Dr.med. Ursula Davatz beschreibt zwei Arten von Anpassungsmechanismen, die der Mensch verwendet, um mit seiner Umwelt zu interagieren und auf Herausforderungen zu reagieren:
1. Gelernte, individuelle Anpassung:
- Beschreibung: Diese Anpassungsform basiert auf Erfahrungen, die im Grosshirn gespeichert und verarbeitet werden. Das Grosshirn nutzt diese gespeicherten Informationen, um in neuen Situationen angemessene Verhaltensweisen abzurufen und anzuwenden.
- Funktion: Die gelernte Anpassung ermöglicht es dem Menschen, flexibel auf unterschiedliche Situationen zu reagieren und sein Verhalten an die jeweiligen Gegebenheiten anzupassen. Je mehr Erfahrungen man sammelt und je komplexer die Vernetzung im Grosshirn, desto anpassungsfähiger wird man.
- Beispiele: Das Erlernen von Sprache, sozialen Regeln, Problemlösungsstrategien oder die Anpassung an kulturelle Normen sind Beispiele für gelernte, individuelle Anpassung.
2. Reflexartige Anpassung:
- Beschreibung: Diese Anpassungsform basiert auf angeborenen, instinktiven Reaktionen, die im Stammhirn („Reptilienhirn“) verankert sind.
- Funktion: Die reflexartige Anpassung dient dem Überleben in bedrohlichen Situationen und läuft schnell und automatisch ab, ohne bewusste Kontrolle.
- Beispiele: Die klassischen „Kampf-, Flucht- oder Todstellreaktionen“ (Fight, Flight, Freeze) sind Beispiele für reflexartige Anpassung.
Zusammenspiel der Anpassungsmechanismen:
Dr.med. Ursula Davatz betont, dass beide Anpassungsmechanismen wichtig sind und in unterschiedlichen Situationen zum Einsatz kommen. Das Grosshirn kann die reflexartigen Reaktionen des Stammhirns hemmen oder verstärken, je nach Situation und Erfahrung. Wenn die gelernten Anpassungsstrategien nicht greifen oder die Situation als zu bedrohlich empfunden wird, dominieren die reflexartigen Reaktionen des Stammhirns.
Psychosomatische Erkrankungen:
Entstehung: Dr. Davatz erklärt, dass psychosomatische Erkrankungen entstehen können, wenn die gelernten, individuellen Anpassungsmechanismen versagen und der Mensch in einer Situation feststeckt, die er mit seinen bisherigen Strategien nicht bewältigen kann. Die gestaute emotionale Energie, die sich daraus ergibt, wird dann ins Stammhirn und von dort in den Körper weitergeleitet, was zu körperlichen Symptomen führt.
Beispiel: Eine Person, die in ihrer Herkunftsfamilie gelernt hat, immer fleissig und leistungsorientiert zu sein, kann in einem Job, der ständige Überstunden und hohen Druck erfordert, an ihre Grenzen stossen. Wenn sie nicht in der Lage ist, ihre Arbeitsweise zu verändern oder sich abzugrenzen, kann die dauerhafte Überlastung zu psychosomatischen Symptomen wie Rücken-schmerzen, Schlafstörungen oder Verdauungsproblemen führen.
Überwindung: Um psychosomatische Erkrankungen zu überwinden, ist es laut Dr. Davatz wichtig, neue, flexiblere Anpassungsstrategien zu entwickeln. Dies kann mithilfe von Psychotherapie und Körpertherapie gelingen. Ziel ist es, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen besser wahrzunehmen und selbstbestimmt zu leben, unabhängig von den erlernten Mustern der Herkunftsfamilie.
https://ganglion.ch/pdf/Wann_laesst_die_Seele_den_Koerper_sprechen.m4a.pdf