Dr. med. Ursula Davatz beschreibt in ihrem Vortrag verschiedene Merkmale von ADHS und ADS, die sowohl als Störung als auch als positive Eigenschaften interpretiert werden können, je nach Kontext und individueller Ausprägung.

Aufmerksamkeitsmerkmale:

  • Breite Aufmerksamkeit statt Aufmerksamkeitsstörung: ADHS und ADS-Betroffene nehmen viele Reize gleichzeitig wahr, was als breite Aufmerksamkeit betrachtet werden kann. Sie fokussieren sich weniger schnell auf eine Sache, insbesondere wenn diese nicht interessant ist.
  • Hyperfokus: Bei interessanten Themen können ADHS und ADS-Betroffene jedoch auch sehr fokussiert und konzentriert sein.
  • Schwierigkeiten mit neuen Situationen: ADS-Betroffene haben oft Mühe mit neuen Situationen und zeigen Angst vor Unbekanntem. Sie bevorzugen Routinen und Vertrautheit.

Emotionale und soziale Merkmale:

  • Hohe Sensitivität und Verletzlichkeit: ADHS und ADS-Betroffene sind oft sehr sensibel und reagieren empfindlich auf Kritik oder Zurückweisung. Sie erleben emotionale Verletzungen intensiver als neurotypische Menschen.
  • Starke emotionale Reaktivität: Aufgrund ihrer hohen Sensitivität reagieren ADHS und ADS-Betroffene emotional oft sehr stark, was sich in Wut, Trauer oder Angst äussern kann.
  • System Overload: Wenn zu viele Reize gleichzeitig auf sie einprasseln, kann es zu einem System Overload kommen, bei dem die Betroffenen sich überfordert fühlen und sich zurückziehen.
  • Unterschiedliche Reaktionsmuster: Während ADHS-Betroffene auf emotionale Verletzungen oft mit Aggression und Wut reagieren, neigen ADS-Betroffene eher zu Rückzug und Vermeidung.
  • Empathie: ADHS und ADS-Betroffene haben oft ein starkes Einfühlungsvermögen und können die Gefühle anderer gut wahrnehmen.
  • Kooperationsbereitschaft: ADHS und ADS-Betroffene sind grundsätzlich kooperationsbereit, wenn sie sich verstanden und respektiert fühlen.
  • Angst vor Unterordnung: Autoritäre Interaktionen und Druck führen oft zu Widerstand und Trotzreaktionen.

Kognitive Merkmale:

  • Rigides Denken: Manchmal zeigen ADS-Betroffene ein sehr rigides und unflexibles Denken, was zu Blockaden führen kann, wenn Dinge nicht nach ihrem Schema laufen.
  • Prokrastination: Das Aufschieben unangenehmer Aufgaben ist ein häufiges Problem bei ADHS und ADS-Betroffenen.

Weitere Merkmale:

  • Motorische Unruhe (ADHS): ADHS-Betroffene sind oft motorisch unruhig und haben Schwierigkeiten, still zu sitzen.
  • Veränderte Wahrnehmung (ADS): Manche ADS-Betroffene, die im Verlauf ihrer Entwicklung autistische Züge entwickeln, zeigen auch eine veränderte Wahrnehmung.

Genetische Grundlage:

Dr. Davatz betont, dass ADHS und ADS genetisch bedingte Neurotypen sind. Die Gene beeinflussen die Hirnstruktur und -funktion und prägen die Persönlichkeit der Betroffenen. Studien zeigen, dass ADHS und ADS mit anderen psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie, bipolare Störung, Depression und Autismus eine gemeinsame genetische Grundlage teilen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ADHS und ADS durch eine Reihe von Merkmalen gekennzeichnet sind, die sich auf die Aufmerksamkeit, die emotionale und soziale Interaktion sowie die kognitiven Fähigkeiten auswirken. Es ist wichtig, diese Merkmale nicht nur als Defizite zu betrachten, sondern auch die damit verbundenen Stärken zu erkennen und zu fördern. Ein verständnisvolles Umfeld, das die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen respektiert und sie bei der Entwicklung ihrer Stärken unterstützt, kann entscheidend zu einem glücklichen und erfolgreichen Leben beitragen.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_ADS_Jugendliche_Erwachsene.pdf