Atelier Psy&Psy, Trübbach, Sargans 10. Oktober 2016 um 18.00 Uhr
Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
10.10.2016
ADHS und Psychose
Audio
[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine erste Frage ist: Darf ich auch Schweizerdeutsch reden? Oder ist ihnen
Hochdeutsch lieber?
[00:00:04.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte sie alle ganz herzlich begrüssen zu dem heutigen Abend, Nachmittag.
[00:00:13.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich sehr gefreut, dass ich eingeladen wurde zu dem Vortrag.
[00:00:18.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage zuerst ein paar theoretische Dinge sagen.
[00:00:23.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hole natürlich in bisschen aus.
[00:00:24.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Im zweiten Teil können wir einen Fall anschauen, der mir vorgestellt wird.
[00:00:34.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe nicht Monsterwellen als Thema genommen, sondern: ADHS/ADS und
Psychose.
[00:00:38.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte das Ganze so ein bisschen herleiten.
[00:00:40.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele Jahre am Thema Schizophrenie und ADHS/ADS gearbeitet.
[00:00:48.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich habe ich die beiden Themen verknüpft.
[00:00:48.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Kurze Bemerkung: Die Psychiatrie hat lange sich gestritten, was ist wichtiger: Nature
versus Nurture.
[00:00:59.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Sind die Gene oder das Umfeld wichtiger?
[00:01:00.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat immer hin und her gependelt.
[00:01:01.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute kann man das Genom entschlüsseln und man versucht immer mehr über sein
Genom herauszufinden.
[00:01:05.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann annehmen, dass das Pendel wieder mehr Richtung "Nature" pendelt.
[00:01:14.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist für mich ganz klar, es ist immer beides: „Nature and nurture.
[00:01:25.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Anhand vom ADHS/ADS und der Schizophrenie, habe ich das auch so ein bisschen
aufgearbeitet.
[00:01:34.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn ist unser Organ, womit wir uns befassen.
[00:01:38.430] – Dr.med. Ursula Davatz
In Deutschland und Frankreich, nicht in der Schweiz, hat man früher Psychiatrie
zusammen mit Neurologie gelernt.
[00:01:46.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich musste in den USA auch noch ein halbes Jahr Neurologie machen.
[00:01:46.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Seit dem Freud ist dann Psychiatrie in ein anderes Gebiet gegangen, mehr in das
Interpersonelle und mehr in das Philosophische, weg vom Organischen.
[00:02:10.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich in Basel studiert habe hat man herausgefunden, dass es das Schlafzentrum gibt
und dass es andere Zentren gibt.
[00:02:27.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben wir gelacht und gedacht: das ist doch altmodisch.
[00:02:28.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann die Seele nirgends im Gehirn lokalisieren.
[00:02:29.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute kann man das immer mehr mit den bildgebenden Verfahren.
[00:02:37.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute beginnt man alles anzuschauen.
[00:02:38.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Theorien bringen uns nicht unbedingt sehr viel weiter.
[00:02:45.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Da Gehirn ist ein soziales Organ.
[00:02:49.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Als soziales Organ vermittelt das Gehirn zwischen uns als Individuum und unserem
Umfeld.
[00:02:59.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Herz ist nicht so sehr ein soziales Organ, obwohl Antoine de Saint-Exupéry gesagt
hat: On ne va bien que avec le cœur.
[00:03:13.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat auch eine Verbindung hergestellt zwischen dem Herz und dem Gehirn.
[00:03:13.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Kopf ist verbunden mit allen unseren Organen.
[00:03:19.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Psychiater befassen uns an erster Stelle mit dem sozialen Organ Gehirn.
[00:03:27.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Das soziale Organ zeichnet sich durch eine hohe Plastizität aus.
[00:03:32.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Man weiss heute, man kann lernen bis zum Tod.
[00:03:32.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Plastizität geht nicht verloren. Es gehen zwar vielleicht ein paar Hirnzellen verloren,
aber die Lernfähigkeit geht eigentlich nicht verloren.
[00:03:44.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn kann sich immer noch ändern über das Leben hinweg und die Änderungen,
die passieren über die Interaktion mit dem Umfeld.
[00:03:55.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hirn – jetzt gehe ich schnell in die Genetik – wird auch am meisten bestimmt von
der Epigenetik, das heisst von Genen, die epigenetisch beeinflussbar sind.
[00:04:05.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Von daher passiert auch so noch eine grosse Veränderung.
[00:04:15.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn hat eine ganz wichtige Funktion für den Menschen im Anpassungsprozess
in der Evolution.
[00:04:21.510] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Evolutionstheorie gibt es: survive and reproduce.
[00:04:27.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen uns als Individuum weiterentwickeln und lernen.
[00:04:32.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Zu dieser Plastizität gehört das Lernen.
[00:04:34.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Lernen ist diese Plastizität.
[00:04:38.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir entwickeln uns nicht nur als Individuum im Reagenzglas, obwohl die Psychiatrie oft
den Menschen noch so isoliert anschaut.
[00:04:46.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind immer innerhalb von einem Kollektiv.
[00:04:50.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wachsen in der Regel auf in einer Familie oder etwas Ähnlichem, also in einem
grösseren Kollektiv.
[00:04:56.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Interaktionen, die laufen natürlich dauernd und die hören nie auf, bis zum Tod.
[00:05:03.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Lernen, das passiert nicht nur im Individuum.
[00:05:10.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Der epigenetische Prozess läuft nicht nur im einzelnen Individuum, sondern der
epigenetische Prozess läuft auch in der Interaktion, das heisst auch innerhalb von einer
Gruppe.
[00:05:24.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nenne das die soziale Vererbung.
[00:05:27.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Gegensatz zu der genetischen Vererbung.
[00:05:29.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Anpassungsprozess, der einerseits im Individuum läuft und andererseits in der
Gruppe, das nennt man bei den Soziobiologen: kin selection.
[00:05:47.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Auswahl, die Überlebenschance läuft mit der Familie, mit der Gruppe, mit der Art et
cetera.
[00:05:57.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viel Soziobiologie gelesen.
[00:05:59.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Einer von den interessanten ist der Franz Deval.
[00:06:04.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ein Buch: Der Affe in uns. The inner ape.
[00:06:05.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat viele Theorien gegeben, auch im Zusammenhang mit Genetik und
Verhaltensmuster, auch falsche Theorien.
[00:06:19.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat gemeint, wir Menschen, wir soziale Wesen, die Säugetiere auch schauen eher
auf Menschen, die mit uns verwandt sind.
[00:06:31.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt nicht.
[00:06:31.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle sozialen Wesen, schauen auch für andere soziale Wesen.
[00:06:42.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Delfin hilft auch einem Menschen.
[00:06:42.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Delfine können Situationen wahrnehmen, wo jemand in Not ist.
[00:06:52.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist etwas ganz Wichtiges, dass der Mensch ein soziales Wesen ist.
[00:06:56.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, in der Psychiatrie nimmt man da auch nicht sehr Rücksicht darauf.
[00:07:01.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Man schaut den Menschen viel zu sehr nur alleine an und nicht die Interaktion.
[00:07:02.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz viele psychiatrische Krankheiten nehmen ihren Anfang in der Pubertät, inkl. die
Schizophrenie.
[00:07:17.590] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät, in der Ablösungsphase, wo man seine Persönlichkeit entwickeln sollte,
wo man sich loslösen sollte von den Eltern und Eigenverantwortung übernehmen, in
dieser Phase ist das Gehirn noch einmal sehr plastisch.
[00:07:37.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn hat dann eine grössere Plastizität als dann später.
[00:07:41.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn eine Frau ein Kind bekommt, ist ihr Gehirn auch noch mal ein bisschen
plastischer. Da muss sie einiges lernen.
[00:07:48.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Das als kurze Einführung zum Thema Gehirnplastizität, Lernen und Epigenetik.
[00:07:57.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein Buch heisst: ADHS und Schizophrenie.
[00:08:08.490] – Dr.med. Ursula Davatz
1975 habe ich in Samedan einen Vortrag gehört über POS, heute ADHS/ADS.
[00:08:09.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann dort schon gemerkt, das ist eigentlich ähnlich, dort beschreibt man
ähnliche Symptome wie bei der Schizophrenie.
[00:08:29.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das zeitweise wieder ein bisschen vergessen, es hat mich immer irgendwie
begleitet.
[00:08:35.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Bezüglich Genetik und ADHS/ADS gibt es die Cross-Dysorder-Studie (GWAS).
[00:08:42.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schweiz hat auch mitgemacht.
[00:08:43.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Fünf psychiatrische Krankheitsbilder wurden untersucht und auf ihre Gene analysiert.
[00:08:43.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Krankheitsbilder sind: Schizophrenie, manisch-depressiv, schwere Depression,
Autismus und ADHS/ADS.
[00:08:59.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man war sehr erstaunt, dass die alle den gleichen Genlokus haben, der verändert ist.
[00:09:05.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe sagt, das ist ja klar. Das ist ein Beweis für meine Theorie.
[00:09:24.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage das ADHS/ADS ist der genetisch vererbte Genotyp, der genetisch vererbte
Neurotyp, aus dem heraus dann all die anderen Krankheiten entstehen.
[00:09:35.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe in meinem Buch nur die Schizophrenie untersucht.
[00:09:37.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Die anderen psychiatrischen Krankheitsbilder habe ich dort nicht so genau angeschaut,
aber in meiner Praxis schaue ich sie natürlich ständig an.
[00:09:45.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die anderen psychiatrischen Krankheitsbilder sind Folgekrankheiten.
[00:09:53.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ADHS/ADS ist der Genotyp/Neurotyp.
[00:09:58.260] – Dr.med. Ursula Davatz
In der genetischen Studie, ich habe mit einem Genetiker geredet und der hat gesagt,
das ADHS/ADS hat zu 30% eine genetische Performanz.
[00:10:13.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Schizophrenie und manisch-depressiv noch zu 25%.
[00:10:14.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Autismus ist 15% oder so.
[00:10:14.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Die schwere Depression hat auch weniger genetische Performanz.
[00:10:32.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das passt für mich auch.
[00:10:32.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ADHS/ADS ist der genetische Vortyp.
[00:10:32.710] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn stellt das ADHS/ADS eine genetische Gehirn Vulnerabilität dar, die auch zu
anderen Krankheiten führen kann.
[00:10:47.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Zeit lang hat man gesagt, das ADHS/ADS wächst sich aus.
[00:10:59.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Also man von POS gesprochen hat, hat man immer gesagt, das sind noch nicht reife
Nerven, die sind nicht myelinisiert, irgendwann geht dann das weg.
[00:11:00.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war eine falsche Vorstellung.
[00:11:05.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind nicht einfach nur die Nerven. Im Gehirn sind diese Zentren ein bisschen anders
organisiert.
[00:11:17.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage schaut man auch das ADHS/ADS im erwachsenen Alter an.
[00:11:18.060] – Dr.med. Ursula Davatz
80% der Erwachsenen mit ADHS/ADS haben eine zusätzliche Krankheit.
[00:11:31.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier spricht man von: Komorbidität.
[00:11:34.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das ist keine Komorbidität, das ist eine Folgekrankheit.
[00:11:34.760] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn ist das ADHS/ADS gar keine Krankheit.
[00:11:43.820] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS darf nicht unter der Diagnose figurieren.
[00:11:49.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nur ein Genotyp, ein Neurotyp, ein Persönlichkeitstyp.
[00:11:54.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Psychologen haben die Persönlichkeitstypen schon ausdifferenziert.
[00:12:00.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt viele verschiedene.
[00:12:01.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nenne jetzt nur zwei: Der extrovertierte Persönlichkeitstyp und der introvertierte
Persönlichkeitstyp.
[00:12:09.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese beiden Persönlichkeitstypen haben ich mit dem ADHS/ADS in Zusammenhang
gebracht.
[00:12:09.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ADHS ist der extrovertierte Persönlichkeitstyp, der nach aussen geht, alles zeigt,
alles sagt.
[00:12:21.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Der ADS Persönlichkeitstyp ist eher der introvertierte Persönlichkeitstyp, der dann eher
zu Autismus führt oder zur Depression.
[00:12:29.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Der ADHSler agiert alles aus. Dort wird eher das Umfeld depressiv oder überfordert.
[00:12:31.030] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler können auch hin und her wechseln.
[00:12:37.220] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler sind sich ähnlich bezüglich der hohen Sensibilität, schnelle Erregbarkeit,
Impulsivität.
[00:12:52.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim ADHS/ADS geht die Impulsivität nach aussen und auch nach innen.
[00:12:58.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim ADS geht die Impulsivität nach innen.
[00:13:03.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort sind wir dann schon bald bei der Monsterwelle.
[00:13:07.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Folgekrankheit von ADHS/ADS ist die Schizophrenie. Diese habe ich am meisten
untersucht.
[00:13:14.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Manisch-depressive, der eine manische Phase hat, der befreit sich häufig von den
zu engen Restriktionen, in denen er aufgewachsen ist und ist danach wieder traurig,
über all das zerschlagene Geschirr.
[00:13:34.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eigentlich ein Befreiungsschlag.
[00:13:38.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Die schwere Depression, Burnout, das kommt jetzt langsam aus.
[00:13:42.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Dr. med. Heiner Lachenmeier spricht über ADHS/ADS und Burnout.
[00:13:53.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS/ADSler tun sich sehr verausgaben und sind sehr darauf ausgerichtet, was
das Umfeld von ihnen will.
[00:13:54.900] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler kann man auch sehr gut ausbeuten und so kommt es dann zum Burnout.
[00:13:55.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache keinen Unterschied zwischen Burnout und Depression.
[00:14:14.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Burnout ist eine Beschreibung für die Manager, also ist eine männlich-salonfähige
Diagnose, während Depression eher zu den Frauen gehört.
[00:14:22.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Von der Funktion vom Gehirn her, meine ich, ist es nichts anderes, aber es ist eher
akzeptiert.
[00:14:33.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Autismus kommt auch in den Cross-Disorder-Studien vor.
[00:14:35.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Sämtliche Persönlichkeitsstörungen können sich aus dem ADHS/ADS entwickeln.
[00:14:42.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Sie daran denken, dass sich die Persönlichkeit in der Pubertät entwickelt, dass
dort eine starke Auseinandersetzung läuft zwischen Umfeld und dem jungen Mensch,
der sich ablösen sollte.
[00:15:00.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort kann es schief laufen.
[00:15:02.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frauen bekommen dann meistens Borderline Persönlichkeitsstörung.
[00:15:07.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, die Frauen getrauen sich nicht ganz so fest ihre Aggressionen, ihr wildes
impulsives Temperament nach aussen auszuleben.
[00:15:15.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie tun ihr impulsives Temperament dann eher mit sich selber schädigen, also mit
schneiden, mit sich Schaden ausleben.
[00:15:25.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele Frauen gehen dann auch in die Bulimie rein, Essstörungen.
[00:15:26.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Sucht und ADHS/ADS gehen auch zusammen.
[00:15:26.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sucht beginnt meistens in der Pubertät, dort steckt häufig auch ein ADHS/ADS
dahinter.
[00:15:26.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kommen langsam mehr Vorträge auf über ADHS/ADS und Sucht.
[00:15:38.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Langsam kommt das immer mehr zur Akzeptanz.
[00:15:44.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Männer, die ADHS/ADS haben, die sind viel aktiver.
[00:15:57.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Männer haben neben den ADHS/ADS Genen auch noch Androgene und mehr
Dopamine.
[00:15:59.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Männer springen über die sozialen Grenzen hinaus.
[00:15:59.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Männer machen sich eine eigene Peer-Gruppe, eine eigene soziale Gruppe.
[00:15:59.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben wir die Persönlichkeitsstörung von der dissozialen Persönlichkeit und von
der antisozialen und was auch immer Persönlichkeitsstörung.
[00:16:26.230] – Dr.med. Ursula Davatz
In den Gefängnissen in den USA bin ich auch schon darauf gekommen, ADHS/ADS und
Delinquenz korrelieren auch.
[00:16:33.670] – Dr.med. Ursula Davatz
In den Gefängnissen findet man überdurchschnittlich viele ADHS/ADS Menschen.
[00:16:48.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war lange in einer Fachgruppe für Strafvollzug in Zürich, nach dem Fall Erich
Hauert, Pascal Brumann, die umgebracht worden ist von einem Gefängnisinsassen, als
er auf dem Weg zum Psychologen war auf dem Zollikerberg.
[00:16:58.240] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Fachkommission musste ich lange Gutachten lesen.
[00:17:12.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Juristen haben immer von einem POS Kind gesprochen.
[00:17:19.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage würde man von ADHS/ADS sprechen.
[00:17:20.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Carlos ist sicher auch ein ADHS/ADS Kind.
[00:17:26.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der Zeit hat man so ein bisschen das Auge dafür.
[00:17:38.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch Zwangsstörungen können sich aus dem ADHS/ADS entwickeln.
[00:17:42.300] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler machen viele Fehler.
[00:17:45.510] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler sind nicht so gut im Regeln lernen. Sie machen immer wieder alles
anders, sie sind kreativ.
[00:17:45.930] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler werden oft diszipliniert.
[00:17:53.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem wie ihr Umfeld ist, diszipliniert man sie mehr.
[00:17:54.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Diejenigen ADHS/ADSler welche sich gerne anpassen, die geben sich so wahnsinnig
Mühe, dass sie angepasst sind, dass sie sogar eine Zwangsstörung entwickeln.
[00:17:54.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gegenteil davon ist das Messie-Syndrom.
[00:18:13.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind alles aus meiner Sicht ADHS/ADSler.
[00:18:17.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist dann die andere Seite.
[00:18:19.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Die können am Arbeitsplatz relativ zwanghaft sein. Dort funktioniert es und daheim fällt
alles durcheinander.
[00:18:25.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort sieht man dann das Messie-Syndrom.
[00:18:29.830] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn kann man ganz klar sagen, ADHS und ADS-Kinder sind schwieriger zum
Erziehen.
[00:18:38.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite viel mit Schulen zusammen.
[00:18:39.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich höre dann die Lehrer, wie sie schimpfen über die ADHS/ADS Kinder und wie sie
diese Kinder am liebsten draussen hätten.
[00:18:39.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt aber auch sehr begabte Lehrer, die die gut führen können und dann machen sie
eine gute Entwicklung.
[00:18:54.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Weil die ADHS/ADS Kinder so schwierig sind zum Erziehen, brauchen sie ein
kompetenteres Umfeld.
[00:19:04.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie brauchen eher natürliche Autoritäten. Das gibt es oft nicht mehr so viel.
[00:19:09.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute wird alles mit Schema und Lehrbuch gemacht.
[00:19:13.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Das funktioniert bei ADHS/ADS Kindern nicht.
[00:19:18.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Einer von meinen Hauptsätzen ist: man kann die ADHS/ADS Kinder totschlagen und sie
folgen immer noch nicht.
[00:19:27.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Psychiater, der mit Delinquenten arbeitet, der die Gutachten macht, der hat die
beschrieben und gesagt man kann sie zu Tode schlagen und sie folgen trotzdem nicht.
[00:19:51.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat den Link noch nicht gemacht zum ADHS/ADS.
[00:19:53.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie kommt es von ADHS/ADS zur Schizophronie?
[00:20:08.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Was habe ich mir dazu überlegt?
[00:20:09.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie komme ich zur Monsterwelle?
[00:20:09.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ADHS/ADS und die ungünstige Interaktion mit dem Umfeld, der Erziehungsstil,
kann zur Schizophrenie führen.
[00:20:16.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine kleine Untersuchung gemacht, wo ich vier verschieden Erziehungsstile
angeschaut habe. Das kommt auch in meinem Buch "ADHS und Schizophrenie" vor.
[00:20:29.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Schizophrenen habe ich herausgefunden, dass die Mütter sehr viel auf das
Kind einreden und eher einen emotionalen Erziehungsstil haben, d.h. auch einen
angstmachenden Erziehungsstil.
[00:20:38.050] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Menschen sind sehr sensibel.
[00:21:01.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei ADHS/ADS Menschen kann man die Spiegelneuronen schneller ankicken als bei
anderen Menschen.
[00:21:02.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man eine Mutter fragt, welches Kind merkt am ehesten, am besten, wenn es
ihnen nicht gut geht, sie deuten immer auf das ADHS Kind.
[00:21:11.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS/ADSler haben die Fühler draussen und sie sind so durchlässig.
[00:21:12.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Man nennt das auch ein "Intake Disease", "System overload", usw.
[00:21:17.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die ADHS/ADSler in einem Umfeld aufwachsen, wo es sehr unruhig ist, wo viel
emotionale Belastung ist, mit Konflikten, das wäre dann schon wieder das
Familiensystem, dann ladet sich ihr emotionales System auf.
[00:21:44.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendeinmal ist ihre Anpassungsfähigkeit erschöpft.
[00:21:54.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht über Stress, der direkt auf die ADHS/ADSler aufgesetzt wird.
[00:22:00.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie laden sich auch auf über Emotionalität ihrem Umfeld.
[00:22:03.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Eltern von Schizophrenen Kindern haben meistens Konflikte.
[00:22:08.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele Eltern der Kinder haben auch ein ADHS/ADS. Es wird vererbt.
[00:22:09.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Schizophrenie Familien haben ca. drei Mal so viele Konflikte, wie eine
Durchschnittsfamilie. Sie eskalieren viel schneller miteinander.
[00:22:16.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eskalation schadet dem Kind, wenn die Eltern keine Lösungen finden, wie sie ihre
Probleme auflösen können.
[00:22:37.970] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn ist der Erziehungsstil der Weichensteller zu der bestimmten Krankheit.
[00:22:44.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt noch viele weiteren Schritte.
[00:22:45.070] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät, wenn das Familiensystem sehr belastend ist, wenn dann noch eine
unglückliche Liebe dazukommt, wenn eine schwierige Schulsituation hinzukommt, dann
gibt es immer noch mehr Belastungen, dann gibt es eine emotionale Monsterwelle im
Hirn.
[00:23:12.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Um ihnen dazu erklären, verwende ich meine Hand.
[00:23:13.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Dan Siegel aus den USA, ist ein bekannter Kinderpsychiater, der sehr viel publiziert. Er
hat ein grosses Team. Er spricht immer von der Achtsamkeit, das achtsame Gehirn.
[00:23:22.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin ein Gründungsmitglied von der AFTA, American Academy of Family Therapy.
[00:23:44.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann das Hirn darstellen mit der Hand.
[00:23:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Unten ist der Hirnstamm und das Kleinhirn, das motorische Hirn.
[00:23:54.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein Daumen ist das limbische System.
[00:23:57.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Finger sind das Grosshirn.
[00:24:00.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Von der Seite her geschaut.
[00:24:01.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verwende das Gehirn-Evolutions-Modell von Paul D. MacLean.
[00:24:05.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kleinhirn ist das Reptiliengehirn. Das limbische System ist das Gehirn, das sich bei
den Säugetieren ausgebildet hat.
[00:24:21.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Grosshirn hat sich bei den Primaten und beim Home Sapiens Sapiens ausgebildet.
[00:24:24.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Das limbische System, über das kommt alles rein.
[00:24:37.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Stapferhaus in Lenzburg gab es eine Ausstellung zum Thema „Entscheiden".
[00:24:46.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Das limbische System entscheidet, ob einem jemand passt oder nicht.
[00:24:51.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Like and Dislike.
[00:24:53.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Likes und Dislikes im Internet, das ist das limbische System, welches das
entscheidet.
[00:24:59.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ob ich jemanden sympathisch finde oder unsympathisch, das geht nicht über das
Grosshirn, es geht über das limbische System.
[00:25:10.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Das limbische System sagt dann auch: Das ist interessant, mit dem musst du dich
abgeben.
[00:25:14.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder es sagt: Nein, das ist gefährlich. Vor dem musst du dich schützen.
[00:25:17.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das limbische System überlastet ist mit emotionalen Reizen, das limbische
System ist zirkulär angeordnet, so wie ein Turbo.
[00:25:27.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sind wir dann schon bald wieder bei der Monsterwelle.
[00:25:30.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das limbische System ist immer zirkulär angeordnet, das kann sich aufschaukeln.
[00:25:36.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sich das aufschaukelt, das hat einen Verstärker und das kann man natürlich auch
oben herunterholen.
[00:25:43.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Verstärker ist die Motivation.
[00:25:46.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Verstärker gut läuft, ist man motiviert, etwas zu machen.
[00:25:48.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er zu stark läuft, dann ist man manisch. Dann braucht man keinen Schlaf mehr.
[00:25:53.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir nur die Schizophrenie anschauen, das limbische System ist über angeregt.
[00:26:02.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Von limbischen System aus, gehen dann Bahnen ins Grosshirn.
[00:26:06.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der präfrontale Kortex.
[00:26:08.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Die präfrontalen Bahnen, die laufen alle mit Dopamin.
[00:26:15.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Neuroleptika gibt, dann unterbricht man das überreizte limbische System,
welches die Signale ins Grosshirn gibt, die dann das Grosshirn zum Zusammenbrechen
bringen.
[00:26:31.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann jeden Computer zum Absturz bringen, wenn man die Prozessoren zu stark
auslastet.
[00:26:33.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Schizophrenie stürzt der Grosscomputer, also das Grosshirn, stürzt ab und geht
zurück auf eine primitivere Ebene.
[00:26:49.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Hochintelligente Menschen, sind dann auf einmal nicht mehr rational.
[00:26:56.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird alles von den Emotionen gesteuert.
[00:26:56.090] – Dr.med. Ursula Davatz
In der akuten Psychose läuft das einfach heiss.
[00:27:10.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Person hat dann Hyperarousal und er macht eine Überaktivität vom Grosshirn, er
schüttet alle möglichen Inhalte aus, völlig wirr und durcheinander.
[00:27:23.210] – Dr.med. Ursula Davatz
In einer späteren Phase, beginnt er dann neu zu organisieren.
[00:27:25.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann organisiert er sich die Welt selber.
[00:27:25.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Dem sage ich: Anpassung auf eine Meta-Ebene.
[00:27:33.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Person interpretiert Dinge nach seinen emotionalen Vorstellungen, sodass es ihm
besser passt.
[00:27:45.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Prof. Dr.med. Luc Ciompi hat ein Vorwort in meinem Buch geschrieben, nennt das
Affektlogik.
[00:27:46.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Logik ist vom Affekt her, von den Emotionen her geprägt.
[00:27:57.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Logik ist immer darauf ausgerichtet, die Emotionen gut im Griff zu haben oder
runter zu dämpfen.
[00:27:57.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch verwendet seine Kognition, um den Turbo runterzuholen.
[00:28:11.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verwende das Wort Monsterwellen.
[00:28:14.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Es müsste eine Monsterwelle rund um den Erdball sein.
[00:28:18.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt die Schmetterlings- und Chaostheorie.
[00:28:23.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn auf der einen Seite der Erde ein Schmetterlingsflügel sich bewegt, dann kann das
einen Tsunami auslösen auf der anderen Seite.
[00:28:36.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist dann zusammengeschlossen.
[00:28:36.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf dem Meer, in Japan, der Tsunami ist natürlich durch ein Erdbeben ausgelöst
worden und dann an Land gekommen.
[00:28:46.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man wieder verwenden.
[00:28:47.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Eltern, Lehrer oder Erzieher mit einem Menschen umgehen, der hoch
psychotisch ist oder hocherregt, z.B. ein ADHS/ADSler.
[00:28:56.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diesem Menschen dann gesagt wird: Du kannst doch das nicht, das gehört sich
nicht, das darf man nicht.
[00:29:05.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man beginnt zu argumentieren, dann macht man so etwas wie beim Tsunami, die
Welle kommt hier an, man macht einen Mauer und dann steigt der Tsunami.
[00:29:10.600] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder, wenn man denen NEIN sagt, dann können sie ein riesiges Theater
machen.
[00:29:19.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf zu ADHS/ADS Kindern nie Nein sagen.
[00:29:21.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nur sagen: Ah, du machst jetzt das so. Ich will, dass du es so machst.
[00:29:28.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Man lässt das Nein aus, man kann das Nein immer überspringen.
[00:29:31.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss gerade zum, wie man es will übergehen.
[00:29:33.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist es eine Interaktion.
[00:29:36.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Jesper Juul, ein bekannter Familientherapeut, der nicht von ADHS/ADS Kindern
spricht, hat sehr hilfreiche Methoden.
[00:29:41.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Er sagt, man soll nicht zum Kind sagen: Du musst jetzt das machen.
[00:29:50.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Befehl, das ist eine Demütigung.
[00:29:53.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Man drückt das Gegenüber runter.
[00:29:55.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Man soll sagen: Ich will.
[00:29:59.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will, dass Du jetzt in das Bett gehst.
[00:30:00.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will, dass Du deine Aufgaben machst.
[00:30:00.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist es eine Interaktion.
[00:30:07.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, es ist gut, wenn man es schon bei den kleinen Kindern macht.
[00:30:14.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Eltern von ADHS/ADS bringe ich das auch so bei.
[00:30:16.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage das auch den Eltern von Teenagern.
[00:30:26.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Teenageralter gibt es keine Erziehung mehr.
[00:30:27.620] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Erziehung meint man, das Recht zu haben, dem Kind zu sagen, wie man es
machen soll.
[00:30:33.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das funktioniert eben bei den ADHS/ADS Kindern nicht.
[00:30:35.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Befehl und eine Demütigung.
[00:30:39.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Teenagern darf man nicht mehr erziehen, man darf nur noch die Beziehung
pflegen und sich durchsetzen.
[00:30:40.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist eine Erwachsene Person, hat mehr Erfahrung und es geht um eine
Auseinandersetzung.
[00:30:51.630] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät geht es um eine Auseinandersetzung.
[00:30:55.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Eltern in der Pubertät diese Auseinandersetzung scheuen oder unterdrücken,
allzu autoritär oder allzu laissez-faire, dann gibt es keine Auseinandersetzung.
[00:31:06.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann sich das Kind nicht zu einer Persönlichkeit entwickeln.
[00:31:11.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind ein paar Muster.
[00:31:12.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache noch ein paar kritische Bemerkungen.
[00:31:25.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schulpsychiatrie geht immer noch von einer Krankheitsvorstellung aus, von einer
Diagnosevorstellung, als ob es ein fixes Organ wäre und nicht ein plastisches Organ.
[00:31:39.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schulpsychiatrie ist ist zu stark geprägt von der somatischen Medizin.
[00:31:45.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Man wollt eine Diagnose, man geht davon aus, dass die Diagnose gleich bleibt.
[00:31:49.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Patientin, die ist ganz sicher ein ADHS/ADS.
[00:31:52.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Die hat ein Kind bekommen. Sie war völlig durch den Wind. Sie hat keinen Mann.
[00:31:56.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat ihr die Diagnose Borderline gestellt.
[00:32:00.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich spreche mit ihrer Beiständin. Die Frage ist, ob sie ihr Kind zurückbekommen kann
oder nicht.
[00:32:02.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird immer von der Borderline Diagnose geredet.
[00:32:14.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, sie hat unterdessen eine grosse Entwicklung gemacht.
[00:32:17.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann gut mit ihr konferieren.
[00:32:20.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie verkehrt anpackt, dann geht der Vulkan wieder los.
[00:32:23.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beiständin hat sie natürlich verkehrt angepackt.
[00:32:29.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist sie losgegangen auf die Beiständin. Sie ist sehr intelligent.
[00:32:29.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beiständin hat dann das Feuer im Elass gesehen, so ungefähr.
[00:32:34.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den psychiatrischen Krankheitsbildern ist das nicht sinnvoll.
[00:32:49.570] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Psychiatrie sollte man immer ein Prozessdenken haben und schauen, wie sich
die Sachen entwickeln.
[00:32:57.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte auch immer die Interaktion anschauen.
[00:33:01.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nie einfach nur der Patient, der so verkehrt ist und alles falsch macht.
[00:33:06.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind soziale Wesen und die Interaktion spielt eine riesige Rolle.
[00:33:12.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Psychiater, Psychotherapeuten die mit Menschen arbeiten, die sich noch entwickeln
sollten, müssen ein gutes Prozessdenken entwickeln, ein systemisches Denken.
[00:33:26.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Als systemische Therapeutin sage ich: man kann die Krankheit nicht abgewöhnen oder
abdressieren.
[00:33:38.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich darf prinzipiell nichts gegen Verhaltenstherapie haben.
[00:33:41.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann Elemente davon verwenden.
[00:33:44.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man nur davon ausgeht, dass man seine Symptome ablernen muss und dann
sind wir gesund, dann ist man sehr arm.
[00:33:52.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gibt es keinen Spielraum für Entwicklung.
[00:33:55.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann den Menschen nicht zur Gesundheit erziehen.
[00:34:01.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann dem Menschen in der Interaktion, seine verhindernde Entwicklung, die er
meistens in der Pubertät und im Leben verpasst hat, helfen, fördern, entweder nur in
der Beziehung zum Therapeut oder innerhalb von der Familie.
[00:34:26.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht darum, dass man das Entwicklungsmuster in der Familie genauer analysiert.
[00:34:35.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie läuft das ab zwischen dem Individuum und seinen Geschwistern, seiner Mutter,
seinem Vater, die Grosseltern kommen dazu.
[00:34:44.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie kann man das Umfeld beeinflussen, damit das Klima ruhiger wird, gesünder wird,
sodass sich das Individuum ganz alleine besser entwickeln kann.
[00:34:56.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite viel nur mit den Eltern,
[00:34:59.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern mir das Kind bringen, dann schaue ich es auch an.
[00:35:02.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite auch mit Kindern.
[00:35:04.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue immer die Interaktion an.
[00:35:08.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich höre immer wieder die Aussage: Dieser Patient hat noch keine Krankheitseinsicht.
[00:35:18.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit habe ich grosse Mühe.
[00:35:19.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit verlangen wir, dass der Patient unsere Vorstellung von der Krankheit übernimmt.
[00:35:29.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ist denn unsere Vorstellung?
[00:35:31.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Unsere Vorstellung ist ja nur eine vorübergehende Hypothese.
[00:35:35.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ist zum Teil sehr primitiv und sehr einfach und deckt überhaupt nicht die
verschiedenen individuellen Geschichten ab.
[00:35:47.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht der Patient muss Krankheitseinsicht bekommen, sondern wir Fachleute sollten
mehr Einsicht in die Interaktion zwischen dem Patienten und seinem Umfeld haben, in
die Familienmuster und natürlich auch in die Interaktion, die wir mit dem Patienten
machen.
[00:36:06.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Da wir Professionelle sind, haben wir immer das Recht, wir machen alles recht, der
Patient alles falsch.
[00:36:12.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist klar, das geht nicht.
[00:36:15.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo man auch die Interaktion mit sich und dem Patienten anschaut, muss
man sich natürlich auch selber hinterfragen und schauen: Was habe ich jetzt gemacht,
was der Patient nicht ertragen hat.
[00:36:26.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich zum Beispiel den Patienten zu lange warten lasse und er kommt wütig zu mir
in das Zimmer, schaut mich böse an. Dann frage ich: Habe ich sie jetzt frustriert?
[00:36:38.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Er geht zuerst zur Sekretärin, beklagt sich über mich und die sagt dann: sag es ihr
doch.
[00:36:47.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss dann sagen: Ja, sie haben recht. Das stimmt. Das ist nicht korrekt. Ich konnte
es nicht besser, es tut mir leid. Ich bin froh, dass sie es mir gesagt haben.
[00:36:58.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre dann die Interaktion, die zwischen den Patienten und ihren Eltern oder den
Erziehungspersonen oft nicht gelaufen ist.
[00:37:11.100] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn machen wir eine Nacherziehung, nicht in dem wir ihnen sagen, wie die
Welt läuft, sondern wir machen eine Nachentwicklung, indem wir uns zur Verfügung
stellen, dass wir mit ihnen interagieren und ein bisschen toleranter sind, als ihre Eltern
waren.
[00:37:26.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst nicht, einfach alles nur schlucken, sondern wirklich auch miteinander reden.
[00:37:33.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verwende auch wieder einen Begriff.
[00:37:36.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erwachsene Person sage ich: die Kinder haben Welpenschutz.
[00:37:41.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, unsere Patienten dürfen uns mehr angreifen, als wir sie zurück angreifen
dürfen.
[00:37:48.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sollten sie überhaupt nicht zurück angreifen.
[00:37:52.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin auch schon ein bisschen ausgerastet mit einer ganz schwierigen ADHS/ADS-
Patientin, die mich an die Decke getrieben hat.
[00:38:02.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen uns miteinander auseinandersetzen, ehrlich, auf Augenhöhe und
authentisch.
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