Multi Directed Partiality, ein Konzept von Iván Böszörményi-Nagy, beschreibt eine therapeutische Haltung in der Familientherapie, die sich durch Allparteilichkeit auszeichnet. Das bedeutet, dass der Therapeut versucht, alle Mitglieder des Familiensystems zu verstehen und wertzuschätzen, unabhängig von ihren Positionen, Konflikten oder Verhaltensweisen.
Anwendung in der Praxis:
- Kontakt zu allen Familienmitgliedern: Der Therapeut versucht, mit allen relevanten Familienmitgliedern in Kontakt zu treten, einschliesslich der Grosseltern. Dies kann durch Einzelgespräche, Familiensitzungen oder Hausbesuche geschehen.
- Verstehen der Familiengeschichte: Der Therapeut erfragt die Familiengeschichte, um die Dynamiken und Muster des Familiensystems zu verstehen.
- Validierung aller Perspektiven: Der Therapeut hört aufmerksam zu und versucht, die Perspektive jedes Familienmitglieds zu verstehen und wertzuschätzen.
- Identifizieren von Konflikten und Ressourcen: Der Therapeut identifiziert die Hauptkonflikte im Familiensystem sowie die Ressourcen, die zur Lösung dieser Konflikte beitragen können.
- Verhandeln und Vermitteln: Der Therapeut unterstützt die Familienmitglieder dabei, miteinander zu verhandeln und Kompromisse zu finden.
Ziele der Multi Directed Partiality:
- Verbesserung der Kommunikation: Durch die Validierung aller Perspektiven und die Förderung eines respektvollen Dialogs soll die Kommunikation innerhalb der Familie verbessert werden.
- Stärkung der Beziehungen: Durch das gemeinsame Erarbeiten von Lösungen und das Finden von Kompromissen sollen die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern gestärkt werden.
- Verbesserung des Familienklima: Durch die Reduktion von Konflikten und Spannungen soll das Familienklima verbessert werden.
- Förderung der Entwicklung des Kindes: Indem das Kind in einem stabilen und unterstützenden Familiensystem aufwachsen kann, wird seine Entwicklung optimal gefördert.
Im Beispiel des Kindes mit der psychotischen Mutter und den unterstützenden Grosseltern:
Die Multi Directed Partiality würde bedeuten, dass der Therapeut versucht, sowohl die Mutter als auch die Grosseltern in ihrer jeweiligen Rolle zu verstehen und zu unterstützen. Er würde die Mutter in ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung und Autonomie bestärken, gleichzeitig aber auch die Grosseltern in ihrer Fürsorge für das Kind wertschätzen. Der Therapeut würde die Kommunikation zwischen Mutter und Grosseltern moderieren und ihnen helfen, Kompromisse zu finden, die dem Wohl des Kindes dienen.
Bedeutung im Kontext der sozialen Vererbung:
Gerade im Hinblick auf die von Dr.med. Ursula Davatz hervorgehobene soziale Vererbung ist die Multi Directed Partiality von grosser Bedeutung. Sie hilft, die Weitergabe negativer Muster und ungelöster Konflikte über Generationen hinweg zu unterbrechen und neue, positive Beziehungsmuster zu etablieren.