Basierend auf den vorliegenden Quellen, ist die Entwicklung der Selbstwirksamkeit beim Kind ein zentraler Aspekt der Eltern-Kind-Beziehung, der stark durch den Erziehungsstil beeinflusst wird. Selbstwirksamkeit bezieht sich darauf, dass ein Kind lernt, Dinge selbst zu tun, Eigenverantwortung zu übernehmen und Kompetenzen zu erwerben.
Mehrere Erziehungsstile können die Selbstwirksamkeit eines Kindes negativ beeinträchtigen:
- Erziehung durch Strafen und Belohnen (Konditionierung): Bei ADHS/ADS-Kindern funktioniert dieser Stil überhaupt nicht und schädigt direkt den Selbstwert und die Selbstwirksamkeit. Diese Kinder werden oft für Dinge bestraft, die sie aufgrund ihrer Impuls- und Emotionskontrollschwierigkeiten nicht im Griff haben, was dazu führt, dass sie das Gefühl haben, alles falsch zu machen. Dies kann zu Rückzug oder Regelüberschreitungen (Delinquenz) führen.
- Erziehung durch Angst machen oder Beschämung: Beschämung, insbesondere vor anderen, ist als brutal und gemein beschrieben und führt zu Aversions- und Ausweichverhalten. Dieses Verhalten ist in Lernsituationen, wie in der Schule, überhaupt nicht richtig. Es hindert das Kind daran, sich dem Lernen zuzuwenden. Angst machen appelliert an moralisches Empfinden und Angst, was ebenfalls die Persönlichkeitsentwicklung schädigen kann.
- Erziehung durch Drohen mit eigenem Leiden: Dieser emotionale Stil, oft über die Mutter laufend, appelliert an Schuldgefühle und Empathie. Bei Mädchen kann dies zu übermässiger Anpassung, Unterdrückung eigener Gefühle und einer Behinderung der Persönlichkeitsentwicklung führen.
- Überbehütung und ständige Kontrolle: Eltern, die aus Angst (oft durch negative Vorahnungen getrieben) ihr Kind überbehüten und ihm ständig Eigenverantwortung wegnehmen, machen das Kind unselbstständig. Dies verhindert, dass das Kind Kompetenzen erwirbt und lernt, mit Schwierigkeiten umzugehen. Ein Kind, das ständig unterbrochen oder übererzogen wird, lernt nichts. Ständige Kontrolle kann dazu führen, dass das Kind Freiheit durch zuschlagen sucht.
- Übermässiges Erklären und Anleiten: Wenn Eltern zu viel auf das Kind einreden oder ihm bei Spielzeug alles erklären, kann dies zu einem System Overload führen und das Kind verwirren, sodass es das eigentliche Prinzip oder die Regeln nicht versteht. Wenn das Kind ständig angeleitet wird, kann es sich selbst nicht wirksam erleben.
Um die Selbstwirksamkeit eines Kindes zu fördern, können Eltern verschiedene positive Ansätze verfolgen:
- Erziehung durch Prinzipien und Regeln: Klare, altersgerechte und sichtbare Regeln (z.B. am Kühlschrank) sind sinnvoll. Das Ziel ist die Internalisierung der Regeln und der Erwerb von Selbstorganisation und Sozialkompetenz. ADHS/ADS-Kinder folgen nicht gerne, sondern müssen intrinsisch motiviert werden. Eltern sollten sich „durchsetzen“ („Ich will, dass dies in meinem Haushalt so gemacht wird“), anstatt Gehorsam zu verlangen. Dies erfordert Klarheit und Geduld.
- Dem Kind Raum für Eigenständigkeit geben: Eltern sollten dem Kind Spielraum lassen, Dinge selbst zu lernen und Eigenverantwortung zu übernehmen. Es gehört zum Lernverhalten des Kindes, dass es Dinge falsch macht, um Neues herauszufinden. Weniger ist oft mehr; Eltern sollten sich auf wenige wichtige Dinge konzentrieren.
- Beobachten ohne sofort zu korrigieren: Es ist entscheidend, das Kind sorgfältig zu beobachten, wahrzunehmen und ihm zuzuschauen, ohne sofort in Handlung oder Korrektur zu gehen. Dies gibt dem Kind die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren und sich selbst zu erfahren.
- Dem Kind Zutrauen entgegenbringen: Kindern zu vertrauen („Zutrauen“) gibt ihnen Empowerment. Kinder sind oft vernünftiger und kennen ihre Grenzen besser, als wir denken.
- Validierung emotionaler Ausbrüche: Bei emotionalen Ausbrüchen, insbesondere bei ADHS/ADS-Kindern, darf der Ausbruch nicht bestraft werden, da es oft eine natürliche Reaktion auf eine Verletzung oder Ungerechtigkeit ist. Stattdessen muss zuerst herausgefunden werden, was das Kind geärgert oder verletzt hat, und die Emotionen müssen geäussert und validiert werden. Erst danach kann über Alternativen gesprochen und geübt werden.
- Selbstreflexion der Eltern: Eltern müssen sich ihrer eigenen Erziehungsstile und Werte bewusst werden, sich von ihrer Herkunftsfamilie differenzieren und ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen. Eine gestärkte Selbstwahrnehmung und Sicherheit der Eltern überträgt sich auf das Kind und hilft ihnen, ihre Position zu finden. Angst bei den Eltern ist ein schlechter Ratgeber.
Die Stärkung der Selbstwirksamkeit beim Kind erfordert von den Eltern Geduld, Klarheit, Vertrauen und die Fähigkeit, ihre eigenen Ängste und Unsicherheiten zu reflektieren und zu regulieren („low arousal“). Es ist nie zu spät, positive Veränderungen in der Eltern-Kind-Beziehung einzuführen.
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/05/Erziehungsstil-Emotionskontrolle_19.5.2025.m4a.pdf