Dr. med. Ursula Davatz, eine erfahrene Psychiaterin und Familientherapeutin, betont in ihrem Vortrag die Wichtigkeit eines respektvollen und verständnisvollen Umgangs mit autistischen Menschen. Anstatt zu versuchen, Autisten in vorgefertigte Normen zu pressen, plädiert sie dafür, ihre individuellen Bedürfnisse zu erkennen und zu respektieren.

Grundprinzipien im Umgang mit Autisten:

  • Validierung: Im Zentrum eines gelungenen Umgangs steht die Validierung, d.h. die Anerkennung des Autisten in seiner Individualität und die Akzeptanz seiner Wahrnehmung und Bedürfnisse.
  • Geduld und Sensibilität: Der Umgang mit Autisten erfordert ein hohes Mass an Geduld und Sensibilität. Aufgrund der verzögerten Hirnentwicklung und der damit einhergehenden Schwierigkeiten in der Informationsverarbeitung benötigen Autisten mehr Zeit, um zu reagieren und Entscheidungen zu treffen.
  • Individuelle Bedürfnisse erkennen: Jeder Autist ist einzigartig, es gibt kein allgemeingültiges „Schema“. Daher ist es wichtig, die individuellen Bedürfnisse und Eigenarten des jeweiligen Autisten kennenzulernen und zu berücksichtigen.
  • Von Autisten lernen: Dr. Davatz ermutigt dazu, von Autisten zu lernen, anstatt ihnen vorgeben zu wollen, wie sie zu sein haben. Sie verweist auf das Sokratische Lernen, bei dem der Lehrer vom Schüler lernt.

Konkrete Tipps für den Umgang:

  • Klare Kommunikation: Autisten haben oft Schwierigkeiten mit non-verbaler Kommunikation und Ironie. Daher ist es hilfreich, klar und direkt zu kommunizieren und Missverständnisse zu vermeiden.
  • Struktur und Routine: Autisten fühlen sich oft in strukturierten Umgebungen mit festen Routinen wohl. Unvorhersehbare Ereignisse und Abweichungen vom Gewohnten können zu Stress und Überforderung führen.
  • Reizüberflutung vermeiden: Aufgrund ihrer erhöhten Sensibilität reagieren Autisten oft empfindlich auf Lärm, grelle Lichter oder bestimmte Gerüche und Materialien. Daher ist es wichtig, Reizüberflutung zu vermeiden und dem Autisten die Möglichkeit zu geben, sich in eine ruhige Umgebung zurückzuziehen.
  • Zeit und Raum geben: Autisten brauchen oft mehr Zeit, um Informationen zu verarbeiten und auf Reize zu reagieren. Es ist wichtig, ihnen diese Zeit zu geben und sie nicht zu drängen.
  • Stärken fördern: Anstatt sich auf die Defizite zu konzentrieren, sollten die individuellen Stärken des Autisten gefördert werden.

Herausforderungen und Lösungsansätze:

  • Diagnose und Unterstützung: Die Diagnose „Autismus“ kann schwierig sein, da die Ausprägungen sehr unterschiedlich sind. Oftmals gibt es lange Wartezeiten für eine Diagnose und therapeutische Unterstützung. Dr. Davatz empfiehlt, sich an Kinderärzte oder Kinderpsychiater zu wenden, da diese oft schneller Termine anbieten können.
  • Gesellschaftliche Akzeptanz: Die Gesellschaft ist oft nicht ausreichend über Autismus informiert. Dies kann zu Unverständnis und Ausgrenzung führen. Dr. Davatz plädiert für mehr Aufklärungsarbeit, um die Akzeptanz von Autisten in der Gesellschaft zu erhöhen.
  • Arbeitgeber sensibilisieren: Auch Arbeitgeber sollten für die Bedürfnisse von autistischen Arbeitnehmern sensibilisiert werden. Eine offene Kommunikation und die Bereitschaft, Arbeitsbedingungen anzupassen, können die Integration von Autisten im Arbeitsleben erleichtern.

Fazit:

Der Umgang mit Autisten erfordert Verständnis, Geduld und die Bereitschaft, sich auf die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen einzustellen. Indem wir lernen, die Welt aus der Perspektive von Autisten zu betrachten, können wir zu einer inklusiveren Gesellschaft beitragen, in der jeder Mensch die Möglichkeit hat, sein Potenzial zu entfalten.

https://ganglion.ch/pdf/Autismus%20u%20Psychiatrie,%20was,%20wenn%20nichts%20mehr%20geht.m4a.pdf