Dr.med. Ursula Davatz‘ Modell der emotionalen „Monsterwellen“ beschreibt einen zentralen Mechanismus in der Entwicklung von psychotischen Episoden, insbesondere bei Menschen mit einer genetischen Prädisposition für AD(H)D. Das Modell geht davon aus, dass sich über Generationen hinweg emotionale Spannungen in Familien aufbauen und sich schliesslich in Form von „Monsterwellen“ entladen.
Hier sind die Schlüsselelemente des Modells:
- Genetische Veranlagung:
- Davatz postuliert, dass AD(H)D die genetische Grundlage für verschiedene psychische Erkrankungen, einschliesslich Schizophrenie, darstellt.
- Kinder mit AD(H)D sind besonders sensitiv für Emotionen innerhalb ihrer Familie.
- Sie reagieren stark und impulsiv auf elterlichen Stress.
- Familiäre Dynamiken:
- Pathogene Familienstrukturen und ungünstige Interaktionen mit der Familie und dem Bildungsumfeld spielen eine entscheidende Rolle.
- Emotionale Spannungen in der Familie bauen sich über Generationen auf.
- Unaufgelöste Konflikte, Tabus und Geheimnisse tragen zur Entwicklung von chronischem Stress bei.
- Stressvolle Kommunikationsstile wie „High Expressed Emotions (EE)“ erhöhen das Rückfallrisiko.
- Mütter mit überaktiver verbaler Kommunikation unter Stress sind ein häufiges Muster in Familien mit Schizophrenie.
- Paternaler Rückzug und mangelnde Struktur verschärfen die Situation für emotional sensible Kinder.
- Elterliche Ambivalenz, sowie die Verhinderung der Autonomiebestrebungen der Jugendlichen, spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Psychosen.
- Entstehung der „Monsterwelle“:
- In der Ablösungsphase der Pubertät, insbesondere unter stressigen Bedingungen, entwickeln Kinder mit AD(H)D „tsunamiartige Monsterwellen“ von Emotionen.
- Diese emotionalen Wellen überfordern ihre Anpassungsfähigkeit.
- Die anhaltende emotionale Überlastung führt zu einem Zusammenbruch der kognitiven Funktionen.
- Das limbische System wird überstimuliert, was zu Angstzuständen, Hypervigilanz, Schlaflosigkeit und motorischer Unruhe führt.
- Die emotionale Anspannung aktiviert den primitiven Teil des Gehirns (Reptilienhirn), was zur Entwicklung zwanghafter, ritualisierter Verhaltensweisen führt, die als Schutzmechanismus dienen.
- Das übermässige Denken und die Gedankenflut, die während einer Monsterwelle auftreten, werden durch den Einfluss des limbischen Systems auf den präfrontalen Kortex ausgelöst.
- Die Rolle des Gehirns:
- Das Gehirn wird als ein soziales Organ betrachtet, das sich ständig an seine Umgebung anpasst.
- Die chronische Überfunktion des Gehirns aufgrund emotionaler Belastung kann zu Dysfunktion und akuter Psychose führen.
- Psychotische Symptome als Anpassungsstrategie:
- Die Psychose wird als eine Art „Notbremse“ gesehen, um dem emotionalen Chaos und der Überlastung zu entkommen.
- Wahnvorstellungen, Halluzinationen und andere psychotische Symptome werden als kreative Selbsttäuschungen und als Versuche des Gehirns betrachtet, das emotionale Gleichgewicht wiederherzustellen.
- Delusionen können als Versuche gesehen werden, familiäre Geheimnisse und Tabus zu verbergen.
- Die Betroffenen versuchen, durch ihre Delusionen familiäre Konflikte zu kompensieren oder ein Pseudo-Selbstbild aufrechtzuerhalten.
- Delirien werden als kognitive Problemlösungsstrategien gesehen, die von der Realität losgelöst sind.
- Halluzinationen wie das Hören von Stimmen können in bestimmten Hirnbereichen als eine Reaktion des Gehirns auf innere Konflikte verstanden werden.
- Bedeutung für die Therapie:
- Das Modell der Monsterwellen verdeutlicht die Bedeutung einer systemischen und emotional orientierten Therapie.
- Die Therapie sollte sich auf die Reduzierung der emotionalen Spannungen in der Familie konzentrieren.
- Es geht nicht darum, die Symptome zu bekämpfen, sondern darum, die zugrundeliegenden emotionalen und systemischen Probleme zu lösen.
- Es ist wichtig, dass Therapeuten den Patienten dabei unterstützen, neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln, um mit ihren starken Emotionen umzugehen.
- Die Therapie kann durch biografisches Arbeiten und die Aufarbeitung von Familientraumata unterstützt werden.
- Ein achtsamer Umgang mit Medikamenten ist essenziell und sie sollten immer nur als eine unterstützende Massnahme dienen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Davatz‘ Modell der emotionalen „Monsterwellen“ einen komplexen Zusammenhang zwischen genetischer Veranlagung, familiären Dynamiken, emotionaler Überlastung und dem Auftreten von Psychosen beschreibt. Es betont die Bedeutung einer systemischen Perspektive und einer Therapie, die auf die Reduzierung von emotionalen Spannungen abzielt, anstatt sich nur auf die Symptome zu konzentrieren. Es stellt die zentrale Rolle der Familie im Entstehungsprozess von Schizophrenie heraus und betrachtet psychotische Symptome als Anpassungsversuche des Gehirns, um mit emotionalen Überlastungen umzugehen.
https://books.apple.com/us/book/ad-h-d-and-schizophrenia/id1451739789
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