Dr.med. Ursula Davatz vertritt die Ansicht, dass Erziehung eine entscheidende Rolle bei der Ausprägung und dem Verlauf von ADHS/ADS spielt. Sie lehnt ein rein biologisch determiniertes Krankheitsmodell ab und betont die dynamische Wechselwirkung zwischen genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren. In diesem Zusammenhang spielt das Konzept der „Passung“ eine zentrale Rolle.
Passung beschreibt das komplexe Zusammenspiel zwischen den individuellen Eigenschaften eines Kindes mit ADHS/ADS und den Anforderungen seiner Umwelt. Eine gute Passung, z.B. durch flexible Erziehungsmethoden, ein anregendes Lernumfeld und die Wertschätzung der kindlichen Stärken, kann dazu führen, dass das Kind seine Potenziale entfaltet, trotz Schwierigkeiten in bestimmten Bereichen.
Negative Folgen können sich hingegen aus einer schlechten Passung ergeben, wie sie z.B. durch übermässig strenge Erziehung oder ein unflexibles Schulsystem entstehen kann. Dr. Davatz beobachtete in ihrer Praxis, dass eine schlechte Passung zwischen Kind und Umwelt die Entstehung von Folgeerkrankungen wie Borderline-Persönlichkeitsstörung, Bipolare Störung, Delinquenz und Suchterkrankungen begünstigen kann.
Konkret bedeutet dies für die Erziehung:
- Eltern sollten die besonderen Bedürfnisse ihres Kindes verstehen und akzeptieren. Kinder mit ADHS/ADS benötigen klare Strukturen und Regeln, aber gleichzeitig auch Freiräume, um ihre Energie auszuleben und ihre Kreativität zu entfalten.
- Erziehungsmethoden sollten flexibel und individuell angepasst sein. Strafen und Druck sind kontraproduktiv und können das Kind zusätzlich frustrieren. Vielmehr sollten Eltern versuchen, das Kind positiv zu motivieren und seine Stärken zu fördern.
- Eltern sollten eine positive und unterstützende Beziehung zu ihrem Kind aufbauen. Ein stabiles und liebevolles Familienumfeld kann dem Kind Sicherheit und Geborgenheit geben und ihm helfen, mit den Herausforderungen von ADHS/ADS besser umzugehen.
Dr.med. Ursula Davatz betont, dass Eltern von Kindern mit ADHS/ADS oft selbst in ihren Familien dysfunktionale Beziehungsmuster erlebt haben und diese unbewusst wiederholen. Daher ist es wichtig, die Familiengeschichte über mehrere Generationen zu betrachten und die Eltern in ihrer Rolle zu unterstützen.
Zusammenfassend lässt sich sagen:
Erziehung spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung von Kindern mit ADHS/ADS. Durch eine gute Passung zwischen Kind und Umwelt können Eltern und Erzieher dazu beitragen, dass die Kinder ihre Potenziale entfalten und ein erfülltes Leben führen. Eine schlechte Passung hingegen kann negative Folgen für die psychische Gesundheit und die Entwicklung des Kindes haben.
https://ganglion.ch/pdf/Vulnerabilitaet_Erziehung_Krankheit.pdf