Das Thema „Balance finden“ zieht sich wie ein roter Faden durch den Vortrag von Dr. med. Ursula Davatz. Es wird deutlich, dass es sich hierbei um einen zentralen Aspekt der Selbsterziehung und Selbstbestimmung handelt, insbesondere für Menschen mit ADHS.

Der Balanceakt zwischen gesellschaftlichen Normen und individuellen Bedürfnissen

Dr. Davatz spricht vom Menschen als sozialem Wesen, das in ein Kollektiv eingebunden ist und sich an gesellschaftliche Normen und Erwartungen anpassen muss. Gleichzeitig betont sie aber auch den individuellen Charakter eines jeden Menschen, der mit seinen eigenen Bedürfnissen und seinem eigenen Temperament im Einklang leben möchte.

Gerade in der westlichen Gesellschaft, und insbesondere in der Schweiz, wird Individualität stark betont. Dies führt zu einem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung.

Die Gefahr der Überanpassung: Selbstverleugnung und Krankheit

Besonders Frauen, so Dr. Davatz, neigen dazu, sich übermässig anzupassen und die Bedürfnisse anderer über ihre eigenen zu stellen. Dies kann zu einer Verleugnung der eigenen Bedürfnisse und letztendlich zu Depression und Krankheit führen.

Auch Schuldgefühle, die entstehen, wenn man von den Normen der Gesellschaft oder der Erziehung abweicht, können dazu führen, dass man sich wieder anpasst und die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt.

Loslösung von alten Prägungen: Ein mutiger Schritt zur Selbstfindung

Um Balance zu finden, ist es oft notwendig, sich von alten Prägungen und Erwartungen zu lösen, die nicht zum eigenen Temperament passen. Dr. Davatz vergleicht dies mit einer „Kündigung der Loyalität“ gegenüber den Eltern und betont, dass dieser Schritt oft Angst und sogar körperliche Krankheit auslösen kann.

Auf die innere Stimme hören: Selbstfürsorge als Kompass

Um den Weg aus der Überanpassung zu finden und die Balance zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Anforderungen der Gesellschaft zu finden, ist es wichtig, auf die eigene innere Stimme zu hören. Dr. Davatz nennt dies „Selbstfürsorge“ und betont, dass es sich dabei nicht um Egoismus handelt, sondern um eine notwendige Zentrierung auf die eigenen Bedürfnisse.

Balance als dynamisches Gleichgewicht: Immer wieder neu justieren

Balance ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamisches Gleichgewicht, das immer wieder neu justiert werden muss. Mal steht die Anpassung im Vordergrund, mal die Selbstverwirklichung. Wichtig ist, dass man sich seiner eigenen Bedürfnisse bewusst ist und immer wieder reflektiert, wo man steht und was man braucht.

Fazit: Balance finden – Ein lebenslanger Prozess

Balance zu finden ist ein lebenslanger Prozess, der Mut, Selbstreflexion und Selbstfürsorge erfordert. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen, sich selbst treu zu bleiben und gleichzeitig in der Gesellschaft seinen Platz zu finden. Dieser Prozess kann herausfordernd sein, aber er ist der Schlüssel zu einem selbstbestimmten und erfüllten Leben.

https://ganglion.ch/pdf/selbsterz.m4a.pdf