Dr.med. Ursula Davatz beschreibt in ihrem Vortrag verschiedene typische Eigenschaften von ADHS/ADS-Kindern. Sie betont jedoch auch, dass nicht alle Kinder alle diese Eigenschaften gleichermassen aufweisen und jedes Kind individuell betrachtet werden muss.

Aufmerksamkeitsstörung („Attention Deficit“):

  • „Breite Aufmerksamkeit“: Anstatt von einer Aufmerksamkeitsstörung spricht Dr. Davatz lieber von einer breiten Aufmerksamkeit. Diese Kinder haben einen weiten Radar, nehmen viele Reize gleichzeitig wahr und können sich schwer auf eine Sache fokussieren, wenn sie nicht genügend interessiert sind.
  • „Sensation Seeking“: ADHS/ADS-Kinder suchen starke Reize und Herausforderungen.
  • Schnelle Ablenkbarkeit: Wenn der Unterricht oder die elterlichen Anforderungen nicht interessant genug sind, schweifen ADHS/ADS-Kinder schnell ab und lenken sich und andere ab.
  • Hyperfokussierung: Wenn ADHS/ADS-Kinder an einer Sache stark interessiert sind, können sie sich extrem fokussieren und sind dann nur schwer von dieser Sache abzubringen.

Hyperaktivität („Hyperkinese“):

  • Motorische Unruhe: ADHS-Kinder sind oft motorisch unruhig, können nicht still sitzen und zappeln viel herum.
  • Emotionsregulation: Dr. Davatz sieht die Hyperaktivität als eine Form der Emotionsregulation. Durch Bewegung bauen die Kinder überschüssige Energie und negative Emotionen ab.
  • Dopamin-Ausschüttung: Körperliche Aktivität führt zur Ausschüttung von Dopamin, was die Konzentration verbessert.

Impulsivität:

  • Starke Reaktionen: ADHS/ADS-Kinder reagieren impulsiv und oft heftig auf Reize, die sie als störend oder verletzend empfinden.
  • Aggressivität: Die Impulsivität kann sich in aggressivem Verhalten, Schimpfen oder Unhöflichkeit äussern.
  • Mangelnde Impulskontrolle: In der Situation können ADHS/ADS-Kinder ihre Impulse nur schwer kontrollieren. Ihr Verhalten ist dann nicht durch den Intellekt steuerbar.

Sensibilität:

  • Verletzlichkeit: ADHS/ADS-Kinder sind sehr sensibel und leicht verletzbar.
  • Aggression als Abwehr: Dr. Davatz betont, dass hinter aggressivem Verhalten oft verletzte Gefühle stecken.
  • „Hochsensibilität“: Die Hypersensibilität von ADHS/ADS-Kindern wird heute oft als „Hochsensibilität“ bezeichnet.

Zusätzliche Eigenschaften:

  • Kreativität: ADHS/ADS-Kinder sind oft kreativ und denken unkonventionell.
  • Schwierigkeiten mit Regeln: ADHS/ADS-Kinder haben oft Mühe, sich an Regeln zu halten, und reagieren mit Widerstand auf strikte Vorgaben.
  • Intrinsische Motivation: ADHS/ADS-Kinder sind am ehesten kooperativ, wenn sie intrinsisch motiviert sind.
  • Schlafprobleme: Viele ADHS/ADS-Kinder haben Schwierigkeiten mit dem Ein- und Durchschlafen.
  • Besondere Sinneswahrnehmungen: ADHS/ADS-Kinder können in einzelnen Sinnesbereichen über- oder unterempfindlich sein, beispielsweise beim Hören, Schmecken oder Tasten.

ADS („Aufmerksamkeitsdefizitstörung ohne Hyperaktivität“):

  • Verträumtheit: ADS-Kinder fallen oft durch ihre Stille und Verträumtheit auf. Sie ziehen sich in ihre Gedankenwelt zurück und wirken abwesend.
  • „Innere Hyperaktivität“: Während ADHS-Kinder ihre Hyperaktivität nach aussen richten, sind ADS-Kinder „innerlich hyperaktiv“. Ihre Gedanken kreisen ständig und lassen sich nur schwer kontrollieren.
  • Späterkennung: ADS-Kinder werden oft erst spät diagnostiziert, da sie weniger auffällig sind als ADHS-Kinder.

Dr. Davatz‘ Ausführungen machen deutlich, dass ADHS/ADS-Kinder besondere Herausforderungen für Eltern und Lehrpersonen darstellen. Gleichzeitig betont sie aber auch, dass diese Kinder viele positive Eigenschaften besitzen, wie Kreativität, Begeisterungsfähigkeit und Querdenken. Mit dem richtigen Verständnis und der passenden Unterstützung können diese Kinder ihre Potenziale voll entfalten und zu erfolgreichen und glücklichen Erwachsenen heranwachsen.

https://ganglion.ch/pdf/Umgang_mit_ADHS-ADS_19.9.2024.m4a.pdf