ADHS/ADS wird in den vorliegenden Quellen nicht primär als Krankheit, sondern als ein spezifischer Neurotyp diskutiert, der besondere genetische Veranlagungen und Eigenschaften aufweist.
Hier ist eine detaillierte Diskussion des ADHS/ADS Neurotyps basierend auf den bereitgestellten Informationen:
1. Genetische und neurobiologische Grundlagen des ADHS/ADS-Typs
Der ADHS/ADS-Typ wird als Genotyp oder genomischer Typ beschrieben. Es handelt sich dabei um einen Menschentyp, dessen Eigenschaften durch viele vererbte Gene bedingt sind, nicht nur durch ein einzelnes Gen. Dr. Davatz beschäftigt sich seit über 40 Jahren mit diesem Typ (früher als POS bekannt).
Wesentliche Merkmale des Gehirns und Temperaments:
- Neurodiversität: Heute spricht man von Neurodiversität oder Neurodivergenz. Dr. Davatz betont, dass dieser Typ ein sensibler Neurotyp ist und keine Krankheit. Die Gesellschaft braucht diese „anderen Leute“, da eine Population mit unterschiedlichen Genkombinationen besser überlebt als eine homogene.
- Vernetzung des Gehirns: Das emotionale Gehirn der ADHS/ADSler ist stärker mit dem gesamten Gehirn vernetzt, was zu stärkeren Reaktionen führt. Im Gegensatz zur typischen Entwicklung, bei der das sogenannte Synaptic Pruning (Kappen von Schaltstellen) in der Pubertät stattfindet, bleibt diese stärkere Vernetzung bei ADHS/ADSlern länger erhalten. Dies bedeutet, dass sie später reifen, aber auch die Fähigkeit zum grenzüberschreitenden Denken haben.
- Sensibilität und Impulsivität: Charakteristisch ist eine hohe Sensibilität und eine leichte Verletzlichkeit, gepaart mit einer starken Impulsivität. Es wird oft angenommen, dass Aggressivität und Sensibilität sich ausschließen, was hier widerlegt wird: ADHS/ADSler sind sehr sensibel und gleichzeitig sehr impulsiv.
- Reaktionstyp: ADHS/ADSler gelten als ein hyperergischer Reaktionstyp.
2. Herausforderungen und Folgeerkrankungen
Dieser Menschentyp neigt zu einer schwierigeren Stressverarbeitung. Sie sind vulnerabler (verletzlicher) in Bezug auf Stress.
Folgekrankheiten versus Komorbidität:
Dr. Davatz argumentiert, dass die in der Psychiatrie oft diskutierte Komorbidität (gleichzeitiges Vorliegen mehrerer Krankheiten) bei ADHS/ADS falsch sei. Sie betrachtet andere psychische Störungen stets als Folgekrankheiten. Wird ein Mensch mit diesem Neurotyp stark gestresst oder wird nicht persönlichkeitsgerecht mit ihm umgegangen, kann er körperliche und psychische Folgeerkrankungen entwickeln.
Beispiele für Folgeerkrankungen, die in ADHS/ADS-Familien auftreten können:
- Schizophrenie und bipolare Störungen.
- Delinquenz (besonders bei Jungen, die aggressiv werden). Viele „misslungene ADHS/ADSler“ sind in Gefängnissen zu finden.
- Essstörungen und Borderline-Persönlichkeitsstörung.
- Alkoholismus (oft in früheren Generationen sichtbar).
- Suchterkrankungen treten generell häufiger bei ADHS/ADSlern auf.
Soziale und zeitliche Auswirkungen:
- Dieser Neurotyp führt häufiger zu Konflikten, Scheidungen und Jobabbrüchen in den Familien.
- Es besteht ein signifikanter Unterschied in der Lebenserwartung: Frauen mit ADHS/ADS sterben 10 Jahre früher, Männer 7 Jahre früher. Dies wird darauf zurückgeführt, dass Frauen dazu neigen, sich mit ihrer Sensibilität anzupassen und sich ausbeuten zu lassen, was dazu führt, dass sie selbst zu kurz kommen.
- ADHS/ADS-Kinder sind sehr sensibel und übernehmen oft zu viel emotionale Verantwortung für dysfunktionierende Eltern oder das ganze soziale System; wenn es zu viel wird, explodieren sie oder werden krank.
3. Umgang, Umfeld und Erziehung
Die Art und Weise, wie mit dem ADHS/ADS-Neurotyp umgegangen wird, ist entscheidend, da das Gehirn ein plastisches Organ ist und durch die Interaktion mit dem Umfeld beeinflusst wird.
Notwendigkeit eines „artgerechten“ Umgangs:
- Es ist essenziell, dass diese Kinder artgerecht, persönlichkeitsgerecht und temperamentgerecht geführt und behandelt werden. Geschieht dies, kann der Neurotyp Spitzenleistungen hervorbringen (z. B. im Sport oder in der Wissenschaft). Wird das Potential zerstört, bleibt viel menschliches, geistiges Potential ungenutzt.
- Wichtig ist, dass das erzieherische Umfeld (Eltern, Lehrpersonen) frühzeitig unterstützt wird, idealerweise schon im Kindergarten, um die Entwicklung von Krankheiten zu verhindern.
Kritik an bestehenden Systemen:
- Die Psychiatrie wird kritisiert, weil sie oft nur das Individuum anschaut, Symptome behandelt und wenig bis gar nicht mit dem Umfeld umgeht (Titel: „Psychiatrie im Offside“).
- Das Schulsystem hat generell noch nicht gelernt, mit diesen Kindern umzugehen. Das Wissen an Lehrerseminaren ist karg oder gar nicht vorhanden.
- Bestrafung und Belohnung: Erziehungsmethoden wie das Smiley-System, Belohnung und Bestrafung, funktionieren bei ADHS/ADS-Kindern nicht und führen zu einem schlechten Selbstwertgefühl und der Entwicklung von Krankheiten. Im Zustand hoher Erregung kann man diese Kinder nicht erziehen; man muss sie immer zuerst beruhigen.
Führung und Unterstützung:
- ADHS/ADS-Kinder benötigen Führung und Begleitung. Sie müssen lernen, mit ihrem Temperament umzugehen.
- Sie müssen darin unterstützt werden, sich selbst zu werden; nur dann können sie sich sozial anpassen. Kritik führt dazu, dass sie nicht in der Lage sind, sich anzupassen.
- Da sie oft unter Langeweile leiden, müssten sie mehr gefüttert werden (mit Aufgaben/Input) [24, 18:06.920].
- Berufsleben und Fokus: Es ist essenziell, dass ADHS/ADS-Menschen ihren Fokus und ihr Leben finden. Bei der Berufswahl sollten sie nicht nach dem Geld, sondern nach der Stimmigkeit gehen und bei einem unstimmigen Umfeld lieber keine Stelle annehmen.
4. Besondere Merkmale in Bezug auf Aufmerksamkeit und Leistung
Der Begriff Aufmerksamkeitsstörung wird hinterfragt. ADHS/ADS-Personen besitzen eher eine breite Aufmerksamkeit und sind gut im Multitasking [56, 40:43.170].
- Langeweile: Wenn der Lehrer langweilig ist, suchen sich diese Kinder andere Reize, um nicht einzuschlafen.
- Leistungsprofil: Sie haben oft ein unausgeglichenes Leistungsprofil. Sie können in gewissen Teilbereichen ganz große Fähigkeiten und Spitzenleistungen aufweisen, in anderen jedoch schlechte Leistungen zeigen.
- Überlastung: ADHS/ADSler sind sehr begeisterungsfähig, verausgaben sich stark und brechen dann zusammen. Sie müssen lernen, selbst „Stop“ zu sagen.
5. Medikamente und Therapie
Medikamente und Therapie ergänzen sich. Medikamente sind in Akutsituationen enorm hilfreich und werden zum Runterfahren/Dämpfen oder Hochfahren/Motivieren eingesetzt, um die Stimmung zu regulieren.
Allerdings wird das Umfeld durch Medikamente nicht verändert, und die Menschen lernen nicht besser, mit ihrem Temperament umzugehen. Dr. Davatz kritisiert die Psychiatrie, wenn sie nur bei den Medikamenten stehen bleibt. Das Ziel sollte sein, Medikamente immer weiter zu reduzieren.
Die systemische Therapie/Familientherapie, die das Umfeld mit einbezieht, ist heutzutage selten geworden. Bei ADHS/ADS-Betroffenen muss immer der ganze Mensch und das ganze System unterstützt werden.
Hinweis zu Ritalin: Obwohl Ritalin für Kinder die Schule oder die Handhabung erleichtern kann, dürfen Lehrer von den Eltern nicht verlangen, dass das Kind Ritalin nehmen muss. Die Entscheidung liegt bei den Eltern.
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/10/Rigi_Buchvorstellung_2.10.2025.m4a.pdf