und Regeln, wie man sich zu verhalten hat. Beispiele dafür sind „Man stiehlt nicht“, „Man lügt nicht“ oder „Man ist immer ehrlich“.

Unbewusste Weitergabe:

  • Implizites Lernen durch Beobachtung (Rollenlernen): Kinder lernen durch Beobachtung ihrer Bezugspersonen, wie man mit Stress umgeht, welche emotionalen Reaktionen angemessen sind und wie man Konflikte löst. Dieses Lernen geschieht unbewusst, indem Kinder die Verhaltensweisen ihrer Eltern nachahmen oder im Gegensatz dazu Gegenstrategien entwickeln.
  • Epigenetische Prägung: Epigenetische Veränderungen beeinflussen die Aktivität von Genen, ohne die DNA-Sequenz selbst zu verändern. Diese Veränderungen können durch Umwelteinflüsse wie Stress, Ernährung oder soziale Erfahrungen ausgelöst werden und von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden.

Soziale Vererbung und psychosomatische Erkrankungen:

Dr. Davatz betont, dass die in der Herkunftsfamilie erlernten Muster einen starken Einfluss auf die körperliche und psychische Gesundheit haben. Wenn Menschen in ihrem späteren Leben mit Situationen konfrontiert werden, die diese erlernten Muster in Frage stellen oder überfordern, kann dies zu emotionalen Konflikten und psychosomatischen Symptomen führen.

Beispiel:

Eine Frau, die in ihrer Familie gelernt hat, immer angepasst und kooperativ zu sein, kann in einer Beziehung mit einem dominanten und aggressiven Partner Schwierigkeiten haben, sich durchzusetzen. Die erlernten Verhaltensmuster greifen nicht mehr, und die Frau kann in ein Dilemma geraten. Die emotionale Belastung, die sich daraus ergibt, kann sich dann in körperlichen Symptomen wie Kopfschmerzen, Verdauungsproblemen oder Hautausschlägen manifestieren.

Überwindung negativer Prägungen:

Dr. Davatz plädiert dafür, sich der eigenen Prägungen durch die Herkunftsfamilie bewusst zu werden und negative Muster zu hinterfragen. In der Therapie ermutigt sie ihre Patienten, sich mit ihren Eltern (auch wenn diese bereits verstorben sind) auseinanderzusetzen und sich von unangemessenen Erwartungen und Verhaltensregeln zu lösen.

Ziel ist es:

  • Die eigene innere Mitte zu finden
  • Selbstbestimmt zu leben
  • Unabhängig von den Erwartungen der Herkunftsfamilie

Dieser Prozess kann schmerzhaft und angstbesetzt sein, da er ein Loslösen von alten, vertrauten Mustern bedeutet. Dr. Davatz betont jedoch, dass es wichtig ist, diesen Schritt zu wagen, um gesund und selbstbestimmt leben zu können.

https://ganglion.ch/pdf/Wann_laesst_die_Seele_den_Koerper_sprechen.m4a.pdf