Dr.med. Ursula Davatz stellt in ihrem Vortrag die Systemische Therapie als einen Ansatz vor, der sich grundlegend vom medizinischen Modell unterscheidet. Sie betont, dass die Systemische Therapie nicht primär auf die Symptombekämpfung abzielt, sondern den Menschen in seinem Beziehungsgeflecht betrachtet und versucht, die Interaktionsmuster innerhalb dieses Systems zu verändern.
Unterschiede zum medizinischen Modell:
- Fokus auf das Krankheitsbild: Das medizinische Modell konzentriert sich auf die Diagnose und Behandlung von Krankheiten. In der Psychiatrie liegt der Fokus dabei meist auf dem Gehirn und seinen Funktionen.
- Symptomorientierte Behandlung: Die Behandlung im medizinischen Modell zielt darauf ab, die Symptome der Krankheit zu lindern oder zu beseitigen. Medikamente spielen dabei eine wichtige Rolle.
Grundlagen der Systemischen Therapie:
- Der Mensch als Teil eines Systems: Die Systemische Therapie geht davon aus, dass der Mensch kein isoliertes Individuum ist, sondern Teil eines komplexen Systems, in erster Linie der Familie.
- Beziehungen im Mittelpunkt: Im Fokus der Systemischen Therapie stehen die Beziehungen und Interaktionsmuster innerhalb dieses Systems.
- Symptom als Ausdruck von Störungen im System: Symptome werden nicht als isolierte Phänomene betrachtet, sondern als Ausdruck von Störungen im System.
Drei-Generationen-Perspektive:
Dr. Davatz betont die Bedeutung der Drei-Generationen-Perspektive in der Systemischen Therapie. Sie erfasst die Familiengeschichte über drei Generationen, um wiederkehrende Muster und ungelöste Konflikte zu identifizieren.
Ziele der Systemischen Therapie:
- Veränderung der Interaktionsmuster: Durch gezielte Interventionen soll das System in die Lage versetzt werden, dysfunktionale Muster zu erkennen und zu verändern.
- Verbesserung der Kommunikation: Eine offene und wertschätzende Kommunikation zwischen den Systemmitgliedern ist grundlegend für eine positive Entwicklung des Systems.
- Stärkung der Ressourcen: Die Systemische Therapie unterstützt die Systemmitglieder dabei, ihre eigenen Ressourcen zu erkennen und zu nutzen.
Systemische Therapie bei ADHS und Schizophrenie:
Dr. Davatz wendet die Systemische Therapie auch bei der Behandlung von ADHS und Schizophrenie an. Sie sieht diese Erkrankungen nicht als isolierte Störungen des Individuums, sondern als Ausdruck von dysfunktionalen Interaktionsmustern innerhalb der Familie.
- ADHS: Bei ADHS liegt der Fokus oft auf der Beratung der Eltern. Dr. Davatz gibt ihnen konkrete Handlungsanweisungen, wie sie mit ihrem Kind umgehen können, um Eskalationen zu vermeiden und die positive Entwicklung des Kindes zu fördern.
- Schizophrenie: Auch bei der Behandlung von Schizophrenie bezieht Dr. Davatz die Familie eng mit ein. Sie ermutigt die Eltern, mit dem erkrankten Kind im Kontakt zu bleiben, ohne die Verantwortung für dessen Leid zu übernehmen.
Kontroversen und Kritik:
Die Systemische Therapie wird nicht von allen Fachleuten uneingeschränkt positiv bewertet. Kritiker bemängeln unter anderem:
- Mangelnde wissenschaftliche Evidenz: Die Wirksamkeit der Systemischen Therapie ist nicht in allen Bereichen ausreichend wissenschaftlich belegt.
- Gefahr der Schuldzuweisung: Angehörige könnten sich durch den systemischen Ansatz ungerechtfertigt für die Erkrankung des Patienten verantwortlich fühlen.
Dr. Davatz entgegnet dieser Kritik, indem sie auf die zunehmende Bedeutung des systemischen Denkens auch in der Wissenschaft verweist. Sie betont zudem, dass die Systemische Therapie die individuellen Bedürfnisse und Ressourcen der Patienten berücksichtigt und die Eigenverantwortung des Einzelnen nicht aus den Augen verliert.