Die Quellen, insbesondere das Gespräch zwischen Dr. med. Ursula Davatz und Sammy Frey, plädieren für ein Umdenken im Verständnis von ADHS/ADS. Statt es als Störung zu betrachten, wird es als Neurotyp präsentiert – eine natürliche Variation des Gehirns mit besonderen Stärken und Herausforderungen.

Dr. Davatz betont, dass ADHS/ADS genetisch vererbt und nicht erworben ist. Es handelt sich also nicht um eine Krankheit, die durch äussere Einflüsse entsteht, sondern um eine von Geburt an vorhandene Veranlagung. Sie vergleicht es mit anderen genetisch bedingten Merkmalen wie der Augenfarbe: „Es ist vererbt. Von irgendwo kommt es.“

Diese Sichtweise hat weitreichende Folgen für den Umgang mit ADHS/ADS in der Gesellschaft, insbesondere in der Schule.

Weg von der Pathologisierung:

  • Stigmatisierung vermeiden: Die Diagnose ADHS/ADS wird oft mit negativen Vorurteilen verbunden. Kinder werden als „faul“, „unaufmerksam“ oder „verhaltensauffällig“ abgestempelt.
  • Stärken erkennen: Die Fokussierung auf die Herausforderungen von ADHS/ADS verdeckt oft die Stärken und Talente, die mit diesem Neurotyp einhergehen.
  • Individuelle Förderung statt Anpassung: Anstatt zu versuchen, ADHS/ADS-Kinder an ein neurotypisches System anzupassen, sollte die Umgebung ihren Bedürfnissen angepasst werden.

Hochsensibilität als Kernmerkmal:

Die Quellen heben die Hochsensibilität als zentrales Merkmal von ADHS/ADS hervor. ADHS/ADS-Kinder nehmen mehr Reize wahr und reagieren intensiver als neurotypische Menschen. Dies kann zu Überforderung (System Overload) führen, die sich in verschiedenen Verhaltensweisen äussert:

  • Aggression: Wutausbrüche, Impulsivität
  • Rückzug: Verträumtheit, Desinteresse
  • Hyperaktivität: Unruhe, Zappeligkeit
  • „Kaktus, umarme mich“: Ambivalentes Verhalten zwischen Abwehr und dem Wunsch nach Nähe

ADHS/ADS als Chance für Weiterentwicklung:

Dr. Davatz vergleicht ADHS/ADS-Menschen mit einem „Ferment für Entwicklungen“. Sie bringen neue Ideen, Perspektiven und Denkweisen in die Gesellschaft ein und können so zu Innovation und Fortschritt beitragen.

Konsequenzen für die Schule:

  • Lehrer als Begleiter: Lehrpersonen sollten nicht als „Dompteure“ agieren, die versuchen, die Kinder zu kontrollieren, sondern als Begleiter, die sie in ihrer Entwicklung unterstützen.
  • Individuelle Lernumgebungen: Die Schule sollte verschiedene Lernumgebungen anbieten, die den Bedürfnissen von ADHS/ADS-Kindern gerecht werden.
  • Positive Verstärkung statt Bestrafung: Bestrafung ist kontraproduktiv und kann das Selbstvertrauen der Kinder schädigen. Lob und Anerkennung sind viel effektivere Mittel, um positives Verhalten zu fördern.
  • Flexibilität und Toleranz: Lehrpersonen müssen lernen, mit den individuellen Besonderheiten der ADHS/ADS-Kinder umzugehen und ihnen mit Flexibilität und Toleranz zu begegnen.

Zusammenfassung:

Die Betrachtung von ADHS/ADS als Neurotyp eröffnet neue Perspektiven für den Umgang mit den betroffenen Kindern. Anstatt sie als „gestört“ zu betrachten, sollten ihre Stärken und Talente gefördert werden. Die Schule spielt dabei eine wichtige Rolle. Indem sie eine individuelle und unterstützende Lernumgebung schafft, kann sie dazu beitragen, dass ADHS/ADS-Kinder ihr volles Potenzial entfalten können.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_und_Schule_6.12.2024.mp3.pdf