Dr.med. Ursula Davatz spricht in ihren Ausführungen auch die Problematik stark anhänglicher Kinder an und gibt konkrete Hinweise zum Umgang mit ihnen. Sie beschreibt die Situation, dass Kinder, die zu Hause vernachlässigt werden, beispielsweise weil beide Elternteile arbeiten und wenig Zeit für das Kind haben, in der Tagesstätte ein besonders starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Zuwendung zeigen. Diese Kinder „kleben“ an den Erzieherinnen und versuchen, ihre Bedürfnisse schnellstmöglich befriedigt zu bekommen. Sie vergleicht dieses Verhalten mit streunenden Hunden, die jedem hinterherlaufen, der ihnen Aufmerksamkeit schenkt.

Wie sollten Erzieherinnen reagieren?

  • Nicht bestrafen oder kritisieren: Es ist wichtig, das Kind nicht für sein anhängliches Verhalten zu bestrafen oder zu kritisieren. Das Kind handelt aus einer Bedürftigkeit heraus und sucht nach Sicherheit und Geborgenheit. Aussagen wie „Das darfst du nicht“ oder „Du bist zu egoistisch“ sind kontraproduktiv und verstärken das Gefühl der Unsicherheit beim Kind.
  • Verständnis zeigen: Stattdessen sollten Erzieherinnen versuchen, dem Kind Verständnis entgegenzubringen. Sie können verbalisieren, dass sie das Bedürfnis des Kindes nach Nähe verstehen, aber gleichzeitig auch Grenzen setzen. Beispielsweise: „Ich verstehe, dass du all das willst, aber weisst du, morgen ist auch noch ein Tag“ oder „Ich habe später wieder Zeit für dich“.
  • Ruhe und Zeitgefühl ausstrahlen: Entscheidend ist, dass die Erzieherin Ruhe und ein Zeitgefühl ausstrahlt. Das Kind muss lernen, dass nicht alle Bedürfnisse sofort befriedigt werden können. Geduld und die Botschaft, dass genügend Zeit für das Kind da ist, sind wichtig.
  • Ausgleich schaffen: Erzieherinnen sollten versuchen, einen Ausgleich zwischen den Bedürfnissen des anhänglichen Kindes und den anderen Kindern zu schaffen. Es ist wichtig, allen Kindern gerecht zu werden und keinem Kind das Gefühl zu geben, benachteiligt zu sein.
  • Nicht überfordern: Anstatt sofort einzugreifen und das Verhalten zu korrigieren, empfiehlt Dr.med. Ursula Davatz den Erzieherinnen, den Kindern Zeit zu lassen. Wenn das Kind z.B. Spielsachen von anderen Kindern an sich nimmt, sollte man nicht direkt mit Kritik reagieren, sondern dem Kind das Gefühl geben, dass es nicht „alles jetzt gleich“ haben muss. Ein ruhiger Umgang, der dem Kind vermittelt, dass es auch morgen noch die Möglichkeit zum Spielen hat, ist hier ratsam.

Zusätzliche Hinweise aus dem Text:

Dr.med. Ursula Davatz erwähnt auch das „Hamstern“ von Spielsachen als mögliches Verhalten anhänglicher Kinder. Dies kann darauf hindeuten, dass das Kind zu Hause nicht viele Spielsachen hat und versucht, in der Tagesstätte so viel wie möglich zu bekommen. Auch hier ist es wichtig, verständnisvoll zu reagieren und dem Kind zu erklären, dass es nicht alle Spielsachen auf einmal benutzen kann.

Das Beispiel mit den streunenden Hunden verdeutlicht die Bedürftigkeit des Kindes nach Anschluss und Beziehung. Ähnlich wie der Hund, der jedem hinterherläuft, der ihm Aufmerksamkeit schenkt, sucht das anhängliche Kind die Nähe der Erzieherin, um seine Bedürfnisse nach Sicherheit und Geborgenheit zu stillen.

https://ganglion.ch/pdf/Umgang_Kindern_schwierigem_privatem_Umfeld.pdf