Dr.med. Ursula Davatz verwendet den Begriff der „Passung“, um das komplexe Zusammenspiel zwischen den individuellen Eigenschaften eines Kindes mit ADHS/ADS und den Anforderungen seiner Umwelt zu beschreiben. Dieses Konzept spielt eine zentrale Rolle in ihrem Verständnis von ADHS/ADS und beeinflusst ihren therapeutischen Ansatz.

Die Bedeutung der Passung:

  • Kein deterministisches Krankheitsmodell: Dr. Davatz lehnt die Vorstellung ab, dass ADHS/ADS ein rein biologisch determiniertes Phänomen ist, das unweigerlich zu bestimmten Verhaltensweisen und Problemen führt. Stattdessen betont sie die dynamische Interaktion zwischen der genetischen Veranlagung und den Umweltbedingungen.
  • Individuelle Unterschiede im Vordergrund: Sie erkennt an, dass ADHS/ADS sich in vielfältigen Formen manifestieren kann und sowohl die Ausprägung der Symptome als auch der Verlauf der Störung individuell unterschiedlich sind.
  • Umweltfaktoren als entscheidende Einflussgröße: Die Art und Weise, wie die Umwelt auf die besonderen Bedürfnisse eines Kindes mit ADHS/ADS reagiert, ist entscheidend für dessen Entwicklung.
  • Familie, Erziehung und Schule im Fokus: Dr. Davatz betont die wichtige Rolle der Familie, der Erziehung und der Schule bei der Gestaltung der „Passung“.

Beispiele für gute und schlechte Passung:

  • Gute Passung: Wenn die Umweltbedingungen auf die besonderen Bedürfnisse des Kindes abgestimmt sind, kann dies zu einer positiven Entwicklung führen.
    • Flexible Erziehungsmethoden: Eltern, die die Eigenarten ihres Kindes verstehen und akzeptieren, können angemessene Grenzen setzen, ohne das Kind einzuengen.
    • Stimulierendes Lernumfeld: Ein Unterricht, der Abwechslung, Bewegung und praktische Erfahrungen bietet, kann die Aufmerksamkeit und Motivation von Kindern mit ADHS/ADS fördern.
    • Anerkennung von Stärken: Wenn die Stärken des Kindes, wie z.B. Kreativität, Spontaneität oder hohe Energie, geschätzt und gefördert werden, stärkt dies sein Selbstwertgefühl.
  • Schlechte Passung: Wenn die Umwelt auf die Bedürfnisse des Kindes nicht eingeht, kann dies negative Folgen haben und die Entwicklung von psychischen Problemen begünstigen.
    • Übermässig strenge Erziehung: Rigide Regeln und Bestrafungen können das Kind frustrieren und rebellisches Verhalten hervorrufen.
    • Monotones und starres Lernumfeld: Ein Frontalunterricht, der langes Stillsitzen und konzentriertes Zuhören erfordert, überfordert viele Kinder mit ADHS/ADS und führt zu Unruhe und Konzentrationsschwierigkeiten.
    • Ausgrenzung und Stigmatisierung: Wenn das Kind aufgrund seines Verhaltens ständig kritisiert und ausgegrenzt wird, leidet sein Selbstwertgefühl, und es kann sich aus der Gemeinschaft zurückziehen.

Folgen der Passung für die psychische Gesundheit:

  • Positive Passung:
    • fördert die Entfaltung der Stärken des Kindes
    • stärkt das Selbstwertgefühl und die Resilienz
    • reduziert das Risiko für psychische Probleme
  • Negative Passung:
    • verstärkt die Schwierigkeiten des Kindes
    • führt zu Frustration, Angst und Verhaltensauffälligkeiten
    • erhöht das Risiko für Folgeerkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen

Dr. Davatz‘ therapeutisches Vorgehen:

  • Analyse der Familiendynamik: Dr. Davatz verwendet Genogramme, um die Familienstruktur und die Geschichte der Familie über mehrere Generationen zu erfassen. Dies hilft ihr, die Entstehungsmuster von ADHS/ADS im Kontext der Familie zu verstehen.
  • Identifikation von Passungsproblemen: Im Gespräch mit den Eltern und dem Kind sucht sie nach Bereichen, in denen die „Passung“ zwischen Kind und Umwelt nicht optimal ist.
  • Entwicklung individueller Lösungen: Gemeinsam mit der Familie arbeitet sie an Strategien, um die „Passung“ zu verbessern. Dies kann z.B. die Anpassung der Erziehungsmethoden, die Suche nach einer geeigneteren Schule oder die Förderung der Stärken des Kindes umfassen.

Zusammenfassend:

Dr.med. Ursula Davatz‘ Konzept der „Passung“ bietet einen differenzierten Blick auf ADHS/ADS und betont die Bedeutung der Umweltfaktoren für die Entwicklung des Kindes. Ihr therapeutischer Ansatz zielt darauf ab, die „Passung“ zwischen Kind und Umwelt zu optimieren, um die Entfaltung der Stärken des Kindes zu ermöglichen und psychische Probleme zu vermeiden.

https://ganglion.ch/pdf/Vulnerabilitaet_Erziehung_Krankheit.pdf