Die Ausführungen von Dr.med. Ursula Davatz, betonen den starken Einfluss der Erwartungshaltung des Umfelds auf die Entwicklung eines Kindes. Dieser Einfluss ist besonders ausgeprägt, wenn ein Kind nach langer Zeit des Wartens oder nach mehreren erfolglosen Versuchen (z.B. durch künstliche Befruchtung) endlich geboren wird. Solche Kinder werden in den Quellen als „überfokussierte Kinder“ bezeichnet.

Gründe für die Überfokussierung:

  • Lange Wartezeit und emotionale Investition: Die Eltern haben in der Zeit des Wartens und der Versuche viel emotionale Energie investiert und sich ein Idealbild des Kindes aufgebaut.
  • Druck, alle glücklich zu machen: Das Kind spürt den Druck, die Erwartungen der Eltern zu erfüllen und die Enttäuschung und den Schmerz der Vergangenheit zu kompensieren. Es kann das Gefühl entstehen, dass das Kind die Funktion hat, alle glücklich zu machen.
  • Angst vor erneutem Verlust: Die Eltern könnten unbewusst Angst haben, das Kind wieder zu verlieren, und es deshalb überbehüten und kontrollieren.
  • Perfektionismus und Leistungsdruck: Die Eltern könnten dazu neigen, perfektionistisch zu sein und hohe Erwartungen an die Leistung des Kindes zu stellen.

Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung:

  • Erschwerte emotionale Entwicklung: Der ständige Druck und die hohen Erwartungen können die emotionale Entwicklung des Kindes beeinträchtigen.
  • Angst und Unsicherheit: Das Kind könnte ängstlich und unsicher werden, weil es die hohen Erwartungen der Eltern nicht erfüllen kann.
  • Entwicklung von Symptomen: In einigen Fällen kann der Druck zu psychosomatischen Symptomen wie z.B. Schlafstörungen, Bauchschmerzen oder chronischem Husten führen.
  • Probleme in der Pubertät: Die Probleme könnten sich in der Pubertät verstärken, wenn das Kind versucht, sich abzulösen und seine eigene Identität zu entwickeln.
  • Auswirkungen auf die Mutter: Der Druck, eine perfekte Mutter zu sein, kann die Mutter überfordern und zu psychischen Belastungen führen.

Positive Aspekte:

  • Starke Bindung: Die intensive Fokussierung auf das Kind kann auch zu einer starken Bindung zwischen Eltern und Kind führen.
  • Resilienz: Manche Kinder sind resilient genug, um mit dem Druck umzugehen und sich positiv zu entwickeln.

Interventionen:

  • Reflexion der eigenen Erwartungshaltung: Die Eltern sollten sich ihrer eigenen Erwartungshaltung bewusst werden und diese kritisch hinterfragen.
  • Entlastung des Kindes: Die Eltern sollten versuchen, das Kind von dem Druck zu entlasten und ihm genügend Freiraum für seine eigene Entwicklung geben.
  • Stärkung der Mutter: Die Mutter sollte Unterstützung und Entlastung erhalten, um mit dem Druck und den eigenen Ansprüchen umgehen zu können.
  • Einbezug des Vaters: Der Vater sollte aktiv in die Betreuung des Kindes einbezogen werden und die Mutter unterstützen.
  • Professionelle Hilfe: Bei anhaltenden Problemen kann professionelle Hilfe von Familientherapeuten oder Psychologen in Anspruch genommen werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Erwartungshaltung der Umgebung einen starken Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes hat, das nach langer Zeit oder vielen Versuchen geboren wird. Die Eltern sollten sich ihrer eigenen Erwartungshaltung bewusst sein und versuchen, dem Kind ein möglichst unbeschwertes und liebevolles Umfeld zu bieten.

https://ganglion.ch/pdf/muetterberaterinnen_Teil_eins_5.5.2014.pdf