Dr.med. Davatz beginnt ihren Workshop mit der Feststellung, dass das Thema „immer mehr psychisch kranke Jugendliche“ in der Sonntagspresse allgegenwärtig ist. Sie betont, dass die Jugendpsychiatrie völlig überfordert ist mit Abklärungen und Aufnahmen. Es wird wahrgenommen, dass es der Jugend nicht so gut geht.

Dr. Davatz und die Teilnehmenden diskutieren verschiedene Aspekte, die zu dieser Situation beitragen könnten:

  • Erziehung: Es werden die Extreme der demokratischen und autoritären Erziehung erwähnt, wobei Mischformen natürlich existieren. Wichtig ist, dass Kinder lernen, sich durchzusetzen, sich anzupassen und zu kooperieren. Konflikte zwischen Erziehungsverantwortlichen und wenn Kinder Vermittler sein müssen, nehmen ihnen viel Energie für ihre persönliche Entwicklung weg.
  • Gehirnentwicklung in der Pubertät: Dr. Davatz erklärt, dass sich das Gehirn in der Pubertät neu vernetzt, ein Prozess namens Synaptic Pruning, bei dem angelegte Netzwerke gekappt und funktionale Netzwerke gebildet werden. Daher spielt die Interaktion mit dem Umfeld in dieser Zeit eine riesige Rolle. Jean Piaget’s Konzept des Dezentrierens, die Fähigkeit, Perspektiven anderer zu verstehen, wird ebenfalls erwähnt. Nur etwa 60% lernen dies in der Pubertät. Wer dies nicht lernt, hat Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit.
  • Mangelnde Zusammenarbeit und Umgang mit Konflikten: Oft wird schlecht zusammengearbeitet. Anstatt eines konstruktiven Austauschs (These, Antithese, Synthese) laufen viele Auseinandersetzungen auf These und Antithese hinaus, die mit Kämpfen ausgetragen werden. Es ist wichtig, sich anzunähern, zu dezentrieren und herauszufinden, wie andere etwas sehen. Eltern müssen nicht immer am gleichen Strick ziehen, da dies Kinder „erwürgen“ kann.
  • Geschlechterkämpfe und Mobbing: Es gibt auch Geschlechterkämpfe unter Jugendlichen. Mobbing wird als Dysfunktion gesehen, bei der auf eine Person fokussiert wird. Die Täter sind häufig auch Opfer. Wichtig ist es, den Gruppenprozess zu betrachten und Regeln zu etablieren, ohne Partei zu ergreifen. Es braucht Sozialkompetenzförderung, beginnend im Kindergarten. Kinder mit ADHS/ASS, die sich nicht wehren können, werden häufig gemobbt.
  • ADHS/ADS und deren Zusammenhang mit psychischen Problemen: Dr. Davatz betont, dass ADS-Kinder nach innen und ADHS-Kinder nach aussen hyperaktiv sind. Bei ADHS/ADS-Kindern bleibt das emotionale Gehirn stärker vernetzt. Sie nehmen mehr wahr und werden daher schneller gestört. Es kann eine Verbindung zu bipolaren Störungen bestehen, da sie den gleichen veränderten Genlocus aufweisen können. Eine zu restriktive Erziehung von ADHS/ADS-Kindern kann in der Pubertät zu einem Ausbruch führen. Es braucht einen sorgfältigeren Umgang mit diesen Kindern.
  • Medikamente (Ritalin): Ritalin wird als Amphetamin bezeichnet, das die Fokussierung unterstützt. Es kann jedoch auch Nebenwirkungen wie Ticks verursachen. Dr. Davatz spricht sich für einen sorgfältigeren Umgang mit Medikamenten aus und betont die Wichtigkeit, den Jugendlichen zu begleiten und ihnen zu helfen, ihre Emotionen selbst zu regulieren, anstatt sie nur chemisch „runterzudämpfen“. Das Placebo kann ebenfalls eine starke Wirkung haben, da das emotionale Gehirn stark ist.
  • Emotionale Regulation und Beziehungsarbeit: Es ist zentral, dass junge Menschen lernen, ihre Emotionen wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen. Dazu braucht es ein Gegenüber und Auseinandersetzung, nicht nur Bravsein. Die Kinderstube ist zum Auseinandersetzen da. Bei emotionalen Ausbrüchen ist es wichtig, auszuhalten und zu validieren, bevor man korrigiert. Die persönliche Beziehung ist wichtiger als materielle Investitionen oder mobile Geräte.
  • Systemischer Ansatz: Dr. Davatz betont die Bedeutung des systemischen Ansatzes, bei dem das Individuum im Kontext seiner Beziehungen betrachtet wird. Psychische Probleme können Symptome eines kranken Systems sein. Es ist wichtig, Interaktionen und Beziehungen anzuschauen und das Umfeld zu unterstützen, anstatt Kinder gleich in die Psychiatrie einzuweisen. Die Zusammenarbeit zwischen Lehrern, Eltern und Therapeuten ist entscheidend.
  • Frühe Hilfe und Prävention: Es sollte frühzeitig Hilfe gesucht werden, nicht nur bei Psychiatern, sondern auch bei Sozialarbeitern. Lehrer sollten sich nicht scheuen, frühzeitig Unterstützung zu holen. Viele Folgekrankheiten bei ADHS/ADS könnten durch frühzeitige Begleitung verhindert werden.
  • Herausforderungen im System: Das medizinische Modell in der Psychiatrie ist oft zu symptombezogen und berücksichtigt Ressourcen nicht ausreichend. Datenschutzgesetze können die Zusammenarbeit erschweren. Es wird zu viel Geld in der Psychiatrie und im juristischen System ausgegeben und zu wenig in die präventive Unterstützung von Kindern und Eltern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Dr. Davatz ein komplexes Bild der zunehmenden psychischen Belastung von Jugendlichen zeichnet. Sie betont, dass es nicht nur am einzelnen Jugendlichen liegt, sondern an einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren wie Erziehung, Gehirnentwicklung, soziale Interaktionen, schulische Anforderungen und dem Umgang mit Emotionen. Sie plädiert für einen systemischen Ansatz, der das Umfeld mit einbezieht, frühe Interventionen und eine stärkere Fokussierung auf die Beziehungsarbeit und emotionale Kompetenzentwicklung, anstatt primär auf Medikamente zu setzen. Die Sensibilisierung von Eltern, Lehrern und der Gesellschaft für diese komplexen Zusammenhänge ist dabei essenziell.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/immer-mehr-Psychiatrie-29.3.2025.m4a.pdf