Kooperation statt gehorsam

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Ursula Davatz kennt die Tücken des ADHS. Betroffenen rät die Badener Psychiaterin vor allem eins: mit sich selbst in Kontakt zu bleiben.

Annegret Ruoff

Transkript

Ursula Davatz, woran merken Sie, dass jemand eine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHS hat?

Am Redefluss. Ein ADHS-Betroffener spricht «ohne Punkt und Komma», also sehr schnell und assoziativ. Zudem ist er impulsiv und hat oft eine andere Herangehensweise an Dinge als die allgemein übliche. Habe ich Einblick in die Lebensgeschichte, fallen mir die vielen Abbrüche auf – bei Beziehungen, Ausbildungen, Arbeitsstellen. Sie sind darin begründet, dass Menschen mit ADHS in der Regel sehr sensibel sind und sich deshalb schnell verletzt fühlen. Dann gibts für sie oft nur eins: abbrechen.

ADHS, Sie haben es in Ihrem Buch «ADHS uns Schizophrenie» beschrieben, ist einerseits genetisch bedingt, also auf eine Funktionsstörung im Gehirn zurückzuführen, andererseits hat Ihrer Meinung nach das System – die Familie, die Schule, das Umfeld – einen entscheidenden Einfluss.

ADHS ist ganz klar ein vererbter Persönlichkeitstyp. Aber je nachdem, wie das Umfeld mit dem Betroffenen umgeht, gibts wenig Schwierigkeiten, und die Person lernt, mit ihren Eigenschaften umzugehen. Will das Umfeld hingegen einen anderen Menschen aus einem ADHS-ler machen, dann gibts Probleme – psychische und oft auch körperliche. Durch ihre hohe Reaktivität werden Betroffene schnell verletzt und können dann auch sich selbst schaden – bis hin zur Selbstverletzung.

Diese Stresszustände, die mit einem hohen Energieniveau einhergehen, nennen Sie «Tsunamiwellen». Was hilft Betroffenen, wenn sie heranrollen?

Das kommt ganz auf die Person an. Beim einen ist das Yoga, beim andern Sport. Auch Musikmachen oder Malen kann entlastend sein. Wichtig ist, dass man die Energie der Emotionen in eine Tätigkeit hineinfliessen lassen und sich so wieder konzentrieren kann. Im Kern ist ADHS ja eine Aufmerksamkeitsstörung.

Und das bedeutet?

ADHS-ler lassen sich leicht ablenken von ihrem Ziel und gehen dann verloren, insbesondere, wenn das Umfeld bedürftig und emotional ist. Da ist es wesentlich, dass man den Fokus immer wieder finden kann.

Selbstkontakt hilft also mehr, als in den Bedürfnissen der andern rumzuschwimmen.

Betroffene sind sehr sensibel und nehmen ihr Umfeld stark wahr. Auch sind sie sehr empathisch. Dadurch ist ihre Orientierung oft im Aussen, sie selbst gehen dabei vergessen. Wer als ADHS-ler lernt, sich immer wieder zurückzuziehen und Selbstfürsorge zu üben, hat viel gewonnen.

Der Umgang mit Betroffenen ist anspruchsvoll. Auf erzieherische Massnahmen reagieren sie sensibel, insbesondere wenn diese angsteinflössend sind – so schreiben Sie in Ihrem Buch. Gerade in Schulen kommt es aber vor, dass Lehrer aus Verzweiflung ein betroffenes Kind vor die Tür schicken oder es sonstwie bestrafen. Was raten Sie da?

Bestrafen funktioniert überhaupt nicht! Statt durch Strafe muss man durch Führung erziehen. Das bedeutet etwa, dass man sagt: Ich will es so. Und nicht: Ich will es nicht so. Alles Negative kann man getrost weglassen. Daneben gilt es, aufmerksam zu sein und zu merken, wann etwas zuviel wird für ein Kind, also so genannte Frühwarnzeichen auftauchen. Dann ist schnelles Reagieren gefragt, denn es gilt, der Explosion zuvorzukommen. Nähert sich die Tsunamiwelle bereits dem Höhepunkt, hat man verloren. Und einen emotionalen Ausbruch mit Bestrafung regulieren zu wollen, bringt gar nichts.

Und wenn der Tsunami alles überrollt und die Situation eskaliert?

Dann muss man das Unwetter vorbeiziehen lassen und beruhigend auf den Betroffenen einwirken. Ist alles vorüber, kann man dann mit dem betroffenen Kind sprechen und fragen: Was hat dich verletzt? Nicht über den Ausbruch oder die Aggressivität zu sprechen, sondern nach dem Bedürfnis dahinter zu fragen, ist entscheidend. Danach hilft es, Verständnis für das Bedürfnis zu äussern. Und gemeinsam Alternativen zu suchen für ein nächstes Mal.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Ich hatte einen erwachsenen ADHS-Klienten in der Beratung, der sich ab und zu massiv über seinen Chef aufgeregt hat. In den Tsunami- Momenten kam es zu unschönen Szenen im Geschäft. Da sagte ich zu ihm: Bei der nächsten Eskalation müssen Sie davonlaufen – damit Sie nicht all diese schlimmen Dinge sagen, für die Sie nachher nicht mehr gradstehen können! Es kann helfen, die Szene zu verlassen – einfach deshalb, weil man sich anders nicht beruhigen kann.

Reden hilft dann nicht?

Bahnt sich die Tsunamiwelle an, kann man nicht mehr diskutieren – nur noch beruhigen.

ADHS-Betroffene brauchen Führung und Leitplanken, sind auf der andern Seite aber besonders kreative Menschen, gerade weil sie den Mut haben, Regeln zu brechen und Grenzen zu überschreiten. Wie gelingt der Umgang mit dieser Ambivalenz?

Wird der Betroffene von einer starken Autorität geführt, die weder einengend noch rigid ist, sondern sich mit ihm auseinandersetzt und mit ihm mitgeht, wenn er Grenzen überschreitet, dann wird er nicht ambivalent, sondern er lernt, gut mit sich umzugehen. Engt man einen ADHS-ler zu sehr ein, sodass er nicht mehr sich selbst sein darf, entsteht die Ambivalenz zwischen «Ich mache es, wie ich es will» und «Ich mache es, wie es die andern wollen». Der Betroffene hüpft hin und her. Streng erzogene ADHSler kennen das besonders ausgeprägt. ADHS-ler, die sich selbst sein dürfen, hingegen kaum.

Was die Ambivalenz des Umfelds angeht, entsteht ein Schwanken zwischen «Darf ich das zulassen?» und «Soll ich einschreiten?». Diese Grenze am richtigen Ort zu setzen, ist anspruchsvoll. Wenn es schwierig wird, muss man überzeugend wirken, sich durchsetzen können – und gleichzeitig die Beziehung halten.

Damit nicht ein weiterer Abbruch im Lebenslauf entsteht?

Exakt. In Beziehung zu bleiben, ist entscheidend. Man kann kein einziges Tier erziehen ohne Beziehung, geschweige denn einen Menschen. Gelingt es, die Beziehung zu halten, kann man sehr viel von ADHS-lern verlangen, und sie machen mit. Letztendlich gehts nie um Gehorsam, sondern immer um Kooperation.

Wir haben nun viel über die Schwieririgkeiten gesprochen. Wo liegt das Potenzial von ADHS?

Betroffene sind oft kreativ und innovativ, werden Künstler, Wissenschaftler und Forscher, die Erfindunden machen und diese überzeugend vertreten, oder erfolgreiche Unternehmer, die neue Produkte lancieren. Meiner Meinung anch ist es äusserst wertvoll für unsere Gesellschaft, Menschen zu haben, die bestehende Strukturen durchbrechen und Neues ausprobieren.

Die unangenehme Frage zum Schluss: Wie stehen Sie zu Ritalin und Co?

Wollen Eltern oder erwachsene Betroffene eine medikamentöse Behandlung ausprobieren, mache ich das mit.Wollen sie das nicht, bringe ich ihnen erstmal alle Tricks bei im Umgang mit ADHS. Und dann spielt sich in der Regel alles gut ein. Erwachsene unterstütze ich auch oft darin, Ritalin bloss in bestimmten Situationen zu nehmen – zum Beispiel, wenn eine Prüfung ansteht und man sich über eine längere Zeit konzentrieren muss. Auch Eltern rate ich, den Kindern das Medikament nur während der Schultage zu geben – ausser sie sind total überfordert. Viel entscheidender als die Verabreichung von Stimulanzien ist aber, den Umgang mit dem speziellen Kind zu lernen. Was erwachsene Betroffene angeht, bedeutet das, sich selbst zu akzeptieren und mit dem eigenen Wesen, dem eigenen Temperament Frieden zu schliessen.

Ursula Davatz, 77

ist Ärztin, Psychiaterin und Systemtherapeutin. In ihrer langjährigen Tätigkeit war sie unter anderem Leitende Ärztin des Sozialpsychiatrischen Dienstes Aargau und Mitglied der Klinikleitung der Psychiatrischen Klinik Königsfelden. Zudem hat sie verschiedene Netzwerke für Fachleute, Betroffene und Angehörige aufgebaut und begleitet. Heute ist Ursula Davatz in eigener Praxis in Baden und Zürich tätig.

Tipps im Umgang mit ADHS-Betroffenen

  • Wertschätzen Sie den Betroffenen und unterstützen Sie ihn darin, sich selbst zu sein.
  • Seien Sie neugierig auf seine Art und Weise, die Dinge anzugehen.
  • Fragen Sie ihn nach seinen Bedürfnissen.
  • Verzichten Sie auf Bestrafung und setzen Sie auf Kooperation.
  • Beruhigen Sie sich in Stresssituationen selbst und wirken Sie dann erst beruhigend auf den Betroffenen ein.
  • Finden Sie gemeinsam das richtige Mass zwischen Struktur und Freiheit. Vermeiden Sie rigide Planung.
  • Äussern Sie Ihre Bedürfnisse klar und deutlich: Sagen Sie, was Sie wollen, und nicht, was Sie nicht wollen.

Tage der psychischen Gesundheit 11 Uhr Filmvorführung Ronni Rocket 12.15 Uhr Podiumsdiskussion mit Ursula Davatz, Experten und Betroffenen Sonntag, 20. Oktober, 11 Uhr Odeon Brugg http://www.odeon-brugg.ch

Bildlegende: Ursula Davatz: «Bahnt sich die Tsunamiwelle an, kann man nicht mehr diskutieren – nur noch beruhigen» BILD: ZVG

General-Anzeiger Nr. 42, 17. Oktober 2019, Seite 3.

Kompetition und Kooperation unter den Helfersystemen

Kompetition und Kooperation unter den Helfersystemen

Referat an der Fachtagung HotA

Dienstag, 21. Mai 2019, 13.30 – 17.00 Uhr Kultur- und Kongresshaus Aarau

«Viele Köche verderben den Brei» «Viele Helfer verderben den Patienten»

Der Sozialstaat Schweiz und somit auch der Kanton Aargau hat unzählige Helfersys- teme, die immer dann eingesetzt werden, wenn das natürliche Familiensystem ver- sagt hat und ein oder mehrere Individuen im System Schaden erleiden.

Helfersysteme können miteinander kooperieren, einander ergänzen und somit entwicklungsförderlich für das dysfunktionale Familiensystem sein. Sie können aber auch miteinander wettkämpfen um eine Vormachtstellung, das heisst darum streiten, wer den besseren Lösungsansatz hat für das jeweilige Familienproblem.

Die verschiedenen Helfersysteme

Alle Helfersysteme haben ihre Glaubensbekenntnisse, ihre Wertsysteme, nach wel- chen sie denken und auch handeln. Diese unterschiedlichen Wertsysteme gilt es als erstes zu erkennen und auch zu respektieren bei einer allfälligen Zusammenarbeit.

1. Das medizinische System ist hierarchisch behandelt aber individuell

  • –  Untersuchungen durchführen durch den Arzt.
  • –  Diagnose stellen beim einzelnen Individuum durch den Arzt.
  • –  Nach Anordnung des Arztes Intervention durchführen: Medikamente, Operation, therapeutische Massnahmen stationär oder ambulant.

2. Das juristische System wie KESB, Juga, Strafgericht ist ebenfalls hierarchisch behandelt aber möglichst alle gleich

  • –  Sachverhalt analysieren einer Einzelperson oder eines Familiensystems.
  • –  Urteil fällen anhand des Sachverhalts und der bestehenden Gesetzgebung.
  • –  Entscheide durchsetzen anhand der Rechtslage, keine individuellen Ausnahme möglich.

3. Sozialversicherungssysteme wie IV, Taggeldversicherung, Sozialdienste

Juristisch geregelte Systeme, die auf Gesetzesgrundlagen entscheiden, ob je- mand recht auf materielle Unterstützung hat, allenfalls holen sie über Experten- berichte wie Gutachten Informationen ein, welche ihnen beim Entscheid behilflich sein sollen.

  1. Psychosoziale, ambulante Helfermodelle staatlich oder privatIndividuelle Unterstützung im Alltag durch staatliche oder private Spitex,begleitetes Wohnen, Wendepunkt
  2. Das pädagogische und sozialpädagogische Helfermodell«Erziehung zur Gesundheit» oder zum sozialen Wohlverhalten über Erziehungs- heime, Spezialschulen.
  3. Das Angebot der HotA basiert auf einem systemisch familientherapeutisch orientierten Helfermodell, das aufsuchende Familienarbeit anbietet, was bedeutet, dass nicht nur ein Individuum sondern das Familiensystem als Ganzes angegangen und unterstützt wird.
  • –  Das Familiensystem wird analysiert auf dysfunktionale Beziehungen
  • –  Destruktive Beziehungen und Erziehungsmuster werden zu korrigieren versucht.
  • –  Bestehende Ressourcen im Familiensystem wie Grosseltern, Onkel, Tante etc.werden wahrgenommen, miteinbezogen und im therapeutischen Prozess genutzt.
  • –  Bereits involvierte professionelle Helfersysteme werden kontaktiert und nachMöglichkeit eine Kooperation mit Ihnen angestrebt.Kompetition unter den HelfersystemenDie Schweiz ist stark geprägt vom Gedanken der Feudalsysteme und somit will auch jedes Helfersystem seine Alleinherrschaft über den Patienten oder das Familiensys- tem möglichst behaupten und beibehalten. Es entsteht ein Feudalkrieg zwischen den Helfersystemen, das heisst zwischen Medizinern, Juristen, Sozialhelfern, Päda- gogen etc. und zwischen ambulant Tätigen und stationären Systemen. Alle meinen nur das Beste für den Patienten, das Kind und die Familie, aber es entfaltet sich ein Machtkampf unter den Helferpersonen und Helfersystemen ohne Ende, was sehr viel Geld kostet, viele Ressourcen vernichtet und dem Familiensystem und dem In- dex-Patienten zusätzlich noch schadet.Der Patient oder die Familie passt sich häufig den verschiedenen Systemen an, um nicht in Konflikt zu geraten, oder um das Maximum herauszuholen.
    Die Helfersysteme geben dann meist den Patienten die Schuld für das schlechte Funktionieren der geplanten Hilfeleistung und werfen diesen Manipulation vor.
    Doch es sind die Helfersysteme, die nicht optimal zusammenarbeiten und sich aus- spielen lassen. Aus Sicht der Hilfesuchenden ist ihre Verhaltensweise nur eine Opti- mierung.Voraussetzungen für eine nutzbringende, effiziente Kooperation unter den Helfersystemen
  • –  Als erstes Akzeptanz und Respekt gegenüber den anderen Helfern üben.
  • –  Die unterschiedlichen Denkmodelle erkennen und als solche respektieren und akzeptieren.
  • –  Die Situation immer wieder neu evaluieren und falls notwendig entsprechend an- passen, das eingeschlagenen Prozedere nicht stur durchsetzen.
  • –  Die eigene Einschätzung der Situation aus der eigenen fachlichen Perspektive den anderen Helfern und den Hilfesuchenden möglichst klar kundtun, d.h.
    eine eigenen Position beziehen, auch wenn diese Position unterschiedlich ist, ja sogar gegenläufig zu anderen Positionen.
  • –  Bereitschaft nachzugeben, wenn ein anderes Helfersystem «näher am Ball» ist oder bessere Lösungsangebote hat.
  • –  Nicht nur am selben Strick ziehen wollen und den Patienten oder die Familie da- bei «erwürgen» bzw. mit der Übermacht der Helfersysteme überfahren.
  • –  Nicht unbedingt auf Einigkeit ausgerichtet sein, diese zu erzwingen würde häufig eine unehrliche, gespielte Anpassung von manchen Playern verlangen, was nicht dienlich ist und von den Hilfesuchenden stets bemerkt wird.
  • –  Den Hilfesuchenden also keine harmonische Helferwelt, bzw. «Helfermacht» vorspielen, sie merken dies sofort, wenn wir nicht authentisch sind, denn sie be- obachten uns ganz genau.Was uns alle weiterbringt, ist eine faire Auseinandersetzung unter den Helfern und Helfersystemen. Sowohl wir Helfer als auch die Hilfe suchenden Familien können nur lernen voneinander.Ressourcen Stärken und Bündeln«what fires together wires together», d.h. wenn wir miteinander gemeinsam an einer Problemlösung arbeiten, bilden wir auch ein immer besser funktionierendes Helfernetzwerk, das effektiv und effizient ist.
    Der Mensch, sein Gehirn und auch die Familie sind ein funktionierendes Ganzes, das nicht aufgeteilt werden kann in voneinander klar abgegrenzte Bereiche und somit kann auch nicht mit klar voneinander abgetrennten «Helferfeudalsyste- men» gearbeitet werden.

Dr. med. Ursula Davatz

20. Mai 2019