Dr.med. Ursula Davatz beleuchtet in ihrem Vortrag ausführlich die Borderline Persönlichkeitsstörung, ein Thema, das sie im Kontext ihrer langjährigen Erfahrung als Psychiaterin und Familientherapeutin eingehend studiert hat. Sie betont, dass es sich um ein relativ junges Konzept in der Psychiatrie handelt, das erst seit etwa 50 Jahren existiert.

Begriff und Einordnung:

Der Begriff „Borderline“ stammt von Charles P. Cohen und bedeutet wörtlich „Grenzgänger“. In der Psychiatrie beschreibt er Menschen, die sich zwischen Neurose und Psychose bewegen, also nicht so gesund wie Neurotiker, aber auch nicht so krank wie Psychotiker sind. Diese Einordnung ist jedoch mit Vorsicht zu geniessen, da sie zu falschen Erwartungshaltungen führen kann. Dr. Davatz kritisiert, dass Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung oft überfordert werden, weil man zu viel von ihnen verlangt, ihnen aber gleichzeitig nicht die notwendige Unterstützung zugesteht.

Geschlechtsspezifische Unterschiede:

Die Diagnose „Borderline Persönlichkeitsstörung“ wird häufiger bei Frauen gestellt als bei Männern. Dr. Davatz berichtet, dass sie in ihrer Praxis bisher keinen einzigen Mann mit dieser Diagnose behandelt hat. Früher wurde bei Frauen oft die Diagnose „hysterische Persönlichkeit“ verwendet, die heute von der Borderline-Persönlichkeitsstörung abgelöst wird. Männer mit ähnlichen Problemen neigen laut Dr. Davatz eher zu Delinquenz, Zwangsstörungen oder autistischem Verhalten. Dies könnte mit genetischen und hormonellen Faktoren zusammenhängen, die Frauen eine bessere Anpassungsfähigkeit ermöglichen.

Ursachen:

Dr.med. Ursula Davatz sieht die Ursache der Borderline-Persönlichkeitsstörung in Störungen während der Adoleszenz, also der Phase der Ablösung von den Eltern. Betroffene konnten sich nicht richtig von ihren Eltern ablösen, da sie entweder in das Familiensystem eingebunden waren und für die Familie funktionieren mussten oder durch die Probleme der Eltern in ihrer Entwicklung eingeschränkt wurden. Die fehlende Akzeptanz durch die Eltern spielt dabei eine entscheidende Rolle, da sie zu einem ständigen Kampf um Anerkennung führt.

Symptome und Krankheitsbild:

Dr. Davatz beschreibt Borderline-Patienten als „professionelle Teenager“, die mit der Kraft von Erwachsenen pubertieren. Sie zeigen eine Reihe von Symptomen, die auf eine emotionale Instabilität hinweisen:

  • Starke Stimmungsschwankungen: Sie schwanken zwischen extremer Begeisterung und tiefer Verzweiflung.
  • Impulsivität: Sie handeln oft unüberlegt und lassen sich von ihren Emotionen leiten.
  • Schwierigkeiten mit Beziehungen: Sie sehnen sich nach Akzeptanz, stossen aber gleichzeitig Menschen von sich weg.
  • Selbstverletzendes Verhalten: Sie verletzen sich selbst, um ihre Emotionen zu regulieren oder Aufmerksamkeit zu bekommen.
  • Suizidgedanken und -versuche: Die Gefahr von Suizidgedanken und -versuchen ist bei Borderline-Patienten erhöht.
  • Kombination mit anderen Störungen: Borderline-Persönlichkeitsstörung tritt häufig in Kombination mit anderen psychischen Erkrankungen auf, wie z.B. ADHS, Essstörungen oder bipolaren Störungen.

Therapieansätze:

Dr. Davatz kritisiert die in der Therapie oft angewandte Verhaltenstherapie (DBT), da sie in ihren Augen einer Erziehungsmethode gleicht. Sie plädiert für einen Ansatz, der auf authentischen, tragfähigen Beziehungen basiert. Wichtig ist es, dem Patienten als standhaftes Gegenüber zu begegnen, ihn nicht zu erziehen und seine Grenzen zu akzeptieren. Beziehungsabbrüche sollten vermieden werden, da sie für Borderline-Patienten besonders schmerzhaft sind. Stattdessen sollte man versuchen, die Beziehung aufrechtzuerhalten und dem Patienten Verständnis und Unterstützung entgegenbringen.

Bedeutung der Beziehung in der Therapie:

Besonders im Umgang mit Suizidalität betont Dr. Davatz die Wichtigkeit der Beziehungsgestaltung. Suiziddrohungen sollten ernst genommen und als Hilferuf verstanden werden. Beziehungsabbrüche durch Therapeuten oder Angehörige können die Suizidgefahr erhöhen, da sie dem Patienten das Gefühl geben, allein gelassen und nicht wertgeschätzt zu werden. Stattdessen sollten Bezugspersonen Energie in die Beziehung investieren und dem Patienten das Gefühl geben, akzeptiert und unterstützt zu werden.

Umgang mit Selbstverletzung:

Dr.med. Ursula Davatz rät dazu, Selbstverletzendes Verhalten anzusprechen, aber kein grosses Theater daraus zu machen. Wichtig ist es, nach den Gefühlen zu fragen, die hinter der Handlung stehen. Durch das Benennen und Ausdrücken der Gefühle kann der Patient lernen, besser mit seinen Emotionen umzugehen.

Herausforderungen im institutionellen Kontext:

Im institutionellen Kontext, beispielsweise in Kliniken oder Therapieeinrichtungen, können Bezugspersonenwechsel für Borderline-Patienten eine grosse Belastung darstellen. Dr.med. Ursula Davatz empfiehlt daher, Übergaben sorgfältig zu gestalten und die alte Bezugsperson in den Prozess einzubeziehen. Sie plädiert ausserdem dafür, dass mehrere Personen als Bezugspersonen fungieren, um die Abhängigkeit von einer einzelnen Person zu reduzieren.

Zusammenfassend lässt sich festhalten:

Dr.med. Ursula Davatz‘ Ausführungen zur Borderline-Persönlichkeitsstörung zeichnen ein komplexes Bild dieses Krankheitsbildes. Sie betont die Bedeutung der frühkindlichen Entwicklung, die Rolle der Familie und die Herausforderungen im Umgang mit den Symptomen. Im Zentrum ihrer therapeutischen Empfehlungen steht die Beziehungsgestaltung, die auf Verständnis, Akzeptanz und Unterstützung basiert.

https://ganglion.ch/pdf/Borderline.pdf