Dr.med. Ursula Davatz unterscheidet in den Quellen zwischen primärem Mutismus, der auf neurologische Ursachen zurückzuführen ist, und sekundärem Mutismus, der als selektiver Mutismus bezeichnet wird und seine Wurzeln in der Interaktion und dem sozialen Umfeld hat.

Primärer Mutismus:

  • Betroffene Kinder haben Schwierigkeiten mit der Sprachfindung und -formulierung aufgrund von Dysfunktionen in den Sprachzentren des Gehirns.
  • Sprachverständnis und -produktion sind nicht richtig gekoppelt, was zu Problemen beim Verstehen und Artikulieren von Sprache führt.
  • Primärer Mutismus kann mit anderen Störungen wie Legasthenie, Dyskalkulie oder Autismus einhergehen.
  • Die Plastizität des Gehirns ermöglicht es betroffenen Kindern, durch Training und Therapie ihre sprachlichen Fähigkeiten zu verbessern.

Selektiver Mutismus (sekundärer Mutismus):

  • Kinder mit selektivem Mutismus können sprechen, verweigern die Kommunikation aber in bestimmten Situationen, meist in der Öffentlichkeit oder in Anwesenheit fremder Personen.
  • Dr. Davatz beschreibt selektiven Mutismus als Kommunikationsverweigerung, die oft durch ein Trauma ausgelöst wird.
  • Das Trauma kann ein soziales Erlebnis sein, bei dem sich das Kind ungerecht behandelt oder verurteilt fühlte.
  • Die Verweigerung der Kommunikation dient als Schutzmechanismus, um sich vor weiteren Verletzungen zu schützen.
  • Selektiver Mutismus geht oft mit hoher Sensibilität und Ängstlichkeit einher.
  • Dr. Davatz betont die Bedeutung des sozialen Umfelds: Oft gibt es eine Person im Umfeld des Kindes, die extrem viel redet und für das Kind spricht, was dazu führen kann, dass das Kind die Sprache nicht mehr selbst benutzt.
  • Die Verweigerung kann auch aus Opposition entstehen, wenn das Kind das Gefühl hat, dass die sprechende Person (oft die Mutter) nicht richtig versteht und für es spricht, ohne es zu fragen.

Umgang mit selektivem Mutismus:

  • Kein Zwang: Dr.med. Ursula Davatz warnt eindringlich davor, Kinder mit selektivem Mutismus zum Sprechen zu zwingen.
  • Zwang führt nur zu Verstärkung der Verweigerungshaltung und verschlimmert die Situation.
  • Verständnis und Geduld: Stattdessen sind Verständnis, Geduld und ein behutsames Herangehen wichtig.
  • Vertrauensvolle Atmosphäre: Schaffen Sie eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der sich das Kind sicher und angenommen fühlt.
  • Kommunikation aufrechterhalten: Auch wenn das Kind nicht spricht, sollten Sie die Kommunikation aufrechterhalten, indem Sie mit ihm sprechen, ihm Fragen stellen und ihm zeigen, dass Sie an ihm interessiert sind.
  • Beobachtung und Verlangsamung: Anstatt ständig zu reden, sollten Sie das Kind beobachten und versuchen, seine nonverbale Kommunikation zu verstehen.
  • Verlangsamen Sie Ihr eigenes Tempo und geben Sie dem Kind die Zeit, die es braucht, um sich zu öffnen.
  • Angewöhnung an neue Situationen: Gewöhnen Sie das Kind schrittweise an neue Situationen und vermeiden Sie Überforderung.
  • Systemische Intervention: Berücksichtigen Sie das gesamte Familiensystem und suchen Sie nach Möglichkeiten, die Interaktionsmuster zu verändern.
  • Zusammenarbeit mit der Schule: Arbeiten Sie eng mit der Schule zusammen, um eine unterstützende Umgebung für das Kind zu schaffen.
  • Aufklärung und Sensibilisierung: Informieren Sie Lehrpersonen und andere Bezugspersonen über selektiven Mutismus und die besonderen Bedürfnisse des Kindes.

Wichtige Punkte aus der Diskussion mit Dr.med. Ursula Davatz:

  • Selektiver Mutismus ist oft ein Symptom für ein tieferliegendes Problem im System des Kindes.
  • Bestrafung und Druck sind kontraproduktiv und verschlimmern die Situation.
  • Verständnis, Geduld und ein systemisches Herangehen sind entscheidend für den Erfolg der Intervention.
  • Vertrauen, Sicherheit und eine positive Beziehung bilden die Grundlage für die Überwindung des selektiven Mutismus.

https://ganglion.ch/pdf/Selektiver-Mutismus-und-Schulverweigerung.pdf