Teilnahme an medizinischer Forschung bei AD(H)S-Betroffenen

Ablauf: Für die Teilnahme am Forschungsprojekt erhalten Sie bei Ihrer nächsten Konsultation vier projektspezifische Fragebögen, in denen Sie nach Ihren ADHS-Symptomen und Ihrem sozialen Umfeld sowie auch Ihrer Lebenszufriedenheit gefragt werden.

In einem weiteren Schritt werden Ihnen in der PDAG Rheinfelden, Baslerstrasse 8, 4310 Rheinfelden, eine Blut- oder Speichelprobe entnommen, die wir für die DNA-Isolierung benötigen. Dies wird ca. 10 Min. in Anspruch nehmen.

Falls Sie interessiert sind, an dieser Studie teilzunehmn, wird Ihnen Frau Dr. Davatz bei Ihrer nächsten Konsultation die wichtigsten Punkte erklären und Ihre Fragen beantworten.

Wir freuen uns auf möglichst viele Teilnehmer an dieser Studie.

Forschungsansätze zur Verbesserung der psychiatrischen Behandlung

Dr.med. Ursula Davatz verfolgt konkrete Forschungsansätze, die darauf abzielen, die psychiatrische Behandlung zu verbessern, indem sie sich von dem vorherrschenden medizinischen Modell entfernt und die Erkenntnisse der Soziobiologie und der Systemischen Therapie integriert.

1. Integration soziobiologischer Erkenntnisse:

Davatz plädiert dafür, die psychiatrische Forschung stärker an die Soziobiologie anzubinden. Sie ist der Ansicht, dass die Beobachtung von Tieren in ihrem natürlichen Lebensraum uns helfen kann, menschliches Verhalten objektiver zu betrachten und von kulturellen Vorurteilen zu abstrahieren. Die Erkenntnisse der Soziobiologie, die sich auf die Beobachtung von Tieren stützt, können wertvolle Einsichten in die biologischen Grundlagen menschlichen Verhaltens liefern und so zu einem besseren Verständnis der Krankheitsentstehung beitragen.

2. Systematische Erfassung von sozialen Daten:

Davatz fordert eine sorgfältige Erfassung von sozialen Daten, die die Interaktion des Individuums mit seinem sozialen Umfeld detailliert festhalten. Sie ist der Meinung, dass das soziale Umfeld einen entscheidenden Einfluss auf die psychische Gesundheit hat und die Entstehung von psychischen Erkrankungen begünstigen oder verhindern kann. Die systematische Erfassung dieser Daten soll dazu beitragen, die Krankheitsgenese besser zu verstehen und effizientere therapeutische Interventionen abzuleiten.

3. Fokus auf die Interaktion mit dem sozialen Umfeld:

Dr.med. Ursula Davatz betont, dass therapeutische Interventionen immer auf der zwischenmenschlichen Ebene stattfinden und nur in der Beziehung Veränderungen möglich sind. Sie sieht den Menschen als soziales Wesen, dessen Verhalten und psychische Gesundheit massgeblich von seinen Beziehungen zu anderen Menschen geprägt wird. Daher sollten therapeutische Ansätze nicht nur auf das Individuum, sondern auf das gesamte soziale Umfeld des Patienten fokussieren.

4. ADHS-Forschung und Datenbank:

Ein konkretes Beispiel für Dr.med. Ursula Davatz‘ Forschungsansatz ist ihr Vorhaben, eine Datenbank für ADHS-Betroffene zu erstellen. Anhand von Fragebögen, die an die Betroffenen selbst und ihre Eltern geschickt werden sollen, will sie Daten über Erziehungsstile und deren Auswirkungen auf die Ausprägung von ADHS sammeln und analysieren. Ziel ist es herauszufinden, welche Erziehungsstile für Kinder mit ADHS förderlich und welche eher schädlich sind. Dieses Projekt verdeutlicht Davatz‘ Fokus auf die Wechselwirkungen zwischen genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren und die Bedeutung des sozialen Umfelds für die psychische Gesundheit.

5. Systemische Therapie:

Davatz sieht die Systemische Therapie als einen vielversprechenden Ansatz, der den sozialen Kontext des Patienten berücksichtigt. Diese Therapieform betrachtet den Patienten als Teil eines Systems, beispielsweise seiner Familie oder seines sozialen Umfelds, und versucht, Veränderungen im gesamten System zu bewirken. Der Fokus liegt dabei nicht auf der Bekämpfung von Symptomen, sondern auf der Stärkung der Ressourcen und der Verbesserung der Interaktionen innerhalb des Systems.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Davatz‘ Forschungsansätze darauf abzielen, die psychiatrische Behandlung zu verbessern, indem sie die biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren des menschlichen Verhaltens in ihrer Gesamtheit berücksichtigt. Sie plädiert für eine stärkere Integration der Soziobiologie in die Psychiatrie und betont die Bedeutung des sozialen Umfelds für die Entstehung und Behandlung psychischer Erkrankungen.

https://ganglion.ch/pdf/6_Regierungsraete.pdf

Kritik an der Einseitigkeit der aktuellen ADHS/ADS-Forschung

Dr.med. Ursula Davatz betrachtet die aktuelle ADHS/ADS-Forschung mit einem kritischen Auge. Sie erkennt zwar den Wert der Erkenntnisse in der Genetik und Neurobiologie an, bemängelt aber die starke Fokussierung auf die biologischen Aspekte von ADHS/ADS. Ihrer Ansicht nach vernachlässigt diese Einseitigkeit die Bedeutung der Umweltfaktoren, insbesondere die Rolle der Familie und Erziehung, bei der Entstehung und dem Verlauf der Störung.

Die wichtigsten Kritikpunkte von Dr. Davatz:

  • Verengter Blick auf Genetik und Hirnfunktion: Dr. Davatz stimmt zwar zu, dass ADHS/ADS eine genetische Grundlage hat und mit Veränderungen in der Hirnfunktion einhergeht, aber sie betont, dass dies nur ein Teil des Gesamtbildes ist. Sie kritisiert die Tendenz in der aktuellen Forschung, die Ursachen von ADHS/ADS ausschliesslich in den Genen und der Hirnaktivität zu suchen und dabei die Wechselwirkung mit der Umwelt zu ignorieren.
  • Vernachlässigung des systemischen Kontexts: Aus ihrer systemischen Perspektive betrachtet Dr. Davatz ADHS/ADS als ein Phänomen, das sich im Zusammenspiel von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren entwickelt. Die Familie, die Erziehung, die Schule und die Gesellschaft spielen eine entscheidende Rolle dabei, ob sich die genetische Veranlagung zu ADHS/ADS im Verhalten manifestiert und welche Folgen dies für die betroffene Person hat.
  • Konzept der „Passung“: Dr. Davatz verwendet den Begriff der „Passung“, um die Interaktion zwischen dem Kind mit ADHS/ADS und seiner Umwelt zu beschreiben. Eine gute Passung zwischen dem Temperament des Kindes und den Erziehungsmethoden, dem Schulsystem und den gesellschaftlichen Anforderungen kann dazu führen, dass das Kind seine Stärken entfalten kann, auch wenn es in bestimmten Bereichen Schwierigkeiten hat. Eine schlechte Passung hingegen, z.B. durch übermässig strenge Erziehung oder ein unflexibles Schulsystem, kann die Entwicklung von psychischen Problemen und Folgeerkrankungen begünstigen.

Dr. Davatz plädiert für einen integrativen Ansatz in der ADHS/ADS-Forschung und -Behandlung:

  • Berücksichtigung des Familiensystems: Dr. Davatz betont die Wichtigkeit, die Familiendynamik und die Erziehungspraktiken in die Diagnostik und Therapie von ADHS/ADS einzubeziehen. Sie nutzt Genogramme, um die Familienstruktur und die Geschichte der Familie über mehrere Generationen zu erfassen und so die Entstehungsmuster von ADHS/ADS und anderen psychischen Erkrankungen besser zu verstehen.
  • Individuelle „Passung“ im Vordergrund: Statt auf standardisierte Behandlungsprotokolle zu setzen, sollte die Therapie individuell auf die Bedürfnisse des Kindes und seiner Familie abgestimmt sein. Es gilt, die „Passung“ zwischen Kind und Umwelt zu optimieren, um die Entwicklung des Kindes positiv zu beeinflussen.
  • Anerkennung der Heterogenität von ADHS/ADS: Dr. Davatz betont, dass ADHS/ADS keine einheitliche Störung ist, sondern sich in vielfältigen Formen manifestieren kann. Sowohl die Ausprägung der Symptome als auch der Verlauf der Störung sind individuell unterschiedlich und hängen von den jeweiligen Umweltfaktoren ab.

Zusammenfassung:

Dr.med. Ursula Davatz sieht die aktuelle ADHS/ADS-Forschung als zu einseitig an, da sie die biologischen Aspekte überbetont und die Bedeutung der Umweltfaktoren vernachlässigt. Sie plädiert für einen integrativen Ansatz, der genetische Veranlagung, Hirnfunktion, Familiensystem, Erziehung und gesellschaftliche Einflüsse gleichermassen berücksichtigt. Ihr Ziel ist es, die individuellen Bedürfnisse von Menschen mit ADHS/ADS zu verstehen und ihnen die bestmögliche Unterstützung zu bieten, um ihre Stärken zu entfalten und ein erfülltes Leben zu führen.

https://ganglion.ch/pdf/Vulnerabilitaet_Erziehung_Krankheit.pdf