Dr.med. Ursula Davatz betrachtet die aktuelle ADHS/ADS-Forschung mit einem kritischen Auge. Sie erkennt zwar den Wert der Erkenntnisse in der Genetik und Neurobiologie an, bemängelt aber die starke Fokussierung auf die biologischen Aspekte von ADHS/ADS. Ihrer Ansicht nach vernachlässigt diese Einseitigkeit die Bedeutung der Umweltfaktoren, insbesondere die Rolle der Familie und Erziehung, bei der Entstehung und dem Verlauf der Störung.

Die wichtigsten Kritikpunkte von Dr. Davatz:

  • Verengter Blick auf Genetik und Hirnfunktion: Dr. Davatz stimmt zwar zu, dass ADHS/ADS eine genetische Grundlage hat und mit Veränderungen in der Hirnfunktion einhergeht, aber sie betont, dass dies nur ein Teil des Gesamtbildes ist. Sie kritisiert die Tendenz in der aktuellen Forschung, die Ursachen von ADHS/ADS ausschliesslich in den Genen und der Hirnaktivität zu suchen und dabei die Wechselwirkung mit der Umwelt zu ignorieren.
  • Vernachlässigung des systemischen Kontexts: Aus ihrer systemischen Perspektive betrachtet Dr. Davatz ADHS/ADS als ein Phänomen, das sich im Zusammenspiel von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren entwickelt. Die Familie, die Erziehung, die Schule und die Gesellschaft spielen eine entscheidende Rolle dabei, ob sich die genetische Veranlagung zu ADHS/ADS im Verhalten manifestiert und welche Folgen dies für die betroffene Person hat.
  • Konzept der „Passung“: Dr. Davatz verwendet den Begriff der „Passung“, um die Interaktion zwischen dem Kind mit ADHS/ADS und seiner Umwelt zu beschreiben. Eine gute Passung zwischen dem Temperament des Kindes und den Erziehungsmethoden, dem Schulsystem und den gesellschaftlichen Anforderungen kann dazu führen, dass das Kind seine Stärken entfalten kann, auch wenn es in bestimmten Bereichen Schwierigkeiten hat. Eine schlechte Passung hingegen, z.B. durch übermässig strenge Erziehung oder ein unflexibles Schulsystem, kann die Entwicklung von psychischen Problemen und Folgeerkrankungen begünstigen.

Dr. Davatz plädiert für einen integrativen Ansatz in der ADHS/ADS-Forschung und -Behandlung:

  • Berücksichtigung des Familiensystems: Dr. Davatz betont die Wichtigkeit, die Familiendynamik und die Erziehungspraktiken in die Diagnostik und Therapie von ADHS/ADS einzubeziehen. Sie nutzt Genogramme, um die Familienstruktur und die Geschichte der Familie über mehrere Generationen zu erfassen und so die Entstehungsmuster von ADHS/ADS und anderen psychischen Erkrankungen besser zu verstehen.
  • Individuelle „Passung“ im Vordergrund: Statt auf standardisierte Behandlungsprotokolle zu setzen, sollte die Therapie individuell auf die Bedürfnisse des Kindes und seiner Familie abgestimmt sein. Es gilt, die „Passung“ zwischen Kind und Umwelt zu optimieren, um die Entwicklung des Kindes positiv zu beeinflussen.
  • Anerkennung der Heterogenität von ADHS/ADS: Dr. Davatz betont, dass ADHS/ADS keine einheitliche Störung ist, sondern sich in vielfältigen Formen manifestieren kann. Sowohl die Ausprägung der Symptome als auch der Verlauf der Störung sind individuell unterschiedlich und hängen von den jeweiligen Umweltfaktoren ab.

Zusammenfassung:

Dr.med. Ursula Davatz sieht die aktuelle ADHS/ADS-Forschung als zu einseitig an, da sie die biologischen Aspekte überbetont und die Bedeutung der Umweltfaktoren vernachlässigt. Sie plädiert für einen integrativen Ansatz, der genetische Veranlagung, Hirnfunktion, Familiensystem, Erziehung und gesellschaftliche Einflüsse gleichermassen berücksichtigt. Ihr Ziel ist es, die individuellen Bedürfnisse von Menschen mit ADHS/ADS zu verstehen und ihnen die bestmögliche Unterstützung zu bieten, um ihre Stärken zu entfalten und ein erfülltes Leben zu führen.

https://ganglion.ch/pdf/Vulnerabilitaet_Erziehung_Krankheit.pdf