Psychiatriegeschichte: Ein Blick auf die Entwicklung durch die Linse von Dr.med. Ursula Davatz‘ Arbeit

Die Geschichte der Psychiatrie ist ein komplexes und vielschichtiges Thema, das weit über den Rahmen dieses Gesprächs hinausgeht. Anhand der gegebenen Quellen und unseres bisherigen Gesprächs können wir jedoch einige Aspekte der Psychiatriegeschichte beleuchten, die sich mit Dr. Davatz‘ Arbeit und ihren Ansichten überschneiden. Ein Gespräch mit Prof. Dr.med. Luc Ciompi.

Von der Psychoanalyse zur Familientherapie:

Dr.med. Ursula Davatz‘ beruflicher Werdegang spiegelt einen wichtigen Wandel in der Psychiatriegeschichte wider: den Übergang von der individualzentrierten Psychoanalyse hin zu systemischen Ansätzen wie der Familientherapie.

  • Einfluss von Carl Gustav Jung: Dr. Davatz erzählt, dass ihre Eltern grosses Interesse an Carl Gustav Jung hatten und sie selbst in jungen Jahren seine Bücher las. Jung, ein Schüler Sigmund Freuds, löste sich später von der Psychoanalyse und entwickelte seine eigene Theorie der analytischen Psychologie. Jungs Betonung des Unbewussten, der Archetypen und der spirituellen Dimension des Menschen hatte grossen Einfluss auf die Entwicklung der Psychotherapie.
  • Kritik an Freud: Während ihrer Assistenzzeit in Lausanne las Dr. Davatz auch Sigmund Freud, den Begründer der Psychoanalyse. Sie fand Freuds Theorien zwar „logisch“, aber nicht wirklichkeitsnah. Diese kritische Haltung gegenüber der Psychoanalyse führte sie zur Suche nach alternativen Therapieformen und schliesslich zur Familientherapie.
  • Pioniere der Familientherapie: In den USA lernte Dr. Davatz Murray Bowen kennen, einen der Pioniere der Familientherapie. Bowen entwickelte das Konzept der „emotionalen Systeme“ in Familien und betonte die Bedeutung der Differenzierung innerhalb des Familiensystems. Dr. Davatz übernahm Bowens Ansatz und integrierte ihn in ihre eigene Arbeit.

Vom Psycho-Organischen Syndrom zu ADHS/ADS:

Auch die Geschichte der Diagnose und Behandlung von ADHS/ADS spiegelt sich in Dr. Davatz‘ Ausführungen wider.

  • Psycho-Organisches Syndrom (POS): Dr. Davatz berichtet, dass ADHS/ADS früher als POS oder „Minimal Brain Dysfunction“ bezeichnet wurde. Diese Begriffe deuteten auf eine organische Ursache der Störung hin, also auf eine Fehlfunktion des Gehirns.
  • Verhaltensauffälligkeiten im Fokus: Mit der Zeit verschob sich der Fokus von der organischen Ursache hin zu den Verhaltensauffälligkeiten, die mit der Störung einhergehen. Der Begriff ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) rückte die Aufmerksamkeitsstörung und die Hyperaktivität in den Vordergrund.
  • Schulsystem und gesellschaftliche Normen: Dr. Davatz kritisiert, dass das Schulsystem und die Gesellschaft oft zu homogen ausgerichtet sind und „Andersartigkeit“ nicht ausreichend tolerieren. ADHS/ADS Kinder, so Dr. Davatz, werden oft als „Störenfriede“ wahrgenommen und nicht in ihrer Individualität wertgeschätzt.

Von der Schuldzuweisung zur Integration:

Dr. Davatz‘ Ansatz zur Behandlung von ADHS/ADS und Familien mit schizophrenen Kindern stellt eine Abkehr von der Schuldzuweisung dar, die in der Psychiatriegeschichte lange Zeit verbreitet war.

  • „Schizophrenogene Mutter“: In den 1950er Jahren prägte die Psychoanalytikerin Frieda Fromm-Reichmann den Begriff der „schizophrenogenen Mutter“. Diese Theorie besagte, dass die Mutter durch ihr kaltes und distanziertes Verhalten die Schizophrenie ihres Kindes verursache. Diese Theorie wurde später stark kritisiert und als Schuldzuweisung an die Mütter zurückgewiesen.
  • Systemischer Ansatz und Differenzierung: Dr. Davatz lehnt die Schuldzuweisung kategorisch ab und plädiert stattdessen für einen systemischen Ansatz. Sie betrachtet psychische Störungen nicht als die Schuld eines Einzelnen, sondern als Resultat komplexer Wechselwirkungen innerhalb des Familiensystems. Ihr Konzept der Differenzierung zielt darauf ab, die individuellen Bedürfnisse und Perspektiven aller Familienmitglieder zu verstehen und zu respektieren.

Fazit:

Dr. Davatz‘ Arbeit und ihre Ansichten lassen sich in einen grösseren Kontext der Psychiatriegeschichte einordnen. Sie steht für einen Paradigmenwechsel von der individualzentrierten Psychoanalyse hin zu systemischen Therapieansätzen und von der Schuldzuweisung hin zur Integration und Differenzierung.

https://ganglion.ch/pdf/Vulnerabilitaet_Erziehung_Krankheit.pdf