Die Ausführungen von Dr.med. Ursula Davatz in ihrem Vortrag, beleuchten die Problematik der geschlechtsspezifischen Diagnose der Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Historische Verbindung zur Hysterie:
- Dr.med. Ursula Davatz stellt eine direkte Verbindung zwischen der Borderline-Persönlichkeitsstörung und der früheren Diagnose der Hysterie her, die fast ausschliesslich Frauen zugeschrieben wurde.
- Sie erklärt, dass der Begriff Hysterie (von griechisch hystera für Gebärmutter) seinen Ursprung in der männlichen Sichtweise auf Frauen hat und auf das Vorurteil zurückgeht, dass Frauen emotional instabil und irrational seien.
- Diese Sichtweise, so Dr.med. Ursula Davatz, zeige sich in der Aussage: „Die Frauen sind so emotional. Das können wir nicht brauchen. Das macht so viel durcheinander.“
- Die Diagnose „Hysterie“ wurde schliesslich aufgegeben, aber die Borderline-Persönlichkeitsstörung, die viele ähnliche Merkmale aufweist, wird heute noch oft als „weibliche“ Störung angesehen.
Gesellschaftliche Erwartungen und Rollenbilder:
- Dr. Davatz argumentiert, dass gesellschaftliche Erwartungen und Rollenbilder massgeblich dazu beitragen, dass Frauen häufiger mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert werden.
- Mädchen wird in der Regel mehr emotionale Expressivität zugestanden als Jungen.
- Während emotionale Ausbrüche bei Mädchen oft toleriert werden, wird von Jungen erwartet, dass sie ihre Emotionen kontrollieren und sich „männlich“ verhalten.
- Sensible Jungen, die ihre Emotionen nicht aggressiv ausleben wollen, werden oft in künstlerische Bereiche gedrängt, wo ihre Sensibilität akzeptabler erscheint.
- Diese gesellschaftlichen Normen können dazu führen, dass Mädchen lernen, ihre Emotionen nach aussen zu richten, während Jungen sie unterdrücken.
- Dies wiederum könnte erklären, warum Frauen eher mit Borderline-Symptomen wie Impulsivität und emotionaler Instabilität auffallen, während Männer ihre inneren Konflikte eher durch Delinquenz, Drogenkonsum oder andere externalisierende Verhaltensweisen ausdrücken.
Mangel an männlichen Vorbildern:
- Dr.med. Ursula Davatz weist darauf hin, dass sensible Jungen oft keine adäquaten männlichen Vorbilder haben, an denen sie sich orientieren können.
- Wenn ein Junge in seinem Umfeld keine Männer sieht, die ihre Emotionen offen zeigen und gleichzeitig als stark und erfolgreich angesehen werden, kann es für ihn schwierig sein, seine eigene Sensibilität zu akzeptieren und zu integrieren.
https://ganglion.ch/pdf/muetterberaterinnen_Teil_eins_5.5.2014.pdf