Während vier Jahrzehnten prägte Ursula Davatz die Aargauer Psychiatrie – in ihrem neuesten Buch zeigt sie alternative Wege auf.
Matthias Niederberger
Transkript
Draussen rauschen Autos, surren Trams. Obwohl es nicht regnet, fühlt sich an diesem Mittwoch im September alles nass und kalt an. Die Wände der Häuser an der Winterthurerstrasse in Zürich sind von den Abgasen gezeichnet, denen sie seit Jahrzehnten ausgesetzt sind. Gelangt man in die Praxis von Ursula Davatz, die sich in einem Altbau direkt an dieser Strasse befindet, kommt es einem vor, als betrete man eine andere Welt. Eine Welt aus ledernen Couches, vollen Büchergestellen, bunten Bildern, eleganten Möbeln, frischen Blumen, eigentümlichen Figuren. Vor allem aber ist es ruhig hier drin.
«Willkommen», schallt es aus einem Zimmer. Eine Frau mit kurzen, dunklen Haaren, ein paar Falten und einem Lächeln im Gesicht betritt den Flur. Ihren Schal hat sie locker um den Hals geschwungen. Es ist die Praxisinhaberin.
Mit 83 Jahren gehört Ursula Davatz wohl zu den ältesten praktizierenden Psychiaterinnen in der Schweiz. Seit 2023 führt sie die Praxis in Zürich. Fünf Tage die Woche arbeitet sie. «Weil ich es gerne mache», sagt sie. Den Samstag behält sich Davatz inzwischen frei. Wenn sie gerade nicht mit Patienten spricht, schreibt sie Bücher. Ihr jüngstes trägt den Titel: «ADHS/ADS Folgekrankheiten – Psychiatrie im Offside».
Psychiatrie im Abseits. Was will die Frau, die 40 Jahre im Aargau tätig war und die Psychiatrie geprägt hat, damit sagen? Niemand will
Psychiater werden
Aufgewachsen ist Ursula Davatz in Koblenz. Sie studierte in Basel Medizin, interessierte sich schon früh für Psychiatrie und insbesondere für Schizophrenie. Später arbeitete sie in einer therapeutischen Gemeinschaft in Schottland und liess sich in den Vereinigten Staaten zur Familientherapeutin ausbilden. Dann kehrte sie in den Aargau zurück. 20 Jahre leitete sie den sozial-psychiatrischen Dienst der Klinik Königsfelden, die man heute unter dem Namen Psychiatrische Dienste Aargau (PDAG) kennt. Sie war als einzige Frau Mitglied der Klinikleitung. Später führte sie unter anderem eine Praxis in Baden, die sie 2022 aufgab.
Wenn sie in der Zeitung Negativschlagzeilen über die Aargauer Psychiatrie – oder die Psychiatrie generell – liest, wenn sie von unzufriedenen Patienten oder Angehörigen hört, löst das bei Davatz weder Zustimmung noch Empörung aus. Stattdessen wecke es in ihr den Ehrgeiz, sich stärker für die ambulante Psychiatrie einzusetzen. Sie erkennt zwei grundlegende Probleme in der psychiatrischen Versorgung, die eine einzelne Klinik nicht lösen kann.
Das erste ist Personalmangel. Psychiatrie ist laut Davatz «ein menschlich anspruchsvolles Fachgebiet». Dies schrecke viele Medizinstudentinnen und -studenten ab, sich für diese Disziplin zu entscheiden. «Dadurch fehlt es an Psychiaterinnen und Psychiatern, aber auch an Psychiatriepflegerinnen und -pflegern», sagt sie. Zudem werden Psychiater im Vergleich zu anderen Ärzten schlechter bezahlt. Chirurginnen und Radiologen verdienen mit zunehmender Erfahrung deutlich mehr.
Hinzu kommt, dass junge, unerfahrene Ärztinnen und Ärzte im psychiatrischen Bereich oft Patienten mit schwierigen Krankheiten wie etwa Schizophrenie behandeln müssen, erklärt Davatz. Das führe zu hohem Druck, Überforderung, Hilflosigkeit – und letztlich zu unbefriedigenden Ergebnissen. Sie betont, dass dies allgemein zu verstehen sei und sich ihre Kritik nicht spezifisch an die Aargauer Psychiatrie richtet.
Mit dem systemischen
Ansatz Geld sparen
Das zweite Problem sieht Davatz bei der Ausrichtung der heutigen Psychiatrie. Verhaltenstherapie und Medikamente werden aus ihrer Sicht zu stark gewichtet, stattdessen fehle häufig der Blick auf menschliche Beziehungen. Oder anders gesagt: Statt sich auf die Geschichte und die Familie der Patienten einzulassen, konzentrieren sich viele Psychiater und Psychotherapeutinnen auf die Symptome und deren Korrektur, also etwa Angst, Schlaflosigkeit, Aggressivität, Schmerzen oder Erschöpfung.
Als Familientherapeutin betrachtet Davatz das Umfeld einer Person, das System. Sie kritisiert, dass der Fokus heute zu stark auf Diagnosen liege, um möglichst schnell die passenden Medikamente verschreiben zu können. Ausschlaggebend sei jedoch, dass man die Lebensgeschichte und die Bedingungen verstehe, unter denen eine Krankheit entstanden ist. «Nur so kann man psychisch Kranken nachhaltig helfen», sagt sie.
Diese Vorgehensweise setze die Einbindung von Angehörigen voraus. «Viele Psychiater glauben, dies führe nur zu Konflikten und Mehraufwand. Dabei ist das Gegenteil der Fall.» Dass es wegen des Arztgeheimnisses rechtliche Hürden gibt, ist Davatz bewusst, lässt sie aber nicht von ihrer Meinung abweichen: «Was man juristisch nicht darf, ist aus systemischer Sicht für eine erfolgreiche Familientherapie manchmal ein Muss.»
Gleichzeitig ist Davatz überzeugt, dass Psychiaterinnen und Psychiater jenen, die sie behandeln, auf Augenhöhe begegnen sollten. Sie sagt: «Wir sollten von den Patienten lernen, statt sofort eine Diagnose mit passender Lösung bereitzuhaben.» Dort setzt auch ihr neues Buch über ADS/ADHS an. Ursula Davatz befasst sich seit vielen Jahren mit diesem Thema und gilt als Expertin auf dem Gebiet.
Eine ihrer wichtigsten Erkenntnisse: ADS und ADHS sind weder Krankheiten noch Störungen, sondern von der Norm abweichende, genetisch vererbte Neurotypen. Der Begriff beschreibt eine bestimmte Art, wie das Gehirn Informationen verarbeitet und auf Reize reagiert. Wenn man Menschen mit ADS oder ADHS nicht korrekt behandelt, kann es laut Davatz zu unzähligen Folgekrankheiten wie Ess- oder Persönlichkeitsstörungen, Süchten oder Depressionen kommen.
Umfeld einer Person in die
Behandlung einbeziehen
Damit das nicht passiert, müsse man das Umfeld einer Person unterstützend in die Behandlung einbeziehen. Dieses Konzept «mit nachhaltiger, präventiver Wirkung», glaubt sie, könnte die Psychiatrie für junge Ärztinnen und Ärztinnen wieder attraktiver machen. Trotz langer Wartelisten, knappem Personal und hoher Gesundheitskosten ist Davatz überzeugt, dass der systemische Ansatz zukunftsfähig ist – und damit sogar Zeit und Kosten gespart werden können.
Von Psychiatrien erfährt man derweil andere News. Kürzlich sagte eine Chefärztin der PDAG dieser Zeitung, dass künstliche Intelligenz (KI) eine immer grössere Rolle spielen werde, auch wenn sie den menschlichen Kontakt nicht vollumfänglich ersetzen könne. Derzeit testen die Aargauer Psychiatrie Therapie-Apps, die Patienten begleiten. Bisher werden sie von den Therapierenden gesteuert, in Zukunft könnte künstliche Intelligenz diese Aufgabe übernehmen.
Ursula Davatz steht KI nicht per se ablehnend gegenüber. «Wenn dadurch mehr persönliche Zeit für die Arbeit mit dem Menschen bleibt und weniger Zeit für bürokratische Kontrollmassnahmen aufgewendet werden muss, finde ich das durchaus hilfreich.» Auf die Frage, ob sie daran glaubt, meint Davatz nur, sie sei «eine gottvergessene Optimistin».
Buchvernissage
Am Dienstag, 11. November, 19 Uhr, stellt Ursula Davatz im Kurtheater in Baden ihr neues Buch «ADHS/ADS Folgekrankheiten – Psychiatrie im Offside» vor.
Bildlegende: «Ich bin eine gottvergessene Optimistin»: die Psychiaterin Ursula Davatz in ihrer Praxis in Zürich. Bild: Andrea Zahler
Aargauer Zeitung, Regionalausgabe Aarau, Dienstag, 30. September 2025, Seite 16.

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