Der Prozess der Verbitterung, wie er in Dr. Davatz‘ Vortrag dargestellt wird, beginnt meist mit einer Kränkung, die als verletzende Erfahrung empfunden wird. Die Quellen beschreiben eine Vielzahl von möglichen Kränkungen, von Blossstellung und Mobbing über Misserfolg und Nicht-Erreichen von Zielen bis hin zu Nicht-Ernstgenommen-Werden und Ungerechtigkeit. Auch Kontrollverlust, Unterordnung und Diskriminierung werden als kränkende Erfahrungen genannt.

Eine wichtige Rolle spielt die eigene Erwartungshaltung. Wenn diese nicht erfüllt wird – sei es in Beziehungen, im Beruf oder in anderen Lebensbereichen – kann dies zu einer Kränkung führen. Besonders Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich von ihrer eigenen Prägung zu dezentrieren und die Welt aus anderen Perspektiven zu betrachten, sind anfällig für Kränkungen.

Die Verarbeitung der Kränkung ist entscheidend. Gelingt es nicht, die damit verbundenen Gefühle wie Wut, Trauer und Enttäuschung adäquat zu verarbeiten, kann dies zu einer chronischen Belastung führen, die sich in Verbitterung äußert. Dr. Davatz veranschaulicht diesen Prozess mit dem Bild der Galle: Die unterdrückte Wut, die mit der Kränkung einhergeht, führt zu einer erhöhten Gallenproduktion, die sich im Körper staut und im Extremfall zu Gallensteinen führen kann. Redewendungen wie „mir läuft die Galle über“ oder „was ist dir über die Leber gekrochen?“ spiegeln diesen Zusammenhang in der Sprache wider.

Der Vortrag beleuchtet verschiedene Faktoren, die den Verbitterungsprozess beeinflussen:

  • Die Art der Kränkung: Je nach Art und Intensität der Kränkung kann die Verarbeitung unterschiedlich schwerfallen.
  • Die Persönlichkeit des Betroffenen: Manche Menschen sind aufgrund ihrer Prägung anfälliger für Kränkungen als andere.
  • Das soziale Umfeld: Unterstützung durch Familie, Freunde oder Therapeuten kann den Verarbeitungsprozess positiv beeinflussen.

Die wichtigsten Schritte zur Überwindung von Kränkungen und Verbitterung sind:

  • Wahrnehmen und Annehmen der Gefühle: Der erste Schritt besteht darin, die mit der Kränkung verbundenen Gefühle bewusst wahrzunehmen und zuzulassen.
  • Ausdruck der Gefühle: Das Beschreiben und Benennen der Gefühle, sei es schriftlich oder im Gespräch mit anderen, kann helfen, die Intensität der Emotionen zu reduzieren.
  • Dialog suchen: Wenn möglich, sollte das Gespräch mit der Person gesucht werden, die die Kränkung verursacht hat. Dabei ist es wichtig, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse klar zu kommunizieren, ohne den anderen anzugreifen.
  • Loslassen und nach vorne schauen: Die Vergangenheit kann nicht geändert werden. Wichtig ist, aus den Erfahrungen zu lernen und sich auf die Gegenwart und die Zukunft zu konzentrieren.

Dr. Davatz betont auch die Bedeutung von Selbstverantwortung im Umgang mit Kränkungen. Wir sind nicht Opfer unserer Umstände, sondern können aktiv gestalten, wie wir mit verletzenden Erfahrungen umgehen. Indem wir lernen, unsere Gefühle zu regulieren, können wir die Macht der Kränkung brechen und verhindern, dass sie sich in Verbitterung verwandelt.

https://ganglion.ch/pdf/Kraenkung_Verbitterung.pdf