Dr.med. Ursula Davatz spricht in ihren Ausführungen ausführlich über die Herausforderungen und Chancen im Umgang mit Jugendlichen, insbesondere mit ADHS/ADS.

Verständnis und Akzeptanz:

  • „Breite Aufmerksamkeit“ statt Defizit: Dr.med. Ursula Davatz betont, dass ADHS/ADS nicht als Defizit, sondern als „breite Aufmerksamkeit“ verstanden werden sollte. Diese Jugendlichen haben eine hohe Ablenkbarkeit und sind ständig auf der Suche nach neuen Reizen. Dies kann in der Schule oder bei Aufgaben, die Konzentration erfordern, problematisch sein, ist aber in anderen Situationen, z.B. im Handel oder in der freien Natur, von Vorteil.
  • Individuelle Wahrnehmung: Jeder Jugendliche ist einzigartig und hat seine eigene Geschichte. Man sollte sich Zeit nehmen, den Jugendlichen kennenzulernen und seine Bedürfnisse, Interessen und sein Umfeld zu verstehen.
  • Herausforderungen des Schulsystems: Dr. Davatz kritisiert das Schulsystem als veraltet und nicht zeitgemäss. Es sei nicht in der Lage, auf die individuellen Bedürfnisse von Jugendlichen einzugehen, insbesondere auf die von ADHS/ADS Kindern. Die Jugendlichen werden von der „Wirtschaft“ mit schnelllebigen Reizen und Belohnungssystemen abgeholt, während die Schule oft langweilig und uninteressant erscheint.
  • Gescheiterte Pubertät: Wenn Jugendliche in der Pubertät nicht die nötige Unterstützung erhalten, kann dies zu einer „gescheiterten Pubertät“ führen. Dies erhöht das Risiko für psychische Erkrankungen. Dr. Davatz kritisiert die Jugendpsychiatrie als oft unpersönlich und wenig hilfreich.

Konkrete Handlungsempfehlungen:

  • Bedürfnisorientierte Kommunikation: Man sollte den Jugendlichen fragen, was er braucht, und seine Bedürfnisse ernst nehmen.
    • „Was brauchst du eigentlich? Was willst du? Was beschäftigt dich?“
  • Klare Kommunikation: Statt Verbote auszusprechen, sollte man eigene Wünsche und Grenzen klar und deutlich kommunizieren.
    • „Nein, das geht bei mir nicht“, statt „Nein, das darfst du nicht machen.“
  • Kooperation statt Gehorsam: Jugendliche sollten in die Problemlösung miteinbezogen werden.
    • „Wir haben hier jetzt ein Problem zusammen. Wie kommen wir hier jetzt aus dem Loch?“
  • Positive Verstärkung: Selbst kleine Fortschritte sollten anerkannt und gelobt werden. Kritik sollte vermieden werden, da sie zu Demotivation und Widerstand führt.
  • Authentizität: Jugendliche spüren sofort, wenn man ihnen etwas vormacht. Man sollte ehrlich und authentisch sein.
  • Geduld und Zeit: Es braucht Zeit und Geduld, um eine vertrauensvolle Beziehung zu einem Jugendlichen aufzubauen. Man sollte keine schnellen Lösungen erzwingen.
  • Spielerische Elemente: Spielerische Interaktionen können die Stimmung auflockern und Stress abbauen. Sie fördern das Lernen und die soziale Interaktion.
  • Fokus auf die „Herzensebene“: Man sollte versuchen, eine emotionale Verbindung zum Jugendlichen aufzubauen und ihn auf der „Herzensebene“ zu erreichen.

Besondere Herausforderungen im digitalen Zeitalter:

  • Digitale Medien und „breite Aufmerksamkeit“: Die ständige Reizüberflutung durch digitale Medien kommt der „breiten Aufmerksamkeit“ von ADHS/ADS Kindern entgegen. Es ist wichtig, Alternativen zu bieten, die ebenfalls interessant und stimulierend sind, aber gleichzeitig die Entwicklung von Sozialkompetenz und tiefergehenden Interessen fördern.
  • Menschliche Interaktion fördern: Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz (KI) ist es umso wichtiger, die menschlichen Fähigkeiten zu fördern, die der Computer nicht ersetzen kann: Empathie, Kreativität, kritisches Denken, soziale Interaktion.

Zusammenfassend:

Der Umgang mit ADHS/ADS Jugendlichen erfordert ein hohes Mass an Verständnis, Geduld und Kreativität. Indem man ihre „breite Aufmerksamkeit“ als Stärke begreift und ihnen mit Respekt, Empathie und Authentizität begegnet, kann man ihnen helfen, ihr Potenzial zu entfalten und erfolgreich in der Gesellschaft Fuss zu fassen.

https://ganglion.ch/pdf/Jugend.m4a.pdf