Dr.med. Ursula Davatz beschreibt in ihrem Vortrag ausführlich, wie man am besten mit Autisten umgeht und berücksichtigt dabei ihre besonderen Bedürfnisse und Herausforderungen.

Grundlage:

  • Hypersensitivität: Autisten sind hochsensibel und nehmen Reize aus ihrer Umgebung viel intensiver wahr als neurotypische Menschen.
  • Genetische Veranlagung: Dr. Davatz sieht ADHS/ADS als genetische Grundlage, aus der sich Autismus und andere psychische Störungen entwickeln können. Sie betont, dass Genomweite Assoziationsstudien (GWAS) diese Verbindung belegen.
  • Beziehung als Schlüssel: Der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung ist der wichtigste Faktor im Umgang mit Autisten. Durch eine positive Beziehung fühlen sie sich sicher und sind offener für Neues.
  • Kommunikationsherausforderungen: Autisten haben oft Schwierigkeiten mit der Kommunikation, sowohl verbal als auch nonverbal. Sie können Probleme haben, ihre Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, und haben Schwierigkeiten, Mimik und Gestik zu interpretieren.

Konkrete Handlungsempfehlungen:

  • „Teilnehmende Beobachtung“: Diese Methode aus der Tierforschung empfiehlt Dr. Davatz als Grundlage für die Interaktion mit Autisten. Sie beinhaltet:
    • Verlangsamung: Allen Interaktionen und Kommunikationsabläufen wird mehr Zeit und Raum gegeben.
    • Aktives Zuhören: Man versucht, die Perspektive des Autisten zu verstehen und spiegelt ihm die eigene Wahrnehmung zurück.
    • Validierung: Man vergewissert sich, dass man den Autisten richtig verstanden hat, und lässt ihn korrigieren, falls dies nicht der Fall ist.
    • Einbringen ohne Erwartungen: Man zeigt Interesse und Engagement, ohne jedoch Druck auszuüben oder etwas Bestimmtes erreichen zu wollen.
  • Low Arousal State: Ruhe und Geduld sind essenziell. Man sollte dem Autisten in einem ruhigen und entspannten Zustand begegnen, da er selbst schnell überfordert sein kann.
  • „Never pursue a distancer“: Man sollte Autisten nicht verfolgen oder bedrängen, wenn sie sich zurückziehen. Sie brauchen Zeit und Raum, um sich zu regulieren.
  • Klare Strukturen: Autisten brauchen klare Strukturen und Routinen, die ihnen Sicherheit geben.
  • Intrinsische Motivation: Extrinsische Motivation funktioniert bei Autisten nicht. Man sollte versuchen, ihre intrinsische Motivation zu wecken und ihnen Wahlmöglichkeiten und Selbstbestimmung zu ermöglichen.
  • Authentizität: Man sollte dem Autisten gegenüber authentisch sein und seine eigenen Emotionen zeigen, ohne diese jedoch zu benutzen, um den Autisten zu manipulieren.
  • Alternative Kommunikationsformen: Wenn verbale Kommunikation schwierig ist, kann man alternative Kommunikationsformen wie Musik oder Zeichnen nutzen.

Besondere Herausforderungen:

  • „System Overload“: Aufgrund ihrer Hypersensitivität können Autisten leicht überfordert sein und in einen Zustand des „System Overloads“ geraten. In diesem Zustand können sie nicht mehr richtig funktionieren und brauchen Zeit und Ruhe, um sich zu erholen.
  • Umgang mit Fehlern: Autisten haben oft Schwierigkeiten mit dem Umgang mit Fehlern und Versagen. Man sollte ihnen helfen, Fehler zu relativieren und als Lernchance zu sehen.
  • Soziale Integration: Die Integration von Autisten in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft ist eine grosse Herausforderung. Es ist wichtig, ihre Talente und Begabungen zu erkennen und ihnen ein unterstützendes Umfeld zu bieten.

Zusammenfassend: Der Umgang mit Autisten erfordert viel Geduld, Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft, sich auf ihre besonderen Bedürfnisse einzustellen. Durch eine positive Beziehungsgestaltung, klare Strukturen und die Anwendung der „teilnehmenden Beobachtung“ kann man Autisten helfen, sich zu entfalten und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

https://ganglion.ch/pdf/Wendepunkt-ASS-26.11.2024.m4a.pdf