Dr.med. Ursula Davatz erläutert in ihrem Vortrag den Unterschied zwischen sprachlicher und emotionaler Wahrnehmung. Sie argumentiert, dass der Mensch, obwohl er über Sprache verfügt, seine Umwelt immer noch stark emotional wahrnimmt. Diese emotionale Wahrnehmung erfolgt über den Ton, die Intonation und die Körpersprache.
Hier sind die wichtigsten Unterschiede zwischen den beiden Wahrnehmungsformen, wie von Dr. Davatz beschrieben:
Sprachliche Wahrnehmung:
- Konzeptuell und seriell: Die sprachliche Wahrnehmung ist an Konzepte und eine lineare Abfolge von Wörtern gebunden. Sie folgt einer bestimmten Reihenfolge, wie es beim Sprechen oder Denken der Fall ist. Dr. Davatz nennt dies „seriell“, da es einer Linie folgt.
- Fokussiert auf den Inhalt: Der Schwerpunkt liegt auf der Bedeutung der Worte und dem rationalen Verständnis des Gesagten.
- Kann zu Verengung und Voreingenommenheit führen: Die sprachliche Wahrnehmung kann zu einer Verengung des Blickwinkels führen, da sie sich auf die Interpretation von Konzepten und Definitionen stützt. Dies kann dazu führen, dass neue Informationen, die nicht in bestehende Schemata passen, ignoriert oder falsch interpretiert werden.
Emotionale Wahrnehmung:
- Ganzheitlich und vernetzt: Die emotionale Wahrnehmung erfasst Informationen auf einer nonverbalen Ebene und bezieht dabei Körpersprache, Tonfall und die gesamte Atmosphäre mit ein. Sie ist nicht an eine lineare Abfolge gebunden, sondern erfasst die Situation als Ganzes.
- Fokussiert auf den Ton und die Schwingung: Der Schwerpunkt liegt auf der emotionalen Färbung des Gesagten, der Intonation und der nonverbalen Kommunikation.
- Ermöglicht schnelle und intuitive Einschätzung: Die emotionale Wahrnehmung ermöglicht eine schnelle, instinktive Reaktion auf die Umwelt und auf andere Menschen. Sie hilft, Gefahren zu erkennen, Beziehungen zu bewerten und soziale Situationen intuitiv einzuschätzen.
Dr. Davatz betont, dass die emotionale Wahrnehmung oft wichtiger ist als die sprachliche, besonders in zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie veranschaulicht dies am Beispiel des französischen Sprichworts „C’est le ton qui fait la musique“, welches besagt, dass der Ton, die Melodie des Gesagten, wichtiger ist als der Inhalt der Worte. In der Psychotherapie spiele der Ton eine grosse Rolle, da er viel über den emotionalen Zustand des Patienten aussagt.
Dr. Davatz plädiert dafür, die emotionale Wahrnehmung bewusster wahrzunehmen und zu schulen, um ein tieferes Verständnis von uns selbst und unseren Mitmenschen zu erlangen. Sie empfiehlt beispielsweise, in der Familientherapie den Ton von Videoaufnahmen abzustellen, um sich auf die Körpersprache und die nonverbalen Interaktionen zu konzentrieren.
https://ganglion.ch/pdf/Wann_laesst_die_Seele_den_Koerper_sprechen.m4a.pdf