Gemäss Dr.med. Ursula Davatz spielen Familiensysteme eine zentrale Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf von Schizophrenie. Sie geht davon aus, dass Schizophrenie nicht nur eine individuelle Erkrankung ist, sondern vielmehr das Resultat von intergenerationellen Verstrickungen und dysfunktionalen Mustern innerhalb des Familiensystems. Ihre These besagt, dass eine genetische Prädisposition zu AD(H)D in Verbindung mit ungünstigen familiären Interaktionen zur Entwicklung von Schizophrenie führt.
Hier sind die wichtigsten Aspekte der Rolle von Familiensystemen, wie sie Davatz beschreibt:
- Emotionale Monsterwellen: Davatz verwendet das Bild einer emotionalen Monsterwelle, die sich über Generationen in bestimmten Familien aufbaut und schliesslich bei einem besonders vulnerablen Mitglied zum Ausbruch einer Psychose führt. Diese Wellen entstehen durch unterdrückte Konflikte, unerfüllte Erwartungen und ungelöste Probleme innerhalb des Familiensystems.
- AD(H)D als Vulnerabilitätsfaktor: AD(H)D wird als genetischer Risikofaktor betrachtet, der zu einer erhöhten Sensibilität und Anfälligkeit für Stress führt. Kinder mit AD(H)D absorbieren den Stress des Familiensystems und reagieren stark auf elterliche Belastungen. Die Wechselwirkung mit der sozialen Umgebung und dem AD(H)D-Genotyp ist entscheidend für die Entwicklung verschiedener psychischer Erkrankungen.
- Dysfunktionale Beziehungsmuster: In Familien mit Schizophrenie herrschen oft dysfunktionale Beziehungsmuster, wie z.B.:
- Triangulierung: Kinder werden in die Konflikte der Eltern hineingezogen und übernehmen eine Vermittlerrolle. Sie sind in einer dreieckigen Beziehung gefangen, die ihre emotionale Reifung behindert.
- Pseudo-Mutalität: Eltern täuschen Einigkeit vor, während unter der Oberfläche verborgene Konflikte schwelen.
- Doppelbindung: Kinder erhalten widersprüchliche Botschaften, die sie in einen emotionalen und kognitiven Konflikt stürzen.
- Stressreiche Kommunikationsstile: Es werden indirekte, ausweichende und mystifizierende Kommunikationsmuster beobachtet. Negative Emotionen werden nicht offen geäussert und Konflikte werden vermieden oder verleugnet.
- Widersprüchliche Erziehungsstile: Inkonsistente oder gegensätzliche Erziehungsansätze von Vater und Mutter führen zu Verwirrung und Loyalitätskonflikten beim Kind.
- Paternal Inkompetenz: Väter ziehen sich oft aus der Familie zurück und übernehmen keine Verantwortung. Sie sind passiv und unentschlossen in Konfliktsituationen.
- Mütterliche Überinvolvierung: Mütter neigen zu übermässiger Fürsorge und können die Loslösung des Kindes behindern.
- Funktionalisierung des Patienten: Das Kind mit Schizophrenie wird oft zu einem funktionalisierten Mitglied des Familiensystems. Es übernimmt die Rolle des „Sündenbocks“ oder „besessenen Diplomaten“ und versucht, die Spannungen und Konflikte innerhalb der Familie zu managen oder abzulenken. Diese Rolle hindert das Kind daran, sich zu individuiert und ein unabhängiges Leben zu führen.
- Verhinderung der Ablösung: Konflikte im Familiensystem, insbesondere während der Pubertät, verhindern den Ablösungsprozess des Jugendlichen von der Familie. Die Betroffenen bleiben in ihrer funktionalen Rolle gefangen und können sich nicht zu eigenständigen Erwachsenen entwickeln.
- Verdeckung von Konflikten: Die Erkrankung eines Familienmitglieds dient oft dazu, elterliche Konflikte zu verdecken oder eine Trennung zu verhindern. Die Symptome des Patienten werden als Ablenkung genutzt, um tieferliegende Probleme im Familiensystem nicht ansprechen zu müssen.
- Intergenerationale Übertragung: Unerledigte Themen und Konflikte der Eltern aus ihren eigenen Familien werden an die nächste Generation weitergegeben. Dadurch entstehen wiederholende Muster, die die Entwicklung von Schizophrenie begünstigen.
- Anpassungsleistung: Die Symptome der Schizophrenie, wie Wahnvorstellungen und Halluzinationen, werden als kreative Versuche zur Bewältigung einer schmerzhaften Realität betrachtet. Sie dienen dazu, die Familie zusammenzuhalten und die Geheimnisse und Tabus des Systems zu schützen.
- Therapeutische Implikationen: Davatz betont die Bedeutung der systemischen Therapie, die das gesamte Familiensystem in die Behandlung einbezieht. Die Eltern werden als Ressource betrachtet und ermutigt, ihre eigenen Themen und Beziehungskonflikte zu reflektieren. Die therapeutische Intervention zielt darauf ab, die dysfunktionalen Muster zu durchbrechen und den Patienten von seiner funktionalen Rolle zu befreien.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass laut Davatz das Familiensystem eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Schizophrenie spielt. Sie sieht die Erkrankung als Ausdruck von systemischen Ungleichgewichten, unterdrückten Konflikten und dysfunktionalen Beziehungsmustern, die über Generationen weitergegeben werden. Die Therapie konzentriert sich daher nicht nur auf den Patienten, sondern auf die Veränderung des gesamten Familiensystems.
https://books.apple.com/us/book/ad-h-d-and-schizophrenia/id1451739789
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