Laut Dr. med. Ursula Davatz spielt die «soziale Vererbung» eine zentrale Rolle in der Art und Weise, wie wir uns entwickeln und wie wir unsere Beziehungen gestalten. Sie prägt uns genauso stark wie unsere Gene, wenn nicht sogar stärker.
Der Mensch als soziales Wesen:
Davatz betont, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und unser Gehirn als soziales Organ durch Interaktion mit unserer Umgebung lernt und geformt wird. Diese Prägung durch unser Umfeld, insbesondere durch unsere Herkunftsfamilie, bezeichnet sie als «soziale Vererbung».
Weitergabe von Werten, Verhaltensmustern und Erwartungshaltungen:
Die soziale Vererbung umfasst die Weitergabe von:
- Wertvorstellungen: Wir übernehmen implizit die Werte unserer Eltern, indem wir ihr Verhalten beobachten und nachahmen. Dies geschieht oft unbewusst, ohne dass wir es merken.
- Verhaltensmuster: Durch die Erziehung werden uns explizit bestimmte Verhaltensweisen und Regeln vermittelt, die unser Handeln prägen.
- Erwartungshaltungen: Unerfüllte Bedürfnisse aus der Kindheit führen zu Erwartungshaltungen, die wir an Partner und Kinder weitergeben und die unsere Beziehungen beeinflussen.
Mehrgenerationale Weitergabe:
Die soziale Vererbung beschränkt sich nicht nur auf die Weitergabe von einer Generation zur nächsten, sondern kann sich über mehrere Generationen erstrecken. Familiäre Konflikte und ungelöste Probleme können über Generationen hinweg weitergegeben werden und beeinflussen die Dynamik und das Verhalten von Familienmitgliedern.
Einfluss der sozialen Vererbung auf Beziehungen:
Die soziale Vererbung prägt unsere Beziehungen in vielfältiger Weise:
- Partnerwahl: Wir suchen oft unbewusst nach Partnern, die unsere unerfüllten Bedürfnisse aus der Kindheit befriedigen können, was zu wiederholten Enttäuschungen führen kann.
- Beziehungsdynamik: Gelesene Verhaltensmuster und Erwartungshaltungen aus der Herkunftsfamilie beeinflussen unsere Interaktion mit dem Partner und können zu Konflikten führen.
- Erziehungsstil: Wir neigen dazu, unsere eigenen Erziehungserfahrungen zu wiederholen oder zu überkompensieren, was zu Konflikten mit dem Partner führen kann, der möglicherweise andere Vorstellungen hat.
Loyalität und Ablösung:
Davatz hebt hervor, dass wir oft eine starke Loyalität gegenüber unseren Eltern empfinden, selbst wenn deren Werte und Regeln nicht mehr zu unserem Leben passen. Diese Loyalität kann uns daran hindern, uns von alten Mustern zu lösen und unsere eigenen Wege zu gehen.
Möglichkeiten zur Veränderung:
Trotz der starken Prägung durch die soziale Vererbung sieht Davatz Möglichkeiten zur Veränderung:
- Reflexion: Es ist wichtig, sich der eigenen Prägungen und Erwartungshaltungen bewusst zu werden und ihre Ursprünge zu verstehen.
- Kommunikation: Offene Kommunikation mit dem Partner über Bedürfnisse und Erwartungen ist entscheidend, um Konflikte zu vermeiden und Kompromisse zu finden.
- Ablösung: Es ist wichtig, sich von ungesunden Mustern und Loyalitätskonflikten aus der Herkunftsfamilie zu lösen und eigene Werte und Entscheidungen zu treffen.
- Professionelle Unterstützung: Familientherapie und Beratung können helfen, Konflikte zu lösen, neue Verhaltensweisen zu erlernen und einen gesunden Umgang mit den Herausforderungen des Familienlebens zu finden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die «soziale Vererbung» nach Davatz einen tiefgreifenden Einfluss auf unsere Entwicklung und unsere Beziehungen hat. Indem wir uns unserer Prägungen bewusst werden, können wir jedoch lernen, alte Muster zu durchbrechen und neue Wege zu beschreiten.
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