Die Referentin, Dr. med. Ursula Davatz, erklärt den sekundären Mutismus, den sie auch als selektiven Mutismus bezeichnet, hauptsächlich durch Interaktionsmuster. Sie beschreibt, dass im Umfeld eines Kindes mit sekundärem Mutismus oft eine Person existiert, die übermässig viel redet. Diese Person, häufig die Mutter, spricht stellvertretend für das Kind, was dazu führt, dass das Kind nicht mehr die Notwendigkeit verspürt, selbst zu kommunizieren. Das Kind wird zum passiven Zuhörer, dessen Bedürfnisse von der redenden Person interpretiert und ausgedrückt werden.
Diese Dynamik kann verschiedene Auswirkungen haben:
- Verlust der Sprechmotivation: Das Kind gewöhnt sich daran, dass die andere Person für es spricht und verliert die Motivation, selbst zu kommunizieren.
- Oppositionelles Verhalten: Wenn die Interpretationen der redenden Person nicht den tatsächlichen Bedürfnissen des Kindes entsprechen, kann sich das Kind durch Verweigerung der Kommunikation widersetzen.
- Verstärkung der Trotzphase: Die übermässige Kommunikation der Bezugsperson kann die Trotzphase des Kindes verlängern und verstärken, da das Kind die Verweigerung als Mittel der Selbstbehauptung nutzt.
Dr.med. Ursula Davatz veranschaulicht diese Dynamik anhand eines Beispiels eines Jungen, der im Kindergarten sehr kommunikativ war, aber nach einem Erlebnis in der Schule, bei dem er sich ungerecht behandelt fühlte, in einen mutistischen Zustand verfiel. Die Mutter dieses Jungen hatte sich zuvor gewünscht, er würde weniger reden, da sie seine Redseligkeit als Belastung empfand. Nach dem Vorfall in der Schule übernahm die Mutter wieder die Rolle der übermässig Kommunikativen und sprach stellvertretend für ihren Sohn.
Die Referentin betont, dass diese Interaktionsmuster den Mutismus aufrechterhalten und verstärken können. Um den Teufelskreis zu durchbrechen, empfiehlt sie:
- Verlangsamung der Kommunikation: Die Bezugsperson sollte sich bewusst verlangsamen und das Kind beobachten, anstatt übermässig zu reden.
- Beobachtung und Interpretation: Anstatt sofort zu handeln, sollte die Bezugsperson zuerst die Situation analysieren und versuchen, die Bedürfnisse des Kindes zu verstehen.
- Reduktion des Sprechanteils: Die Bezugsperson sollte weniger reden und dem Kind Raum geben, sich selbst auszudrücken.
- Geduld und Vermeidung von Erfolgsdruck: Es ist wichtig, geduldig zu sein und keinen Druck auf das Kind auszuüben, damit es spricht.
- Schaffung einer vertrauensvollen Atmosphäre: Das Kind benötigt eine sichere und vertrauensvolle Umgebung, um sich zu öffnen und zu kommunizieren.
Zusammenfassend spielt die Interaktion eine entscheidende Rolle im sekundären Mutismus. Übermässige Kommunikation durch Bezugspersonen kann die Sprachentwicklung des Kindes hemmen und die Verweigerungshaltung verstärken. Ein bewusster Umgang mit der Kommunikation, die Schaffung von Raum für das Kind und eine vertrauensvolle Atmosphäre sind wichtige Schritte, um den Teufelskreis zu durchbrechen.
https://ganglion.ch/pdf/Selektiver-Mutismus-und-Schulverweigerung.pdf