Dr.med. Ursula Davatz erläutert in ihrem Vortrag ein Modell des Gehirns, das auf den evolutionären Entwicklungsstufen des menschlichen Gehirns basiert und als „dreieiniges Gehirn“ bekannt ist. Dieses Modell, ursprünglich von Paul D. MacLean entwickelt, beschreibt drei Hauptbereiche des Gehirns mit jeweils unterschiedlichen Funktionen:
- Stammhirn (Reptiliengehirn): Dieser entwicklungsgeschichtlich älteste Teil des Gehirns ist für grundlegende, lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Herzfrequenz, Schlafrhythmus und den Verdauungstrakt zuständig.
- Mittelhirn (Limbisches System): Dieser Bereich ist für Emotionen, Motivation und soziale Interaktionen verantwortlich. Er verarbeitet unsere emotionalen Reaktionen auf Reize und beeinflusst unser Verhalten in sozialen Situationen.
- Grosshirn: Das Grosshirn ist der jüngste und am weitesten entwickelte Teil des menschlichen Gehirns. Es ist unser Lernorgan und ermöglicht komplexe Denkprozesse, Sprache, Planung und Entscheidungsfindung.
Relevanz für Kränkung
Dr. Davatz argumentiert, dass Kränkungen zunächst im limbischen System verarbeitet werden, da sie starke emotionale Reaktionen auslösen. Eine Kränkung erzeugt eine Dysbalance im limbischen System, die zu negativen Emotionen wie Wut, Trauer, Angst und Scham führt.
Die weitere Verarbeitung der Kränkung ist entscheidend:
- Abdrängen ins Stammhirn: Wenn die Emotionen nicht bewusst wahrgenommen und verarbeitet werden – zum Beispiel aufgrund von Erziehungsmustern, die das Ausdrücken von Gefühlen unterdrücken – werden sie ins Stammhirn abgedrängt. Dies kann zu psychosomatischen Beschwerden und körperlichen Krankheiten führen, da das vegetative Nervensystem beeinflusst wird. Dr. Davatz nennt hier beispielhaft den Zusammenhang zwischen chronischer Verbitterung – also unterdrückter Wut – und Gallensteinen.
- Abdrängen ins Grosshirn: In anderen Fällen, wie beispielsweise bei Schizophrenie, werden die Emotionen ins Grosshirn abgedrängt. Dort entstehen dann „Geschichten“, die versuchen, die emotionale Balance wiederherzustellen, aber oft nichts mit der Realität zu tun haben.
- Bewusste Verarbeitung: Der ideale Weg, mit Kränkungen umzugehen, besteht darin, die Emotionen im limbischen System bewusst wahrzunehmen, anzunehmen und auszudrücken. Dies kann durch Beschreiben und Benennen der Gefühle geschehen, sei es schriftlich oder im Gespräch mit anderen. Durch die Verbalisierung der Emotionen werden sie ins Grosshirn „transportiert“ und können dort kognitiv verarbeitet werden. Dieser Prozess führt zu einer Reduktion der emotionalen Spannung und ermöglicht ein Loslassen der Kränkung.
Dr. Davatz betont die Wichtigkeit des Dialogs im Umgang mit Kränkungen. Durch das Aushandeln und Klären von Konflikten in Beziehungen können neue Lösungsansätze gefunden und die emotionale Balance wiederhergestellt werden. Dabei ist es entscheidend, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle in der Ich-Sprache zu äußern, ohne den anderen anzugreifen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Dr. Davatz‘ Modell des dreieinigen Gehirns verdeutlicht, wie Kränkungen im Gehirn verarbeitet werden und welche Auswirkungen dies auf unser psychisches und physisches Wohlbefinden haben kann. Das Modell unterstreicht die Bedeutung einer bewussten emotionalen Verarbeitung, um negative Folgen wie Verbitterung und psychosomatische Beschwerden zu vermeiden.