Die Psychiatriereform der 1970er-Jahre, insbesondere im Kontext des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SPD) Königsfelden, war massgeblich von der 68er-Bewegung und der demokratischen Psychiatriereform von Franco Basaglia in Italien beeinflusst. Diese Reformbewegung in Italien führte zur Aufhebung psychiatrischer Kliniken und thematisierte die Instrumentalisierung von Patienten, was die Psychiatrie insgesamt stark politisierte.
Der Begriff „sozial“ im Sozialpsychiatrischen Dienst wurde in dieser Zeit teilweise sogar im Sinne von „sozialistisch“ missverstanden.
Die geplante Gründung des SPD Königsfelden war bereits 1971 in der Spitalkonzeption für den Kanton Aargau enthalten. Der SPD wurde 1974 mit einem Wohnheim (später Nachtklinik genannt) und geschützten Werkstätten eröffnet. Das Hauptziel war es, die damals 800 Betten zählende Klinik Königsfelden von Langzeitpatienten mit chronischer Psychose zu entlassen.
Ein zentraler Aspekt der Reformbestrebungen war die Priorisierung ambulanter Behandlung vor stationärer [20:51]. Der SPD sollte durch konsequente ambulante Nachbetreuung, unter anderem mit DEPO-Neuroleptika, eine funktionierende Rückfallprophylaxe erreichen und eine Verantwortbare Entlassung ermöglichen. Er war als Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Behandlung konzipiert und entwickelte sich zu einer Nahtstelle. Die netzwerkartige Unterstützung in nicht-psychiatrischen Institutionen trug zur Früherfassung und Verhinderung von vollstationären Hospitalisationen bei.
Die Arbeitsmethoden des SPD orientierten sich am milieu-therapeutischen, Modellwerk-therapeutischen Gemeinschaftsansatz von Professor Edgar Heim, dessen Gründer Maxwell Jones den SPD sogar zweimal besuchte. Ambulant wurde die systemisch orientierte Therapie eingeführt.
Die erfolgreiche Arbeit des SPD zeigte sich in einer katamnestischen Studie Ende der 70er-Jahre. Von 85 im Mittel 50 Jahre alten Patienten, die durchschnittlich 14 Jahre hospitalisiert gewesen waren, waren 72 zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung ausserhalb der Klinik, mehrheitlich selbstständig wohnhaft und ambulant vom SPD betreut. Drei Fünftel dieser Langzeitpatienten benötigten seit ihrem Austritt nie mehr eine Rehospitalisation, und 50 gingen einer entschädigten Arbeit nach.
Der SPD führte bereits 1976 Substitutionsbehandlungen mit Methadon bei Heroinabhängigen durch, was damals noch kontrovers war. Es gab auch eine Zusammenarbeit mit Institutionen des Jugendstrafvollzugs. 1980 wurde die erste Tagesklinik an einer nichtuniversitären psychiatrischen Institution in der Schweiz in Königsfelden eröffnet.
Trotz des Erfolgs gab es auch Herausforderungen und Kritik. Dr. Saameli erwähnte selbstkritisch, dass im „Furor Rehabilitativus“ Entlassungen manchmal zu forsch forciert wurden. Die Dezentralisation von ambulanten Einrichtungen war 1981 noch schwierig. Die konziliarischen Dienstleistungen waren über den ganzen Kanton verstreut, was die Teilnahme an Programmen erschwerte.
Ein revolutionäres berufliches Integrationsprogramm bei der Firma Möbel Pfister wurde initiiert, das Langzeitpatienten in die freie Wirtschaft integrierte und dem späteren Konzept des „Supported Employment“ entsprach. Eine wissenschaftliche Publikation darüber wurde jedoch untersagt.
Anfang der 1980er-Jahre gab es divergierende Vorstellungen über die Zukunft der Psychiatrie im Aargau, insbesondere bezüglich der Priorisierung eines zentralen Neubaus für stationäre Behandlungen gegenüber der Dezentralisation ambulanter Dienste. Dr. Saameli befürwortete die Dezentralisierung. Die damalige Kantonsärztin sah jedoch im bestehenden Pavillonsystem bereits eine ausreichende Dezentralisierung. Politische Überlegungen zur Bedeutung des Zentrums von Königsfelden für den kantonalen Zusammenhalt spielten ebenfalls eine Rolle. Diese unterschiedlichen Ansichten führten zum Weggang von Dr. Saameli.
Dr. Davatz, die 1980 zum SPD kam, betonte die Kostenersparnis durch ambulante Behandlung. Sie kritisierte den geplanten Klinikneubau und setzte sich für die ambulante Versorgung ein. Sie beschrieb die Unterschiede zwischen dem Klinikambulatorium (AMBI), das die „vornehmeren“ Fälle behandelte, und dem SPD, der sich um schwierigere Fälle wie Schizophrene, Langzeitpatienten und Drogensüchtige kümmerte.
Die Spezialisierung, Regionalisierung und Professionalisierung in der Psychiatrie nahmen in dieser Zeit ihren Anfang, wobei der SPD eine wichtige Rolle spielte. Hausärzte hatten anfangs Schwierigkeiten, Patienten an den richtigen Dienst zu überweisen.
Später, unter der Leitung von Dr. Urs Fromm (ab 1995), wurde das Einzugsgebiet des EPD (Erwachsenenpsychiatrischer Dienst, der den SPD umfasste) regionalisiert, mit Standorten in Baden, Aarau, Wohlen und im Fricktal. Dr. Davatz übernahm die Leitung in Baden.
Abschliessend kritisierte Dr. Davatz, dass die Psychiatrie zu stark im medizinischen Modell verortet ist und plädierte für einen systemischeren Ansatz, der das Umfeld der Patienten einbezieht [27, 42, 27:59]. Sie betonte, dass die Psychiatrie ihrer Meinung nach bereits in der Schule beginnen sollte.
Zusammenfassend war die Psychiatriereform der 1970er-Jahre eine Zeit des Umbruchs, die im SPD Königsfelden konkretisiert wurde durch die Etablierung ambulanter Strukturen, die Deinstitutionalisierung von Langzeitpatienten und die Implementierung neuer therapeutischer Ansätze mit dem Ziel der Reintegration psychisch kranker Menschen in die Gemeinschaft. Es war eine Zeit der Dynamik und des Fortschritts, aber auch der Herausforderungen und kontroversen Debatten über die zukünftige Ausrichtung der psychiatrischen Versorgung.
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/30-Jahre-Sozialpsychiatrie-Koenigsfelden.m4a.pdf