Dr.med. Ursula Davatz unterstreicht in ihrem Vortrag immer wieder den Einfluss der eigenen Erwartungshaltung auf das Entstehen von Kränkungen. Wenn unsere Erwartungen – sei es in Beziehungen, im Beruf oder in anderen Lebensbereichen – nicht erfüllt werden, können wir uns gekränkt fühlen. Oftmals sind diese Erwartungshaltungen unbewusst und werden uns erst im Moment der Enttäuschung bewusst.

Besonders anfällig für Kränkungen durch enttäuschte Erwartungshaltungen sind Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich von ihrer eigenen Prägung zu dezentrieren und die Welt aus anderen Perspektiven zu betrachten. Sie haben feste Vorstellungen davon, wie die Welt „laufen“ sollte, und alles, was von diesen Vorstellungen abweicht, wird als Kränkung erlebt.

Beispiele aus dem Vortrag:

  • Beispiel stille Erwartungshaltung: Eine Frau, die ihren Mann jahrelang unterstützt hat, fühlt sich gekränkt, wenn dieser sie im Gegenzug nicht unterstützt, obwohl sie ihre Wünsche nie explizit geäußert hat. Sie hat die „stille Erwartungshaltung“, dass ihr Einsatz selbstverständlich erwidert wird.
  • Beispiel kindliche Erwartungshaltung: Angestellte, die sich von ihrem Vorgesetzten nicht unterstützt fühlen, obwohl sie dies nicht explizit angesprochen haben, zeigen eine „kindliche Erwartungshaltung“. Sie übertragen unbewusst die Erwartung an elterliche Unterstützung auf den Vorgesetzten.
  • Beispiel enttäuschte Erwartungshaltung an Gerechtigkeit: Eine Schülerin, die die Ungerechtigkeit im Umgang mit einem Mitschüler empfindet, erlebt dies als Kränkung, da ihr Gerechtigkeitsdenken verletzt wird.

Folgen enttäuschter Erwartungshaltungen:

Die enttäuschte Erwartungshaltung kann zu verschiedenen negativen Folgen führen:

  • Verstärkte negative Emotionen: Die Enttäuschung über die nicht erfüllte Erwartung verstärkt die mit der Kränkung verbundenen negativen Emotionen wie Wut, Trauer und Enttäuschung.
  • Konflikte in Beziehungen: Die nicht ausgesprochenen Erwartungen führen zu Missverständnissen und Konflikten in Beziehungen, da der andere die Bedürfnisse nicht erfüllen kann, von denen er nichts weiß.
  • Rückzug und Vermeidung: Aus Angst vor weiteren Enttäuschungen ziehen sich Betroffene möglicherweise aus Beziehungen zurück und vermeiden Situationen, in denen sie sich gekränkt fühlen könnten.

Therapeutische Ansätze:

In der Therapie geht es darum, die unbewussten Erwartungshaltungen aufzudecken und zu reflektieren. Die Patienten lernen, ihre Bedürfnisse bewusst wahrzunehmen und in der Ich-Sprache zu formulieren, ohne dabei eine Erwartungshaltung an den anderen zu knüpfen. Dr. Davatz betont, dass es wichtig ist, ohne Erwartungshaltung für die eigenen Bedürfnisse einzustehen und die Reaktion des anderen zu akzeptieren.

Fazit:

Die Erwartungshaltung spielt eine zentrale Rolle im Kränkungsprozess. Enttäuschte Erwartungen verstärken die negativen Emotionen und können zu Konflikten und Rückzug führen. In der Therapie geht es darum, unbewusste Erwartungshaltungen bewusst zu machen, Bedürfnisse klar zu formulieren und zu lernen, ohne Erwartungshaltung für sich einzustehen. Dieser Prozess fördert die emotionale Unabhängigkeit und beugt weiteren Kränkungen vor.

https://ganglion.ch/pdf/Kraenkung_Verbitterung.pdf