Ambulante Behandlung

Die ambulante Behandlung war ein zentrales Anliegen des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SPD) Königsfelden von Beginn an. Das Hauptziel des SPD war es, Langzeitpatienten mit chronischer Psychose aus der Klinik Königsfelden zu entlassen und dies durch konsequente ambulante Nachbetreuung zu ermöglichen. Diese Nachbetreuung sollte unter anderem mit DEPO-Neuroleptika eine funktionierende Rückfallprophylaxe gewährleisten. Der SPD wurde als Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Behandlung konzipiert und entwickelte sich zu einer Nahtstelle.

Dr. Saameli betont die Bedeutung der Dezentralisation von ambulanten Einrichtungen, was 1981 jedoch noch schwierig war. Die konziliarischen Dienstleistungen des SPD waren über den ganzen Kanton verstreut, was die Teilnahme an Programmen wie der Tagesklinik für Patienten ausserhalb der näheren Umgebung erschwerte.

Methoden der ambulanten Behandlung, die im SPD angewandt wurden:

  • Medikamentöse Behandlung mit Fokus auf Rückfallprophylaxe durch DEPO-Neuroleptika.
  • Systemisch orientierte Therapie, eingeführt in Verbindung mit dem Institut für Ehe und Familie in Zürich.
  • Berufliche Integration in der freien Wirtschaft, beispielsweise bei der Firma Möbel Pfister, was dem späteren Konzept des „Supported Employment“ entsprach.
  • Substitutionsbehandlungen mit Methadon für Heroinabhängige ab 1976.
  • Tagesklinik, die 1980 im alten Spital in Königsfelden eröffnet wurde und laut Dr. Saameli die erste an einer nichtuniversitären psychiatrischen Institution in der Schweiz war.

Dr. Davatz betont, dass der Slogan „ambulant vor stationär“ bereits in den 1980er Jahren aktuell war [20:51]. Sie führte eine einfache Kostenberechnung durch, die zeigte, dass die ambulante Behandlung deutlich kostengünstiger war als die stationäre (CHF 50’000 gegenüber CHF 200’000 für zehn Patienten).

Herausforderungen und Perspektiven der ambulanten Behandlung:

  • Anfangs gab es Vorbehalte gegenüber der Dezentralisierung ambulanter psychiatrischer Institutionen.
  • Es gab unterschiedliche Ansichten über die Priorisierung eines zentralen Klinikneubaus gegenüber der Dezentralisation ambulanter Dienste.
  • Hausärzte hatten anfangs Schwierigkeiten, Patienten an den richtigen Dienst (SPD oder AMBI) zu überweisen.
  • Dr. Davatz kritisiert, dass die Psychiatrie zu stark im medizinischen Modell verortet ist und plädiert für einen systemischeren Ansatz, der das Umfeld der Patienten einbezieht. Sie sieht den Beginn der Psychiatrie bereits in der Schule und fordert mehr Unterstützung für Lehrer.

Entwicklung der ambulanten Strukturen (EPD):

Später, unter der Leitung von Dr. Urs Fromm (ab 1995), wurde das Einzugsgebiet des EPD (Erwachsenenpsychiatrischer Dienst, der den SPD umfasste) regionalisiert, mit Standorten in Baden, Aarau, Wohlen und im Fricktal. Die Teams in diesen Aussenstandorten bestanden aus Sekretärinnen, Assistenzärzten, Sozialarbeitern/Sozialpädagogen und Psychiatriepflegern. Dr. Davatz übernahm die Leitung in Baden. Diese Regionalisierung sollte die Zugänglichkeit ambulanter Angebote verbessern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die ambulante Behandlung ein Kernstück der sozialpsychiatrischen Reformbestrebungen war und der SPD Königsfelden eine Pionierrolle in der Entwicklung und Umsetzung ambulanter Versorgungsstrukturen im Kanton Aargau spielte. Trotz anfänglicher Widerstände und Herausforderungen wurde die ambulante Versorgung kontinuierlich ausgebaut und weiterentwickelt, hin zu einer regionalisierten und spezialisierten Struktur.

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Sozialpsychiatrischer Dienst Königsfelden

Der Sozialpsychiatrische Dienst (SPD) in Königsfelden war eine wichtige Übergangseinrichtung, die im Nachgang der 68er-Bewegung und der demokratischen Psychiatriereform von Franco Basaglia entstand. Seine geplante Gründung war bereits 1971 in der Spitalkonzeption für den Kanton Aargau enthalten, die der freisinnige Gesundheitsdirektor Bruno Hunziker verantwortete. 1974 wurde der SPD zuerst mit einem Wohnheim (später Nachtklinik genannt) und geschützten Werkstätten eröffnet.

Das Hauptziel des SPD war es, die damals 800 Betten zählende Klinik Königsfelden von Langzeitpatienten mit chronischer Psychose zu entlassen. Es ging darum, eine verantwortbare Entlassung zu ermöglichen und dank konsequenter ambulanter Nachbetreuung, unter anderem mit DEPO-Neuroleptika, eine funktionierende Rückfallprophylaxe zu erreichen. Der SPD sollte eine Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Behandlung bilden und entwickelte sich zu einer Nahtstelle.

Als Dr. med. Werner Saameli am 1. Juni 1976 die Leitung des SPD übernahm, bestand der Dienst aus einer Pflegefachfrau und einem Pflegefachmann Psychiatrie, drei Werkstattleitern, einer Sekretärin, einer Sozialarbeiterin und zwei Assistenzen der ärztlichen Leitung mit Stellvertretung. Später kam eine Drogenberatungsstelle „Kontakt“ in Brugg und eine Tagesklinik hinzu. Der SPD hatte explizit auch die Aufgabe, ein Suchtambulatorium zu führen.

Bereits 1976 führte der SPD in Zusammenarbeit mit dem Kantonshaus und in Anlehnung an Prof. Dr. Dr. Ambros Uchtenhagen vom SPD Zürich Substitutionsbehandlungen mit Methadon bei Heroinabhängigen durch, was damals unter Basler Suchtfachleuten verpönt und in Bern noch nicht etabliert war. Es gab auch eine Zusammenarbeit mit Institutionen des Jugendstrafvollzugs wie Aaburg und Birr sowie der Arbeitskolonie Murimoos.

Der SPD wirkte auch in der Klinik Barmerwaid mit einer halbtägigen kaderärztlichen Präsenz in der psychosomatischen Abteilung. Besonders erwähnenswert ist die 1980 eröffnete Tagesklinik im alten Spital in Königsfelden, die laut Dr. Saameli die erste an einer nichtuniversitären psychiatrischen Institution in der Schweiz war.

Die Arbeitsmethoden in den Übergangseinrichtungen orientierten sich am milieu-therapeutischen, Modellwerk-therapeutischen Gemeinschaftsansatz von Professor Edgar Heim. Maxwell Jones, der Gründer dieses Ansatzes, besuchte den SPD sogar zweimal. Ambulant wurde die systemisch orientierte Therapie unter Verbindung mit dem Institut für Ehe und Familie in Zürich eingeführt.

Die erfolgreiche Arbeit des SPD führte zu Missgunst in anderen Abteilungen der Klinik aufgrund der grossen Gestaltungsfreiheit. Eine katamnestische Studie von Dr. Saamelis damaligem Oberarzt Alfred Ruhoff Ende der 70er Jahre zeigte, dass von 85 im Mittel 50 Jahre alten Patienten, die durchschnittlich 14 Jahre in der Klinik hospitalisiert gewesen waren, 72 zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung ausserhalb der Klinik, mehrheitlich selbstständig wohnhaft und ambulant vom SPD betreut wurden. Drei Fünftel dieser Langzeitpatienten benötigten seit ihrem Austritt aus der Nachtklinik nie mehr eine Rehospitalisation, und 50 gingen einer entschädigten Arbeit nach.

Dr. Saameli erwähnte selbstkritisch, dass im „Furor Rehabilitativus“ manchmal zu forsch vorgegangen wurde und die Entlassung auch für Menschen forciert wurde, die in Königsfelden ihr Zuhause gefunden hatten. Er betonte die Wichtigkeit der Dezentralisation von ambulanten Einrichtungen, was 1981 noch schwierig war. Die konziliarischen Dienstleistungen des SPD waren über den ganzen Kanton verstreut, was die Teilnahme an Programmen wie der Tagesklinik für Patienten ausserhalb der näheren Umgebung erschwerte.

Dank der Initiative von Herrn Siemers konnte der SPD ein revolutionäres berufliches Integrationsprogramm in der freien Wirtschaft bei der Firma Möbel Pfister lancieren, das Langzeitpatienten in Nischenarbeitsplätze eingliederte. Dieses Konzept entsprach dem, was später als „Supported Employment“ bekannt wurde.

Es gab divergierende Vorstellungen über die Zukunft der Psychiatrie im Aargau, insbesondere hinsichtlich der Priorisierung eines zentralen Neubaus für stationäre Behandlungen gegenüber der Dezentralisation ambulanter Dienste. Dr. Saameli kritisierte, dass die Leitung des SPD nicht in das neue Führungsgremium der Klinik aufgenommen wurde. Die damalige Kantonsärztin glaubte, dass die Klinik mit ihrem Pavillonsystem bereits ausreichend dezentralisiert sei. Politische Überlegungen des Regierungsrates, der die Bedeutung des historischen Zentrums von Königsfelden für den Zusammenhalt des Kantons betonte, spielten ebenfalls eine Rolle. Diese unterschiedlichen Ansichten führten schliesslich dazu, dass Dr. Saameli eine Chefarztstelle in Aarau annahm.

Dr. med. Ursula Davatz begann 1980 im SPD zu arbeiten. Sie hatte in Amerika Familientherapie bei Murray Bowen gelernt und konnte diese Expertise im SPD mit den vielen Schizophreniepatienten und ihren Familien einsetzen. Sie betonte die Kostenersparnis durch ambulante Behandlung im Vergleich zur stationären. Nach dem Weggang von Dr. Saameli übernahm Dr. Davatz die Leitung des SPD.

Zu dieser Zeit waren im SPD hauptsächlich Psychiater und Psychiatriepfleger tätig. Dr. Davatz trieb die Sozialpsychiatrie voran und hielt mit ihren Oberärzten Vorträge zum Thema „Psychiatrie im Alltag“, um für die ambulante Psychiatrie zu werben.

Dr. Davatz kritisierte die geplante Klinikneubau für 80 Millionen Franken und setzte sich für die ambulante Versorgung ein. Sie beschrieb die Unterschiede zwischen dem Klinikambulatorium (AMBI) und dem SPD humorvoll: AMBI für „die Guten ins Töpfchen“ und SPD als „Aschenputtel“, das „die Schlechten ins Kröpfchen getan hat“, da der SPD die schwierigeren Fälle wie Schizophrene, Langzeitpatienten und Drogensüchtige betreute.

Die Spezialisierung, Regionalisierung und Professionalisierung in der Psychiatrie nahmen in dieser Zeit ihren Anfang, wobei der SPD eine wichtige Rolle spielte. Hausärzte wie Dr. Roman Vogt hatten anfangs Schwierigkeiten, Patienten an den richtigen Dienst (SPD oder AMBI) zu überweisen.

Später, unter der Leitung von Dr. Urs Fromm (ab 1995), wurde das Einzugsgebiet des EPD (Erwachsenenpsychiatrischer Dienst, der den SPD umfasste) regionalisiert, mit Standorten in Baden, Aarau, Wohlen und im Fricktal. Dr. Davatz übernahm die Leitung in Baden. Die Teams in den Aussenstandorten bestanden aus Sekretärinnen, Assistenzärzten, Sozialarbeitern/Sozialpädagogen und Psychiatriepflegern.

Dr. Davatz betonte abschliessend, dass die Psychiatrie aus ihrer Sicht zu stark im medizinischen Modell verortet ist und plädierte für einen systemischeren Ansatz, der das Umfeld der Patienten einbezieht. Sie sah den Beginn der Psychiatrie bereits in der Schule und forderte mehr Unterstützung für Lehrer.

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Warum ist frühzeitige Unterstützung sinnvoll?

Frühzeitige Unterstützung ist aus verschiedenen Gründen sinnvoll, wie aus den Quellen hervorgeht.

Erstens kann frühzeitige Unterstützung verhindern, dass sich Probleme verschlimmern. Gemäss Dr.med. Ursula Davatz entstehen 50% der psychiatrischen Krankheiten in der Pubertät und 75% bis zum 25. Lebensjahr, was unterstreicht, dass Probleme oft früh beginnen. Wenn man frühzeitig interveniert, kann man möglicherweise schwerwiegendere Folgen verhindern.

Zweitens spielt die Pubertät eine entscheidende Rolle in der Gehirnentwicklung und -vernetzung. In dieser Zeit ist die Interaktion mit dem Umfeld enorm wichtig. Frühzeitige Unterstützung ermöglicht eine positive Beeinflussung dieser Entwicklung und kann helfen, gesunde funktionale Netzwerke im Gehirn zu fördern.

Drittens kann frühzeitige Intervention helfen, die Ursachen von Problemen zu erkennen und anzugehen, anstatt nur Symptome zu behandeln. Dr.med. Ursula Davatz betont, dass hinter aggressivem Verhalten oft eine Verletzung steckt. Frühzeitige Unterstützung kann helfen, diese Verletzungen zu erkennen und zu bearbeiten, bevor sie zu grösseren Schwierigkeiten führen.

Viertens können Kinder und Jugendliche durch frühzeitige Unterstützung bessere Bewältigungsstrategien erlernen. Dies ist besonders wichtig für Kinder mit ADHS/ADS, die lernen müssen, mit ihren Emotionen umzugehen. Frühzeitig erlernte Techniken zur Selbstberuhigung und Konfliktlösung können im späteren Leben von grossem Nutzen sein.

Fünftens kann frühzeitige Intervention das Risiko von Suchtverhalten verringern. Dr.med. Ursula Davatz erklärt, dass Kinder und Jugendliche, die zu Hause keine gesunde Auseinandersetzung lernen, eher zu Suchtmitteln greifen. Eine frühe Förderung der Auseinandersetzung und des Umgangs mit Emotionen kann hier präventiv wirken.

Sechstens kann eine frühzeitige Begleitung von Kindern mit beispielsweise ADHS/ADS helfen, Folgekrankheiten (Komorbiditäten) zu verhindern. Dr.med. Ursula Davatz sieht zusätzliche psychiatrische Diagnosen bei ADHS/ADSlern oft als Folgekrankheiten, die durch frühzeitige und gute Behandlung vermieden werden könnten.

Siebtens ist frühzeitige Unterstützung ökonomisch sinnvoller. Die Kosten für späte Interventionen in der Psychiatrie, Medizin oder im juristischen System sind oft um ein Vielfaches höher als die Investition in frühzeitige systemische Beratung und Unterstützung von Eltern und Kindern.

Achtens ermöglicht frühzeitige Intervention die Unterstützung des gesamten Systems, einschliesslich Familie und Schule. Dr.med. Ursula Davatz betont die Wichtigkeit des systemischen Ansatzes und dass man nicht nur auf das einzelne Kind schauen sollte, sondern auch das Umfeld unterstützen muss.

Neuntens kann frühzeitige Förderung der Sozialkompetenz Mobbing und andere soziale Probleme verhindern. Kinder müssen früh lernen, wie man mit Unterschieden umgeht und ein gutes Sozialverhalten vorlebt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass frühzeitige Unterstützung in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen essenziell ist, um psychische Probleme zu vermeiden oder zu mildern, gesunde Entwicklungsprozesse zu fördern, bessere Bewältigungsstrategien zu erlernen, das Risiko von Suchtverhalten und Folgekrankheiten zu reduzieren und letztendlich Kosten für die Gesellschaft zu sparen. Dr.med. Ursula Davatz plädiert stark dafür, frühzeitig fachkompetente Hilfe zu holen, sei es im Kindergarten oder in der Schule, und den systemischen Ansatz zu verfolgen, um das Kind in seinem gesamten Kontext zu unterstützen.

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Weshalb ist Heterogenität in Gemeinschaften wichtig?

Frau Dr. med. Ursula Davatz betont mehrfach im Gespräch die Wichtigkeit von Heterogenität in Gemeinschaften aus verschiedenen Gründen.

Sie erklärt, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft leben mit unterschiedlichen Wertesystemen. Es ist wichtig zu lernen, wie man mit Andersdenkenden kollektiv umgeht und wie man sich einander nähert, indem man versucht zu dezentrieren und zu verstehen, wie der andere etwas sieht.

Frau Dr. Davatz sagt, dass Kinder nicht moralisch erzogen werden sollten, sondern nach ihren eigenen, individuellen Wertvorstellungen, die nie gleich sind. Sie betont: „Wir dürfen unterschiedlich sein“. Je mehr man sich mit Unterschieden auseinandersetzt, umso mehr lernt man voneinander.

Ganz klar sagt Frau Dr. Davatz: „Heterogene Gemeinschaften überleben besser als homogene“. Homogen bedeute, alle hätten die gleichen Gene, und wenn ein Virus komme, könnten alle aussterben. Im Gegensatz dazu sei Heterogenität, mit einer grossen Diversität, fürs Überleben besser, weil jeder Platz habe.

Zusätzlich erwähnt sie, dass neurodiverse Kinder zwar als Störfaktoren gesehen werden könnten, aber auch wie ein Ferment oder ein Katalysator wirken könnten. Jedes störende Kind sei eine Chance für die Entwicklung des ganzen Kollektivs. Man müsse flexibel genug sein, um aus der Störung etwas zu machen.

Zusammenfassend ist Heterogenität in Gemeinschaften wichtig, weil:

  • Sie das Überleben der Gemeinschaft sichert, indem sie die Resistenz gegenüber Ereignissen wie Krankheiten erhöht.
  • Sie das Lernen und die Weiterentwicklung fördert, indem man sich mit verschiedenen Perspektiven und Wertvorstellungen auseinandersetzt.
  • Sie Platz für Individualität und Unterschiedlichkeit bietet, was wichtig ist, weil nicht alle gleich sind.
  • Sogar Störungen, die von heterogenen Elementen ausgehen können, Chancen für Entwicklung und kreative Lösungen bieten.

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Wie verändern sich Wertvorstellungen in der Erziehung?

Dr. med. Ursula Davatz spricht in einem Workshop über die Veränderung von Wertvorstellungen in der Erziehung an verschiedenen Stellen im Gespräch an.

Sie erklärt, dass die Erziehung in der Familie dazu dient, die Tradition der Familie aufrechtzuerhalten. Die Wertvorstellungen und wie man diese weitergibt, sind vielfältig. Das kann durch Belohnung, Bestrafung oder durch das Vorbild geschehen, wobei das Vorbild etwas sehr Wichtiges ist. Früher sei der Lehrer die Person gewesen, die alles gewusst habe, aber heute könne man sich das gesamte Wissen im Internet holen. Dies deutet darauf hin, dass sich der Wert von reinem Wissen, das von Autoritätspersonen vermittelt wird, verändert hat. Wissen ist heute nicht mehr so wichtig, da man ja alles googeln kann.

Frau Dr. Davatz betont, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft leben mit 30% Ausländern in der Schweiz und vielen multikulturellen Heiraten. Das führt dazu, dass verschiedene Erziehungsmodi zusammenkommen, die sich gegenseitig bekämpfen oder ergänzen können. Verschiedene Kulturen bringen auch verschiedene Wertesysteme mit sich. Die Schweiz ist stark geprägt von der christlichen Kultur, aber mit dem Aufeinandertreffen anderer Kulturen könne es schnell zu Streit kommen. Es ist wichtig zu lernen, wie man mit Andersdenkenden kollektiv umgeht und wie man sich einander nähern kann, indem man versucht zu dezentrieren und zu verstehen, wie der andere etwas sieht.

Frau Dr. Davatz sagt, man solle das Kind nicht moralisch erziehen, sondern nach seinen eigenen Wertvorstellungen, die individuell sind und nie gleich. Wir dürfen unterschiedlich sein. Je mehr man sich mit Unterschieden auseinandersetzt, umso mehr lernt man voneinander. Heterogene Gemeinschaften überleben besser als homogene.

Sie kritisiert die Tendenz, Kinder und Jugendliche sich selbst zu überlassen, indem man ihnen Lernpläne gibt und erwartet, dass sie alles selbstständig erarbeiten, oft über Internetportale. Dadurch geht der persönliche Kontakt verloren, was zu Hilflosigkeit bei jungen Menschen führen kann. Es wird nur auf den IQ geschaut, während der EQ (emotionale Intelligenz) vernachlässigt wird. Das emotionale Lernen wird grob vernachlässigt.

Zusammenfassend verändern sich die Wertvorstellungen in der Erziehung unter dem Einfluss von multikulturellen Gesellschaften, dem Wandel des Wissens, das heute leichter zugänglich ist, und einem größeren Fokus auf Individualität und die Akzeptanz von Unterschieden. Gleichzeitig wird aber auch kritisiert, dass emotionale und soziale Werte im Vergleich zu reiner Wissensvermittlung und individueller Leistung eher vernachlässigt werden. Frau Dr. Davatz plädiert für eine Rückbesinnung auf gutes Sozialverhalten und die Pflege von Beziehungen als zentrale Werte in der Erziehung. Es ist wichtig, Regeln im Schulalltag mit Herz zu vertreten und den Fokus auf Austausch und Lösungen statt auf Täter und Opfer zu legen.

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Wie können Schulen das soziale Lernen besser fördern?

Dr. med. Ursula Davatz spricht im vorliegenden Workshop einige Aspekte an, die Schulen berücksichtigen könnten, um das soziale Lernen von Kindern und Jugendlichen besser zu fördern.

  • Es ist wichtig, Sozialkompetenzen bereits im Kindergarten und in der Schule zu vermitteln. Dazu gehören Fähigkeiten wie Kooperation, Anpassungsfähigkeit und die Integration in die Gesellschaft.
  • Das Konzept der „Friedensbrücke„, das bereits im Kindergarten gelehrt wird, ist ein Beispiel für frühes soziales Lernen im Umgang mit Konflikten. Es ist entscheidend, Konflikte sorgfältiger zu betrachten und auf bilateraler Ebene zu bearbeiten, anstatt sie mit einer einfachen Entschuldigung abzutun.
  • Schulen könnten das System des „Peacemaker“ einführen, bei dem Kinder lernen, Konflikte untereinander zu schlichten und so Erfahrungen sammeln können. Dieses System und die „Friedensbrücke“ werden in einigen Schulen bereits ab dem Kindergarten angewendet.
  • Dr. Davatz betont, dass Kinder lernen müssen, zusammenzuarbeiten. Im Gegensatz zu individuellem Leistungsdruck und Wettbewerb sollte die Kooperation innerhalb des gesamten Kollektivs gefördert werden.
  • Mobbing sollte als Gruppenprozess betrachtet werden, der alle Gruppenmitglieder betrifft, nicht nur Täter und Opfer. Das soziale Lernen ist entscheidend, um Ungleichheiten zu bearbeiten, die zu Mobbing führen.
  • Lehrpersonen benötigen mehr Unterstützung und Begleitung in ihrer anspruchsvollen Arbeit. Es wäre hilfreich, wenn sie sich mit Kollegen oder Fachpersonen austauschen und frühzeitig Hilfe holen könnten. Das „Vier-Augen-Prinzip“ kann dabei unterstützen.
  • Anstatt sich nur auf das einzelne Kind zu konzentrieren, sollte das Umfeld unterstützt werden.
  • Neben dem IQ (intellektuelle Fähigkeit) sollte auch der EQ (emotionale Intelligenz) beachtet und gefördert werden.
  • Dr. Davatz erwähnt, dass beim Spielen mehr gelernt wird.
  • Es ist wichtig, eine angenehme Lernatmosphäre zu schaffen, in der sich alle wohlfühlen und die Gruppendynamik so gesteuert wird, dass alle ihren Platz finden. Wenn sich ein Kind in der Gruppe nicht wohlfühlt, kann es sich nicht entfalten.
  • Lehrpersonen sollten sich nicht scheuen, frühzeitig fachkompetente Hilfe zu suchen, bereits im Kindergarten.

Indem Schulen diesen Aspekten vermehrt Aufmerksamkeit schenken und entsprechende Programme und Interventionen implementieren, können sie das soziale Lernen von Kindern und Jugendlichen maßgeblich verbessern. Es ist wichtig, dass Regeln im Schulalltag mit Herz vertreten werden und der Fokus auf Austausch und Lösungen statt auf Täter und Opfer gelegt wird.

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Emotionales Lernen

Die Zunahme psychisch kranker Jugendlicher und die Frage, was hier schiefläuft, sind zentrale Themen im heutigen Workshop von Dr. med. Ursula Davatz. Die Jugendpsychiatrie sei völlig überfordert. Dr. Davatz deutet an, dass es der Jugend nicht so gut gehe.

Ein wichtiger Aspekt, den Dr. Davatz anspricht, ist die Bedeutung von Beziehungen und Interaktion für die gesunde Entwicklung junger Menschen. Sie betont, dass nichts die persönliche Beziehung ersetzen könne. Wenn Kinder und Jugendliche zu viel Zeit mit Mobiltelefonen verbringen, gehe die wichtige Vernetzung im Gehirn verloren, die im Austausch mit anderen Menschen stattfindet. Dies könne dazu führen, dass emotionale und soziale Kompetenzen vernachlässigt werden.

Dr. Davatz sieht eine Gefahr in der Tendenz, Kinder und Jugendliche sich selbst zu überlassen, indem man ihnen Lernpläne gibt und erwartet, dass sie alles selbstständig erarbeiten, oft über Internetportale. Dadurch gehe der persönliche Kontakt und die aktive Begleitung verloren, was zu einer gewissen Hilflosigkeit bei jungen Menschen führen könne. Es sei eine Verantwortungslosigkeit, wenn man sage, dass sich Jugendliche alles im Internet holen könnten und man nur noch Befehle über den Computer gebe. Dies führe zu einer Vernachlässigung der Jugend, wenn man sie einfach an Computer setze, da die menschliche Beziehung, die Interaktion und das gemeinsame Lernen fehlten.

Ein weiterer Punkt ist die Vernachlässigung des emotionalen Lernens. Oft werde nur auf den IQ geschaut, während der EQ (emotionale Intelligenz) ebenfalls beachtet werden sollte. Im Umgang mit Konflikten beobachtet Dr. Davatz, dass oft keine sorgfältige Konfliktbewältigung stattfindet, sondern Konflikte einfach mit einer Entschuldigung abgetan werden. Sie plädiert für eine sorgfältigere Betrachtung und Bearbeitung von Konflikten auf bilateraler Ebene.

Dr. Davatz betont die Wichtigkeit, frühzeitig mit der Erziehung zu beginnen. Wenn man wolle, dass es in der Pubertät nicht schieflaufe, müsse man früh intervenieren. Bei Kindern mit ADHS/ADS sei ein sorgfältigeres Zuhören und ein Verlangsamen im Umgang notwendig. Generell sei es wichtig, Kinder beim Lernen sorgfältig zu begleiten, anstatt einfach nur „nein“ zu sagen.

Zudem kritisiert Dr. Davatz die gesellschaftliche Tendenz zur Spezialisierung und die Vernachlässigung des „Breiten“. Sie sieht in der fehlenden Förderung von Sozialkompetenz im Kindergarten, in der Schule und in der Familie ein Problem. Es gebe heute zu viel soziale Kompetition und zu wenig Förderung von gutem Sozialverhalten.

Abschliessend betont Dr. Davatz die Notwendigkeit, Beziehungen zu pflegen. Die Sorgfalt gegenüber der Beziehung und die Zeit für die Beziehung seien entscheidend. Im Tagesgeschäft fehle oft die Zeit dafür, was sich negativ auswirken könne. Sie plädiert dafür, die persönliche Beziehung als immer noch interessanter als mobile Geräte zu sehen.

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Wie verändert sich das Gehirn in der Pubertät?

In der Pubertät verändert sich das Gehirn in einer sehr wichtigen Entwicklungsphase. Dr. Davatz erklärt, dass das Gehirn in dieser Zeit neu vernetzt wird. Dieser Prozess wird als Synaptic Pruning bezeichnet. Dabei werden viele angelegte Netzwerke abgebaut und es entstehen neue, funktionale Netzwerke, die mit Autobahnen verglichen werden können.

Aus diesem Grund spielt die Interaktion mit dem Umfeld in der Pubertät eine riesige Rolle. Jean Piaget hat das Konzept des Dezentrierens entwickelt, welches besagt, dass man in der Pubertät lernen kann, verschiedene Perspektiven zu verstehen. Laut Piaget lernen 60% der Jugendlichen in der Pubertät zu dezentrieren, während 40% dies nie lernen. Jemand, der nie richtig dezentrieren gelernt hat, kann auch nicht richtig zusammenarbeiten. Es ist also eine Zeit, in der die Fähigkeit zur Zusammenarbeit und zum Perspektivenwechsel massgeblich geprägt wird.

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Weshalb ist Vernetzung in der Erziehung wichtig?

Die Vernetzung ist in der Erziehung aus mehreren zentralen Gründen von grosser Bedeutung, wie Dr. med. Ursula Davatz in den Quellen betont.

  • Entwicklung des Gehirns: In der Pubertät spielt die Interaktion mit dem Umfeld eine riesige Rolle für die Neuvernetzung des Gehirns, das sogenannte Synaptic Pruning, bei dem funktionale Netzwerke entstehen. Dr. Davatz plädiert generell in der Erziehung sehr stark für die Vernetzung. Sie hebt hervor, dass beim Austausch zwischen Menschen eine riesige Vernetzung im Gehirn stattfindet, im Gegensatz zur Beschäftigung mit einem Mobiltelefon, wo nur wenige Netzwerke aktiv sind. Diese Vernetzung geht verloren, wenn Kinder nur noch mit Mobiltelefonen unterwegs sind.
  • Soziales Lernen und Kooperation: Kinder müssen lernen, sich durchzusetzen, anzupassen und vor allem zu kooperieren. Dr. Davatz betont, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und Zusammenarbeit unerlässlich ist. Schlechte Zusammenarbeit wird oft beobachtet. In der Schule und im Umgang miteinander muss zusammengearbeitet werden.
  • Emotionale und soziale Entwicklung durch Beziehungen: Nichts kann die persönliche Beziehung ersetzen. Dr. Davatz betont die Wichtigkeit der menschlichen Beziehung, der persönlichen Beziehung, der Interaktion und des gemeinsamen Lernens, die verloren gehen, wenn Kinder nur an Computer gesetzt werden. In der Beziehung läuft das emotionale Lernen ab, welches grob vernachlässigt wird, obwohl neben dem IQ auch der EQ (emotionale Intelligenz) beachtet werden sollte. Eine Beziehung entsteht über Kontakt schaffen, und dies geschieht auch über Musik, die emotional wirkt. Das limbische System, unser Beziehungshirn, schafft Beziehungen immer über das Gefühl.
  • Lernen und Wissenserwerb im Austausch: Dr. Davatz stellt fest, dass Wissen heute nicht mehr so wichtig ist, da man alles googeln kann. Entscheidend ist, was man mit dem Wissen macht und wie einem das Wissen gegeben wird. Lernen von einer Person beinhaltet immer auch einen Austausch, einen emotionalen Austausch, was beim Lernen von künstlicher Intelligenz fehlt. Man lernt mit dem Lehrer und auch für den Lehrer. Das Wissen miteinander erarbeiten, austauschen und vergleichen macht den Menschen aus.
  • Bedeutung von Beziehungen in der Schule: Lehrer müssen Kontakt zur Gruppe schaffen, idealerweise über emotionale und interessante Inhalte. Die persönliche Beziehung zwischen Lehrer und Schüler kann durch nichts ersetzt werden. Es braucht eine Lernatmosphäre, in der sich alle wohlfühlen können, und die Dynamiken müssen so gesteuert werden, dass alle ihren Platz haben.
  • Vernetzung im Umgang mit Konflikten: Konflikte müssen auf bilateraler Ebene angeschaut und bearbeitet werden, nicht nur mit einer einfachen Entschuldigung. Dr. Davatz betont die Wichtigkeit der Vermittlung in Konflikten, auch zwischen Eltern und Lehrern.

Zusammenfassend ist Vernetzung in der Erziehung essenziell für die ganzheitliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Sie fördert die Gehirnentwicklung, das soziale und emotionale Lernen, den Wissenserwerb im Austausch und die Fähigkeit zur Kooperation und Konfliktbewältigung. Die persönliche Beziehung und Interaktion sind durch digitale Medien nicht zu ersetzen und bilden die Grundlage für eine gesunde Entwicklung. Dr. Davatz warnt vor einer Vernachlässigung dieser menschlichen Beziehungen im Zeitalter der Digitalisierung.

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