Im Hinblick auf die Umfeld-Interaktion bei Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperkinetischem-Syndrom (ADHS) betont Dr. med. Ursula Davatz die entscheidende Rolle des Umfelds für die Entwicklung und das Wohlbefinden dieser Menschen.
Hier sind die wichtigsten Aspekte der Umfeld-Interaktion, die in den Quellen hervorgehoben werden:
- Das Gehirn als soziales Anpassungsorgan: Dr. Davatz beschreibt das Gehirn als ein soziales Anpassungsorgan, das immer in Aktion mit dem Umfeld steht. Obwohl eine genetische Veranlagung für ASS, ADS und ADHS besteht, wird das Gehirn kontinuierlich durch die Interaktion mit der Umwelt beeinflusst, bestimmt und verändert.
- Epigenetische Einflüsse: Dank der Epigenese kann sich das Hirn verändern, und auch unsere Gene können sich in ihrer Ausprägung verändern in Abhängigkeit von der Interaktion mit dem Umfeld. Die Gene bringen Anlagen mit sich, die dann durch das Umfeld eingeschränkt und bestimmt werden.
- Wichtigkeit eines verstehenden Umfelds: Es ist äusserst wichtig, dass das Umfeld mit diesen Menschen umgehen kann. Die genetische Veranlagung spielt hier eine wichtige Rolle, aber die Art und Weise, wie das Umfeld reagiert, ist entscheidend.
- Persönlichkeitsgerechter und neurotypgerechter Umgang: Dr. Davatz betont die Notwendigkeit eines persönlichkeitsgerechten Umgangs mit Individuen mit ASS, ADS oder ADHS, ähnlich dem Konzept der „artgerechten Tierhaltung“. Man muss lernen, auf diese Menschen einzugehen und mit ihnen umzugehen, da ein erzieherisches Umfeld, das vom Normotyp ausgeht, oft nicht funktioniert.
- Negative Auswirkungen von Druck und Ungeduld: Druck ist absolutes Gift für diese Menschen. Wenn Bezugspersonen ungeduldig sind und auf Kinder mit ASS/ADS einreden, können diese sich zurückziehen und am Schluss gar nicht mehr reden. Es ist wichtig, Geduld zu haben, abwarten zu können und nicht sofort wieder Druck zu machen. Kinder mit stark vernetzten Gehirnen brauchen Zeit, um zu antworten und intrinsisch zu entscheiden.
- Kommunikation im Zustand von „low arousal“: Da diese Menschen oft stark erregt sind, sollte man immer in einem Zustand von „low arousal“ mit ihnen kommunizieren. Man muss sich zuerst selbst beruhigen, bevor man etwas sagt.
- Folgekrankheiten durch nicht neurotypgerechten Umgang: Viele psychiatrische und körperliche Diagnosen bei Menschen mit ADHS/ADS/ASS sind aus der Sicht von Dr. Davatz Folgekrankheiten, die entstehen, wenn nicht artgerecht, persönlichkeitsgerecht und neurotypgerecht mit ihnen umgegangen wird. Zum Beispiel können Frauen mit ADHS, die ständig zurückgebremst werden, eine Borderline-Persönlichkeitsstörung entwickeln.
- Wichtigkeit der Prävention und frühen Unterstützung: Dr. Davatz plädiert für eine möglichst frühe Unterstützung des Umfelds (Eltern, Lehrer, Kindergärten), um zu lernen, kompetent und neurodivers-adäquat mit diesen Kindern umzugehen. Prävention ist entscheidend, da es oft schon sehr spät ist, wenn diese Menschen psychiatrische Diagnosen erhalten.
- Lernen vom Gegenüber: In der Interaktion mit neurodiversen Menschen lernt man immer auch von seinem Gegenüber, was Dr. Davatz mit dem Sokratischen Lernen vergleicht.
Zusammenfassend ist die Interaktion mit dem Umfeld ein zentraler Faktor in der Entwicklung und im Leben von Menschen mit ASS, ADS und ADHS. Ein verständnisvolles, geduldiges und persönlichkeitsgerechtes Umfeld, das die neurodivergenten Eigenschaften berücksichtigt, ist entscheidend für eine positive Entwicklung und zur Vermeidung von Folgeerkrankungen. Dr. Davatz betont die Notwendigkeit, dass das Umfeld lernt, wie man effektiv mit diesen Menschen umgeht, anstatt von ihnen zu erwarten, dass sie sich an ein nicht passendes Umfeld anpassen.
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/03/autismus-diagnostik-25.3.2025.m4a.pdf