Ein Rückblick auf 60 Jahre Erfahrung, Frau Dr. med. Ursula Davatz.
Donnerstag, 10.4.2014, 18.30, Hauptgebäude, Festsaal, Klinik Königsfelden, Brugg.
Vortrag zum Anhören.
Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
10.4.2014
Schizophrenie, ein Tsunami für Familie und Umgebung.
Audio
[00:00:01.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kommt der Vortrag: Schizophrenie, ein Tsunami für Familie und Umgebung.
[00:00:07.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Gehalten an der Generalversammlung der VASK Aargau am 10. April 2014.
[00:00:18.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Herzlichen Dank für die freundliche Einleitung.
[00:00:22.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dieser grossen Erwartungshaltung ist es immer schwierig. Ich versuche, ihr gerecht
zu sein.
[00:00:29.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begrüsse alle ganz herzlich zu diesem heutigen Vortrag zum Thema: Schizophrenie,
ein Tsunami für Familie und Umgebung.
[00:00:38.510] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Einleitung steht: 60 Jahre Erfahrung mit Familientherapie bei
Schizophreniekranken und ihren Familien.
[00:00:51.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ganz klar, nicht ich habe diese 60 Jahre Erfahrung.
[00:00:54.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz so alt bin ich doch noch nicht.
[00:00:58.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiatrie hat 60 Jahre Erfahrung.
[00:01:02.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gedacht, ich würde ihnen kurz einen Überblick geben, wie es angefangen hat.
[00:01:09.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Einer der Begründer ist mein Lehrer in den USA gewesen: Murray Bowen.
[00:01:11.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Murray Bowen hat wichtige Arbeit gemacht in der Familientherapie bei
Schizophreniekranken.
[00:01:17.659] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Murray_Bowen
[00:01:18.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe bei Murray Bowen drei Jahre gelernt.
[00:01:21.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe bei ihm drei Jahre gelernt.
[00:01:24.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat im Jahr 1955 eine ganze Familie hospitalisiert am NIMH.
[00:01:28.110] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.nimh.nih.gov/
[00:01:29.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das National Institute of Mental Health.
[00:01:35.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat zuerst nur Mutter und Tochter oder die Schizophrenie Patienten hospitalisiert.
[00:01:40.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat er an zweiter Stelle den Vater dazu genommen und dann hat er auch noch die
Geschwister dazu genommen.
[00:01:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist die Aufgabe gewesen mit dieser Familie zu arbeiten. Murray Bowen hat
beobachtet was dort abläuft.
[00:01:52.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Murray Bowen war davor in Topeka an der Menninger Foundation.
[00:01:57.770] – Dr.med. Ursula Davatz
https://en.wikipedia.org/wiki/Menninger_Foundation
[00:02:00.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort hat Murray Bowen schizophreniekranke, junge Erwachsene behandelt.
[00:02:06.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er die jungen Erwachsenen nach Hause geschickt hat, kamen sie danach wieder
verstört zurück.
[00:02:13.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das klingt schlimm. Das klingt nach Schuldzuweisung.
[00:02:16.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum geht es nicht.
[00:02:17.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht um das Verständnis der Schizophreniekrankheit.
[00:02:22.510] – Dr.med. Ursula Davatz
So hat er sich gesagt: da muss etwas ablaufen in der Familie, wo ich nicht wess was
das ist.
[00:02:34.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss ich studieren.
[00:02:34.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat Murray Bowen gesagt: Family as a unit. Die Familie als eine Einheit, ein
Ganzes, ein Organismus, der für sich selber funktioniert. Ich muss schauen, wie dieser
Organismus funktioniert.
[00:02:42.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Auftrag an das Personal war: einfach zu beobachten, alles mit ganz normaler
Sprache beschreiben. Keine alten psychologischen Wörter verwenden. Die sind voll von
Vorurteilen und Konzepten,welche den Blick stören. Die legen einem Scheuklappen an,
damit man dann nicht sieht was ablauft. Das lief von 1955 bis 1958.
[00:02:43.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich das letzte Mal in den USA war, habe ich das Buch mitgenommen, welches das
Ganze beschreibt.
[00:03:25.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist sehr interessant für mich zu sehen, wie damals schon die Sozialarbeiter,
Psychiater, Assistenzärzte, sehr viel Personal das alles gehandhabt haben.
[00:03:35.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das mache ich jetzt alles alleine.
[00:03:36.055] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Fortschritt.
[00:03:35.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Damals hat man das Ganze noch neu studiert.
[00:03:36.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Seit ich mich dazu entschieden habe, Psychiatrie zu studieren, Psychiatrie zu lernen,
mich zu spezialisieren auf Psychiatrie, habe ich mich immer für das Thema
Schizophrenie interessiert.
[00:04:04.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus diesem Grund bin ich nach Lausanne zum Professor Christian Müller.
[00:04:09.152] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_M%C3%BCller_(Mediziner,_1921)
[00:04:10.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Er war damals, 1970 einer der Spezialisten in der Behandlung von
Schizophreniekranken.
[00:04:18.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat keine Familientherapie gemacht.
[00:04:20.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Er war analytisch ausgebildet von Manfred Bleuler in Zürich.
[00:04:20.973] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Bleuler
[00:04:21.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Von 1971 bis 1972 hat er gesagt: wir können nur einen einzigen Patienten mit
Schizophrenie behandeln. Alles andere sei zu anstrengend und schwierig.
[00:04:49.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt heute auch nicht mehr.
[00:04:49.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich behandle sehr viele Schizophreniekranke. Sie sind manchmal anstrengend. Man
kann sicher mehr als einen behandeln im Leben.
[00:04:54.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch ein Fortschritt.
[00:04:58.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Nach einem Jahr in Lausanne habe ich neun Monate Erfahrung gesammelt in der
therapeutischen Gemeinschaft am Dingleton Hospital in Schottland beim Maxwell
Jones.
[00:05:15.580] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.johnwhitwell.co.uk/miscellaneous/obituary-dr-maxwell-jones/
[00:05:15.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort habe dort viele Werkzeuge für die Sozialpsychiatrie gelernt.
[00:05:23.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war die Zeit der therapeutischen Gemeinschaften.
[00:05:26.917] – Dr.med. Ursula Davatz
Franco Basaglia war einer in Italien.
[00:05:26.970] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Franco_Basaglia
[00:05:26.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort hatte man auch Schizophrene Patienten und mit ihnen gearbeitet.
[00:05:27.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Theoretisch gab es nicht so viel Konzepte wie man vorgehen soll.
[00:06:10.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Nach Lausanne und Schottland bin ich in die USA gegangen, 1975.
[00:06:23.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin fünf Jahre in den USA geblieben.
[00:06:29.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe zuerst an einem Staatsspital in Pontiac gearbeitet. Auch dort war ich an der
Schizophreniekrankheit interessiert. Ich hatte drei junge Schizophrene im Alter
zwischen 17 und 20 Jahren. Es waren alles Frauen. Zu meinem Vorgesetzten habe ich
gesagt: eigentlich sollte man hier Multiple Family Therapie machen, eine Mehr-Familien-
Therapie, mit allen drei Familien dieser Schizophreniekranken Töchter.
[00:06:38.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre etwas ähnliches gewesen wie was Murray Bowen am NIMH gemacht hat.
[00:06:38.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat gesagt: ja, tu es.
[00:06:38.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ihm gesagt: ich brauche Hilfe.
[00:06:38.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Er war bei der ersten Sitzung dabei. Danach durfte ich selber weitermachen.
[00:06:53.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich dachte: oh Schreck: ich habe gar keine Erfahrung, nichts.
[00:06:54.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich mich umgeschaut nach einer Ausbildung in Familientherapie.
[00:06:54.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich fand das Ackermann Institut in New York.
[00:06:54.520] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.ackerman.org/
[00:07:03.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben einmal im Monat eine Therapieausbildung über das Wochenende gemacht.
Dort habe ich mich angemeldet.
[00:07:09.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort gab es verschiedene Patienten um Familientherapie zu üben.
[00:07:19.020] – Dr.med. Ursula Davatz
An einem Weiterbildungskurs ist Murray Bowen auch gekommen. Dort hat er seine
Theorie vorgeführt. Ich dachte: das gefällt mir, das ist gut, das kann man gebrauchen.
[00:07:46.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Am Ende des Kurses bin ich zu ihm gegangen und habe gesagt: ich möchte gerne eine
weitere Ausbildung in Familientherapie machen.
[00:07:47.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Murray Bowen hat gesagt: ja, wir bieten ein Fellowship an für junge Ärzte. Das ist
allerdings nicht für Ausländer.
[00:07:53.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich beworben und wurde angenommen.
[00:08:08.350] – Dr.med. Ursula Davatz
1977 ging ich nach Washington, D.C. und begann das Fellowship Programm bei Murray
Bowen.
[00:08:15.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Murray Bowen war auch ein Spezialist in der Behandlung der Schizophrenie Krankheit.
Er hatte selber nicht mehr so viele Familien in Therapie. In einer allgemeinen Praxis hat
man nicht so viele.
[00:08:30.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat mir sämtliche Patienten mit der Diagnose Schizophrenie überwiesen. Es waren
nicht so viele. Ca. sechs in den drei Jahren wo ich vor Ort war.
[00:08:31.110] – Dr.med. Ursula Davatz
1980 bin ich in die Schweiz zurückgekehrt in den Kanton Aargau, mein Heimatkanton.
Ich habe im sozialpsychiatrischen Dienst als Oberärztin begonnen. In der
Sozialpsychiatrie hatten wir sehr viele Schizophreniepatienten. Dort konnte ich mein
Handwerk anwenden, ausprobieren, üben und verbessern.
[00:09:25.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das Konzept entwickelt, dass man Erstpsychotiker sofort speziell behandeln
muss. Beim Erstpsychotiker muss man gleich die Familie mit einbeziehen und mit der
Familie arbeiten, damit man etwas verändern kann.
[00:09:32.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Dienst hatte und junge Erstpsychotiker aufnehmen musste, dann habe ich
das gemacht. Ich habe sofort den Eltern angerufen und gesagt, dass ich gerne einmal
die Eltern sehen und beraten würde.
[00:09:48.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Einige Eltern haben dort mitgemacht und waren gleich einverstanden.
[00:09:53.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Familie kenne ich immer noch und ich sehe den Patienten ab und zu in Zürich im
Restaurant.
[00:10:01.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Er ist nicht mehr schizophreniekrank und nimmt auch keine Medikamente mehr.
[00:10:11.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das auch der Klinikleitung gesagt. Dort bin ich nicht auf offene Ohren
gestossen.
[00:10:11.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Arzt hat sogar eine sehr blöde Bemerkung gemacht: es würde jeder die hübschen
Patientinnen behandeln.
[00:10:32.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war sehr disqualifizierend. Ich konnte mich nicht durchsetzen.
[00:10:32.460] – Dr.med. Ursula Davatz
20 Jahre später ist die Früherfassung, Frühbehandlung von Erstpsychotikern en Vogue.
[00:10:44.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Damals hat man das noch nicht gehört. Heute wird das gemacht.
[00:10:48.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Es werden überall Abklärungsprogramme angeboten an den Universitätskliniken, unter
anderem auch in Königsfelden.
[00:10:56.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Diagnosen stellen ist Eines.
[00:10:58.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Behandlung ist das Zweite, das Wichtigste.
[00:11:05.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich nicht beeindrucken lassen. Ich habe weiter mit Schizophreniefamilien
gearbeitet und versucht diesen Familien zu helfen.
[00:11:14.310] – Dr.med. Ursula Davatz
1983 habe ich gesagt, dass man eine Elternvereinigung gründen muss.
[00:11:24.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Damals konnte man das noch.
[00:11:25.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben die Diagnose Schizophrenie hervorgeholt und alle Eltern angeschrieben. Wir
habe eine Versammlung gemacht. Es sind ca.50 Leute gekommen. Ehepaare und
einzelne, alles Angehörige von Schizophrenen.
[00:11:29.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute heisst der Verein VASK.
[00:11:54.041] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.vask.ch/de/Home
[00:12:11.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir waren im Aargau und Baselland die ersten, welche ein solche Vereinigung
gegründet haben.
[00:12:22.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Später kamen dann immer mehr dazu.
[00:12:22.440] – Dr.med. Ursula Davatz
VASK hat sich auch zum Ziel gesetzt ein Wohnheim/WG für psychisch Kranke,
Schizophreniekranke zu gründen.
[00:12:33.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Guyerweg in Aarau.
[00:12:51.400] – Dr.med. Ursula Davatz
https://guyerweg.ch/
[00:12:51.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der Stiftung wurde ein Haus gekauft.
[00:13:10.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute wird die Stiftung Guyerweg mit 15 Plätzen betrieben.
[00:13:10.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Die begleitete Angehörigengruppe ist auch entstanden. Dort wurde eine professionelle
Leitung gewünscht.
[00:14:00.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute gibt es eine begleitete Angehörigengruppe in Baden, Aarau, in der Klink. Ich
selber leite auch noch so eine Gruppe in meiner Praxis.
[00:14:25.360] – Dr.med. Ursula Davatz
In den USA gab es noch andere Therapeuten, die Familientherapie gemacht haben, wie
Don Jackson.
[00:14:25.426] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Don_D._Jackson
[00:14:31.160] – Dr.med. Ursula Davatz
In den 1980er Jahren ist die Familientherapie aus dem Trend geraten.
[00:14:31.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute läuft in der Forschung der Psychiatrie nur noch Neuropsychiatrie und
Psychopharmakologie.
[00:15:02.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die systemische Familientherapie wurde eher vergessen. Sie wird auch nicht mehr
soviel angeboten. Schon gar nicht für Therapeuten von Schizophreniekranken.
[00:15:19.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich 1980 aus den USA zurückgekommen bin, war ein grosser Run auf die
Familientherapie.
[00:15:19.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Familientherapieprogramme haben geboomt. Es war ein Trend, es war inn, dass
man Familientherapie lernt. Man spricht auch von der Systemtherapie. Die
Systemtherapie wurde auch für andere Krankheiten verwendet, nicht nur
Schizophreniekranke.
[00:15:41.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophreniekrankheit ist natürlich eine schwierige Krankheit. Nicht jedermann will
sich damit auseinandersetzen.
[00:15:56.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Anbei ein paar wichtige Punkte zur Entstehung der Schizophreniekrankheit.
[00:16:05.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das in einem Buch zusammengefasst. Das war eine Arbeit über 17 Jahre. Ich
habe immer wieder daran korrigiert.
[00:16:05.300] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.amazon.com/dp/B07NGRBLQ1
[00:16:05.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die Familie anschaut, in der Schizophreniekrankheit vorkommt, kann man
verschiedene Aspekte anschauen.
[00:16:39.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme nur ein paar heraus.
[00:16:43.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes nehme ich den Kommunikationsstil heraus. Darüber spricht auch Jay Haley.
[00:16:46.860] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Jay_Haley
[00:16:50.550] – Dr.med. Ursula Davatz
und auch Gregory Bateson.
[00:16:50.750] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Gregory_Bateson
[00:16:50.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht um die Double Bind Kommunikation.
[00:16:50.970] – Dr.med. Ursula Davatz
https://en.wikipedia.org/wiki/Double_bind
[00:16:51.080] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Kommunikation von Familien mit Schizophrenie Betroffenen trifft man oft einen
sehr aktiven, interaktiven Kommunikationsstil.
[00:17:12.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Viel reden, viel schnell reden, viel engagiert reden, viel emotional reden, speziell von
den Müttern.
[00:17:23.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat zum Teil den Müttern, das schlimme Wort: die schizophrenogene Mutter
eingetragen. Frieda Fromm-Reichmann hat diesen Begriff geprägt.
[00:17:33.820] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Frieda_Fromm-Reichmann
[00:17:33.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist natürlich nicht in Ordnung. Das darf man nicht sagen.
[00:17:36.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Da könnte man genauso gut vom schizophrenogenen Vater sprechen.
[00:17:39.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Der macht genau das Gegenteil.
[00:17:43.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Der will nicht so viel, er zieht sich eher zurück.
[00:17:47.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Der meldet sich ab.
[00:17:49.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Der sagt zum Teil auch: das ist nicht mehr meine Tochter.
[00:17:52.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die sich so schlecht benimmt, dann enterbe ich sie, dann ist sie einfach nicht
mehr meine Tochter.
[00:18:01.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist etwas, das auch die Schizophrenieforscher schon damals in den 1950er, 1960er
und 1970er Jahren festgestellt haben, die sehr aktive Mutter und der eher
zurückgezogene, passive Vater.
[00:18:21.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Vater zieht sich häufig aus Konfliktscheue zurück.
[00:18:28.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Er will keinen Krach haben mit der Mutter.
[00:18:30.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Er erträgt das nicht so gut oder meint das nicht aushalten zu können. Darum zieht er
sich lieber zurück.
[00:18:37.200] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne fehlt die Auseinandersetzung in der Pubertät zwischen Vater und Kind.
[00:18:46.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophreniekrankheit tritt in der Pubertät am häufigsten auf. Dort gibt es einen
Höhepunkt.
[00:18:50.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophrenie kann auch später auftreten, im mittleren Alter und dann auch noch
wenn man sehr alt ist.
[00:18:50.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Der häufigsten Krankheitsbeginn der Schizophrenie ist in der Regel in der Pubertät.
[00:18:50.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Zur Pubertät gehört die Auseinandersetzung mit den Eltern um sich ablösen zu können.
[00:19:12.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Vater für die Ablösung nicht vorhanden ist, gibt es keinen Ablösungskonflikt
und man kann sich auch nicht richtig ablösen.
[00:19:18.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Aufgabe ist es, diese Väter reinzuholen. Das ist nicht immer so einfach.
[00:19:21.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Väter müssen auch zur Verfügung stehen für den Konflikt.
[00:19:21.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Komplementarität zwischen aktiver Mutter und passivem Vater muss man
umändern zu: aktivem Vater, damit die Mutter auch ein wenig passiver sein kann, sich
mehr zurück nehmen kann.
[00:19:44.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Was man auch sehr häufig antrifft, ist ein nicht gelöster Konflikt zwischen den Eltern,
zwischen Mann und Frau, zwischen Vater und Mutter.
[00:19:55.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt den englischen Begriff: die Pseudoeinigkeit, Pseudo Neutrality.
[00:20:03.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pseudo Übereinstimmung.
[00:20:03.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Murray Bowen hat den Begriff: Emotional Divorce verwendet, emotionale Scheidung.
[00:20:11.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie leben noch zusammen, aber sie haben sich eigentlich nichts mehr zu sagen.
[00:20:19.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie gehen einander aus dem Weg.
[00:20:22.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie weichen sich aus.
[00:20:24.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich auch wieder die Konfliktscheue.
[00:20:27.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Das schizophreniekranke Kind spürt die Spannung zwischen den Eltern.
[00:20:27.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind kann diese Spannungen nicht benennen und darf sie auch nicht benennen,
denn man darf keinen Konflikt haben.
[00:20:45.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das läuft oft bis zur Pubertät.
[00:20:48.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind sich ablösen soll und ein Ablösungskonflikt haben soll, dann kommt das
auf einmal hervor.
[00:20:57.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Tochter die sagt immer: ich will nicht dafür hinhalten, dass ihr mich nicht
miteinander kommunizieren könnt. Zum Vater sagt sie: du bist sauer auf mich.
Eigentlich müsstest du mit deiner Frau sprechen. Mit ihr hast du das Problem.
[00:21:13.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat Recht.
[00:21:13.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Vater sagt: du bist nicht mehr meine Tochter.
[00:21:21.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Aufgabe des Therapeuten ist es, den Konflikt mit den Eltern anzugehen, sodass das
Kind frei wird.
[00:21:30.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Der besessene Diplomat.
[00:21:35.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Patient ist ein verrückter Diplomat.
[00:21:42.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Patientin will zwischen den Eltern vermitteln, aber auf eine Art und Weise, die nicht
funktioniert.
[00:21:51.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Familientherapeut muss die Diplomatenrolle übernehmen, um den Patienten frei zu
kriegen.
[00:21:59.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das funktioniert, hat der Patient dann wieder Möglichkeiten, sich zu entwickeln.
[00:22:05.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage das manchmal sogar zum Patienten oder zur Patientin.
[00:22:10.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich übernehme jetzt die Aufgabe, ich stelle sie frei und sie haben dann Platz für ihr
eigenes Leben, für ihre Persönlichkeitsentwicklung.
[00:22:19.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Patienten lassen sich aber diese Rolle manchmal nicht so gerne nehmen.
[00:22:24.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kommen dann in einen Konflikt mit mir, denn sie haben doch eine gewisse
Machtstellung. Sie haben nicht gerne, wenn man ihnen diese Rolle streitig macht.
[00:22:32.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss dann mit dem Patienten streiten. Wenn es gut läuft, überlässt er mir die
Diplomatenrolle schlussendlich und übernimmt die Verantwortung für seine eigene
Entwicklung, für sein eigenes Leben.
[00:22:51.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache immer ein Genogramm von drei Generationen.
[00:22:54.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, Vater, Mutter, Kinder. Bei den Eltern ihre eigenen Eltern und Geschwister.
Das ist ein Drei-Generationen-Familiendiagramm oder Genogramm.
[00:23:03.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ich hier feststelle ist, dass viele dieser Eltern, also die Eltern des
schizophreniekranken Kindes, selber nicht ganz abgelöst sind von ihren Eltern.
[00:23:17.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, sie haben Dinge mit übernommen in ihr Erwachsenenleben, wenden das
dann auch beim Kind an und das funktioniert dann nicht so gut.
[00:23:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wurden z.B. sehr gehorsam erzogen, haben ihrem Vater immer gefolgt, haben nie
rebelliert, waren immer brave Söhne.
[00:23:37.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt haben sie auf einmal einen Sohn, der ganz blöd tut.
[00:23:41.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben sie überhaupt kein Handwerk, um mit diesem schwierigen Sohn
umzugehen.
[00:23:47.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann müssen sie ausweichen und weggehen.
[00:23:49.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Solchen Vätern muss ich dann den Rücken stärken und ich helfe ihnen natürlich
nochmals, wenn der Grossvater vom Patienten noch lebt, sich mit ihm
auseinanderzusetzen.
[00:24:00.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo sie das lernen, sich mit ihren Eltern auseinanderzusetzen, also mit
den Grosseltern des Patienten, werden sie stärker und können dann auch beim
Teenager oder bei dem Patienten besser hinstehen.
[00:24:13.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Teenager, Schizophreniepatienten machen eine maligne Pubertät durch.
[00:24:22.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben eine bösartige Pubertät, eine kranke Pubertät. Sie benehmen sich zum Teil
wie Pubertierende.
[00:24:31.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben noch so Krankheitszüge, sodass man dann sagt, der ist einfach krank. Das
wird dann so entschuldigt.
[00:24:37.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch ein Teil dieser Situation, wo sie drinnen stecken.
[00:24:41.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern fragen mich häufig: was ist es? Kann er nicht oder will er nicht?
[00:24:49.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist beides.
[00:24:49.310] – Dr.med. Ursula Davatz
An erster Stelle sage ich: er will nicht.
[00:24:55.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Er verwendet schlussendlich seine Krankheit, um zu pubertieren.
[00:24:59.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat er immer ein Schutzschild.
[00:25:00.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss sich nicht mit der Wirklichkeit auseinandersetzen, auch nicht mit dem Vater
auseinandersetzen.
[00:25:06.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann er immer sagen, er sei krank und deshalb kann er das alles nicht.
[00:25:11.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wechsle eher auf: er will nicht, er rebelliert.
[00:25:16.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Es einen interessanten Satz aus der angelsächsischen Literatur.
[00:25:20.420] – Dr.med. Ursula Davatz
In Familien mit Schizophrenie läuft das gängige Wort: better mad than bad.
[00:25:20.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Lieber krank, als gesund und bösartig.
[00:25:27.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Es herrscht ist eine gewisse Konfliktscheue in diesen Familien. Sie sind so vorsichtig
miteinander, sie sind an sich sehr lieb miteinander. Sie wollen niemandem weh machen.
[00:25:49.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus lauter Konfliktscheue heraus ist es dann akzeptabler, dass der Patient krank ist.
Man hat gar nicht gern, dass er ein böser, einen frecher, unanständigen Teenager ist.
[00:26:06.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt schaue ich wieder den/die Patient/in an.
[00:26:09.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Diejenigen welche eine Schizophrenie entwickeln, sind häufig fokussierte Kinder.
Kinder, die entweder zu einem wichtigen Zeitpunkt geboren worden sind, oder eine
ganz wichtige Eigenschaft haben und aus dieser speziellen Rolle heraus vom
Familiensystem funktionalisiert worden sind.
[00:26:38.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Kinder übernehmen eine Aufgabe innerhalb des Systems.
[00:26:44.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Aufgabe ist natürlich nicht ausgesprochen, die ist nicht explizit, sondern die ist
implizit.
[00:26:50.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gilt dann, diese Aufgabe herauszufinden.
[00:26:56.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei allen kann man diese Aufgabe herausfinden, wenn man genügend danach sucht.
[00:27:03.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erinnere mich an eine Patientin.
[00:27:05.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie war ein uneheliches Kind.
[00:27:11.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sah sie mit ihrer Grossmutter zusammen.
[00:27:18.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Zur der Zeit, als die Patientin geboren wurde, sind drei Geschwister der Mutter der
Patientin durch Unfälle ums Leben gekommen. Nicht genau am gleichen Tag, innerhalb
von einem oder zwei Jahren.
[00:27:28.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe die Grossmutter gefragt: sie haben drei Kinder kurz hintereinander verloren,
was hat sie über diese schwere Trauer hinweg gebracht?
[00:27:57.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Grossmutter hat auf die Enkelin gezeigt. Diese Enkelin war mein Trost. Sie war
mein Sonnenschein.
[00:28:03.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können sich fragen, was für eine Wahnvorstellung die Patientin hatte.
[00:28:09.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat gesagt, dass sie Jesus Christus ist, das Licht der Welt.
[00:28:13.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie muss der Menschheit Freude bringen.
[00:28:16.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war die Rolle, die sie im System hatte. Die Rolle ist ihr in die Wiege gelegt worden.
Das wurde ihr nicht so gesagt, aber das hat sie gespürt.
[00:28:25.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder sind sehr wahrnehmend emotional, die spüren das.
[00:28:30.564] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt eine Studie von Froma Walsh, einer Familientherapeutin aus den USA nach
Murray Bowen.
[00:28:31.406] – Dr.med. Ursula Davatz
https://en.wikipedia.org/wiki/Froma_Walsh
[00:28:31.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat in den 1970er Jahren die Studie gemacht. Sie hat Familien mit
schizophreniekranken interviewt und ihr Genogramm angeschaut.
[00:28:54.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat herausgefunden, dass überdurchschnittlich viele Grosseltern mütterlicher oder
väterlicherseits, oder sogar zwei Grosseltern gestorben sind, rund um die Geburt von
dem Kind, das später schizophren wurde.
[00:29:15.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Das zeigt, wie die Kinder funktionalisiert wurden, wie sie eine Rolle in der Familie
übernommen haben.
[00:29:23.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nenne das die Trösterrolle.
[00:29:23.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Andere Rollen, die sie übernehmen können, ist auch ein Trösterkind.
[00:29:29.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder, die nach dem Tod von einem älteren Geschwisterkind geboren werden, das sind
auch Trösterkinder und die werden auch eher emotional fokussiert.
[00:29:41.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen helfen, über das verstorbene ältere Geschwisterkind hinweg zu trösten.
[00:29:46.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch diese trifft grössere emotionale Belastung.
[00:29:52.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre ein Beispiel für ein für ein funktionalisiertes Kind.
[00:30:04.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Im sozialpsychiatrischen Dienst hatten wir solche Kinder.
[00:30:17.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sich vorstellt, dass man so ein funktionalisiertes Kind hat, das eine wichtige
Rolle spielt innerhalb der Familie. Dann läuft alles wunderschön.
[00:30:17.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind in die Pubertät kommt, dann sollte es sich loslösen von der Familie.
[00:30:22.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo sich das Kind loslösen sollte, würde die Funktion für die Familie
verloren gehen.
[00:30:29.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird vom System nicht ganz toleriert.
[00:30:35.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Deshalb können sich solche Kinder, die so stark funktionalisiert sind, können sich auch
nicht ablösen.
[00:30:39.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können den Ablösungskonflikt nicht austragen.
[00:30:44.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen im Familiensystem erhalten bleiben.
[00:30:50.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist alles nicht willentlich.
[00:30:51.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist systemisch gedacht. Das ist nicht bösartig.
[00:30:56.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das funktioniert einfach so.
[00:30:57.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sagt: die Familie funktioniert als Einheit, dann kann man sich vorstellen,
dass das so funktioniert.
[00:31:07.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist dann wieder der Moment, wo die Schizophrenie ausbricht, wo eben dann der
Patient eine maligne, also eine bösartige Pubertät entwickelt.
[00:31:22.680] – Dr.med. Ursula Davatz
So viel Familiensystem.
[00:31:26.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt komme ich zur Symptom-Entwicklung.
[00:31:29.080] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Ankündigung des Vortrags heisst es: Tsunami.
[00:31:32.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt versuche ich, auf die neuropsychologische Ebene zu gehen.
[00:31:39.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst schaue ich wieder das Umfeld an.
[00:31:40.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Symptome der Schizophrenie, die im Gehirn entstehen. Man diskutiert und streitet
immer, ist das alles familiär, alles genetisch?
[00:32:01.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt sind wir wieder auf der genetischen Seite.
[00:32:04.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Zu Zeiten der Familientherapie Forschung hat man gesagt, es ist alles nur das Umfeld
und nicht genetisch.
[00:32:10.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, es ist beides.
[00:32:14.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Das typische für das Gehirn der Schizophrenen ist, dass sie ein emotionales System
haben, das sich sehr leicht aufschaukelt.
[00:32:28.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich zeige das Gehirnmodell an meiner Faust, so wie es Dr. Dan Siegel erklärt.
[00:32:29.080] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.youtube.com/watch?v=gm9CIJ74Oxw
[00:32:30.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Finger sind mein Grosshirn, wo ich denke.
[00:32:44.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Daumen ist das limbische System, das emotionale Hirn.
[00:32:49.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Knochen sind das Stammhirn und das Kleinhirn, wo die Automatismen ablaufen,
der Schlaf, die Motorik etc.
[00:33:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Gehen wir davon aus, dass es eine Familie ist, wo sich alle Gehirne aufschaukeln, dann
schaukelt sich das im emotionalen System, im limbischen System auf.
[00:33:11.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familie funktioniert als Einheit. Wenn es dem einen schlecht geht, geht es dem
anderen auch schlecht.
[00:33:13.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der eine ängstlich ist, dann wird der andere auch ängstlich.
[00:33:13.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht dann so weiter, wie eine Welle.
[00:33:21.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das limbische System, das emotionale System hat die es an sich, dass es sich leicht
aufschaukeln kann.
[00:33:28.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann positiv sein, man kann leicht begeistern, man kann Freude zeigen, alle Leute
anstecken mit der Begeisterung. Auch die Angst kann sich aufschaukeln.
[00:33:39.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Aggression kann sich auch schon aufschalten.
[00:33:43.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Sämtliche Emotionen können sich leicht aufschaukeln.
[00:33:45.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Kehren wir zurück zur Schizophrenie.
[00:33:54.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das limbische System verhält sich ähnlich wie fluide Medien, wie Luft oder Wasser.
[00:34:01.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das emotionale System aufgeschaukelt wird, wenn sie sich noch gegenseitig
aufschaukeln, dann gibt es die Monsterwelle, einen Tsunami.
[00:34:10.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Monsterwelle vom limbischen System gibt Impulse hoch in das kognitive System, in
das Denksystem. Das Denksystem wird dann überflutet.
[00:34:10.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Gleich wie der Tsunami die ganzen Strukturen überflutet hat.
[00:34:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
So bricht die kognitive Funktion zusammen.
[00:34:34.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht auch runter, darum können sie nicht mehr schlafen. Sie sind ständig auf
Wache.
[00:34:35.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Hyper Alertness oder Hypervigilität.
[00:34:44.510] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Hypervigilanz#:~:text=Hypervigilanz%20ist%20ein%20Begriff%20aus,beiden%20entge
gengesetzten%20Auspr%C3%A4gungen%20lautet%20Vigilanz.
[00:34:44.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind über wach.
[00:34:47.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Man gibt dann Medikamente, welche die Aufschaukelungsbewegung blockiert,
runterholt. Das sind die Neuroleptika.
[00:34:51.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann Medikamente geben, man muss in der akuten Phase, das tue ich auch. Das
System dahinter schaukelt sich immer noch auf.
[00:34:52.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Aufgabe des Familientherapeuten ist es zu helfen, dass das Familiensystem mehr
beruhigt wird, dass es nicht mehr mitmacht im Aufschaukelungsprozess, damit sich
auch der Patient beruhigen kann und dann besser funktionieren kann.
[00:35:10.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt, dass die Familientherapie eine gleich gute Wirkung hat, wie Neuroleptika.
[00:35:30.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Familientherapie hat eine nachhaltigere Wirkung als Neuroleptika.
[00:35:32.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Familie gelernt hat, sich nicht mehr aufschaukeln zu lassen, kann sie das
immer anwenden.
[00:35:39.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wirkt darüber hinaus, auch wenn die Familie nicht mehr in Therapie geht.
[00:35:45.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Medikament wirkt nur so lange wie man es gibt.
[00:35:53.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Loren Mosher hat das Konzept der Soteria geprägt.
[00:35:53.660] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.theguardian.com/news/2004/jul/28/guardianobituaries.obituaries
[00:35:53.741] – Dr.med. Ursula Davatz
https://moshersoteria.com/
[00:35:53.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat Schizophrenie Patienten in ein Haus gegeben, möglichst wenig Medikamente
gegeben, zum Teil mit Laienbetreuer.
[00:36:11.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Idee war eine möglichst reizarme, stressarme Umgebung.
[00:36:15.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt der Schizophrenie Patient, welcher völlig aufgeschaukelt ist, mit der Zeit
auch langsam runter.
[00:36:19.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Schauen wir nochmals den Tsunami an.
[00:36:19.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Tsunami Wellen haben eine sehr lange Wellenlängen.
[00:36:32.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Wellen über das Meer laufen, dann geschieht nichts. Die Schiffe auf den
Wellen gehen hoch und runter.
[00:36:34.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Wellen auf den Strand treffen, gehen sie raus und rein, bis die Energie
abgebaut ist.
[00:36:41.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn am Strand eine Wand steht, welche die Welle aufhalten soll, dann gibt es eine
Springflut. Dann kommt es zu Verwerfungen.
[00:36:48.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Schizophrenie gibt es die Verwerfungen im Gehirn des Individuums, als auch in
der Familie.
[00:37:03.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Die emotionalen Monsterwellen passieren nicht nur in der Familie.
[00:37:25.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie stecken auch leicht nach aussen an.
[00:37:28.530] – Dr.med. Ursula Davatz
So kommen die Familien zu mir und sagen: es muss unbedingt etwas geschehen, jetzt
geht es nicht mehr, es ist dringend, etc.
[00:37:39.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Murray Bowen hat bei den Familien, welche er hospitalisiert hatte, am NIMH, gesagt:
das Schwierigste war das Personal zu instruieren, dass sie nicht mit aufgeschaukelt
haben.
[00:37:51.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Personal bei der Aufschaukelungsbewegung mit macht, dann wird alles
multipliziert, dann wird alles noch schlimmer. Dann erreicht man gar nichts.
[00:38:02.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familie konnte er oft besser beruhigen als das Personal. Das Personal dachte
immer, dass sie etwas tun müssen.
[00:38:03.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist etwas vom Schwierigsten, was ich meinen Assistenzärzten beibringe, versucht
habe beizubringen und immer noch versuche beizubringen, dass man nicht mit agiert.
[00:38:15.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht von Aktivismus.
[00:38:28.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Man schiebt dem Patienten die Schuld in die Schuhe und sagt der manipuliert, der
spielt uns aus, wir lassen uns ausspielen.
[00:38:29.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn so ein Appell an uns herankommt, jetzt müssen wir sofort etwas tun, dann wird
man wie angesteckt von dieser Nervosität und dann tut man etwas.
[00:38:41.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man dann etwas tut, ist es meistens falsch, zuviel, man macht mit in dieser
Monsterwelle und treibt die wieder an.
[00:38:48.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die grosse Kunst im Umgang mit den Schizophreniekranken, dass man nicht mit
agiert mit dieser Monsterwelle.
[00:39:02.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Schizophrene in der Klinik anschauen musste, habe ich mit ihnen ganz
normal gesprochen. Ich habe gefragt, was ihre Grossmutter gemacht hat etc.
[00:39:03.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Assistenzärzte, welche mit gekommen sind, haben gesagt: ich könne keine
Diagnose stellen, ich merke nicht, dass die schizophreniekrank sind.
[00:39:21.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Dabei habe ich bewusst alles runtergeholt um ja nicht das Ganze noch mehr zu
Energieren.
[00:39:39.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht.
[00:39:40.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man ruhiger ist als der Patient ist, dann beruhigt sich der Patient auch.
[00:39:40.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit einem aufgeschaukelten System in Kontakt ist und nur ein bisschen
weniger unruhig ist, dann fährt das System langsam herunter.
[00:39:48.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man hektisch reagiert, dann geht es hoch.
[00:39:56.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Begriff der Monsterwelle.
[00:40:03.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat eine Familiengeschichte und man hat auch eines Lebensgeschichte.
[00:40:13.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familiengeschichte ist verantwortlich für eine chronische Belastung.
[00:40:20.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Die kann man oft gerade noch tragen und niemand merkt etwas. Wenn eine zusätzliche
Belastung hinzukommt, dann zerplatzt das System.
[00:40:22.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Die zusätzlichen Belastungen bei den jungen Schizophrenen sind emotionaler Stress
vor dem Ausbruch der akuten Psychose.
[00:40:42.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Der emotionale Stress kann ausgelöst werden durch eine unglückliche Liebe, durch
eine nicht eingestandene Homosexualität oder noch nicht klar orientiert zu sein, was
man eigentlich will.
[00:40:58.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kann ausgelöst werden durch einen Konflikt mit Kolleginnen und Kollegen, innerhalb
der Peergroup.
[00:41:04.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kann auch ausgelöst werden über eine Berufsfindung, wenn man nicht richtig weiss,
was man im Leben machen möchte.
[00:41:09.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Berufswahl und Partnerwahl gehören zu den wichtigsten Entscheidungen im Leben.
Diese Entscheidungen muss man alleine treffen.
[00:41:24.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann niemand einem dabei helfen.
[00:41:25.230] – Dr.med. Ursula Davatz
In Indien werden die Partner für einem ausgewählt.
[00:41:30.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei jüdischen Familien ist das zum Teil auch der Fall.
[00:41:31.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wohnen in einem Kulturbereich wo man selber auswählen muss. Man muss selber
wählen und selber dafür die Verantwortung tragen. Das ist nicht für alle so einfach.
[00:41:31.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich treffe oft eine unglückliche Liebesgeschichte, unglückliche Berufswahlen an.
[00:41:50.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Teil Berufswahlen, die getroffen wurden, weil die Eltern das gesagt haben.
[00:41:57.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Man wollte es eigentlich nur den Eltern recht machen, aber eigentlich ist es gar nicht
der richtige Beruf.
[00:42:01.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Man getraut sich nicht zu sagen: ich will das nicht, ich will etwas anderes.
[00:42:02.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird man lieber krank, als dass man zu seinem Vater sagt: du hast mir einen
falschen Vorschlag gemacht. Ich will eigentlich etwas ganz anderes.
[00:42:14.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gehört alles zur Ablösung.
[00:42:20.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein weiterer Grund, und das ist lange geleugnet worden, ist der Konsum von Drogen:
Haschisch, Cannabis.
[00:42:28.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich treffe immer wieder junge Leute an, das ist unterdessen auch bei den Fachleuten
akzeptiert. Cannabis kann eine Psychose auslösen.
[00:42:42.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Cannabis ist eine halluzinogene Droge. Sie kann Wahrnehmungsstörungen machen,
Angst machen.
[00:42:50.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen Patienten, der ist nach Holland gegangen, hat dort Drogen konsumiert,
Cannabis konsumiert und hat nun absolut typische präpsychotische Symptome.
[00:43:04.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht Angst.
[00:43:04.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Lange Zeit wurde Haschisch verharmlost. Es ist nur eine schwache Droge, eine weiche
Droge.
[00:43:05.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Haschisch löst viel schneller eine Schizophrenie aus als Heroin.
[00:43:09.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht jetzt trotzdem davon, dass Haschisch legalisiert werden soll.
[00:43:20.700] – Dr.med. Ursula Davatz
In den USA wird es legalisiert.
[00:43:25.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin total dagegen.
[00:43:25.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eine falsche Botschaft. Haschisch kann eine Psychose auslösen.
[00:43:25.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man einmal eine Psychose hatte, hat man Angst, dass man es wieder bekommt.
[00:43:43.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn noch alle anderen Stressfaktoren dabei sind, dann kann das Haschisch
ausschlaggebend sein.
[00:44:02.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick wo die Kognition zusammenbricht, das ist der akute psychotische
Zustand. Wenn der psychotische Zustand länger dauert, kommen andere Symptome
rein. Dann organisiert sich der Patient neu. Dann organisiert sich die Person ein
Denksystem, das man einen paranoiden Wahn nennt. Die Person organisiert sich dann
Vorstellungen über die Welt, was die anderen alles Böses gegen ihn wollen. Er legt sich
einen paranoiden Wahn zurecht. Das kann ein Liebeswahn sein, das kann ein
Verfolgungswahn sein. Das ist ein Versuch, mit seinem Leben zurecht zu kommen.
[00:44:40.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine Anpassungsstrategie auf der Meta Ebene, auf gedanklicher Ebene.
[00:44:49.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophrenen zeichnen sich dadurch aus, dass sie versuchen das Leben in den
Griff zu kriegen, mit denken, mit studieren.
[00:44:49.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich eine akute Psychose vor mir habe, sage ich: sie können ihre Probleme nicht
mit denken lösen. Probieren geht über studieren.
[00:45:01.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht Haschisch probieren, sondern etwas Praktisches machen.
[00:45:12.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche ihnen ganz konkret beizubringen: sobald es mit Drehen beginnt, Angst
kommt, wie geht das weiter, werde ich wieder krank, kann ich jemals fertig studieren,
etc. Dann sage ich: stopp! Das muss sofort gestoppt werden. Gehen sie in die
Handlung. Tun sie etwas. Tun sie etwas Praktisches, machen sie Sport, machen sie
einen Kuchen. Putzen sie ihre Wohnung. Tun sie etwas Praktisches.
[00:45:32.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieses Vorgehen ist heutzutage neuropsychologisch erwiesen.
[00:45:41.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt die EMDR Methode: Eye Movement Desensitization Reprogramming.
[00:45:50.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Kopf muss man still halten. Diese zwei Finger kann man hin und her bewegen. Mit
den Augen muss man den Finger nachschauen.
[00:46:02.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo sie das machen, können zwar noch sprechen. Sie können aber nicht
mehr denken.
[00:46:06.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das, was man ausschalten möchte.
[00:46:06.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Man will die schnellen, ängstlichen, paranoiden Gedanken ausschalten. Man will sie
immer wieder davon rausnehmen, damit wieder im hier und jetzt funktionieren.
[00:46:07.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Etwas ähnliches macht der Zen-Meister.
[00:46:15.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Zen-Schüler seinen Meister fragt: was soll ich tun um die höchste
Erleuchtung zu erlangen? Dann sagt der Meister: geh eine Tasse Tee machen. Geh vor
das Haus wischen. Mach eine ganz praktische Arbeit. Er schickt den jungen Schüler in
die Praxis, in die Motorik hinein.
[00:46:15.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Weisheit kann auch in der Schizophrenie bei den akuten Psychotikern anwendet
werden.
[00:47:02.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Siie müssen einem natürlich folgen.
[00:47:04.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erkläre den Schizophrenen oft auch, wie das Gehirn funktioniert. Ich sage ihnen
immer: sie müssen in die Motorik runter, in die Praxis. Nicht in das Grosshirn gehen und
im Zeugs herum studieren. Das bringt nichts.
[00:47:04.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Noch ein paar Worte zu den Neuroleptika.
[00:47:13.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Neuroleptika greifen zwischen dem limbischen System, dem emotionalen System
und dem Grosshirn an und fahren das Ganze herunter.
[00:47:29.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ich den Angehörigen und den Professionellen auch noch sagen muss: man darf
auf die Schizophrenen keinen Druck aufsetzen. Das macht emotionale Erregung. Das
wiederum erhöht die Symptome. Daher kommt auch die reizarme Umgebung von den
Soteria Programmen.
[00:47:36.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophrenie ist eine Fluchtkrankheit.
[00:48:23.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Gedanken so schnell laufen, wenn sie Angst haben vor Druck, vor Kritik, vor
allem möglichen, dann flüchten die Schizophrenen. Sie rennen davon. Sie flüchten ins
Bett, sie sind am Tag im Bett und in der Nacht wach. Sie flüchten vor den Eltern. Sie
flüchten vor dem Personal wenn wir sie bedrängen. Sie rennen schnell davon. Deshalb
muss man sie mit einer sehr lockeren Hand anpacken, damit man sie führen kann.
[00:48:23.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe zwei Piloten miteinander sprechen gehört. Im Zweifelsfall, wenn man in
Turbulenzen hinein gerät mit dem Flugzeug, muss man die Steuerung dem Flugzeug
überlassen. Wenn man steuert, hat man die Tendenz zu scharf zu steuern, zu
übersteuern und dann fällt man aus dem Himmel.
[00:48:33.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle die einen Schleuderkurs gemacht haben, wissen das auch.
[00:48:58.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf dem Glatteis muss an das Steuer ganz locker in der Hand haben.
[00:49:20.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Schizophrenen darf man auch nicht übersteuern.
[00:49:24.000] – Dr.med. Ursula Davatz
An erster Stelle muss man sich selber im Griff haben, seine eigenen Emotionen
runterfahren und dann ruhig Kontakt aufnehmen. Ja nicht beim Patienten rum steuern
wollen, sonst tut man garantiert übersteuern. Er wehrt sich dagegen und die emotionale
Monsterwelle wird nur grösser.
[00:49:50.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes muss ich mich immer selber beruhigen, wenn ich eine Schizophrenie Familie
angemeldet bekomme.
[00:50:14.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Begrüssung ist wichtig.
[00:50:23.380] – Dr.med. Ursula Davatz
You never have a second chance to make a first impression.
[00:50:23.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim ersten Kontakt muss man schon ruhig rüberkommen. Nicht: oh je, was mache ich
jetzt.
[00:50:23.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophrenen spüren das sofort. Dann haben sie kein Vertrauen mehr.
[00:50:34.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich immer zuerst selber beruhigen. Auf eine ruhige Art Kontakt aufnehmen
und dann helfen, das System zu beruhigen.
[00:50:34.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss den Eltern helfen, dass sie sich emotional beruhigen können. Das ist die
Aufgabe des Therapeuten.
[00:50:39.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern müssen lernen von ihrem sogenannten kranken, malignen, pubertierenden
Kind zu defokussieren.
[00:51:06.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage dann die Eltern, wie viel am Tag denken sie an ihre kranke Tochter oder ihren
kranken Sohn.
[00:51:14.250] – Dr.med. Ursula Davatz
99,9 Prozent, 99 Prozent, 98 Prozent und so weiter.
[00:51:18.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Erst wenn es unter 50 Prozent ist, wird es langsam besser.
[00:51:23.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen lernen, nicht mehr alles auf dieses Kind zu fokussieren.
[00:51:30.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche ihnen zu helfen, ihren partnerschaftlichen Konflikt anzugehen und eine
Lösung zu finden.
[00:51:37.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal ist das auch eine Scheidung, manchmal sind die Eltern auch schon
geschieden.
[00:51:43.280] – Dr.med. Ursula Davatz
In die Partnerschaftsspannung versuche ich eine Lösung zu bringen.
[00:51:50.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich sage: der Fokus muss weg vom Patienten heisst das auch, dass man den
Fokus mehr auf sich selber richtet, auf seine Pubertät. Dort wo man sich noch nicht
richtig von seinen eigenen Eltern abgelöst hat, dass man dort nochmals ein wenig
Arbeit macht.
[00:52:09.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern noch leben, kann man mit ihnen reden. Wenn die Eltern nicht mehr
leben, dann empfehle ich den Eltern Briefe zu schreiben. Sie müssen dem Vater, der
Mutter einen Brief schreiben.
[00:52:09.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sind die Themen, welche sie beschäftigen, die noch nicht gelöst sind. Nur an die
Eltern zu denken, reicht nicht.
[00:52:22.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man schreibt, wird man verbindlicher. Man steht mehr für sich hin. Man nimmt
im Brief eine Ich Position ein. Man muss auch den Vater und die Mutter ansprechen.
Nicht an beide Eltern gleichzeitig schreiben. Getrennt. Dem Vater einen Brief schreiben
und der Mutter einen Brief schreiben.
[00:52:42.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem muss man mehrere Briefe schreiben. Ich begleite das.
[00:52:55.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Ganze bewirkt, dass man sich von den Paradigmen ablösen kann, die man von
den Eltern gelernt hat. Paradigmen, welche beim Kind nicht mehr so erforderlich, nicht
mehr so hilfreich sind. Man lernt abzulegen, etwas neues zu entwicklen, das in dieser
Situation besser funktioniert.
[00:53:14.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Schizophrenen versuche ich in seiner persönlichen Entwicklung ganz sachlich zu
unterstützen. Dazu gehört die Berufsfindung, Hobby, Beschäftigung, Probleme mit der
Sexualität, Probleme in der Freundschaft. Das sind dann ganz praktische Dinge.
[00:53:41.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewissen Personen helfe ich auch eine Stelle zu finden.
[00:53:47.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sollen weiterkommen.
[00:53:48.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Medikamente werden selbstverständlich angewendet.
[00:53:51.950] – Dr.med. Ursula Davatz
In der akuten Phase können die hilfreich sein, sind sogar sehr hilfreich, wirken z.T. wie
Wunder.
[00:54:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche den Patienten immer beizubringen, dass sie lernen, ihre Medikamente
selbst zu handhaben.
[00:54:06.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke nicht, dass immer nur der Arzt weiss, was gut für sie ist. Sie müssen lernen,
die Tabletten selber zu handhaben.
[00:54:24.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wie merken, dass es wieder dreht. Ich drehe wieder ein wenig durch, dann dürfen
sie die Dosis hoch setzen. Wenn sie das Gefühl haben, dass sie alles im Griff haben,
dürfen sie mit der Dosis auch runtergehen.
[00:54:34.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es wieder einen Rückfall gibt, dann begleite ich sie auch.
[00:54:37.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich sage, sie dürfen die Medikamente nie absetzen, dann setzen sie es meistens
ab und kommen nicht mehr zur Therapie, weil sie ein schlechtes Gewissen haben, dass
sie es abgesetzt haben. Das ist nicht das, was man möchte. Damit habe ich gute
Erfahrungen gemacht.
[00:54:57.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin kein Fan von Depotspritzen. Das ist eine Bevormundung. Dann sagt der Arzt,
wann und wie und wieviel. Der Patient kann nichts dazu beisteuern.
[00:55:05.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte, dass der Patient lernt, seine Medikamente selber zu nehmen.
[00:55:09.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Idee ist, dass sich der Patient mit seiner Persönlichkeitsentwicklung befassen kann,
damit er nicht mehr als funktionalisiertes Kind in der Familie funktionieren muss sondern
seinen eigenen Weg gehen kann. Er kann sich dann loslösen und möglichst auf eine
gesunde Art mit den Eltern auseinandersetzen.
[00:55:14.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt können sie mir Fragen stellen oder mir widersprechen, falls sie nicht
einverstanden sind.
[00:56:28.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Bitte steuern sie Dinge aus ihrer Erfahrung bei zu diesem Abend.
[00:56:28.720] – Bemerkung 1
Können sie noch etwas sagen zum Thema: Umgang mit Schuldgefühlen?
[00:56:37.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Lange Zeit hatte ich grosse Angst davon, den Eltern Schuldgefühle zu machen. Ich
habe immer versucht, das zu umgehen.
[00:56:37.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Mutter hat man ohnehin immer Schuldgefühle. Man sagt ja: wenn das Kind schlecht
herauskommt, ist die Mutter schuld. Wenn das Kind gut herauskommt, ist der Vater der
Schuldige. Die Väter haben auch Schuldgefühle, nur zeigen sie diese nicht so sehr oder
sagen nichts dazu.
[00:57:09.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche möglichst offen mit Schuldgefühlen umzugehen.
[00:57:15.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Eltern das erwähnen und mich fragen, gehe ich oft die Generationen hinauf. Sie
können nichts dafür, dass sie so und so aufgewachsen sind.
[00:57:26.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben das und das miterlebt. So sind die programmiert worden. Deshalb reagieren
sie jetzt so. Das ist nichts Böses. Das ist nicht Böse gewollt. Daran verändern wir jetzt
etwas.
[00:57:47.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir können bis Adam und Eva zurück gehen und sagen: die sind Schuld.
[00:57:47.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schuldursache in der multiplen Generationen Betrachtungsweise kann ewig zurück
gehen. Es geht nicht um Schuld.
[00:58:06.780] – Dr.med. Ursula Davatz
In der systemischen Therapie und ganz allgemein in der Psychiatrie dürfen wir nicht von
Schuld sprechen.
[00:58:07.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schuld ist ein moralischer Begriff.
[00:58:09.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt: die Psychiater müssen amoralisch sein. Nicht unmoralisch, das ist etwas
anderes. Wir müssen wertfrei sein.
[00:58:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die Idee, dass man versucht den Eltern die Familie als eine Einheit wertfrei zu
zeigen. Wenn der Vater so ist, ist die Mutter so. Wenn der Grossvater so war, gab es
diese Auswirkungen. Man muss all diese Wirkungen miteinander anschauen, wissen wo
sie herkommen und besser zu verstehen versuchen. Dadurch kann man auch eher
etwas daran ändern.
[00:58:30.120] – Bemerkung 2
Wie sieht es mit den Familienstellern aus?
[00:59:12.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe den bekannten Familiensteller Bert Hellinger drei Mal persönlich beobachtet.
[00:59:12.850] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Bert_Hellinger
[00:59:17.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich als Familientherapeutin ist es sehr interessant gewesen, zuzuschauen.
[00:59:23.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Es stimmt, er macht ähnliche Dinge, nur spricht er sie nicht an. Er benennt sie nicht. Er
ist sehr intuitiv und verändert dann die Dinge.
[00:59:36.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eigene Patienten, die ins Familienstellen gegangen sind. Denen hat es zum
Teil viel gebracht.
[00:59:41.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim reinen Familienstellen sagt man, dass danach nicht darüber gesprochen werden
darf. Das was beim Familiensteller gesagt wurde, soll wirken.
[00:59:53.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Patienten, welche ich hatte, brauchten trotzdem noch Unterstützung hinterher. Das
habe ich eingeflochten in meine Familientherapie. Das ging sehr gut. Es hat gut
zueinander gepasst.
[01:00:08.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch schon Leute ins Familienstellen geschickt, weil ich fand, das könnte
einen Knopf lösen.
[01:00:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Familienstellen läuft es total auf emotionaler Ebene.
[01:00:18.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sende die Leute nach Hause in ihre Familie, damit sie sich dort direkt
auseinandersetzen. Dort ist viel mehr Kognition dabei. Man hat Einsicht, man spricht
darüber, es ist Erkenntnis dabei.
[01:00:34.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Familienstellen ist es emotionale Erkenntnis. Das kombiniert ist eine interessante
Sache. Es kann sich gut ergänzen.
[01:00:52.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Schizophrenie Familien reicht es nicht, nein. Dort braucht es noch eine andere
Begleitung.
[01:00:52.380] – Bemerkung 3
Machen sie die Familientherapie immer mit Vater, Mutter und Kind präsent?
[01:01:46.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Familientherapie mache, mache ich das nicht mit Vater, Mutter und Kind. Falls
das Kind kommen möchte und falls die Eltern unbedingt wollen, dass das Kind kommt,
sehe ich das Kind auch.
[01:01:46.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal teile ich dann auf, dass ich das Kind einer anderen Therapeutin gebe, rein
aus technischen Gründen, wenn ich nicht so viel Zeit habe und weil ich viel Erfahrung in
der Familientherapie habe.
[01:01:46.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite mit den Eltern und ein Einzeltherapeut arbeitet mit dem erwachsenen Kind.
[01:02:02.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern sagen: der kommt nicht, oder der muss kommen und der ist krank.
Dann antworte ich: wenn man etwas verändern will, ist es wichtig, dass man bei den
Hauptfiguren beginnt und nicht beim Schwächsten Glied.
[01:02:22.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern sind das stärkste Glied und ich will mit dem stärksten Glied arbeiten.
[01:02:37.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es mit den Eltern gut läuft, dann kommt irgendwann der Patient auch. Der Patient
wird neugierig: was machen die eigentlich.
[01:02:38.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist interessant.
[01:02:41.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern von Schizophreniekranken sind meistens sehr in Not. Es ist sehr
anstrengend. Die emotionale Monsterwelle ist aufreibend. Man kann nicht schlafen,
man ist ständig damit beschäftigt. Es ist fürchterlich. Es ist sehr sehr anstrengend.
[01:03:00.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Daher sind die bereit, sich Hilfe zu holen. Sie sind auch bereit zu kommen und
Anweisungen entgegenzunehmen.
[01:03:00.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann auch etwas bewirken, wenn der Patient nicht kommt und ich nur mit den Eltern
spreche. Viele Eltern akzeptieren das.
[01:03:00.580] – Bemerkung 4
Ich arbeite als Beiständin und habe eine Familie mit einem jungen Mann, wo die Familie
alles für ihn macht. Wir kommen nicht vom Fleck.
[01:03:34.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist genau der Hyperaktivismus.
[01:03:47.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche Eltern könnten sie durchaus in die Angehörigengruppe zu mir schicken.
[01:03:55.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Die können ein einziges Mal kommen und dann erzählen sie ihre Geschichte.
[01:03:59.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann ich sie anleiten.
[01:03:59.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Eltern, die schon ein wenig weiter sind und erlickt haben, wie es geht. Die sagen
dann auch: ja, ja, so habe ich es auch gemacht, aber ich muss lernen es anders zu
machen. Ich musste lernen loszulassen. jetzt geht es besser. Ich denke nicht mehr so
viel an meine kranke Tochter, meinen kranken Sohn. Ich kann wieder ein Leben leben.
[01:04:24.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo die Eltern nicht mehr hyperfokussiert sind auf das Kind, gibt es Platz,
Raum zum schnaufen, damit sich das Kind entwickeln kann.
[01:04:29.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen die Eltern gerne in die Angehörigengruppe senden.
[01:04:29.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kurse sind auf meiner Website.
[01:04:34.970] – Dr.med. Ursula Davatz
https://ganglion.ch/html/kurse.php
[01:06:31.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Angehörigengruppe wird nicht stark besucht.
[01:06:31.640] – Bemerkung 5
Ich betreue einen Schizophrenen und finde für ihn keine Wohnmöglichkeit.
[01:06:35.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Haben die den Guyerweg schon versucht?
[01:06:35.693] – Dr.med. Ursula Davatz
https://guyerweg.ch/
[01:06:35.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ursprünglich wurde die Stiftung Guyerweg gegründet um zwei Jahre Rehabilitation zu
machen.
[01:06:35.760] – Bemerkung 6
Jemand hätte vor seinen Eltern niederknie sollen. Er konnte das nicht.
[01:07:01.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Bert Hellinger kommt aus der christlichen Religion.
[01:07:28.240] – Dr.med. Ursula Davatz
In Südafrika hat er Priester, Schüler instruiert.
[01:07:39.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Bert Hellinger hat Schreitherapie nach Janow gelernt.
[01:07:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Prim%C3%A4rtherapie
[01:07:45.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Danach hat Bert Hellinger das Konzept der Familienstellen entwickelt.
[01:07:47.920] – Dr.med. Ursula Davatz
In den USA gab es bereits eine solche Schule. Diese Schule hiess strukturelle
Therapie. Ich habe das in den USA mit Familien und Institutionen auch gemacht.
[01:07:48.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Ansatz von Bert Hellinger bei den Konfliktlösungen ist: Vergeben und Verneigen.
[01:08:08.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht manchmal zu schnell zur Versöhnung.
[01:08:14.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Konflikte können nicht einfach über Verneigen und Versöhnung gelöst werden.
[01:08:21.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst muss die Wut, die Aggression, ausgesprochen werden dürfen.
[01:08:27.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Wut in Worten formuliert ist, kann die Trauer kommen, dass man etwas nicht
hatte, etwas verpasst hat, dass die Eltern etwas schlecht gemacht haben mit einem.
[01:08:40.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Trauer ermöglicht einem Tränen und dann das Loslassen.
[01:08:46.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Verneigen geht man gleich zum Loslassen.
[01:08:50.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Da überspringt man die anderen Stufen.
[01:08:53.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht bei schwierigen Konflikten nicht.
[01:09:07.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn gegenüber den Eltern eine Haltung der Lächerlichkeit herrscht: ich nehme
meinen Vater nicht ganz ernst. Der ist so schwach gewesen, den nehme ich nicht ernst.
[01:09:08.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Solange sie ihren Vater nicht ernst nehmen, können sie sich auch nicht mit ihm
auseinandersetzen und können sich auch nicht ablösen.
[01:09:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das leuchtet dann ein.
[01:09:31.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann bringe ich sie dazu, dass sie eine Auge zu Auge Position einnehmen, sich
auseinandersetzen und nicht einfach verschwinden, disqualifizieren können. Erst
danach kommt das Verneigen.
[01:09:43.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man von Auge zu Auge, auch wenn der Vater schon gestorben ist, trotzdem sich
auf erwachsener Ebene mit ihm auseinandersetzt, dann nimmt man eine bessere
Position für sich ein. Man setzt sich besser auseinander. Dann kann man sich
verneigen.
[01:10:02.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse Leute machen das noch auf dem Sterbebett von ihren Eltern, dass sie
nochmals Kontakt aufnehmen, nochmals den Faden finden und den Elternteil würdigen
können.
[01:10:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf nicht zu schnell zur Versöhnung gehen.
[01:10:45.220] – Bemerkung 7
Mein Patient hört ganz viele Stimmen. Wie soll ich damit umgehen?
[01:11:27.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich lange mit dem Stimmen hören befasst. Wie entsteht das, was bedeutet
das?
[01:11:27.160] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Psychiatrie bei Paul Kielholz hiess es, dass man das alles disqualifizieren kann.
[01:11:42.151] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Kielholz
[01:11:48.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Unterdessen sagt man, dass das alles eine Bedeutung hat. Ich versuche diese
Bedeutung zu enträtseln. Ich versuche zu schauen, wie die Stimmen in diese
Geschichte passen.
[01:12:03.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Einfach gesagt, sind es wie Metaphern.
[01:12:04.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hab einen Patienten, wenn der Stimmen hört, schaue ich seine Geschichte an und
sage: das ist ein laut gewordenes, schlechtes Gewissen.
[01:12:04.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind meistens projizierte, eigene Gedanken auf andere Leute oder eben auf diese
Stimmen.
[01:12:26.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie übernehmen auf eine Art keine Eigenverantwortung. Zum Teil ist es kompliziert zum
herausfinden.
[01:12:28.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind Metaphern oder Vexierbilder. Man braucht eine Zeit, bis man herausfindet, was
eigentlich die Bedeutung ist.
[01:12:40.440] – Bemerkung 8
Versuch und Irrtum.
[01:12:40.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist in Ordnung. Was man nicht tun soll, ist einfach gleich dagegen reden, das ist
falsch, das stimmt nicht, das ist fantasiert. Dann fühlen sie sich zurück gestossen und
sagen einem nichts mehr.
[01:12:53.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche über Fragen einzusteigen: was hat es für eine Bedeutung, ist es eine
Männer- oder eine Frauenstimme? Was sagt er? Macht es eher Angst? Hellt es eher
auf?
[01:13:13.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Jemand war unglücklich verheiratet. Wenn es ihr schlecht ging, hat sie sich immer mit
einem Filmschauspieler unterhalten. Sie hat seine Stimme gehört. Das hat ihr gut
getan.
[01:13:31.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Stimmen zu hören, ist auch ein Ersatz für soziale Kontakte.
[01:14:09.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute habe ich mit jemandem gesprochen, wenn er rausgeht, meint er, dass an der
Kasse wegen ihm etwas angesagt wird. Das sind sogenannte Bezugsideen. Er ist gar
nicht gewohnt zu interagieren.
[01:14:10.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Im autistischen Leben phantasiert man alles mögliche und unterhält sich damit, als ob
sie einen Roman oder ein Märchen lesen würden.
[01:14:17.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie steigen in die Realität auf der Metaebene ein, in die Pseudorealität.
[01:14:18.400] – Bemerkung 9
Ist das Töpferhaus der Guyerweg?
[01:15:02.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das ist nicht das Töpferhaus, das ist der Guyerweg.
[01:15:02.840] – Dr.med. Ursula Davatz
https://toepferhaus.ch/
[01:15:13.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Töpferhaus ist eine andere Institution. Die nehmen auch Schizophrene.
[01:15:21.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Guyerweg ist unten in der Telli.
[01:15:21.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Guyerweg wurde von der VASK ins Leben gerufen. Der Guyerweg ist klein
geblieben, wir sind nicht gross geworden. Wir haben nur 15 Plätze, sehr familiär.
[01:15:32.420] – Bemerkung 10
Gibt es im Guyerweg ein Beschäftigungsprogramm?
[01:15:46.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Haus selber nicht. Sie arbeiten mit dem Töpferhaus zusammen. Man hilft den Leuten
etwas zu suchen. Nur sporadisch, wenn man einen Kasten streicht, den Garten
verschönert oder ähnlich.
[01:15:46.770] – Bemerkung 11
Wie endet ein akuter Schub? Kommt danach eine Depression?
[01:16:30.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein akuter Schub hört natürlicherweise nach drei Monaten auf. Das ist eine Regel.
Wenn man nicht stört und die Monsterwelle nicht wieder aufgeschaukelt wird, dann ebbt
sie langsam aus und dann wird es ruhig.
[01:16:31.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Danach kommt häufig eine postpsychotische Depression.
[01:16:52.340] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem akuten Schub macht man alles mögliche verkehrt.
[01:16:56.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist verrückt, man spinnt, man hat durchgedreht im wahrsten Sinne des Wortes. Das
limbische System dreht ein wenig durch. Dann geniert man sich dafür.
[01:17:07.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man manisch war, hat man noch alles mögliche kaputt gemacht, Geschirr
zerschlagen, Beziehungen kaputt gemacht usw.
[01:17:08.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sieht man auf einmal: oh je, was habe ich gemacht.
[01:17:17.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man Antidepressiva geben.
[01:17:21.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich persönlich mache das nicht so gerne.
[01:17:23.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche eher, sie im Leben zu begleiten und in das Leben hinaus zu begleiten,
damit sie ihren Lebensweg unter die Füsse nehmen.
[01:17:27.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche eher zu coachen, als einfach eine Gegenmacht zu sein.
[01:17:27.690] – Bemerkung 11
Kann es auch zu einem Suizid kommen?
[01:17:27.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Suizid tritt in der Regel nicht auf, wenn eine akute Depression ist, sondern wenn
man sich fallen gelassen fühlt.
[01:18:10.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Schizophrenen merken: die haben mich aufgegeben. Dann kann ein Suizid
geschehen.
[01:18:17.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Schizophrene, die Suizid machen. Sie machen häufig Suizid aus der Haltung
heraus, ich halte das nicht mehr aus. Ich halte den Sturm im Kopf nicht mehr aus. Es ist
so unerträglich, ich muss es einfach weghaben.
[01:18:30.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann es gefährlich sein, dass die Schizophrenen sich das Leben nehmen.
[01:18:35.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist häufig kein geplanter Suizid, wie es die wirklich Depressiven tun.
[01:18:45.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eher impulsiv um alles weg zu machen oder wenn sie aufgegeben werden von
den Angehörigen und den Fachleuten.
[01:18:45.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig haben die Eltern grosse Angst vor dem Suizid.
[01:19:00.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche die Eltern eher zu beruhigen.
[01:19:02.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Solange man die Beziehung zum Patienten behält, solange etwas läuft, ist die Gefahr
nicht so gross.
[01:19:11.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte ihnen nochmals danken, für das aktive mitmachen.
[01:19:11.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache nochmals aufmerksam auf mein Buch, das vielleicht noch vor der
Sommerferien herauskommt.
[01:19:35.040] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.somedia-buchverlag.ch/gesamtverzeichnis/deadhs-und-schizophrenie/
[01:19:35.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Herzlichen Dank und einen schönen Abend.
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