Dr.med. Ursula Davatz beschreibt in ihren Ausführungen, dass ADHS-Kinder, insbesondere Jungen, besonders sensibel sind. Wenn sie verletzt oder gekränkt werden oder ihnen jemand im Weg steht, reagieren sie oft mit Aggression. Dieses aggressive Verhalten wird gesellschaftlich nicht akzeptiert und führt häufig zu Bestrafungen. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, da das Kind nicht nur in seiner Verletzung unverstanden bleibt, sondern auch noch für seine Reaktion darauf bestraft wird. Es ist wichtig zu verstehen, dass Kinder ihre Emotionen noch nicht so gut kontrollieren können wie Erwachsene. Das aggressive Verhalten ist somit Ausdruck der Verletzung und nicht in erster Linie böse Absicht.
Was tun bei aggressivem Verhalten?
Anstatt das Kind für seine Aggression zu bestrafen, empfiehlt Dr. Davatz folgende Vorgehensweise:
- Ursache der Aggression ergründen: Es ist wichtig, herauszufinden, was die Ursache der Aggression ist. Das Kind kann dies möglicherweise nicht direkt artikulieren, aber Erwachsene können versuchen, die Situation zu analysieren und dem Kind mögliche Gründe vorlegen.
- Verletzung validieren: Wenn die Ursache der Aggression gefunden ist, sollte die Verletzung des Kindes anerkannt und ernst genommen werden. Eine einfache Bestätigung wie „Ah, ja, ich verstehe“ kann dem Kind bereits helfen, sich verstanden zu fühlen.
- Pause: Nach der Validierung der Verletzung empfiehlt Dr. Davatz eine Pause, um dem Kind Zeit zu geben, sich zu beruhigen und die Situation zu verarbeiten.
- Alternative Strategien aufzeigen: Dem Kind sollten alternative Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden, wie es in Zukunft mit ähnlichen Situationen umgehen kann. Es ist wichtig, dem Kind beizubringen, seine Gefühle wahrzunehmen und zu benennen, anstatt sie auszuagieren.
- Geduld und Übung: Es braucht Zeit und Übung, bis ein Kind neue Strategien erlernt hat. Man sollte nicht erwarten, dass sich das Verhalten sofort ändert. Vergleichbar mit dem Erlernen eines Sports braucht es wiederholtes Üben, um neue Verhaltensmuster zu etablieren.
- Über Gefühle sprechen: Die Fähigkeit, über Gefühle zu sprechen, ist zentral, um den emotionalen Stress zu reduzieren. Indem das Kind lernt, seine Gefühle in Worte zu fassen, kann es sie besser verarbeiten und kontrollieren. Erwachsene können hier als Vorbilder fungieren, indem sie selbst offen über ihre Gefühle sprechen.
- Sokratisches Lernen: Dr. Davatz betont den Aspekt des sokratischen Lernens, bei dem der Erwachsene gemeinsam mit dem Kind lernt. Indem man gemeinsam neue Strategien entwickelt und ausprobiert, entsteht eine positive Lernatmosphäre.
Zusätzliche Punkte:
Dr.med. Ursula Davatz erwähnt, dass impulsive Reaktionen, wie aggressives Verhalten, primitive Stressreaktionen sind, die spontan und automatisch ablaufen. Durch das Sprechen über Gefühle wird das Grosshirn aktiviert, was dem Kind ermöglicht, bewusster zu handeln.
Es ist wichtig zu bedenken, dass Kinder mit ADHS oft eine längere Aufmerksamkeitsspanne haben. Daher sollten Erklärungen kurz und prägnant gehalten werden.
Authentizität im Umgang mit dem Kind ist entscheidend. Das Kind spürt, ob der Erwachsene wirklich hinter den Regeln und Anweisungen steht. Eine authentische, emotionale Autorität, die auf Ruhe, Klarheit und Respekt basiert, ist wesentlich effektiver als Strafen und Druck.
https://ganglion.ch/pdf/Umgang_Kindern_schwierigem_privatem_Umfeld.pdf