Dr.med. Ursula Davatz argumentiert in den bereitgestellten Quellen, dass die Verwendung von psychiatrischen Diagnosen in der Pflegefamilie nicht hilfreich, ja sogar schädlich sein kann. Sie bevorzugt einen systemischen Ansatz, der die individuellen Bedürfnisse des Kindes in den Vordergrund stellt und die Interaktionsmuster innerhalb der Familie berücksichtigt.

Gründe gegen die Fokussierung auf Diagnosen:

  • Verengter Blickwinkel: Diagnosen lenken den Blick auf die Defizite des Kindes und verstellen den Blick auf seine Stärken und Ressourcen.
  • Stigmatisierung und Etikettierung: Diagnosen können zu Stigmatisierung und Etikettierung führen, sowohl für das Kind selbst als auch für die Pflegefamilie.
  • Verantwortungsabgabe: Die Diagnose kann dazu führen, dass das Kind und die Pflegefamilie die Verantwortung für die Probleme an die Krankheit abgeben, anstatt aktiv an Lösungen zu arbeiten.
  • Verpasste Chance zur Entwicklung: Anstatt sich auf die Diagnose zu fixieren, sollte der Fokus auf der individuellen Entwicklung des Kindes und der Gestaltung einer positiven Beziehung innerhalb der Pflegefamilie liegen.
  • Kommunikationsbarriere: Diagnosen sind Fachbegriffe, die in der Kommunikation mit dem Kind und der Herkunftsfamilie oft zu Missverständnissen und Konflikten führen können.

Alternativen zur Diagnoseorientierung:

Statt sich auf Diagnosen zu konzentrieren, empfiehlt Dr. Davatz den Pflegefamilien, folgende Aspekte zu berücksichtigen:

  • Biografie und Interaktionsmuster: Versuchen Sie zu verstehen, welche Erfahrungen das Kind in seiner Herkunftsfamilie gemacht hat und welche Interaktionsmuster zu den Problemen geführt haben.
  • Individuelle Bedürfnisse: Jedes Kind ist anders. Achten Sie auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes und versuchen Sie, seine Stärken zu fördern und seine Schwächen zu kompensieren.
  • Beziehungsgestaltung: Eine liebevolle und stabile Beziehung zu den Pflegeeltern ist für das Kind von entscheidender Bedeutung. Schaffen Sie eine Atmosphäre von Sicherheit und Geborgenheit.
  • Konsequente Begleitung: Klare Regeln und Strukturen geben dem Kind Halt und Orientierung. Seien Sie geduldig und begleiten Sie das Kind konsequent in seiner Entwicklung.
  • Problemlösung statt Bestrafung: Wenn Probleme auftreten, suchen Sie gemeinsam mit dem Kind nach Lösungen, anstatt es zu bestrafen.
  • Verständnis und Empathie: Versuchen Sie, die Welt aus der Sicht des Kindes zu sehen und seine Gefühle ernst zu nehmen.

Zusätzliche Punkte aus den Quellen:

  • Epigenetik: Dr. Davatz betont, dass die Entwicklung eines Kindes nicht nur von seinen Genen, sondern auch von seinem Umfeld und seinen Erfahrungen geprägt wird. Auch Kinder mit schwierigen Startbedingungen können sich positiv entwickeln, wenn sie in einem liebevollen und unterstützenden Umfeld aufwachsen.
  • Verantwortungsübernahme: Pflegeeltern sollten die Verantwortung für das Kind übernehmen und ihm helfen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.
  • Zusammenarbeit mit Fachleuten: Pflegefamilien sollten sich bei Bedarf professionelle Unterstützung holen, zum Beispiel von Therapeuten oder Sozialpädagogen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Dr. Davatz die Verwendung von Diagnosen in der Pflegefamilie kritisch sieht, da diese den Blick auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes und die Gestaltung einer positiven Beziehung innerhalb der Familie verstellen können. Sie plädiert stattdessen für einen systemischen Ansatz, der die Biografie des Kindes, seine individuellen Bedürfnisse und die Interaktionsmuster innerhalb der Familie berücksichtigt.

https://ganglion.ch/pdf/shelter_schweiz_1+2.pdf