Vortrag 1 inkl. Fragen:
Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
5.5.2014
Postpartale Psychose, Depression, Borderline Störung, Sucht,
psychisch kranke Eltern und die Auswirkungen auf ihre Kinder –
erster Teil.
Audio
[00:00:04.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kommt der Vortrag für die MütterberaterInnen am Careum in Aarau vom 5.5.2014.
[00:00:25.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Thema: postpartale Psychose, Depression, Borderline Störung, Sucht, psychisch
kranke Eltern und die Auswirkungen auf ihre Kinder etc.
[00:00:43.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Sind sie wieder bereit zum Weiterfahren?
[00:00:50.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Mir wurde gesagt, dass sie Fallsupervision hatten und nur ein System angeschaut
hätten. Das sei unbefriedigend.
[00:01:01.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich haben alle das Soziogenogramm/Ökogenogramm gelernt.
[00:01:08.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her sind sie weit voran, dass sie diese Dinge anschauen.
[00:01:13.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann sie nur dazu aufmuntern, dass sie es wirklich auch machen.
[00:01:17.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die Symptome nur im Individuum anschaut, versteht man sie nicht so gut.
Man hat auch nicht so viele Einflussmöglichkeiten.
[00:01:26.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch ist ein geschichtliches Wesen. Jedes Symptom hat seine Geschichte. Man
wird nicht einfach nur damit geboren.
[00:01:28.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn steht in der Interaktion mit dem Umfeld. Das Gehirn speichert
Erinnerungen. Die Erinnerungen beeinflussen immer wieder ihre Aktionen.
[00:01:48.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn wird laufend weiter programmiert.
[00:01:54.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man auf das keine Rücksicht nimmt, verpasst man sehr viel.
[00:01:56.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, ich renne hier bei ihnen offene Türen ein.
[00:01:57.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage: seien sie mutig.
[00:02:05.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Schauen sie die Geschichte an. Fragen sie. Der Mensch ist ein geschichtliches Wesen.
[00:02:05.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch hat immer Erinnerungen, er trägt das weiter. Es gibt zum Beispiel
Enkelkinder von Holocaust/Konzentrationslager Grosseltern. Die Grosseltern wurden an
einem bestimmten Tag umgebracht. Die Enkelkinder haben dann an diesem Tag
Symptome, ohne dass sie es je gewusst haben. Ohne, dass die Eltern je davon
gesprochen haben. Das ist das Komische. Wir meinen wir speichern und erinnern uns
nur an verbale Dinge, nur was uns wörtlich gesagt wird.
[00:02:05.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir meinen auch ein Kind, das noch nicht sprechen kann, kann sich an nichts erinnern.
Das stimmt nicht.
[00:03:04.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Mensch speichert Erinnerungen, schon während der Schwangerschaft, also im
Uterus, auch nach der Geburt bis zur verbalen Phase und natürlich darüber hinaus und
zwar emotional.
[00:03:21.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Eindrücke, die reinkommen, gehen über das limbische System.
[00:03:25.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das limbische System hat auch etwas mit dem Gedächtnis zu tun.
[00:03:28.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird dann vernetzt mit körperlichen Empfindungen. Wenn eine körperliche
Empfindung passiert, ein Geruch, dann kommen die ganzen Erinnerungen.
[00:03:39.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir geben uns oft dem falschen Glauben hin, dass ein Kind, wenn es noch nichts
ausdrücken kann, es wisse dann nichts mehr.
[00:03:50.980] – Dr.med. Ursula Davatz
So läuft es auch mit sexuellem Missbrauch in der Kleinkindphase.
[00:03:57.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird trotzdem gespeichert, auf einer bildlichen, sensorischen Phase und noch nicht
auf der intellektuellen Ebene.
[00:04:10.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich, die Geschichte anzuschauen.
[00:04:16.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem sie die Geschichte erfragen, helfen sie den Menschen zu ordnen.
[00:04:22.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn ordnet sich, wenn man die Sachen, die im emotionalen Gehirn sind, auch
zum Teil im körperlichen Gedächtnis, im emotionalen Gedächtnis, indem man die Leute
dazu bringt, dass sie darüber reden dürfen, dann ordnet es sich besser.
[00:04:41.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die Arbeit, die wir Psychiater machen, dass wir emotional ungelöste Sachen auf
eine verbale Ebene heraufholen, wo es die Leute erzählen dürfen, und dann hat es eine
ordnende Wirkung.
[00:05:00.240] – Bemerkung 1
Traumatische Erlebnisse, wo sich der Mensch nicht mehr daran erinnern kann, warum
verschwinden die?
[00:05:09.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Selbstschutz.
[00:05:09.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Traumatische Erlebnisse können entweder ganz stark in der Erinnerung sein oder
verdrängt sein.
[00:05:17.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Was nicht wahr sein darf, nicht wahr sein kann.
[00:05:24.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das System unter einem gewissem Tabu läuft, dann verdrängt man das.
[00:05:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig sind dramatische Sachen im Tabubereich, und dann werden sie verdrängt.
[00:05:35.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man dann in der Therapie mit diesen Leuten arbeitet und so nahe dran
herankommt und man ihnen ein Gegenüber ist oder ein Umfeld bietet, wo man darf, wo
es dieses Tabu nicht gibt, dann kommen diese Dinge raus und dann wird erlaubt, dass
man sich daran erinnern darf.
[00:05:57.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Davor ist es verdrängt.
[00:06:00.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Verdrängungsmechanismus ist ein natürlicher Mechanismus zum Selbstschutz.
[00:06:04.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ständig über dramatische Dinge nachdenkt, ist die Funktionstüchtigkeit vom
Gehirn besetzt.
[00:06:18.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt solche, die immer nur darüber nachdenken und andere, die einfach verdrängen.
[00:06:23.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Leute, die besser verdrängen können und andere weniger gut.
[00:06:28.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Würden sie sich getrauen, ihre Mütter zu fragen, was hatten eigentlich sie für eine
Beziehung mit ihrer Mutter?
[00:06:55.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Finden sie das übergriffig?
[00:06:55.410] – Bemerkung 2
Vielleicht nicht gleich im Erstkontakt. Erst nach dem ein Beziehungsaufbau
stattgefunden hat. Erst nach dem das Vertrauen erarbeitet ist. Dann kann ich es mir
vorstellen.
[00:07:15.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das finde ich in Ordnung.
[00:07:17.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich als Psychiaterin, da kommen sie natürlich schon zum Psychiater und der fragt alles
Mögliche. Da kann ich manchmal schon im ersten Kontakt fragen.
[00:07:28.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das machen sie so, wie es für sie stimmt. Sie eine andere Person, sie gehen nach
Hause gehen.
[00:07:35.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie sehen das Andere?
[00:07:38.590] – Bemerkung 3
Es kommt langsam zusammen mit dem Familienassessment. Ich sehe wie gut es geht,
wenn man fragt.
[00:07:49.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, man ist dann ganz erstaunt.
[00:07:51.910] – Bemerkung 3
Sonst habe ich das Gefühl, das ist sehr privat. Ich habe Frauen, wo ich es gerne
ansprechen möchte, dort wo ich merke, dass sie psychisch instabil sind. Ich werde es in
einer nächsten Sitzung ansprechen, wenn ich merke, dass die Mutter nicht reingeholt
wird.
[00:08:20.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie spüren, dass da etwas ist, wenn sie sich nicht getrauen, dann steigen sie ein
ins Tabuisieren. Das ist nicht so gut. Dann werden sie Komplize vom Tabuisieren. Dann
ist es oft schwierig ein Tabu wieder zu brechen.
[00:08:43.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist erstaunlich, wie gut man fragen kann, wenn man so, ich sage jetzt mir nichts dir
nichts, ganz normal einfach halt fragt.
[00:08:54.500] – Bemerkung 3
Ich finde es noch schwierig, wenn man schon weiss, dass diese Person beim
Psychiater ist oder war. Das ist dann sein Teil. Das macht es noch schwieriger.
[00:09:07.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, dort tabuisieren sie. Da setzen sie den Psychiater über sich und sagen, das ist jetzt
dem sein Bereich und wollen dem nicht ins Handwerk pfuschen.
[00:09:18.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht findet das der Psychiater auch so. Das ist schon möglich.
[00:09:22.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind nicht da, um es dem Psychiater recht zu machen, sondern sie sind dazu da,
um es der Patientin recht zu machen, sich und in ihrer Beziehung.
[00:09:31.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Hören sie auf sich und nehmen sie ein bisschen weniger Rücksicht.
[00:09:41.530] – Bemerkung 3
Es geht um gegenseitige Wertschätzung. Es interessiert mich wie es ihr umfassend
geht. Es ist ein echtes Interesse an mir vorhanden, dass es mir wieder ein bisschen
besser geht. So hätte ich es auch gerne.
[00:10:19.890] – Bemerkung 3
Es ist ein Zeichen der Wertschätzung.
[00:10:22.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss nicht fragen, wie ihre Beziehung zur Mutter war.
[00:10:35.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können fragen: können sie einmal ihre Mutter beschreiben.
[00:10:35.620] – Bemerkung 4
Ist das nicht wunderfitzig?
[00:10:35.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist wunderfitzig. Man muss dazu stehen und sagen: ich interessiere mich dafür.
Wir sind alle von unseren Mütter geprägt. Wenn man uns sagt: hier gleichst du deiner
Mutter.
[00:10:35.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man eine gute Beziehung zur Mutter hatte sagt man: toll!
[00:10:56.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn nicht, dann ist es das Schrecklichste.
[00:11:05.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Du wirst immer mehr wie deine Mutter.
[00:11:09.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Du wirst immer mehr wie dein Vater.
[00:11:14.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist normal, dass wir Sachen von unseren Eltern übernehmen.
[00:11:20.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn jemand sagt: du wirst immer mehr wie deine Mutter, dann denkt man, das sei das
grösste Schimpfwort.
[00:11:24.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eigentlich komisch.
[00:11:27.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Das zeigt, dass wir uns ablösen wollen von unseren Eltern, dass wir eigenständig sein
wollen, dass wir eine eigene Person sein wollen. Das dürfen wir auch. Es zeigt auch,
dass häufig da noch Konflikte sind.
[00:11:47.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage die Leute oft: können sie mir kurz die Persönlichkeit ihrer Mutter beschreiben?
Können sie mir kurz den Vater beschreiben?
[00:11:51.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit ich ein besseres Verständnis habe.
[00:12:01.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie ein Geno-Ökogramm aufnehmen, dann haben sie das gelernt und dann
interessiert es einem.
[00:12:02.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage auch: was wollen sie gleich machen wie ihre Mutter? Was wollen sie anders
machen? Man hat immer Absichten, was man ganz anders machen möchte und solche
die man gut findet und dann auch wieder macht.
[00:12:02.810] – Dr.med. Ursula Davatz
So kommt man der Sache näher.
[00:12:24.840] – Bemerkung 5
Ich frage: wie werden sie in der Kinderbetreuung unterstützt? Wer hilft ihnen dabei?
Wenn die Mutter regelmässig kommt, weiss man bereits etwas. Dann kann man fragen:
wie ist denn das?
[00:12:45.420] – Bemerkung 5
Wenn sie sagt: meiner Mutter gebe ich das Kind sicher nicht. Dann kann man
nachfragen. Ich mache es meistens über die Kinder.
[00:12:54.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine sehr gute Methode, in dem man fragt: wo haben sie Unterstützung? Aus
dem System, Nachbarn, Freunde?
[00:12:57.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es heisst: der Mutter gebe ich es sicher nicht, dann hat man schon eine Aussage.
Sie fragen die Beziehungen ab, das Unterstützungssystem.
[00:12:57.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Jede Mutter mit einem kleinen Kind braucht zusätzliche Unterstützung, wie im
afrikanischen Dorf. Was ist ihr afrikanisches Dorf? Wer kommt dort rein? Wenn die
Mutter ausgespart wird, dann ist alles klar.
[00:13:29.110] – Bemerkung 6
Ich finde das Genö-Ökogram ein sehr gutes Instrument. Es erleichtert einem die Frage
wirklich.
[00:13:29.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können sagen: wir sind moderne Mütterberaterinnen, wir haben gelernt ein Geno-
Ökogramm aufzunehmen. Ich habe gemerkt, dass es ein gutes Instrument ist. Das
mache ich jetzt mit Ihnen.
[00:13:45.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei allen Familien, die zu mir kommen, sage ich, wie ich es mache.
[00:13:51.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme zuerst ein Genogramm auf.
[00:13:53.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage nur Genogramm.
[00:13:55.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gehen wir auf das Problem ein.
[00:13:59.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie das ganz offiziell gelernt haben, kann man es immer verallgemeinern. Ich
habe das gelernt, ich finde es eine tolle Methode, ich möchte das bei Ihnen auch
anwenden.
[00:14:09.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist, wie wenn man das modernste technische Instrument anwendet.
[00:14:13.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben sie nichts dagegen. Dann denken sie nicht: die fragt mich nur aus, weil ich
eine komische Frau bin.
[00:14:14.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ärzte suchen immer nach der Pathologie. Wir suchen nach einem Symptom. Das ist
natürlich krank. Wer will psychisch krank sein? Niemand.
[00:14:32.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie einfach nur kennen lernen wollen und das System fragen, das Geno-
Ökogramm, das ist unverfänglich.
[00:14:41.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Da vermutet man nichts Böses.
[00:14:43.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist einfach interessiert.
[00:15:06.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wer hatte eine psychotische Mutter?
[00:15:13.890] – Bemerkung 7
Eine eigene?
[00:15:32.960] – Bemerkung 8
Ich habe eine Mutter. Sie kam zu mir um ein Schlafprotokoll zu besprechen. Sie hat mir
dann ihre Lebensgeschichte erzählt. Sie hat seit zwei Jahren keinen heissen Kaffee
mehr getrunken, weil sie immer das Kind neben sich sieht und das gut machen möchte,
keinen Fehler machen möchte. Während dem putzen kann sie das Kind am morgen in
das Quartier geben. Mittagspause hat sie keine, weil das Kind unregelmässig schläft.
Sie ist ständig am nachdenken. Sie hat sieben Jahre auf ein Kind gewartet. Sie hat fünf
mal den Versuch einer künstlichen Befruchtung gemacht. In dieser Zeit hat sie sich ein
Idealbild und ein Traumbild suggeriert. Als der Junge auf die Welt kam, sagte sie, früher
hatte ich schönere Jahre als jetzt. Eigentlich darf ich das nicht denken oder sagen. Sie
konnte sich ein Haus bauen. Seit das Kind das ist, ist die Traumwelt zerplatzt. Das
wollten wir doch.
[00:17:41.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wahnsinnig. Schauen wir den Fall kurz an.
[00:17:44.950] – Bemerkung 8
Sie studiert sehr viel. Sie hinterfragt sehr viel.
[00:18:07.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ist noch nicht ganz psychotisch. Sie könnte werden. Gewisse bleiben auch stehen
auf dem Gebiet.
[00:18:17.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben Depressionen, hier ist der Akku runtergefahren.
[00:18:30.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Bevor eine Psychose ausbricht, wenn der Akku runtergefallen ist, es läuft nicht recht,
man hält sich noch. Dann geht es oft um Zwangsverhalten.
[00:18:43.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das emotionale System überfordert und überreizt ist, hat man die Tendenz, dem
Kleinhirn und dem Stammhirn Aufträge zu erteilen.
[00:18:58.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles Zwangsverhalten ist ein Versuch, Angst zu binden.
[00:19:05.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Naturvölker, im Augenblick von Übergängen, von schwierigen Situationen, haben
Rituale.
[00:19:13.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Rituale sind nichts anderes als kollektives Zwangsverhalten.
[00:19:31.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Zwangsverhalten ist natürlich auch Rhythmus, Reiten. Das gibt Stabilität.
[00:19:42.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Traditionen geben Stabilität. Der Mensch kämpft immer zwischen, wie viel Stabilität er
braucht, wenn er Traditionen aufrechterhält, und wie viele Erneuerungsfaktoren er
einbringen will.
[00:20:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wieviel möchte mich weiterentwickeln?
[00:20:01.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich ständig immer nur alles verändere, ist null Stabilität da.
[00:20:04.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich immer alles gleich behalte, ist kein Lernen da.
[00:20:08.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein ständiges Wechselspiel: wieviel Stabilität und Neues brauche ich.
[00:20:18.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Leute, die mehr Neues ertragen und nicht so viel Stabilität brauchen.
[00:20:24.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die können sich immer wieder stabilisieren im Gehirn durch die vielen Muster, die sie
gelernt haben.
[00:20:29.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Andere Leute brauchen mehr Stabilität.
[00:20:32.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich drücke es extrem aus.
[00:20:38.390] – Bemerkung 9
Man kann das auch zusammenschweissen.
[00:20:43.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Ritual gibt Kontinuität und Halt.
[00:20:45.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nenne das auch: soziale Vererbung.
[00:20:48.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht die genetische Vererbung, sondern die soziale Vererbung.
[00:20:58.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Innerhalb von Familien gibt es Traditionen, an denen man festhält.
[00:21:06.020] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Gesellschaft gibt es Traditionen, innerhalb der Religion gibt es Traditionen.
[00:21:10.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Tradition ist Weihnachten, Ostern, alle Feiertage.
[00:21:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem man diese Dinge macht, gibt es ein Zusammengehörigkeitsgefühl und Stabilität.
[00:21:23.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn jemand sehr verunsichert ist, kann er zwanghaft nachdenken, wie er das in den
Griff bekommen kann.
[00:21:34.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Er kann zwanghaft auch Rituale machen.
[00:21:39.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das zwanghafte Verhalten nicht mehr verhält, dann geht zu viel in das Grosshirn
hinauf und dann bricht das Grosshirn zusammen und dann haben wir die Psychose.
[00:21:53.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor dem Ausbruch der Psychose trifft man oft Zwangsverhalten an.
[00:22:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird es falsch diagnostiziert.
[00:22:01.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Angst tritt auf, dann muss alles geordnet werden, alles ganz rigide zusammengehalten
werden.
[00:22:04.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Frau hat kein Kind bekommen und hat zwangsmässig sieben Jahre lang
versucht. Zwangsmässig und künstlich probiert.
[00:22:24.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sagen: die Natur findet, dass ich kein Kind haben kann. Irgendwie ist das
Nest nicht gut dafür und ich akzeptiere das.
[00:22:34.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder man sagt: nein, ich überliste jetzt das und ich hole die Medizin herein und erhalte
mein Kind.
[00:22:44.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt die Frage: oh, ich hatte es aber vorher besser.
[00:22:52.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist noch keine Psychose, kann aber in eine übergehen.
[00:23:11.860] – Bemerkung 26
Ich habe sie nur einmal gesehen.
[00:23:41.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ist 37 Jahre alt. Das Kind ist ein Junge. Seit zehn Jahren verheiratet. Das Kind ist
zwei Jahre alt. Sie arbeitet im Büro, KV. Der Vater ist Jurist. Dort kommt ein gewisses
Zwangsverhalten rein, ich bin gescheiter. Mit jedem Beruf kommt ein Berufsbild. Er ist
selbständig als Rechtsanwalt. Aktiv. Sie hat eine jüngere Schwester. Die jüngere
Schwester hat zwei Kinder, sie ist unbeschwert, ihr gelingt alles, ist unkompliziert,
unstrukturiert.
[00:24:45.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gegenteil von Zwangsverhalten.
[00:25:07.600] – Bemerkung 26
Sie bewundert es auch. Wie würde gerne sich weniger sorgen.
[00:25:18.300] – Bemerkung 26
Die Grossmutter kommt zum hüten. Der Sohn wird der Grossmutter zum übernachten
übergeben. Tagsüber ist der Sohn dann bei der Grossmutter. Er ist gerne dort. Die
Mutter geht tagsüber arbeiten.
[00:25:37.900] – Bemerkung 26
Vom Vater weiss ich nichts.
[00:25:51.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Hat sie gesagt, warum sie so lange keine Kinder hatte?
[00:25:54.440] – Bemerkung 26
Auf dem normalen Weg hat es nicht geklappt. Sie kamen in das Programm In-Vitro
Programm rein. In-Vitro-Fertilisation. Sie hat es sieben Mal gemacht, bis es geklappt
hat.
[00:26:33.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Organisch hat man nichts gefunden. Die Spermien waren gut.
[00:26:37.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es nicht klappt, wird die Schuldfrage gestellt.
[00:26:40.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Allgemein sagt man, bei den Männern geht die Anzahl der Spermien runter.
[00:26:43.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hängt wohl auch mit Stress zusammen. Unter Stress ist man nicht ganz so
reproduktiv.
[00:26:44.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Immer wenn es keine Kinder gibt, wenn es nicht klappt, wie man es gerne hätte, dann
ist die Frage immer: wer trägt die Schuld.
[00:27:05.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Das darf man natürlich nicht so sagen.
[00:27:06.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wer fühlt sich verantwortlich dafür, dass es nicht klappt?
[00:27:18.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Was denkt man, an was es liegt? Diese Bilder spielen wieder eine Rolle.
[00:27:18.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Bilder welche man sieht in diesem Moment sagen etwas darüber aus, wie man sich
selber sieht oder wie man den anderen sieht. Häufig hat man die Tendenz die Schuld
dem anderen zuzuschieben. Oder man hat die Tendenz sich für alles schuldig zu
machen.
[00:27:24.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine Frage Möglichkeit.
[00:27:41.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind nach so langer Zeit auf die Welt kommt, ist das ein überfokussiertes
Kind.
[00:27:41.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind das erste Enkelkind ist, wenn ein Kind nach so langer Zeit kommt, wenn
ein Kind nach viele Versuchen und Aborten auf die Welt kommt, wenn ein Kind nach
dem Tod eines älteren Geschwisters auf die Welt kommt, sind das alles fokussierte
Kinder.
[00:28:20.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Das System ist dann in Trauer und das Kind muss dann die Funktion übernehmen und
muss alle aufheitern.
[00:28:28.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Von daher ist das ein überfokussiertes Kind.
[00:28:34.300] – Dr.med. Ursula Davatz
In dieser Beziehung, liegt relativ viel Druck. Es liegt auch der Druck: das Kind muss es
jetzt gut machen.
[00:28:47.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Je mehr Druck man hat, oder macht auf das Kind, das spürt das Kind alles, umso
weniger gut geht es.
[00:29:00.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Abhängig vom Temperament des Kindes, kann das Kind das ausgleichen, es kann die
Mutter aufheitern und es läuft alles gut. Oder es erdrückt das Kind.
[00:29:21.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie reagiert das Kind, auf die perfekte Mutter?
[00:29:22.720] – Bemerkung 26
Es ist ein einfaches, pflegeleichtes Kind.
[00:29:24.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt es häufig erst in der Pubertät. Dann sind sie nicht mehr dabei.
[00:29:34.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Was empfinden sie, wenn sie in dieses System reinkommen?
[00:29:47.460] – Bemerkung 26
Bedrückend, belastend.
[00:29:57.330] – Bemerkung 26
Die Gefühle, die Ängste. Sie zweifelt an sich.
[00:30:21.090] – Bemerkung 26
Sie hätte gerne jemanden, der in die Familie kommt, wie ein Coach. Jemand der ihr hilft
im Tagesablauf, der ihr hilft in der Ablösung. Ein Familiencoach
[00:31:15.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Gleichzeitig sagt die Mutter: früher ging es mir besser.
[00:31:18.560] – Bemerkung 11
Irgendwo ist das auch natürlich, weil sie sich so unter einen Druck setzt. Das gibt eine
Anspannung von morgens bis abends.
[00:31:28.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Man setzt meist viel Druck auf sich auf, wenn man eine Art Erwartungshaltung hat.
[00:31:42.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt die enttäuschte Erwartungshaltung und dann kommt wieder Druck.
[00:31:46.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Es würde sich lohnen, die Frau zum "Projekt Kind" zu befragen.
[00:31:46.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat sie alles erwartet, als sie sieben Mal versucht hat ein Kind zu bekommen? Was
hat sie sich vorgestellt, was dann alles geschieht?
[00:31:55.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir handeln aber wir haben im Kopf alle möglichen Schematas. Man muss an diese
Schematas im Kopf herankommen.
[00:32:02.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Können sie die Mutter dazu befragen?
[00:32:02.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schwester macht das alles unbeschwert. Ist sie eifersüchtig auf die Schwester?
[00:32:36.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie bewundert die Schwester. Ist sie andererseits auch eifersüchtig?
[00:32:40.080] – Bemerkung 26
Sie sieht, dass es auch anders gehen kann.
[00:32:40.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier können wir ihre Geschwistern Positionen anschauen.
[00:32:42.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Theorien über Geschwister-Positionen.
[00:32:44.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ältesten Geschwister müssen immer Verantwortung übernehmen.
[00:32:58.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir können sie fragen: musste sie viel Verantwortung für ihre jungen Schwestern
übernehmen?
[00:33:08.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Die jüngeren können im Windschatten des Älteren dahin segeln und müssen nicht so
viel Verantwortung übernehmen.
[00:33:14.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie übernehmen es dann etwas natürlicher.
[00:33:17.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das scheint ihr gelungen zu sein.
[00:33:19.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man sie fragen: sie eine ist, die allgemein viel Verantwortung übernimmt im
Büro.
[00:33:25.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen spüren alles, was im Büro ist, Männer laufen daran vorbei.
[00:33:29.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie Sekretärin fühlt sich für das ganze System verantwortlich.
[00:33:34.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sie fragen: ist sie eine, die viel Verantwortung übernimmt?
[00:33:38.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müsste schon dem Kind Verantwortung abgeben. Das schafft sie nicht.
[00:33:38.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie muss sich selber kennenlernen und vielleicht ihre Muster ein wenig hinterfragen und
ein bisschen ändern.
[00:34:02.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie will dass jemand in das System kommt, zur Unterstützung.
[00:34:11.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat Affen, die erstgebährende Mütter waren im Einzelkäfig aufgezogen. Die
konnten ihre Kinder nicht richtig behandeln. Sie haben ihre Kinder malträtiert, schlecht
behandelt.
[00:34:18.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat man die dann hat man die erstgeborenen Mütter mit anderen Äffinnen und
Kindern zusammengetan. Auf einmal konnten sie es.
[00:34:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser heutige Wohnform ist Isolierkäfigbehandlung.
[00:34:32.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss ihr andere Mütter reinholen, dass sie zusammen mit anderen Müttern
schauen kann. Vielleicht am Anfang sogar Hometreatment.
[00:34:32.948] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.hota.ch/
[00:34:42.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Jemand geht zur ihr nach Hause und beruhigt sie ein bisschen. Sie ist ängstlich.
[00:34:59.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus dem Ängstlichen heraus kann sie nur so ängstlich Mutter sein.
[00:35:01.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn jemand weiteres da ist, merkt man, man kann es auch anders.
[00:35:03.800] – Bemerkung 11
Es ist im Kanton Bern.
[00:35:22.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Fragen sie einmal nach. Es gibt die sozialpädagogische Familienbegleitung:
[00:35:35.858] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.spfplus.ch/
[00:35:36.020] – Bemerkung 12
Ich würde mit ihr die konkreten Situationen anschauen, wo sie mit dem Kind überfordert
ist und sie versuchen dort zu unterstützen.
[00:35:41.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine sehr gut Idee.
[00:35:46.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären alle die Vorstellungen, welche sie nicht erfüllen kann, wie es sein muss.
[00:35:46.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihre enttäuschte Erwartungshaltung.
[00:35:51.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man mit ihr eine Reprogrammierung des Gehirns macht.
[00:35:55.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist absolut richtig.
[00:36:06.420] – Bemerkung 13
Welche Rolle spielt der Vater?
[00:36:24.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können mal mit ihnen zusammensitzen und fragen: wie sieht es der Vater? Wie
ängstlich ist er? Wie sieht er das? Wie gut traut er die Mutterrolle seiner Frau zu? Wie
gut deckt er ihr den Rücken und unterstützt sie?
[00:36:24.580] – Bemerkung 13
Es ist ein Junge. Welche Erfahrungen hatte sie mit ihrem Vater? Welche Erfahrungen
hatte sie mit ihrem Mann?
[00:36:54.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gut kann sie ihn als Ressource verwenden?
[00:36:54.340] – Bemerkung 13
Der Vater findet eher, lass das Kind eher mal in Ruhe. Wenn das Kind bei der
Tagesmutter ist und sie putzen kann, findet er nicht jede Mutter kann in Ruhe putzen.
[00:37:22.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Er kritisiert sie.
[00:37:34.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Männer, Juristen haben die Tendenz zu schnellen Problemlösungen, rationalen
Problemlösungen.
[00:37:35.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist kein rationales Problem.
[00:37:47.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ist emotional blockiert, emotional ängstlich.
[00:37:54.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie das so macht, kritisiert er sie. Dann fühlt sie sich noch schlechter.
[00:38:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist sie noch schlechter.
[00:38:01.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss ihn reinholen und in seiner Anwesenheit, die Schematas ein wenig
hinterfragen.
[00:38:01.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Dem Vater aufzeigen, dass es Geduld braucht.
[00:38:07.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter muss man zuerst abholen bei: ich habe Angst, ich kann das nicht richtig. Ich
erwarte das und das von mir.
[00:38:24.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Erst dann besänftigen, bevor man gute Ratschläge gibt.
[00:38:31.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ratschläge sind auch Schläge.
[00:38:32.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Er gibt ihr gleich Schläge. Das macht sie nicht besser.
[00:38:39.870] – Bemerkung 14
Sie hat das Programm sieben Mal durchgemacht hat. Das war sicher sehr belastend.
[00:38:50.510] – Dr.med. Ursula Davatz
So ist es.
[00:38:50.710] – Bemerkung 14
Die Schwester hat zwei Chancen. Es kann bei einem Kind nicht so gut laufen und beim
zweiten kann es besser laufen.
[00:39:00.510] – Bemerkung 14
Sie hat nur ein Kind.
[00:39:05.980] – Bemerkung 14
Früher, als wir zehn Kinder hatten, gab es ein schwaches Kind. Das hatten wir auch
gerne.
[00:39:12.170] – Bemerkung 14
Wenn beide intellektuell sehr gescheit sind, die Erwartungshaltung.
[00:39:18.780] – Bemerkung 14
Es ist unglaublich wie die Umgebung zuschaut.
[00:39:51.430] – Bemerkung 14
Wir sind aus Brasilien zurückgekommen und sind durch das Dorf gelaufen. Alle wussten
schon den Namen, auch auf dem Spielplatz wurde immer geschaut. Der Druck von
aussen ist gross. Was mache die jetzt? Die Leute sind sehr neugierig.
[00:39:51.860] – Bemerkung 14
Wird von ihr erwartet, die glückliche Mutter zu sein? Sie sagt es explizit, dass sie nicht
immer so glücklich ist.
[00:40:48.480] – Bemerkung 14
Bei uns hat man auch jahrelang auf die Kinder gewartet. Dann musste man auch
überglücklich sein, wenn das Kind gekommen ist.
[00:40:48.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat Schematas im Kopf.
[00:40:48.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt den Zwang zum glücklich sein.
[00:40:48.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Was denkt man, was die anderen über einem denken?
[00:41:04.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie stark ist das hier der Fall, was die anderen denken?
[00:41:16.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man nicht ausblenden. Man hat Vorstellungen, was die anderen Denken und
man spürt auch, was die anderen Denken.
[00:41:33.480] – Bemerkung 15
Wie sind sie erzogen worden?
[00:41:33.680] – Bemerkung 15
Mein Eltern haben zur mir immer gesagt: du musst nicht studieren, du wirst viele Kinder
haben. Das war der Lebensplan. Bist du noch nicht schwanger? Jahrelanger Druck. Bei
uns war der Mann unfruchtbar. Man will den Mann nicht so hinstellen. Immer auf den
Bauch schauen. Das ist nicht so einfach.
[00:41:58.580] – Dr.med. Ursula Davatz
So eine Frage können sie auch einflechten.
[00:42:05.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie stark fühlt sie sich von aussen beobachtet?
[00:42:18.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage: für wenn setzen sie den Druck auf sich auf? Für die Mutter? Für den Vater?
Für aussen, für sich? Woher kommt der Druck? Vom Umfeld kann ein grosser Druck
kommen. Man macht sich den zum Teil selber auch.
[00:42:40.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gehört alles zu den Schematas im Kopf.
[00:42:44.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Können sie das versuchen?
[00:42:50.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eine Mutter. Sie ist in einem kommunistischen Land als Kind aufgewachsen.
Sie wollte immer Kinder und hatte mehrere Aborte.
[00:43:26.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kam dann mit dem Kind zur mir in die Beratung und wusste nicht wie sie das Kind
anfassen soll. Sie hatte eine Angststörung. Sie dachte, wenn sie das Kind rausnimmt,
dann zerbricht es.
[00:43:46.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich durfte das Kind auf den Schoß nehmen. Sie merkte: das Kind zerbricht nicht, ich
darf etwas machen. Ich habe sie immer begleitet. Die Kinder sind jetzt im Teenager
Alter. Sie hatte Vertrauen in mich. So hat sie sich gelockert.
[00:44:12.200] – Bemerkung 16
Das Kind übernachtet bei der Grossmutter. Das geht gut. Wie funktioniert das denn da?
Klappt es dort viel besser? Schläft er dort besser? Wenn er regelmässig bei der
Grossmutter ist, ist das sehr spannend.
[00:44:39.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine gute Frage. Man kann die Mutter fragen: wie ist es für sie als Mutter, wenn
es dem Kind bei der Grossmutter sehr gut gefällt? Ist sie froh darum, dass es dort gut
läuft oder kommt sie sich insuffizient vor?
[00:44:40.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wohl beides. Das muss man fragen. Vielleicht ist das eine stille Konkurrenz
zwischen der Mutter und der Grossmutter. Die Mutter ist dann ambivalent.
[00:45:12.300] – Bemerkung 17
Aus diesem Grund muss man die Mutter stützen, dass sie nichts falsch macht. Sie
macht eigentlich alles richtig, sonst ginge es bei der Grossmutter auch nicht.
[00:45:25.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Mütter in so einem Karussell sind, dann erreicht man sie auf verbaler Ebene
nicht mehr.
[00:45:42.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann schon sagen, sie macht nichts falsch es ist gut.
[00:45:43.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Oben im Gehirn denkt es trotzdem weiter.
[00:45:43.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann hilfreich sein, wenn jemand dabei ist, die nicht die Mutter ist, jemand der
keinen Anspruch auf das Kind hat. Kein Besitzesanspruch, keine Grossmutter, jemand
der nur zusammen mit ihr das macht.
[00:45:43.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann bekommt sie ein Gefühl von Sicherheit und kann es dann besser machen.
[00:46:03.360] – Dr.med. Ursula Davatz
So hatte man früher Ammen.
[00:46:09.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder sonst sich mit anderen Müttern zusammentun.
[00:46:09.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich finde es ist sehr hilfreich, wenn man als junge Mutter mit anderen Müttern
zusammen ist, die auch kleine Kinder haben. Es wird dann alles relativiert.
[00:46:38.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Würde sie dort mitmachen?
[00:46:40.500] – Bemerkung 18
Ja. Es kann aber sein, dass es noch mehr Stress gibt, weil die es kann. Die nimmt es
locker.
[00:47:06.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann auch passieren. Sie hat das auch schon mit ihrer Schwester. Die Schwester
kann es und sie kann es nicht.
[00:47:10.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Unter den Schwestern herrscht mehr Rivalität. Die jüngere Schwester kann es und sie
als ältere Schwester kann es nicht. Dann kann man ihr auch erklären. Die Jüngeren
sind unbeschwerter. Bei der älteren Schwester kann man schauen, wieviel
Verantwortung sie tragen musste.
[00:47:16.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Daher kann eine fremde Mutter einfacher sein als die eigene Schwester, die eigene
Mutter.
[00:47:38.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Angst hat, sie fühle sich noch schlechter. Nicht dem aussetzen. Das ist nicht
so gut. Schon aussetzen aber dann danach fragen.
[00:47:50.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kann wieder in das gleiche Muster reinfallen, alle anderen können es und ich kann
es nicht. Das ist die Depression. Man denkt negativ, fühlt negativ, etc.
[00:47:54.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kannm man wieder mit Antidepressiva kommen.
[00:48:41.320] – Bemerkung 19
Wenn ich Frauen untereinander beobachte, dann klappt es zum Teil gut.
[00:48:41.500] – Bemerkung 19
Bei anderen Frauen, welche in der genau gleichen Situation waren, haben dann gar
kein Verständnis mehr.
[00:48:48.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen können sehr hart miteinander sein.
[00:48:50.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Unter Müttern kann eine riesige Konkurrenz laufen.
[00:48:56.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat kein Verständnis für die anderen. Man ist selber die Beste oder die Ärmste.
Man will sich immer absetzen.
[00:49:03.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Mütter sind Autokraten, Alleinherrscher.
[00:49:11.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wollen alles am besten können und die einzigen sein, die es können.
[00:49:11.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss das Mutter sein immer wieder relativieren.
[00:49:21.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erfindung dieser ganz exklusiven Mutterrolle wurde erst im 18. Jahrhundert
gemacht. Davor sind die Kinder einfach so aufgewachsen, zu Ammen gegeben worden,
etc.
[00:49:29.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Die spezifische die Mutter/Kind Beziehung hat ihre Vorteile und ihre Nachteile.
[00:49:59.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Was möchten sie am liebsten machen mit dieser Mutter? Was wäre der nächste Schritt?
Was haben sie die Mutter gefragt?
[00:50:18.720] – Bemerkung 20
Der Junge hat einen starken Husten. Er ist in der Abklärung wegen einem chronischen
Husten, seit X Monaten. Er wacht in der Nacht immer wieder auf und findet dann die
Kurve nicht mehr. Er hat einen Allergietest gemacht, hat Kortison bekommen. Er ist
diesbezüglich in Behandlung. Ich hoffe sie gibt mir dazu eine Rückmeldung.
[00:50:26.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Geht man von Asthma aus? In allen Stress Situationen gibt man Kortison.
[00:51:21.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte ihr auch Antidepressiva geben, damit sie nicht mehr so hypersensibel ist
und alles ein wenig gelassener nehmen kann.
[00:51:30.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Es könnte vielleicht hilfreich sein, wenn sie hier Fragen stellen. Wem gegenüber muss
man etwas spezielles Leisten, zeigen, dass man es gut kann. Wo drückt der Schuhe
[00:51:55.420] – Bemerkung 20
Im Alltag frage ich: gibt es Situationen, die ganz schlimm sind für sie?
[00:51:55.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiater sprechen vom Worst Case Szenario. Was stellen sie sich vor, dass das
Schlimmste wäre, dass sie eine katastrophale Mutter sind.
[00:52:07.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort beim Extremen ansetzen und ihr zeigen, dass es gar nicht so schlimm ist.
[00:52:07.300] – Bemerkung 20
Strategien aufzeigen.
[00:52:07.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau. Das ist ein Umdenken. Dort wird das Gehirn ein wenig geändert. Das haben wir
zusammen angeschaut. Dann kann sie auf einmal anders handeln.
[00:52:35.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Sind sie so ein wenig gewappnet?
[00:52:35.389] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Beziehung zur Mutter muss man noch ein Fragezeichen machen.
[00:53:16.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Gehen wir zur Borderline Persönlichkeitsstörung.
[00:53:24.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gehört zur Persönlichkeitsstörung.
[00:53:26.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Man diagnostiziert es meistens nur bei Frauen.
[00:53:35.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Borderline Persönlichkeitsstörung hat die Diagnose Hysterie bei den Frauen
abgelöst.
[00:53:38.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hysterische Verhalten der Frauen ist ein typisches von einem Mann gemachte
weibliche Diagnose.
[00:53:43.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Hysteros ist der Uterus.
[00:53:49.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn eine Frau hysterisch ist, hat sie eine Uterus Krankheit.
[00:53:54.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier sieht man das Vorurteil der Männer.
[00:54:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie finden, die Frauen seien nicht ganz geputzt.
[00:54:04.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frauen sind so emotional. Das können wir nicht brauchen. Das macht so viel
durcheinander.
[00:54:12.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann spricht man von einer hysterischen Frau.
[00:54:20.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Begriff Hysterie verwendet man heute nicht mehr. Man spricht von einer Borderline
Persönlichkeitsstörung.
[00:54:31.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Borderline-Persönlichkeits-Störungs-Frauen haben immer ein starkes, emotionales
System. Das ist genetisch.
[00:54:38.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frauen sind sehr emotional, häufig impulsiv, himmelhoch jauchzend, zu Tode
betrübt.
[00:54:45.510] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät sollte man eigentlich seine Persönlichkeit entwickeln.
[00:54:51.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Wichtigste in der Pubertät ist, dass man lernt, mit seinen Emotionen umzugehen.
[00:55:02.960] – Bemerkung 21
Haben Borderline Persönlichkeiten immer Selbstverletzungstendenzen oder nicht?
[00:55:03.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Nehmen wir eine junge Frau in der Pubertät. In der Pubertät geht alles durcheinander.
Die Emotionen laufen hoch.
[00:55:03.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ein starkes, schwingungsfähiges System hat, dann schwingt das mit.
[00:55:20.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn eine so temperamentvolle Frau in der Pubertät ein Umfeld um sich herum hat,
das ihr nicht erlaubt, ihre Emotionen auszuleben, sei es, weil der Vater krank ist, sei es,
weil der Vater zu streng ist, und das gehört sich nicht, man muss sich im Griff haben.
[00:55:47.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Sei es, weil die Mutter krank ist oder sei es, weil die Mutter sehr repressiv ist.
[00:55:51.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das System nicht genügend Emotionalität erlaubt.
[00:55:56.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann auch sein, dass das System belastet ist mit einem anderen kranken oder
händikapierten Kind.
[00:56:03.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Faktoren, die das Experimentierfeld der Pubertät eines Menschen einengen,
erlauben dem Menschen, der Frau, nicht zu experimentieren, es auszuleben.
[00:56:15.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern schon emotional instabil sind, dürfen sie es sich auch nicht erlauben.
Wenn ein Vater in dieser Zeit gerade stirbt, wenn ein Ehe auseinander geht in dieser
Zeit.
[00:56:33.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles Belastungsfaktoren im Umfeld, welche der jungen Frau nicht erlauben, dass sie
ihre Emotionen aus agieren darf.
[00:56:42.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Die junge Frau hat dann die Tendenz, ihre Emotionen unter Kontrolle zu nehmen.
[00:56:47.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Methode, um die Emotionen runterzuholen, ist zu schneiden.
[00:56:52.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem sich die jungen Frauen einen Schmerz zufügen, kommen die Emotionen runter.
[00:56:57.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Der körperliche Schmerz reduziert Emotionen.
[00:57:02.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Bücher von Borderline Frauen, die sie selbst geschrieben haben, wo sie zitiert
werden.
[00:57:07.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein berühmter Satz ist: erst, wenn das Blut fliesst, werde ich wieder ruhig.
[00:57:17.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Man setzt sich in einen körperlichen Schmerz, dass man nicht so ausagiert.Man darf ja
nicht. Das Umfeld kann einen nicht ertragen.
[00:57:30.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Borderline Frauen schickt man dann in Institutionen. Königsfelden will jetzt auch
eine Borderline Abteilung machen.
[00:57:38.120] – Dr.med. Ursula Davatz
[00:57:39.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Was dann leider passiert, dann will man die Menschen dazu erziehen, dass sie ihre
Emotionen nicht so ausleben.
[00:57:51.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine der Methoden ist, dass man ihnen Tabasco Sauce, Chili Pfeffer, gibt.
[00:57:57.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie eine Explosion haben, eine emotionale Explosion, dann sollen sie sich nicht
schneiden, sondern einen körperlichen Reiz setzen, indem sie Chili Sauce oder
Meerrettich, irgendetwas, das brennt, essen.
[00:58:11.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Brennen im Maul, ersetzt das Brennen vom Schneiden und ist natürlich etwas
weniger gefährlich.
[00:58:21.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können irgendein Gummiband haben. Wenn sie verrückt sind können sie am
Gummiband ziehen und sich mit dem Gummiband einen Reiz setzen.
[00:58:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann auch einen Boxsack nehmen. Wenn man eine grosse Wut hat, darf man auf
den Boxsack einprügeln.
[00:58:37.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles was Emotionen ausdrückt.
[00:58:41.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Diejenigen, welche Leistungssport machen, gehen dann rennen oder den Sport
betreiben.
[00:58:49.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Diejenigen welche tanzen, können dort ihre Emotionen ausagieren.
[00:58:58.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie kein Hobby haben, wo sie das können, sind sie aufgeschmissen. Dann sind
sie wie in einem Käfig drinnen und dann schneidet man sich.
[00:58:58.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Schneiden hat die Funktion, um den Schmerz zu ersetzen.
[00:59:13.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Schmerz wird körperlich empfunden. Er wird hier verarbeitet.
[00:59:20.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Der seelische Schmerz wird auf die körperliche Ebene heruntergeholt.
[00:59:25.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die Idee.
[00:59:27.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Leitsatz sage ich: Borderline Persönlichkeitsstörung, das sind professionell
pubertierende Menschen.
[00:59:44.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, sie haben alle Mittel des Pubertierenden, übernehmen aber nicht die
Verantwortung.
[00:59:53.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie werden nie erwachsen, weil das Umfeld sie immer erziehen möchte.
[00:59:55.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Umfeld erlaubt ihnen nicht, sich selber zu sein.
[01:00:01.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Von der therapeutischen Seite her sage ich: man darf sie nicht erziehen.
[01:00:16.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich an diesen Grundsatz halten.
[01:00:16.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf nur mit ihnen interagieren. Man darf sich selbst sein, man kann sich mit ihnen
auseinandersetzen. Man darf sie nicht erziehen.
[01:00:29.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wenn man das Gegenüber erzieht, dann sagt man: du bist so unmöglich,
ich ertrage dich nicht. Du musst dich anders verhalten, damit ich dich aushalte.
[01:00:33.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Im medizinischen System ist die Tendenz gross, dass man schnell erzieht.
[01:00:46.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt immer wieder der gleiche Teufelskreis.
[01:00:50.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Erwachsen werden, zur Ablösung gehört, dass man sich auseinandersetzt mit
seinen Eltern. Dazu gehört auch Blödsinn machen, wie das ein Teenager macht.
[01:01:03.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern müssen das aushalten können.
[01:01:03.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Jedes Kind hat anrecht auf starke Eltern. Auf einen starken Vater, auf eine starke
Mutter.
[01:01:07.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht immer so.
[01:01:07.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Umfeld ist leicht defizitär.
[01:01:16.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus gewissen Gründen darf das Kind nicht so pubertieren, wie es seinen Emotionen
entsprechen würde.
[01:01:24.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann es seine Persönlichkeit nicht entwickeln.
[01:01:28.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt jetzt die Diskussion, ab wann man die Borderline Persönlichkeitsstörung
diagnostizieren darf.
[01:01:35.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt haben sie gesagt ab 16 Jahren.
[01:01:37.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde sagen, höchstens ab 25 Jahren.
[01:01:54.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte diese Diagnose im Pubertätsalter gar nicht stellen. In dieser Zeit entwickelt
sich noch die Persönlichkeit.
[01:01:54.895] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann nicht sagen: diese Person hat schon eine gestörte Persönlichkeit, bevor die
Person überhaupt eine Persönlichkeit entwickelt hat.
[01:01:54.936] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Persönlichkeit dieser Frauen ist stark geprägt von ihrer Impulsivität, von ihren
gefühlsmässigen Wallungen, von ihrem Temperament.
[01:02:10.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sagt ein Temperament sei eine Störung, dann ist das nicht korrekt.
[01:02:23.670] – Bemerkung 22
Diese Verletzungen fügen sie sich bereits schon im Pubertätsalter zu.
[01:02:31.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das machen sie, weil das Umfeld ihnen nicht genügend Platz lässt.
[01:02:47.430] – Bemerkung 23
Was brauchen denn diese Menschen?
[01:02:47.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Stabilität, Standfestigkeit.
[01:02:47.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Emotionen kann man nicht erziehen. Emotionen kann man nur beruhigen.
[01:02:47.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können nie im limbischen System sagen: du darfst dich jetzt nicht so aufregen.
[01:03:10.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Schlag ins Wasser.
[01:03:10.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bringe das Beispiel vom Tsunami.
[01:03:10.880] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Tsunami
[01:03:18.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn eine Welle mit einer langen Wellenlänge und kleinen Amplitude über das Meer
läuft und die läuft gegen eine Mauer, gibt es eine Springflut.
[01:03:18.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Erziehung eine Wand ist, ein hartes Käfig, dann gibt es eine Springflut. Wenn
keine Wand da ist, geht es rein und raus, dann ebbt es irgendwann einmal wieder ab.
[01:03:25.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich höre dann oft: ich kann das doch nicht erlauben, sonst erwartet man, dass man das
immer tun darf.
[01:03:26.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Emotionen kann man prinzipiell nicht erziehen. Emotionen kann man nur beruhigen.
[01:03:54.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei diesen Borderline Persönlichkeiten, wenn sie so emotional sind, ist es wichtig, dass
man selber ruhiger ist als sie.
[01:04:02.950] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem man die Beziehung zu ihnen behält, beruhigt sich das langsam.
[01:04:08.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man selber auch unruhig ist und sagt, das geht nicht, das darfst du nicht und
sofort verbietet, gibt es eine Springflut oder sie schneiden sich.
[01:04:20.380] – Bemerkung 24
Was bedeutet das für eine Mutter mit einer Borderline Störung?
[01:04:25.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich eine Mutter habe mit einer Borderline Störung, dann schaue ich meistens eine
Generation nach oben.
[01:04:32.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Meistens engen die Mütter ihre temperamentvollen Töchter so ein, weil sie der eigenen
Mutter gefallen wollen. Weil sie keine schlechte Falle vor der eigenen Mutter machen
wollen, vor dem Umfeld.
[01:04:51.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss die Mutter von einer Borderline Persönlichkeitsstörung möglichst stützen. Das
Ganze ausagieren, ein bisschen relativieren.
[01:04:56.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur in dem ich ruhiger bin als die Mutter der Person mit der Broderline Störung,
beruhige ich das ganze System. Dann kann die eher ihre Sachen ausagieren und muss
es nicht mehr selbstschädigend machen.
[01:05:06.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Borderline Persönlichkeitsstörung Personen agieren den Adoleszentenkonflikt, den
Ablösungskonflikt, selbstzerstörerisch aus.
[01:05:31.640] – Bemerkung 25
Soll man auf das selbstzerstörerische eingehen oder nicht? Schenke ich dem
Beachtung? Oder muss ich das übesehen?
[01:05:33.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo sich das Kind extrem benimmt und man es erziehen will, eine der
schlechten Methoden ist Liebesentzug.
[01:05:56.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du dich so benimmst, will ich nichts mit dir zu tun haben. Geh in dein Zimmer, geh
weg.
[01:06:00.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist bei Borderline Persönlichkeitsstörungen ganz gefährlich.
[01:06:04.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf keinen Liebesentzug machen.
[01:06:07.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf aber die Wunden auch nicht dramatisieren.
[01:06:12.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz sachlich sagen, aha du hast dich geschnitten, also verbinden wir es.
[01:06:14.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man fragen: was hat dich belastet, was hat dich aufgeregt, wovor hattest du
Angst?
[01:06:24.180] – Dr.med. Ursula Davatz
In was du dich hineingesteigert?
[01:06:29.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick wo die Wunde auftritt, sachlich damit umgehen.
[01:06:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht sagen: nicht schon wieder, oh je, warum, etc.
[01:06:33.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Therapeuten, die gehen in die Richtung, dass sie sagen: nicht beachten, ignorieren.
[01:06:39.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch nicht gut.
[01:06:40.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht übertreiben, nicht ignorieren, ganz neutral.
[01:06:44.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch wieder eine Regel.
[01:06:45.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Borderline Persönlichkeitsstörungen, die sind sehr sensibel auf: geht man zurück?
[01:06:50.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Haltet man sie aus oder nicht?
[01:06:54.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeglicher Liebesentzug, jegliche Rückzug verschlimmert es.
[01:06:56.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man sich noch mehr schneiden. Dann muss man reinkommen, dann kann
man nicht einfach nichts sagen, wenn das Blut fliesst. Dann muss man etwas tun. Dann
ist man verrückt, dass sie einem reingeholt haben.
[01:07:08.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf nicht mit ihnen in den Kampf treten um das Symptom.
[01:07:08.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf auch gar nicht das Symptom unterbinden wollen.
[01:07:12.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss immer dahinter schauen, was sie so aufgewühlt hat, und dann das
anschauen mit ihnen.
[01:07:27.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Idee der Therapie ist, dass man mit ihnen arbeitet, damit sie das Ritzen nicht mehr
brauchen.
[01:07:32.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eingie Borderline Persönlichkeitsstörungen. Ich habe immer das System
gestützt.
[01:07:39.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe versucht ihnen gegenüber ein ruhiges Gegenüber zu sein.
[01:07:39.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Gar nichts verändern in naher Distanz.
[01:07:39.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben sich nicht so schlecht entwickelt.
[01:07:53.370] – Bemerkung 26
Was ist wenn die Frau mit Borderline Persönlichkeitsstörung (BPD) ein Kind bekommt,
Mutter wird?
[01:07:56.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie ein Kind bekommt, dann geschieht, dass sie ihre Unruhe auf das Kind
überträgt, du bist mein Alles und dann wieder abstösst und sagt: fahr ab ich kann dich
nicht gebrauchen!
[01:08:09.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Das will man natürlich nicht. Das gibt dann die inkonstante, instabile Beziehung. Das
will man vermeiden.
[01:08:20.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, dass es wichtig ist, dass man die Mutter der BPD Person stützt, stützt, stützt.
Damit die Person besser mit ihren Emotionen umgehen lernt.
[01:08:20.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das können sie als Mütterberaterinnen nicht alles liefern. Hier muss man gute
Therapeuten finden.
[01:08:31.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde es auch wieder ambulant machen, nicht stationär.
[01:08:36.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Es können nicht alle mit der Borderline Persönlichkeitsstörung umgehen.
[01:08:58.580] – Bemerkung 27
Es ist schwierig, wenn man eine Mutter betreut, die ein Borderline hat. Es ist nicht
fassbar. Ich konnte die Frau nicht fassen. Die Frau ist von einer Beratung zur anderen
gerannt.
[01:09:03.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Gefühle sind nichts stabiles. Gefühle sind ein fluides System.
[01:09:04.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das limbische System hat die Funktion, dass es sich aufschaukeln kann.
[01:09:27.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kommt ein negativer Einfluss und dann bricht alles zusammen.
[01:09:27.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wie eine Wetterfront.
[01:09:27.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Es herrscht wunderschönes Wetter. Dann kommt eine Wetterfront. Dann bricht alles
zusammen.
[01:09:27.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass sie stabil sind.
[01:09:27.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit denen in Kontakt ist, ist es schon hilfreich wenn man selber nicht
mitagiert.
[01:09:44.600] – Bemerkung 28
Es ging gut, bis das Kind ca. ein Jahr alt war.
[01:10:14.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter ist 37 Jahre alt, der Vater ist leicht jünger, 33 Jahre alt. Die Tochter ist gerade
auf die Welt gekommen. Sie hat aus einer ersten Ehe zwei Kinder mit ihrem Ex-Mann,
einen 12 jährigen Jungen und eine 14-jährige Tochter. Die leben beim Vater. Der Vater
hat wieder geheiratet. Sie musste die Kinder dem Vater abgeben. Sie hatte einen
Misserfolg als Mutter und hat mit der zweiten Ehe die zweite Chance. Sie kommen alles
aus der Türkei, dem Mittelmeerraum. Sie ist in der Schweiz aufgewachsen, hat 100% IV
wegen Borderline. Sie war früher Alterspflegerin. Ihren neuen Mann hat sie in der Türkei
kennengelernt. Der zweite Mann kam erst in die Schweiz, als die Tochter schon auf der
Welt war. Sie hatte sich von ihm in der Türkei getrennt. Beide sind sehr gewalttätig
einander gegenüber sind. Das ist mittelmeerländisches Temperament.
[01:10:14.680] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Türkei darf der Mann sagen, was die Frau machen muss.
[01:13:26.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kommen hier in die Schweiz.
[01:13:28.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Männer haben die Vorstellung, dass es genau gleich weiter geht in der Schweiz.
Die Frauen sehen, dass sie in der Schweiz viel mehr Rechte haben. Diese Rechten
nehmen sich die Frauen auch. Dann gibt es einen grossen Knall. Das ist sehr schwierig.
[01:13:30.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Männer wollen ihre Macht behalten, Besitzstandswahrung. Ich bin der Patriarch. Ich
sage wo es durch geht. Die Frau will die Emanzipation.
[01:13:36.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frau emanzipiert sich dann heftig und das geht nicht.
[01:13:42.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Umfeld ist je nachdem, auf der einen oder anderen Seite. Das Umfeld des Mannes
ist auf der Seites des Mannes.
[01:14:04.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schweizer Sozialarbeiterin ist auf Seite der Frau.
[01:14:16.020] – Bemerkung 29
Ich war immer für beide. Der Mann hatte auch Qualitäten.
[01:14:34.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie verraten sich schon.
[01:14:49.670] – Bemerkung 29
Er ist Hilfsarbeiter. Er war bist 16 Jahre in Deutschland. Er kann gut Hochdeutsch. Er ist
danach wieder in die Türkei zurück. Die Eltern leben in der Türkei.
[01:15:08.400] – Bemerkung 29
Seine Frau hat einen jüngere Schwester. Die jüngere Schwester hat auch ein Kind und
ist alleinerziehend.
[01:15:12.980] – Bemerkung 29
Zu ihren grösseren Kindern hat sie keine gute Beziehung. Sie hat momentan keine
Energie mit ihrer pubertierenden Tochter zu streiten.
[01:15:54.420] – Bemerkung 29
Sie wird vom Sozialdienst unterstützt. Ich habe sie begleitet bis das Kind knapp 3 Jahre
alt war. Es ist ein Fall, der einem bleibt. Es wurde schwierig mit dem Kind. Das Kind war
immer im Bett, als ich gekommen bin, abends, morgens, mittags, etc.
[01:16:42.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Gitterbett?
[01:16:47.200] – Bemerkung 29
Ja. Die Polizei hat eine Gefährdungsmeldung gemacht. Die Nachbarn haben der Polizei
angerufen. Die Polizei ist gekommen. Man hat geschaut wo die Ressourcen der Mutter
und des Vaters sind. Danach wurde das Kind fremd platziert.
[01:17:31.630] – Bemerkung 29
Die Eltern haben sich getrennt. Der Vater besucht seine Tochter alle zwei Wochen im
Kinderheim. Eine Pflegefamilie wollten sie nicht. Sie haben das Kinderheim bevorzugt.
[01:18:05.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist anonym, dann ist es keine Konkurrenz oder weniger Konkurrenz.
[01:18:05.320] – Bemerkung 29
Vor drei Jahren hat er das Kind in einer Nacht- und Nebelaktion zu seinen Eltern in die
Türkei gebracht. Heute lebt es dort.
[01:18:43.160] – Bemerkung 29
Ich weiss nicht was die Mutter macht.
[01:18:53.460] – Bemerkung 29
Ich habe das Bauchgefühl, dass es dem Kind nicht gut geht.
[01:19:01.100] – Bemerkung 29
Ich hatte nichts handfestes.
[01:19:12.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie das ganze nochmals machen könnten, was für Hilfe möchten sie?
[01:19:13.000] – Bemerkung 29
Früher wissen, was die Frau für eine Krankheit hat? Ich habe mit der Zeit gemerkt, dass
etwas nicht stimmt. Dann habe ich sie darauf angesprochen. Dann hat es gesprudelt.
Dann hat die Frau gesagt: ich habe eine Borderline Persönlichkeitsstörung. Es gingt
lange, bis ich sie gefragt hat. Sie hatte einen Vormund. Bevor sie das Kind hatte, hat sie
ihre Vormundschaft aufgelöst. Danach wurde keine neue errichtet.
[01:19:52.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage in die Runde: wenn sie an einen solchen Fall rankommen, was würden sie
tun? Was wäre ihr Vorgehen?
[01:19:52.280] – Bemerkung 30
Eine Überblick verschaffen. Wer ist alles schon in den Fall involviert?
[01:20:33.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine gute Idee. Welche Personen waren alle involviert, was haben die alles
gemacht und was hat es gebracht? Das ist typisch für Borderline
Persönlichkeitsstörungen, da sind X Leute involviert, ein Durcheinander, Chaos. Man
sagt immer: sie manipuliert. Sie ist natürlich verzweifelt. Die Dienste gehen sogar noch
aufeinander los. Man verwirft die Hände.
[01:20:33.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn in der Psychiatrie an einem Rapport gesagt wurde: das sei eine Borderline
Persönlichkeitsstörung, war die Antwort gleich: um Gottes Willen! Also, hoffnungslos!
[01:21:03.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die Haltung. Hoffnungslos!
[01:21:05.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt nicht. Es sind steckengebliebene Teenager. Man müsste etwas Ordnung
machen.
[01:21:12.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht Ordnung machen durch Erziehung, sondern durch eine stabile Bezugsperson
sein.
[01:21:20.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sieht sie für Vorteile für die Frauen in der Schweiz?
[01:21:38.170] – Bemerkung 30
Sie ist in der Schweiz aufgewachsen und hat ihn in der Türkei kennengelernt, in den
Ferien, hat ihn geheiratet und wurde schwanger.
[01:21:47.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ist der Vorteil der Frau, wenn sie in der Türkei aufwächst? Man muss das
herausholen. Wenn sie einen Mann aus der Türkei nimmt, wie der erste Mann, dann
passt das einfach nicht zusammen.
[01:22:15.790] – Bemerkung 30
Wenn sie mit ihrem Ex-Mann telefoniert hat, wegen den zwei Kindern, hat er sehr
speziell reagiert.
[01:22:25.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht alles nicht.
[01:22:26.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man das mal in der Lebenshaltung konkretisiert, anschaut, mit ihr.
[01:22:36.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss auch fragen: was wäre der Vorteil gewesen, wenn sie einen Schweizer
geheiratet hätte? Hätte ihre Familie das akzeptiert? Vielleicht nicht.
[01:22:36.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie war offensichtlich nicht stark genug zu sagen: ich bin in der Schweiz aufgewachsen,
ich will einen Schweizer Mann. Der entspricht mir, für das was ich möchte.
[01:22:53.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte auch fragen: wie ist man mit ihnen umgegangen, als sie in der Pubertät
war. Wie stark hat man sie zurück gebunden. In der Schweiz können die Mädchen mit
17 Jahren in die Disco gehen. Als türkisches Mädchen ist das verboten. Die anderen
Mädchen durften das machen, sie durfte es nicht tun.
[01:23:05.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte ein türkisches Mädchen, wo der Vater den Onkel organisiert hat, damit das
Mädchen abgefangen wurde in der Disco, Freiheitsberaubung. Der Vater hatte dann
eine Anklage von unserem Gesetz her, wegen Freiheitsberaubung. Der Vater musste
dann eine Busse bezahlen. Das passt hinten und vorne nicht zusammen. Als türkischer
Vater hat er seine Pflichten erfüllt, im Schweizer Gesetz war er gesetzesbrüchig. Da
haben wir ein grosses Durcheinander, das man aufdröseln muss.
[01:23:57.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss auch fragen: was ist das das Schlimmste für sie, wenn der türkische Mann
ihr etwas befehlt. Der türkische Mann hat auch Gutes an sich.
[01:24:08.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frau wird nochmals einen neuen Mann suchen und versuchen nochmals ein Kind
zu machen, um endlich das erreichen zu können.
[01:24:13.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ein Frau, die hatte sechs Kinder. Alle Kinder wurden ihr immer weggenommen.
Jetzt sind wir beim sechsten Kind. Ich stütze diese Frau jetzt. Sie wurde auch als
Borderline diagnostiziert. Sie hat eine grosse Entwicklung gemacht. Sie kann jetzt
ruhiger sein als alle anderen. Ich coache sie nur. Sie fühlt sich unterstützt durch mich,
darum kann sie ruhiger sein.
[01:24:48.840] – Bemerkung 31
Ich weiss jetzt, was ein Borderline genau ist. Sie hat immer Gegendruck gemacht. Ich
habe ihr nicht gesagt, was sie machen muss. Ich habe mit ihr die Situationen
angeschaut. Ich habe versucht zu vermitteln, was ein Kind braucht. Von ihr kam immer
der Gegendruck.
[01:24:55.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Teenager.
[01:24:55.670] – Bemerkung 31
Sie hat mich sehr viel gebraucht. Sie hat mich oft angerufen und mir gesagt, dass sie
mich braucht, dass sie ein Problem hat. Das gleiche ist auch mit ihrem Mann passiert.
Sie hat sich dann selber verletzt.
[01:25:52.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem will sie zeigen: ich leide, ich bin verzweifelt. Wenn man dann nur bei den
Wunden bleibt und gleich bei der Erziehung auf sie einwirkt, dann ist sie gleich
verzweifelt. Man muss rückgreifen.
[01:26:20.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss fragen: wie stark sind sie integriert und wie stark sind sie noch Türkisch?
[01:26:31.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Die soziale Vererbung geht nicht in einer Generation weg.
[01:26:33.940] – Bemerkung 31
Das hat sie bestätigt. Sie hat früh geheiratet. Sie hat das gemacht, damit sie von zu
Hause wegkommt mit 21, 22 Jahren.
[01:26:35.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Man wird Mutter um von Hause weg zu kommen. Dann wird man durch die Kinder
eingeschränkt, hat einen Mann und kann nicht auf eine ganzes Familiensystem
zurückgreifen, weil die alle arbeiten.
[01:27:06.940] – Bemerkung 31
Die Schwester hat sie mit dem dritten Kind sehr unterstützt.
[01:27:09.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat nicht gehalten, man hat das Kind wegplatziert.
[01:27:12.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Man müsste sie besser verstehen im ganzen Wirrwarr. Sie muss eine Möglichkeit
finden, wie sie ihre starken Emotionen kreativ und produktiv ausdrücken kann.
[01:27:36.010] – Bemerkung 31
Braucht jemand mit einer Borderline Störung keine Therapeutin, die sie begleitet?
[01:27:51.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch, aber eine therapeutische Person, welche nicht erzieht.
[01:27:54.890] – Bemerkung 31
Eine Psychotherapie oder ein Psychiater wäre schon angebracht.
[01:28:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es muss jemand sein, der weiss wie man mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung
umgehen muss. Wenn die Person zu eng, zu rigide ist, zu stark erziehen möchte, dann
bricht es, dann brechen sie ab.
[01:28:12.840] – Bemerkung 32
Lieber im ambulanten Bereich als stationär? Ist die stationäre Behandlung eher
kontraproduktiv, weil die dann auch auf andere dummen Ideen kommen?
[01:28:12.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Im stationären Bereich hat es X Leute, die einem erziehen möchten. Die Pfleger, die
Ärzte, der Oberarzt. Alle wollen einem in ein Schema reindrücken.
[01:28:13.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Im stationären Bereich steck man in einem engeren Käfig fest.
[01:28:13.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat sie mit ihrem Kind gemacht.
[01:28:29.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ambulant kann man sie laufen lassen, das ist eine längere Leine. Die Beziehung,
welche man ihr als Therapeut anbietet, ist flexibler.
[01:28:29.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich ging mit einer Borderline Frau ins Seebad, bin mit ihr Rollschuh gefahren.
Ursprünglich wollte sie, dass ich sie halte. Dort steht, dass man die Borderline Person
mit nacktem Oberkörper festhalten muss. Das habe ich nicht gemacht. Man kann sich
fragen: warum soll man das so machen?
[01:28:42.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich die halten musste, habe ich gemerkt: wenn ich mit ihr in Körperkontakt bin, kann
ich nicht lügen.
[01:29:10.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich unruhig bin, spürt die das sofort.
[01:29:19.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich gegenüber sitze, kann ich schön daher sprechen und mich zurücknehmen,
dann spürt sie es nicht unbedingt.
[01:29:19.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man falsch ist, nicht authentisch, das spüren sie schon.
[01:29:40.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss viel mehr bei sich sein.
[01:29:40.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss das Oxytocin ausschütten, damit man ruhig ist.
[01:29:40.640] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne war es wie eine Meditation.
[01:29:43.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich musste ganz ruhig sein, sie durfte alles erzählen. Ich durfte mich über nichts
aufregen. Einfach da sein, eine Meinung haben.
[01:30:01.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht erziehen wollen.
[01:30:06.500] – Bemerkung 32
Ich habe dann gemerkt: ich muss einfach bei mir bleiben. Ja nicht selber rumagieren.
[01:30:10.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht agieren, nicht in das agieren kommen, nur ruhig blieben. Das ist die beste
Medizin.
[01:30:16.160] – Dr.med. Ursula Davatz
In der heutigen Zeit, in der man schnell eine Lösung haben will, beginnt man
mitzuagieren. Man wird zu allen möglichen Aktionen gebracht. Dann ist man verloren.
[01:30:29.110] – Bemerkung 32
So eine Familie mit so einem kleinen Kind, braucht eine engmaschige ambulante
Betreuung. Wie läuft denn das ab? Wie oft muss man da vorbeigehen?
[01:30:49.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sehe die Leute einmal pro Monat oder weniger?
[01:30:50.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Borderline Persönlichkeit, welche ihre fünf Kinder schon platziert hat sehe ich alle
zwei Wochen. In der akuten Phase sieht man die vielleicht jede Woche, damit es eine
gewisse Stabilität gibt. Sie dürfen telefonieren im Krisenfall.
[01:31:18.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mobil Telefonnummer gebe ich nicht an. Das will ich nicht.
[01:31:23.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen anrufen und ich rufe dann zurück an.
[01:31:23.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist erstaunlich wie sich meine Patientin beruhigt hat, wie die vernünftig geworden ist.
[01:31:38.450] – Bemerkung 33
Kann eine Frau mit einer Borderline Störung zu einem Kind schauen?
[01:31:48.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann sie lernen, ja.
[01:31:50.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine andere Frau mit einer Borderlinestörung. Sie hat ihre beiden Kinder fremd
platziert, bei einer Pflegefamilie. Sie wollte die Kinder zu sich zurück nehmen. Ich habe
ihr geholfen, ihre Kinder zurück zu nehmen. Diese Frau ist immer noch sehr emotional.
Sie kommt noch jede Woche. Sie will jede Woche kommen. Dann stütze ich sie immer
wieder.
[01:31:55.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Aufgabe ist, sie immer wieder zu beruhigen, zu stabilisieren.
[01:32:27.380] – Bemerkung 33
Wissen sie, wie es diesen Kindern geht?
[01:32:30.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Die gehen noch zu einer Psychologin. Dort frage ich nach. Dann höre ich es. Meine
Hauptaufgabe ist es die Mutter dort zurück zu nehmen, damit sie nicht so starkt auf ihre
Kinder einagiert und so verzweifelt ist, wenn die nicht gut Noten nach Hause bringen.
Der Ältere ist jetzt in der Pubertät. Ich muss die dann immer wieder stabilisieren.
[01:32:30.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Die können es schon lernen, aber sie brauchen Begleitung.
[01:33:03.010] – Bemerkung 33
Sie brauchen eine konstante Begleitung.
[01:33:03.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das würde ich sagen.
[01:33:06.020] – Bemerkung 34
Eine Familie die ich bereut habe, ist in den Jura gezogen. Sie konnte extern in einer
Wohnung wohnen mit dem Kind zusammen und ist tagsüber auf einen Bauernhof. Dort
war es ihr sehr wohl.
[01:33:39.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat ein Umfeld gefunden, wo man sie akzeptiert hat, wo sie genügend Auslauf hatte.
Dadurch wurde sie auch eine ruhigere Mutter. Dann hat es funktioniert. Wenn das
Umfeld zu eng ist, dann ist es nicht gut.
[01:34:03.040] – Bemerkung 34
Es war gut, dass sie extern wohnen konnte.
[01:34:03.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch Institutionen, in denen Mütter mit ihren Kindern zusammen gehen können.
Die Mutter kann arbeiten und jemand anderes schaut für die Kinder.
[01:34:12.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss immer schauen, dass man die nicht erzieht.
[01:34:13.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss die Auseinandersetzung nachholen.
[01:34:33.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Auseinandersetzung nicht geschieht, habe sie die stabile Persönlichkeit nicht.
[01:34:36.060] – Bemerkung 35
Wenn man nicht richtig spürt was ein Kind in der Pubertät möchte, braucht. Solche Fälle
sind immer Fälle von nicht ausgelebter Pubertät.
[01:35:07.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist keine Störung vorne dran. Ein impulsives Temperament und ein sensibles
Sensorium ist vorhanden, das schnell verletzt ist, das dann mit Impulsivität reagiert.
[01:35:07.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen machen eher Borderline Störungen.
[01:35:25.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Männer machen Delinquenz. Die gehen einbrechen, Autos knacken und landen dann in
einem Erziehungsheim.
[01:35:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Pendant zur weiblichen Borderlinestörung ist die Delinquenz bei den Männern.
[01:35:45.140] – Bemerkung 36
Es gibt immer mehr junge Erwachsene, die auch Selbstverletzung machen.
[01:35:45.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Männer konsumieren eher Drogen, werden delinquent.
[01:35:58.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Männer Pfarrerskinder sind und das Umfeld die Impulsivität nicht erlaubt.
[01:36:11.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Tätowieren fügt man sich auch einen enormen Schmerz zu. Während dem
Tätowieren lernt man den Schmerz auszuhalten. Das hat eine ähnliche Funktion.
[01:36:38.160] – Bemerkung 37
In der Familie ist das Kind sexuell missbraucht worden.
[01:36:38.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben ein starkes Traum erlebt in der Kindheit. Nicht alle Borderline
Persönlichkeiten sind sexuell missbraucht worden, aber es gibt es wahrscheinlich schon
häufig. Das war immer hier drinnen. Das wurde nie verarbeitet. Das drückt immer, das
macht immer Unruhe. Man tut ihnen unrecht, wenn man sagt: reiss dich endlich mal
zusammen.
[01:36:50.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind müsste sagen: du verstehst gar nichts von mir, von dir lasse ich mir gar nichts
sagen. Das ist tragisch. Das ist wieder das Tabu.
[01:37:20.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind darf es nicht sagen, sonst kommt Schande auf die Familie.
[01:37:21.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein unterdrücktes, emotionales Tabu kann viel Schaden anrichten.
[01:37:32.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann tut man den Kindern so Unrecht, weil man die Situation nicht erkennt.
[01:37:41.280] – Bemerkung 38
Wenn die ganze Dramatik auf dem Tisch ist, erlebe ich die Leute wie sie 100 Mal wieder
dort reingehen und das ausdrücken. Gibt es irgendwo eine Grenze?
[01:37:56.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Stimmt.
[01:38:09.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man so dramatische Dinge erlebt hat, gibt es Leute, die sich darin baden und
immer wieder in das zurückkehren.
[01:38:17.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Leute hausieren damit. Das bringt es natürlich nicht.
[01:38:23.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Diesen Leuten muss man über die Schwelle hinweg helfen und sagen: ja, das ist so und
jetzt müssen wir weiter gehen.
[01:38:26.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage diesen Leuten: man kann einen Brief schreiben, an die Person, welche einem
geschädigt hat.
[01:38:33.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst kommt die Wut. Dann kommt die Trauer über alles was man verpasst hat und
dann kommt das loslassen. Man darf nicht in der Wut verharren.
[01:38:42.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht gut, dann kommt man nicht vorwärts. Dann ist man blockiert.
[01:38:47.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man in der Wut verharrt, will man den immer noch bestrafen.
[01:38:53.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich einen sexuellen Missbrauch habe, frage ich: was wollen sie Böses dem
sagen?
[01:39:07.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es geht, mache ich sogar einen Gegenüberstellung, wenn es intern in der Familie
geschehen ist, wenn der Vater/Grossvater noch lebt. Dann dürfen sie etwas sagen.
[01:39:08.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass man als betroffenes Individuum nicht zum Richter, Bestrafer wird. Man
ist immer ein Betroffene/r. Man muss bei dieser Rolle bleiben.
[01:39:34.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf eine Wut haben. Man kann nicht sagen: du kommst in die Hölle. Dann wird
man zum Richter und das geht nicht.
[01:39:36.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Problem ist bei den Fachleute, welche Mitleid mit dieser Person haben. Die sehen
diese Person immer als Opfer und ich muss es verteidigen.
[01:39:54.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht überhaupt nicht.
[01:39:55.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf sie nicht mehr als Opfer sehen.
[01:39:59.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss ihnen helfen, sich zu emanzipieren.
[01:40:03.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen für sich hinstehen können. Dann werden sie eher frei.
[01:40:06.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie Opfer bleiben, wird immer wieder nur die Geschichte ausgebadet.
[01:40:06.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Baden, immer wieder baden in der Geschichte.
[01:40:09.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist die Borderline Persönlichkeitsstörung heilbar?
[01:40:37.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man gesagt: Persönlichkeitsstörungen kann man nicht therapieren.
[01:40:40.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat das bei der Borderlinestörung gesagt.
[01:40:43.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat das gesagt bei der dyssozialen oder asozialen Persönlichkeitsstörungen. Das
wäre die Delinquenz.
[01:40:48.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage: es ist alles therapierbar.
[01:40:48.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kommt immer darauf an, was man als Therapeut kann und wie gut das Matching
passt, zwischen Patient und Therapeut.
[01:41:04.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Therapeuten können natürlich sagen, wenn wir nicht erfolgreich sind: das ist nicht
behandelbar.
[01:41:11.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss ich nicht sagen: ich habe versagt, ich kann es nicht.
[01:41:12.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine zeitlang als Konsiliarärztin auf der Aarburg gearbeitet.
[01:41:24.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe lange in einem Gremium gearbeitet, wo ich delinquente Persönlichkeiten
angeschaut habe, nur theoretisch, auf dem Papier.
[01:41:37.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen, welche die Borderline Persönlichkeitsstörungen haben, sind therapierbar, sind
heilbar.
[01:41:46.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt heute Statistiken, die sagen, ein Drittel oder so, heilt einfach aus.
[01:41:54.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hängt immer davon ab, was die antreffen und wie Therapeuten mit ihnen umgehen.
[01:42:04.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man bei der Borderline Persönlichkeitsstörung die Hände verworfen, wie
schrecklich, das kann man nicht therapieren.
[01:42:12.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute machen sie therapeutische Stationen.
[01:42:21.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage: man muss sie ambulant behandeln, weil man viel mehr Flexibilität hat, viel
mehr Möglichkeiten hat.
[01:42:28.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte natürlich ihr System behandeln, damit das System tragfähiger wird, sodass
es die starken Emotionen dieser Frauen besser aushält.
[01:42:42.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Therapeutin selber muss man das auch aushalten können. Man darf nicht selber
mitagieren. So wie sie das ganz natürlich gemacht haben.
[01:42:45.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das A und O.
[01:42:49.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Es heisst Borderline Persönlichkeitsstörung weil die Störung zwischen einer
neurotischen Störung, die man behandeln kann, und einer psychotischen Störung, die
man dann mit Medikamenten, also Neuroleptika, behandeln kann, liegt.
[01:43:14.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Borderline Persönlichkeitsstörungs Patienten sind zu gesund, als dass sie die
Schonhaltung der Schizophrenen/Psychotiker bekommen. Sie sind zu krank, als dass
sie so gut funktionieren wie die Neurotiker.
[01:43:37.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Borderline nennt man, weil dazwischen sind.
[01:43:42.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich sind sie in der Pubertät hängen geblieben und wollen immer noch pubertieren
dürfen. Man muss sich ihnen gegenüberstellen, sodass sie das können, dass sie ein
gewisses sicheres Umfeld haben, damit die Entwicklung weitergeht.
[01:44:09.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Persönlichkeitsstörung kann man schlecht mit Medikamenten behandeln.
[01:44:14.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Borderline Persönlichkeitsstörungen sehr sensibel sind und schnell
überreagieren, kann man man es mit den Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-
Inhibitoren (SSRI) versuchen.
[01:44:27.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich persönlich versuche es immer therapeutisch.
[01:44:27.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann auch beides machen.
[01:44:27.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus meiner Sicht sollte man nie nur Medikamente geben, sondern immer auch Therapie
dazu und wenn es möglich ist immer auch das System mit einbeziehen.
[01:44:34.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch solche, wo ich das System nicht mit einbeziehen konnte. Dann musste ich
einfach mit der Person selber arbeiten.
[01:44:43.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Person musste dann an mir üben.
[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eine Borderline Patientin, die wollte mir alle Krankenakten runterwerfen. Dort
habe ich mich verteidigt und ihr eine Ohrfeige gehauen. Das war nicht sehr
professionell.
[00:00:00.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ging um mein Territorium. Ich wollte das schützen.
[00:00:08.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie lebt jetzt alleine in einer Wohnung. Sie ist nicht Dauerpatientin.
[00:00:18.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war eine sehr schwierige Situation.
[00:00:19.150] – Bemerkung 39
Meine Tochter geht mit einem Jungen in die Schule. Er war eine zeitlang weg von der
Klasse. Davor hat er nicht sehr viel geredet. Er kam zurück in die Kantonsschule und
hat viel mehr gesprochen. Vor den Frühlingsferien mussten sie alle zusammensitzen. Er
hat erzählt, dass er lieber eine Frau wäre. Meine Tochter war dann entsetzt. Warum
musste er das allen erzählen? Vielleicht hat man das ihm empfohlen in seiner Therapie.
[00:00:22.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das mit diesen Gender Orientierungen, da sagt man das könne an den Genen liegen.
Das kann alles eine Rolle spielen.
[00:01:27.382] – Dr.med. Ursula Davatz
Daran kann ich nichts ändern, an diesen Hormonen.
[00:01:53.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue am meisten das Umfeld an.
[00:01:55.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue wie das Umfeld ist.
[00:01:55.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir von der Sozialisierung her schauen. Mädchen dürfen eher emotional sein,
auch wenn sie dann zurück gebunden werden.
[00:02:06.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht sehr männlich, wenn man sehr emotional ist.
[00:02:12.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt durchaus Knaben, welche eine sehr eine starke Emotionalität haben.
[00:02:16.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie die nicht aggressiv ausüben wollen, sondern eher sensibel, dann müssen sie
Dichter werden oder einfach Künstler.
[00:02:26.940] – Bemerkung 39
Meine Tochter ist im künstlerischen Gestalten. Dort ist er gut.
[00:02:28.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das künstlerische Gestalten, wenn man dann einmal berühmt ist, ist das wieder in
Ordnung. Es wirkt im Teenager Alter nicht sehr männlich.
[00:02:48.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man will männlich sein, man will sich behaupten.
[00:02:50.580] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Männerwelt zieht das einfach nicht so.
[00:02:50.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Frauen ist das eher akzeptabel.
[00:03:03.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er sagt: ich will lieber eine Frau sein.
[00:03:03.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man ihn fragen: was haben denn die Frauen aus deiner Sicht für Vorteile in
der Gesellschaft?
[00:03:14.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen emotionaler sein. Sie dürfen romantischer sein, sie dürfen mehr weinen.
[00:03:19.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein richtiger Knabe weint doch nicht und all das Klischee Zeugs.
[00:03:23.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Für so sensible Knaben ist das schwierig. Die haben keine Vorbilder.
[00:03:28.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat nicht jeder gerade einen Künstler Vater oder einen Künstler Lehrer um sich
herum. Dann kommt er sich komisch vor.
[00:03:35.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch so und so viele Mädchen, die lieber ein Mann wären, weil man dann so ein
bisschen mehr mitmachen kann bei all diesen Kompetitionen.
[00:03:44.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Mädchen aggressiv sind, sagt man schnell: das ist keine rechte Frau.
[00:03:53.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Da funktionieren immer noch die Klischees.
[00:03:56.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie muss ein Mann sein? Wie muss eine Frau sein?
[00:03:59.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hätte wahrscheinlich die Haltung: du darfst ein Mann sein und du darfst auch ein
sensibler Mann sein.
[00:04:05.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist für mich akzeptiert.
[00:04:08.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie viele Frauen haben gerne Homosexuelle?
[00:04:12.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sind dann oft sehr sensibel.
[00:04:15.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse Männer richten sich nach den Männern aus und leben dann dort ihre sensible
Art aus. Einer ist der Mann und der andere spielt eher die Frauenrolle.
[00:04:47.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man 17 Jahre alt ist, ist es noch nicht fixiert.
[00:04:47.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde ihn nicht operieren.
[00:04:47.950] – Bemerkung 39
Er hat ein halbes Jahr gefehlt und hat sich davor auch geschnitten. Nachdem er
zurückgekommen ist, hat er mehr darüber gesprochen. Er wäre lieber eine Frau.
[00:04:52.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte ein Mann. Der war drogensüchtig und war ein Strichjunge. Er wollte eine Frau
werden. Er hat sich als Frau ausgegeben. Als er von den Drogen weggekommen ist,
wollte er wieder ein Mann werden.
[00:05:41.070] – Dr.med. Ursula Davatz
So geht das hin und her, operativ. Das wird heutzutage gemacht.
[00:06:04.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Psychiaterin würde ich nie mein OK geben. Es gibt immer solche, die es geben.
Denen werden Brüste implantiert.
[00:06:32.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch kennt hier keine Grenzen.
[00:06:34.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mediziner sind die schlimmsten. Die denken, alles was machbar ist, wird gemacht.
[00:06:41.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mehr Respekt vor der Natur und in das wo man rein geboren ist.
[00:06:42.210] – Bemerkung 40
Es geht um ein Mädchen, das nie in den Kindergarten gehen wollte. Das Mädchen ging
zu einer Kollegin und hat gesagt: ich möchte gerne, dass mir ein Penis wächst. Es war
gut, dass sie das gesagt hat. Sie darf ein Mädchen sein und sie darf sich auch anfassen
beim Duschen.
[00:07:43.830] – Bemerkung 40
Ich wollte noch die Hintergründe erfahren. In der Schwangerschaft hat die Mutter
gedacht, dass sie ein Junge werden würde.
[00:08:03.470] – Bemerkung 40
Sie hatten schon einen Knaben Namen bereit.
[00:08:13.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das spielt eine Rolle. Die Kinder nehmen das Umfeld schon in der Schwangerschaft
war. Die Kinder nehmen solche Wünsche aus dem Umfeld war, wie auch immer,
emotional.
[00:08:19.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Familie gemeint hat, es gibt einen Jungen, dann sind schon alle darauf
eingestellt.
[00:08:30.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind spürt das. Das Kind nimmt das auf und drückt es aus in dem es das sagt.
[00:08:30.970] – Bemerkung 40
Die Schwester, welche in den Kindergarten kommt, ist eine Prinzessin. Es kommt
immer mit einem rosaroten Kleid und ist sehr auf die Mutter fixiert.
[00:09:02.000] – Bemerkung 40
Die Schwester hat kurze Haare, ein Knaben T-shirt, sie klettert auf die Bäume, etc.
[00:09:02.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Diesem Mädchen kann man sagen: du darfst burschikose Sachen tun. Du darfst auf die
Bäume klettern, du darfst Fussball spielen, du darfst wettrennen. Du darfst alles, was
die Knaben machen auch ohne, dass Du einen Penis hast.
[00:09:53.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute gibt es viel mehr Ausgleich. Beide Geschlechte dürfen alles machen.
[00:09:54.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Frauen dürfen auch Hosen tragen.
[00:09:54.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich in die Schule gegangen bin, gab es eine Lehrerkonferenz ob wir Mädchen mit
Hosen in die Schule gehen dürfen.
[00:09:55.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man sich nicht vorstellen heute. So war es.
[00:10:06.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat geheissen: im Winter dürfen wir das, sonst nicht.
[00:10:14.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss man fest unterstützen. Du darfst alles machen, was Knaben machen, auch
wenn du keinen Penis hast. Das ist heute so.
[00:10:19.330] – Bemerkung 41
Ich bin das dritte Mädchen. Meine Mutter war sehr überzeugt, dass ich ein Knabe
werde. Das hat sie mir bis zum Tod nicht verziehen, dass ich kein Knabe bin. Sie hat mir
immer kurze Haare geschnitten und gesagt, dass ich einen Männerberuf erlernen soll.
Meine Mutter wollte einen Mann aus mir machen. Meine Mutter konnte es von mir nicht
annehmen als ich gesagt habe: ich merke du bist enttäuscht, dass ich kein Knabe bin.
Sie konnte das nicht akzeptieren.
[00:11:20.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch wieder das Konzept von der Erwartungshaltung.
[00:11:28.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Überfokussierte Kinder, die nach vielen nicht erfolgreichen Schwangerschaften auf die
Welt kommen oder wenn jemand stirbt.
[00:11:39.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Das falsche Geschlecht ist auch eine kritische Erwartungshaltung.
[00:11:45.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern können eine starke Erwartungshaltung haben, was für ein Geschlecht jetzt
das sein muss.
[00:11:54.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Es spielt immer eine Rolle, was sonst noch im System ist. Muss ein Geschäft in der
Familie übernommen werden?
[00:12:01.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erwartungshaltung und dann kommt ein Mädchen auf die Welt.
[00:12:04.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Das spürt man.
[00:12:04.490] – Bemerkung 42
Die einzige Chance war, dass die Verwandschaft noch einen männlichen Nachwuchs
produziert.
[00:12:12.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage kann man das anders machen.
[00:12:25.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein grosser Druck.
[00:12:26.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern, welche diese Erwartungshaltung haben, welche dann nicht erfüllt wird, die
enttäuschte Erwartungshaltung, die nehmen dem Kind das ein Leben lang übel.
[00:12:26.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern nehmen es sich auch selber übel, dass sie von dieser Vorstellung nicht
wegkommen. Darum konnte ihre Mutter nicht so gut darüber sprechen.
[00:12:44.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Als selber Betroffene ist es natürlich schwierig.
[00:12:55.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hätte jemand mit ihr sprechen müssen. Vielleicht hätte sie dies auch einfach nicht
zugelassen.
[00:12:59.840] – Bemerkung 42
Ich wollte mit meiner Mutter darüber sprechen. Sie dachte immer, dass ich sie angreifen
würde. Ich fühle mich als Frau und meine Mutter hat mich immer wie einen Mann
behandelt.
[00:13:00.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort hat sich ihre Mutter sofort schuldig gefühlt ihnen gegenüber, weil sie Mühe hatte,
das Geschlecht zu akzeptieren.
[00:13:35.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gleiche ist, wenn ein Kind unerwartet oder unehelich kommt.
[00:13:44.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele uneheliche Kinder tragen die Scham vom ganzen Familiensystem.
[00:13:58.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mütter mit diesen unehelichen Kindern haben das sogar noch so gesagt: wegen dir
musste ich, du bist schuld, dass ich das nicht machen konnte. Das ist wahnsinnig. Das
Kind hat nicht selber beschlossen, dass es auf die Welt kommt. Das gibt traumatische
Verhältnisse. Das muss man bearbeiten.
[00:14:14.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mit einer Frau Jahre lang gearbeitet, bis dann ihre Mutter offener über den
Vater reden konnte.
[00:14:38.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind alles Erwartungshaltungen, welche Projektionen machen auf das Kind, welche
das Kind mit sich trägt.
[00:14:46.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man dann an dem Kind etwas ändern möchte, dann versteht man die Sache
nicht richtig.
[00:14:52.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass man die Geschichte ein wenig anschaut.
[00:14:52.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist schon sehr gut, dass sie das wissen. Sie haben ganz bewusst gesagt: ich will
jetzt lange Haare haben, ich stehe zu dem.
[00:15:17.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sie unterstützen. Nach Möglichkeit, die Kinder nicht rausnehmen. Manchmal
geht es nicht anders.
[00:15:34.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter mit fünf Kindern macht es mit dem letzten Kind gut. Sie hat ein schwieriges
Kind.
[00:15:35.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich staune, wie sich die Mutter entwickelt hat innerhalb von einem Jahr.
[00:15:56.790] – Bemerkung 43
Es ist verrückt, dass diese Mutter fünf Kinder haben musste.
[00:15:58.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Geschichten, wo die Mutter zehn Kinder hatte. Die Kinder wurden ihr immer
weggenommen. Sie hat immer noch ein Kind produziert, damit sie endlich einmal Mutter
sein durfte.
[00:16:01.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch Geschichten, wo die Mutter die ersten vier Kinder weggeben musste, weil
sie so schlechte Umstände hatte. Dann haben sie einen Mann gefunden, der bei ihnen
geblieben ist. Die hatten dann nochmals Kinder.
[00:16:18.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Das erste Kind vom zweiten Set hat dann den Auftrag das ganze System zusammen zu
halten.
[00:16:33.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die macht jetzt ein Familientreffen, wo sie alle ihre Geschwister einlädt.
[00:16:43.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die hat von Anfang an den Auftrag gehabt, dass sie dieser Mutter helfen musste,
Zugang zu haben zu ihren älteren Halbgeschwistern.
[00:16:53.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind hat gespürt: die Mutter leidet darunter, dass sie so viele Kinder weggeben
musste.
[00:17:01.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter hat das nicht unbedingt gesagt. Das hat sie mitbekommen, das hat sie
gespürt, bis zum heutigen Tag. Dieses Kind konnte nicht nur ihr eigenes Leben leben,
sondern hatte immer diesen zusätzlichen Auftrag: ich muss die Familie
zusammenhalten. Das ist schwierig.
[00:17:23.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat gearbeitet und alles. Jetzt kann sie nicht mehr arbeiten, sie hat dekompensiert.
Die Versicherung will, dass sie wieder arbeiten geht.
[00:17:36.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat schon eine grosse Arbeit geleistet mit ihren Geschwistern.
[00:17:40.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen jetzt ihre Geschichte verarbeiten. Dort passt das produktive Arbeiten in der
Industrie nicht dazu. Man kann nicht beides zusammen tun.
[00:17:53.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Davor war die ganze Geschichte einfach ein wenig verdrängt.
[00:17:53.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das versteht natürlich keine Versicherung.
[00:18:02.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kämpfe dann für diese Patienten wie eine Löwenmutter, damit sie nicht mehr unter
die Räder geraten.
[00:18:02.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Hat jemand eine psychotische Mutter?
[00:18:14.720] – Bemerkung 44
Wie verhält es sich mit schizophrenen Müttern?
[00:18:41.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Psychose und Schizophrenie ist für mich das gleiche.
[00:18:47.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Die akute Psychose, wenn es länger geht, dann sagt man das ist eine Schizophrenie.
[00:18:51.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann genauso gut sagen: akute erste schizophrene Episode. Das nenne ich die
Psychose.
[00:18:58.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Überbegriff der Psychose ist: manisch-depressiv und Schizophrenie. Ich mache
alles unter die Psychose. Ich mache da keinen grossen Unterschied.
[00:19:10.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Hat jemand eine schizophrene Mutter?
[00:19:13.470] – Bemerkung 45
lch habe als Stillberaterin eine psychotische Frau mit schizophrenen Episoden
behandelt. Das war so akut, dass sie nicht mit dem Kind zusammen sein konnte. Der
Auslöser, dass sie in die Klinik musste war: im Winter hat die Nachbarin ein 3-4 Wochen
altes Kind in einem Holzkorb vor der Türe gefunden. Sie wollte putzen und das Holz ist
ihr im Weg gewesen. Sie hat das Kind nicht mehr als Kind erkannt. Das Kind war für sie
ein Stück Holz. Somit war das Kind gefährdet. Es ging dann um das abstillen. Sie
musste zwei Mal pro Tag pumpen wegen dem Prolaktinspiegel. Das hat sie längere Zeit
in der Klinik gemacht. Sie kam dadurch viel schneller auf die Beine.
[00:20:36.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Interessant.
[00:20:59.780] – Bemerkung 45
Wenn sie das Kind nicht mehr richtig erkennt, dachte ich, dann wird sie beim abpumpen
der Milch nicht richtig mitarbeiten. Das hat sie aber gut gemacht. Es war kein Thema.
[00:21:15.510] – Bemerkung 45
In der Klink waren sie sehr beeindruckt. Dort wollten sie einfach hormonell abstillen. Ich
wollte das nicht. Das hätte ihr den Boden unter den Füssen weggezogen.
[00:21:15.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Über das Stillen ist der Prolaktinspiegel oben geblieben.
[00:21:34.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Schizophrenen gibt man Neuroleptika.
[00:21:35.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse Neuroleptika machen einen Milcheinschuss, erhöhen das Prolaktin.
[00:21:49.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie das genau geht im Gehirn, in der Hypophyse weiss ich auch nicht recht.
[00:21:56.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Das interagiert miteinander. Das ist sehr interessant.
[00:21:59.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Wissen sie etwas von ihrer Geschichte?
[00:22:00.010] – Bemerkung 45
Sie war eine Brasilianerin und hatte einen viel älteren Mann. Der Mann war Schweizer.
Der Mann war die Chance für ein besseres Leben. Sie kam aus einer Favela. Er war
der reicher Schweizer, der viel, viel älter war. Er hat sie in die Schweiz geholt. Er hat sie
in Brasilien in den Ferien kennengelernt. Er war ein Handwerker. Er war 60 Jahre alt.
Sie war 30 Jahre alt. Das Kind war ein Knabe. Sie hatte Geschwister. Sie wollte ein
besseres Leben haben.
[00:24:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man geht nach Brasilien, man trifft eine rassige Frau an, die ist toll als Frau und macht
alles, was man will. Sie kommt mit in die Schweiz.
[00:24:09.500] – Dr.med. Ursula Davatz
In Brasilien ist sie in einem Kollektiv aufgewachsen. In der Schweiz sind sie oft einsam.
Sie vereinsamen. Es fehlt der Kontakt, das soziale Netzwerk fehlt. Den Schwarzen, den
Türken geht es auch so.
[00:24:33.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt ein Kind auf die Welt. Sie haben keine Hilfe, keine zusätzliche
Unterstützung. Sie ist dann psychotische geworden.
[00:24:34.080] – Bemerkung 45
Sie war vor der Schwangerschaft bereits drei Mal in Königsfelden, stationär, wegen
einem schizophrenen Schub.
[00:24:49.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wissen sie etwas über den Stress, bevor sie schizophren geworden ist?
[00:24:54.190] – Bemerkung 45
Der Mann war besorgt. Es war keine Liebesheirat. Für sie ging es darum: es geht mir
besser in der Schweiz. Er war stolz auf die rassige Frau. Selber war er kein attraktiver
Mann. Er sah alt aus. Es war in einem kleinen schweizer Dorf. Sie war gar nicht
integriert. Ich habe mit ihr brasilianisch gesprochen. Ich habe selber brasilianische
Kinder adoptiert. Mit dem Kind hätte es in der Favela besser geklappt.
[00:25:42.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie war isoliert. Sie hatte mehr Geld und ein schönes WC. Sozial war sie völlig isoliert
und einsam. Das gibt wieder Stress.
[00:26:30.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gab Untersuchungen wo man Menschen in einen schalldichten Raum eingesperrt
hat. Alle sind am Schluss psychotisch geworden. Sie haben angefangen Stimmen zu
hören. Kein menschlicher Reiz, nur sich selber ausgeliefert zu sein, kann zum
Wahnsinn führen.
[00:26:31.230] – Bemerkung 45
Die Nachbarin hat gut reagiert. Das war die einzige Person, welche gegrüsst hat. Im
Dorf hat es wohl geheissen: der alte Mann hat eine junge Brasilianerin nach Hause
gebracht. In der Favela dort lebt es, es gibt viele Leute. Acht Leute leben in einem
Raum. Plötzlich einfach die Isolation. Das war schwierig für sie. Sie wollte nicht
aufhören zu reden. Man merkte, dass sie es wirklich vermisst.
[00:27:08.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Hat sie in Königsfelden ein bisschen Favela Situation gehabt?
[00:27:39.330] – Bemerkung 45
Ich bin kein Fan von Königsfelden. Auf der Abteilung wo sie war, das war nicht gut,
nicht herzlich. Ich habe sie nicht suizidal eingeschätzt. Sie hatte eine Kubus Körper, wo
sie darauf schlafen konnte. Keine persönlichen Gegenstände.
[00:27:39.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor lauter Angst, dass sie sich etwas antun könnte.
[00:28:23.780] – Bemerkung 45
Sie musste in einem anderen Zimmer pumpen gehen. Das finde ich schlimm. In solchen
Zimmer kann man nicht gesund werden.
[00:28:51.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hätten sie lieber wieder mit nach Hause genommen. Dann hätte man ihr ein
Rooming-In machen müssen. Dann hätte jemand bei ihr wohnen müssen.
[00:28:58.040] – Bemerkung 45
Sie hat diese Situationen schon gekannt.
[00:29:07.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war eine gute Idee, dass sie die Milch selber weiterhin abgepumpt hat. Somit hatte
sie imaginär eine Beziehung zum Kind.
[00:29:17.570] – Bemerkung 45
Die Milch musste man verwerfen, weil sie zu viele Medikamente eingenommen hat. Es
ging mir nur darum, dass der Prolaktinspiegel oben bleibt. Das hat viel gebracht. Das
wirkt auf die Psyche. Das ist ein Mutterschaftshormon. Das gibt Stabilität. Wenn man
den Prolaktinspiegel nur hormonell senkt, kann es eine Psychose auslösen.
[00:29:40.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann also eine Psychose geben, wenn man nur den Prolaktinspiegel zu schnell
senkt.
[00:30:04.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Prolaktin wirkt offensichtlich stabilisierend, wie die SSRI.
[00:30:21.480] – Bemerkung 45
Ich habe sie soweit begleitet, dass sie das Kind unter meiner Aufsicht oder unter der
Aufsicht des Mannes pflegen konnte. Danach wurde ich ausgeklinkt. Sie konnte das
Kind mehr betreuen und den Kontakt wieder aufnehmen. Der Mann hing an der Familie.
Der Mann wollte sich dann sogar früh pensionieren lassen, damit er dann dem Kind
schauen kann.
[00:30:22.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Von Brasilien konnte man niemanden Einfliegen lassen? Das wird oft gemacht, dass
eine Schwester oder eine Tante kommt.
[00:31:21.250] – Bemerkung 45
Der Mann hätte das nicht bezahlen können.
[00:31:29.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Hat sie Geld nach Hause geschickt?
[00:31:45.530] – Bemerkung 45
Das kann gut sein.
[00:31:45.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich die Schizophrenie illustriere: die Schizophrenie tritt immer auf, wenn hier
emotional sehr viel Hyperaktivität läuft. Das bringt das Gehirn zum dekompensieren. Sie
hat ihr Kind wie ein Stück Holz gesehen. Sie konnte nicht mehr adäquat reagieren. Das
zeigt, dass das Gehirn nicht mehr funktioniert.
[00:31:56.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben mit ihrer Massnahme über den Prolaktinspiegel eine Stabilisierung erreicht.
Das ist toll! Das war eine absolut richtige Idee.
[00:32:32.750] – Bemerkung 45
Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Man muss nicht zwei Stunden pumpen.
Der Prolaktinspiegel darf einfach nicht absinken.
[00:33:08.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben über den natürlichen Mechanismus des Körpers, der auftritt wenn man ein
Kind hat, der einem beruhigt, so wie das Oxytocin, das einem beruhigt, haben sie die
Frau stabilisiert. Wenn man einen natürlichen Mechanismus des Körpers verwenden
kann.
[00:33:09.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor was Ärzte Angst haben, wenn sie eine psychotische, schizophrene Mutter haben, ist
dass die Mütter ihr Kind umbringen, vernachlässigen.
[00:34:03.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eine Mutter, die psychotisch war. Sie war in Königsfelden, man hat sie nach
Hause geschickt. Dann musste man schauen, ob es dem Kind gut geht. Die
Sozialarbeiterin hat alles für gut befunden. Eines Tags hat sie die Kinder umgebracht.
Die hatte einen Mann, der Alkoholiker war. Sie hatte das Gefühl, dass sie nicht in der
Lage ist, den Kindern zu schauen. Solche Mütter bringen ihre Kinder nicht um, weil sie
den Kindern Böses antun wollen. Sie wollen ihre Kinder eigentlich schützen vor dem
Leben, vor der Mühe des Lebens. Die Frau hat das auch so formuliert. Sie könne die
Kinder nicht betreuen. Deshalb müsse sie die Kinder umbringen um sie vor dem Leid zu
schützen.
[00:34:35.750] – Dr.med. Ursula Davatz
So wie wir Menschen einen alten Hund einschläfern lassen, wenn wir denken, er muss
zu stark leiden.
[00:35:15.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dachte, ihre Kinder müssten zu stark leiden, sie könne es nicht alleine tun. Ihr Mann
hat ihr nicht geholfen, weil er Alkoholiker war. Sie war so verzweifelt.
[00:35:16.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Gegen aussen hat sie noch alles schön brav gemacht.
[00:35:16.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie emotional wahrgenommen hätte, hätte man gemerkt, die ist abwesend.
[00:35:36.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychose, die Schizophrenie sieht man immer an den Augen an.
[00:35:40.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Augen sind oft ängstliche, weit aufgerissene Augen, leer.
[00:35:48.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Man erreicht sie nicht recht mit den Augen.
[00:35:54.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Haben sie das schon erlebt?
[00:35:55.250] – Bemerkung 46
Das ist unheimlich.
[00:35:55.660] – Bemerkung 47
Der Fall von Horgen hat auch gezeigt, dass die Mutter ihre Kinder eigentlich beschützen
wollte, vor den männlichen Mitgliedern der Familie.
[00:36:00.270] – Bemerkung 47
https://www.nzz.ch/zuerich/horgen-mord-an-zwillingen-eine-unfassbare-tat-ld.887957
[00:36:00.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Mutter ihre Kinder umbringt, ist immer die Vorstellung, ich muss die schützen.
Ich muss denen das Leid wegnehmen. Die Mutter glaubt nicht mehr daran, dass die Gut
können aufwachsen können.
[00:36:46.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Weil sie es nicht mehr kann, kann es sonst niemand. Im Milieu wo sie herkommt,
getraut sie sich nicht Hilfe zu holen, weisst alles ab und erledigt es dann selbst.
[00:36:46.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die Alleinherrschaft der Mutter, die meint sie müsse alles selber können. Sie darf
keine Hilfe holen, sie macht es lieber selbst und erledigt es auch selbst.
[00:37:20.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Davor hat man immer Angst bei den psychotischen Müttern.
[00:37:20.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt manchmal auch das Gegenteil.
[00:37:25.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Psychotische Mütter verwenden manchmal die Kinder auch um sich selber zu
beruhigen.
[00:37:28.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die laufen dann mit dem Kind Tag und Nacht an der Brust herum.
[00:37:28.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Die stillen ihr Kind Tag und Nacht.
[00:37:33.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein kleiner Mucks geschieht, wird das Kind gleich wieder an die Brust
genommen. Das geht auch nicht. Dann ist die Mutter völlig überfordert.
[00:37:57.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Diganose sehen sie an den Augen. Sie merken, man kann die Frau nicht recht
erreichen.
[00:38:02.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Meistens ist sie auch in ihrer Haltung, in ihren Abläufen ein bisschen steif und ein
bisschen mechanisch.
[00:38:11.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie macht je nachdem noch alles mit dem Kind, aber es ist nicht so emotional.
[00:38:17.160] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Psychose und in der Schizophrenie ist man so über erregt, dass man
schlussendlich Gefühle abspaltet. Das ist typisch für die Schizophrenie. Gefühle werden
vom Intellekt und der Handlung abgespalten. Das ist auch wieder ein
Schutzmechanismus.
[00:38:39.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Verdrängen ist auch ein Schutzmechanismus. Das Abspalten der Gefühlen ist ein
Schutzmechanismus.
[00:38:45.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt, dass wenn man mit diesen Personen spricht, dann passen die Gefühle und
die Worte nicht recht zusammen.
[00:38:52.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sagen etwas Trauriges, etwas Belastendes völlig kühl.
[00:38:57.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Man redet über etwas, wo man denkt, das sei eigentlich gar nicht schlimm und sie
brechen dann in Tränen aus, weil in ihrem Kopf ständig etwas abläuft.
[00:39:11.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe vorher einen blöden Witz gemacht und gesagt: haben sie es nicht gemerkt?
[00:39:13.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie merken es schon, sie spüren es. Es ist der leere Blick.
[00:39:16.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Verzweiflung und die totale Verleugnung, es ist alles gut.
[00:39:16.890] – Bemerkung 48
Sie sind auch misstrauisch.
[00:39:33.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben auch immer Angst, dass man ihnen das Kind wegnimmt.
[00:39:34.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum versuchen sie, so normal wie möglich zu erscheinen.
[00:39:53.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollen möglichst keine Probleme haben.
[00:39:55.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie merken, dass man kontrollieren kommt, dann wehren sie noch mehr ab.
[00:39:55.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage den Mütterberaterinnen: je nach dem kommt eine Gefährdungsmeldung vom
KESB. Sie bekommen einen Auftrag, dass sie zum Rechten schauen müssen.
[00:39:55.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage: erfüllen sie ja nicht den Auftrag der Behörden.
[00:40:15.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Frauen merken: jetzt kommt die kontrollieren und schaut ob es in Ordnung ist.
Wenn es nicht in Ordnung ist, nimmt man mir das Kind weg.
[00:40:20.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Davor haben sie Angst.
[00:40:27.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum wollen die Frauen ihnen einen guten Eindruck machen und ihnen zeigen, dass
sie es gut im Griff haben. Dann lassen sie sich gar nicht erst an sie ran.
[00:40:31.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihr erster Auftrag ist immer: die Mutter unterstützen. Nicht den Auftrag vom KESB
erfüllen.
[00:40:31.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Rapporte verlangt werden, wo sie kontrolliert werden, sagen ich immer: der
Rapport ist nicht wichtig. Wichtig ist ihre Beziehung zur Mutter.
[00:41:00.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen entscheiden, ob sie es noch verantworten können oder nicht.
[00:41:18.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein plötzlicher Entscheid.
[00:41:19.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt keine Checkliste, wo sie sagen können: wenn die und die Punkte erfüllt sind,
dann muss ich es melden, wenn nicht, muss ich es nicht melden.
[00:41:26.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann es nicht messen. Sie müssen ihr eigenes Gewissen fragen.
[00:41:26.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ihr eigenes Gewissen sagt: ja, ich habe Vertrauen, wir machen Fortschritte, es
geht, dann erstatten sie den Bericht so, dass es so stimmt.
[00:41:29.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie Angst bekommen und denken, dass es gefährlich wird, wenn sie es selber
nicht mehr ertragen können, wenn sie unruhig werden, dann kommt die andere
Entscheidung. Dann muss es schnell gehen. Wenn die Mutter merkt: jetzt will man mir
das Kind wegnehmen, das ist der Moment, wo die Mutter das Kind umbringen kann.
[00:41:49.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Mütterberaterinnen im Kanton Aargau habe ich oft erlebt, wenn die Mütter
merken, jetzt schaut man kritisch, jetzt überlegt man soll man ihr die Kinder
wegnehmen, wenn sie merken, jetzt wird es gefährlich, dann ziehen sie in einen neuen
Bezirk um.
[00:42:29.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie verschleppen die Brut.
[00:42:34.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Katzenmütter, wenn man die zu viel stört bei ihrem Muttersein, dann ziehen sie um.
[00:42:34.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Hat das jemand schon erlebt?
[00:42:34.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Das machen auch die Menschen Mütter.
[00:42:48.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann merkt man, jetzt hat sie gemekrt, ich bin kritisch geworden, ich hatte Gedanken,
vielleicht muss ich sie melden.
[00:42:58.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Wechsel von: ich vertraue ihr, ich gebe ihr alle Unterstützung, hinzu ich muss ihr
das Kind wegnehmen, der muss schnell gehen.
[00:43:07.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es ambivalent hin und her geht, dann merkt das die Mutter und dann verschleppt
sie die Brut.
[00:43:17.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Hat jemand von ihnen eine Mutter gehabt, welche die Brut verschleppt hat?
[00:43:48.880] – Bemerkung 49
Mein Mann dachte, die Katze liegt nicht gut und hat die Katze und ihre Kinder gezügelt.
Die Katze ging dann mit ihren Jungen zurück.
[00:43:49.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mann dachte, er weiss es besser, aber die Katzenmutter wusste es besser.
[00:44:08.560] – Bemerkung 50
Die Frau ist 40 Jahre alt. Das Kind ist zweieinhalb Jahre alt, ein Mädchen, verheiratet
mit einem Mann, damit er in der Schweiz bleiben kann. Der Mann ist schwer psychisch
krank und arbeitslos. Der Mann ist aus Deutschland. Sie hat keine gute Beziehung zum
Mann. Es war keine Liebesheirat. Sie hat ein Borderline. Die Frau war drogenabhängig,
hat aber während der Schwangerschaft keine Drogen konsumiert. Sie hat eine sehr
schöne und ehrliche Beziehung mit ihrem Kind. Die Frau hat Mühe mit mir eine
Vertrauensbasis aufzubauen. Sie kommt sich zu mir zeigen, weil sie muss, sie will es
aber nicht tun. Es ist ganz schwierig für mich mit ihr einen Kontakt aufzubauen. Zur
Psychiaterin geht sie regelmässig.
[00:45:28.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine Zweckorganisation. Das Kind muss beiden helfen. Das Kind hat ihr
geholfen von den Drogen weg zu kommen. Ein Kind hat viele Funktionen.
[00:46:53.250] – Bemerkung 50
Eigentlich wäre sie bei einer anderen Psychiaterin gewesen. Sie ging mit ihrem Mann
dorthin. Die Psychiaterin macht auch Vergangenheitsaufarbeitung. Der Mann hat
gesagt: sie sind die einzige Person mit der ich bereit bin meine Vergangenheit
aufzuarbeiten. Die Psychiaterin hat dann gesagt, dass sie nicht auch noch die Frau
behandeln könne und hat ihr eine andere Psychiaterin gesucht. Es hat eine Zeit
gedauert, bis sie zur neue Psychiaterin geht.
[00:46:53.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die Haltung der Individualtherapeuten.
[00:47:26.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Diejenigen, welche Individualtherapie machen, sehen sich als Advokat von nur einer
Person.
[00:47:26.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir als Familientherapeuten, Systemtherapeuten, bei uns geht das. Beide können zum
gleichen gehen.
[00:47:44.500] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Ehetherapie machen sie das auch.
[00:47:44.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist der Auftrag vom Systemtherapeut, dass er multidirektiv neutral sein kann.
[00:47:45.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht um das ganze System.
[00:47:55.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht nicht darum nur der Advokat für eine Person zu sein.
[00:48:04.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus meiner Sicht ist das falsch. Man kann dann nicht das System als ganzes
anschauen.
[00:48:23.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das System als Ganzes anschaut, dann dann sollte man an beiden
Geschichten arbeiten können.
[00:48:36.570] – Bemerkung 50
Sie ging auch in die offene Beratung. Sie wollte nur noch in die offene Beratung gehen
um andere Frauen kennen zulernen. Sie fühlt sich nicht wohl im Warteraum mit den
anderen Frauen. Sie sagt schnell: ja es ist alles gut. Sie will sich einfach zeigen
kommen.
[00:48:36.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Wissen sie etwas über ihre Suchtkarriere?
[00:49:15.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Sucht und Borderline sind häufig zusammen.
[00:49:27.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt viele Frauen, welche sogenannt Borderline und Suchtprobleme haben.
[00:49:29.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe lange mit Suchtpatienten gearbeitet.
[00:49:52.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sucht war eine zeitlang immer auf den Frontseiten der Zeitungen. Es war ein
Politikum. Viele Sozialarbeiter haben an erster Stelle gekämpft für die armen Süchtigen.
Man wollte auch das Haschisch legalisieren, damit sie nicht kriminalisiert werden.
[00:49:52.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Nach wie vor ist Sucht, Alkoholsucht, Drogensucht, Ess-/Brechsucht eine nicht
akzeptierte Krankheit in der Gesellschaft. Man geniert sich dafür.
[00:50:04.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gut steht sie zu ihrer Suchtproblematik? Steht sie dazu? Geniert sie sich dafür?
Geniert sie sich in der Öffentlichkeit dafür?
[00:50:54.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage das, weil sie nicht mit den anderen zusammen kommen möchte.
[00:50:58.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Jemand, der eine Suchtkarriere gehabt hat, hat Angst: ich werde stigmatisiert, ich werde
ausgeschlossen von der Gesellschaft.
[00:51:03.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sieht man etwas? Ist sie tätowiert?
[00:51:03.980] – Bemerkung 50
Man sieht es ihr äusserlich an, dass sie eine Suchtkarriere hatte. Sie wohnt im Dorf
auch separat am Hang.
[00:51:31.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Davor hat sie Angst, dass alle sie als Drogensüchtige einstufen. Darum will sie mit den
anderen nichts zu tun haben.
[00:51:31.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre ein Thema, welches man mir ihr anschauen muss.
[00:51:31.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie ist es zur Sucht gekommen? Wie steht sie jetzt zu ihrer Sucht? Wie stark geniert
sie sich für ihre Sucht in der Vergangenheit?
[00:51:37.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich von der Persönlichkeitsentwicklung schaue, so wie ich bei der Bordline
Persönlichkeit das geschaut habe.
[00:51:56.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sucht entwickelt sich meistens auch in der Pubertät.
[00:51:57.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Patienten entwickeln eine Suchtkrankheit auch im Sinne des Ablösungskonflikts.
[00:52:06.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie gehen einen selbstzerstörerischen Ablösungskonflikt durch.
[00:52:11.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Borderliner schneiden sich. Suchtpatienten nehmen Stoff zu sich, um sich abzugrenzen
vom Umfeld.
[00:52:12.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft hat man ein überengagiertes Umfeld, das zu viel auf den Teenager einredet oder
zuviel von diesem Teenager verlangt.
[00:52:34.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Suchtpatienten sagen einem: ich habe Suchtmittel konsumiert, die/der Mutter/Vater
haben ein böses Gesicht gemacht und dann bin ich gleich wieder gegangen und habe
weiter konsumiert.
[00:52:46.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sucht erhält ich aufrecht. Sucht wird negativ angeschaut. Die Eltern versuchen es
immer zu kontrollieren, versuchen zu erziehen und das geht nicht.
[00:53:12.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gut geht sie mit ihrer ehemaligen Suchtkarriere um? Wie stehen die Eltern dazu?
Wie gut hat sie aufgeräumt oder eben nicht.
[00:53:13.400] – Dr.med. Ursula Davatz
An ihrem Verhalten sieht man es. Sie wohnt am Rande des Dorfes, sie will nicht mit den
anderen Leuten zusammen sein. Sie hat lange, bis sie zu einer neuen Therapeutin
Vertrauen hat. Sie geniert sich sozial.
[00:53:14.120] – Bemerkung 50
Sie sagt: sie hat soviel erlebt in ihrem Leben, sie könne nicht so schnell wieder
Vertrauen herstellen.
[00:53:36.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie bleibt bei ihnen?
[00:53:50.850] – Bemerkung 50
Sie kommt einmal zu mir und einmal geht sie in die offene Beratung zur Kollegin.
[00:53:50.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen ihr ein Lob geben und sagen: das ist gut, dass sie sich öffentlich zeigen. Das
ist mutig.
[00:54:06.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich der Situation aussetzen zum lernen. Wenn man sich zurückzieht, dann
lernt man nichts. Das ist positiv.
[00:54:15.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wann kann sie es wieder nicht und wovor geniert sie sich?
[00:54:23.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie geniert sich vor der gesellschaftlichen Verurteilung, vor den blöden Blicken.
[00:54:50.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen sie darauf ansprechen.
[00:54:50.910] – Bemerkung 50
Den Kontakt zu ihr suchen?
[00:54:51.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst lobend. Es ist toll, dass sie gekommen ist, obwohl das schwierig ist für sie. Es
geht noch weiter: ist es manchmal auch ein Problem für sie?
[00:54:51.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Was denkt sie, was die anderen denken über sie? Ist Scham mit im Spiel? Geniert sie
sich?
[00:55:07.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht noch weiter: haben ihre Eltern die Geschichte verarbeitet oder nicht? Wird sie
immer noch verurteilt von ihrer Familie? Hat sie Geschwister?
[00:55:07.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist ist tätowiert?
[00:55:07.590] – Bemerkung 50
Sie hat eine Narbe vom Ritzen am Unterarm.
[00:55:18.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei pathologischen Symptomen vergleiche ich mit anderen Ritualen.
[00:55:30.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Rituale sind kollektivierte Zwänge.
[00:55:47.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Afrikanische Kulturen, die überall verschnitten sind.
[00:55:51.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Studentenverbindungen muss man Schnitte haben, dann ist man ein Held.
Wenn man im Krieg ist, muss man Kriegswunden haben.
[00:55:52.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kann das als lebendiges Kriegswunden anschauen.
[00:56:08.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss ihr Symptom allgemeiner anschauen, einordnen in Verhaltensmuster, die
nicht mehr so negativ angeschaut werden.
[00:56:09.770] – Bemerkung 50
Ich war im Januar an einem Punkt, wo ich es am liebsten bei den Behörden gemeldet
hätte, einfach um es von mir wegzuhaben. Ich habe mit der Psychiaterin nochmals
geredet. Die Mutter-Kind Beziehung ist schön.
[00:56:25.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen selber lernen, eine neutrale, amoralische (nicht unmoralisch), eine nicht
verurteilende Haltung diesen Symptomen gegenüber zu haben.
[00:56:37.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es mit einem Kult in Afrika vergleicht, ist es nicht mehr so schlimm. Dann ist
es kulturell.
[00:56:54.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher wenn jemand tätowiert war, war es entweder ein Drogensüchtiger oder ein
Matrose. Zu denen hat es gehört.
[00:56:54.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute sind so viele tätowiert. Man kann nicht mehr mit diesem Klischee arbeiten.
[00:57:03.330] – Bemerkung 51
Geht es nicht auch um die Verantwortung? Wenn man zu stark kontrolliert, dann ziehen
sie einfach in einen neuen Bezirk um, sie verschleppen ihre Brut. Als Mütterberaterin
trägt man auch viel Verantwortung. Wie können wir uns selber schützen, wenn wir
keinen Auftrag haben? Ich hatte eine Frau, die im Frauenhaus war. Jetzt kommt sie
nicht mehr.
[00:57:27.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist sehr sehr schwierig.
[00:58:25.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Prinzipiell sage ich: sie haben nur die Verantwortung für sich, für die Beziehung zu
dieser Frau.
[00:58:32.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Vom Spüren her: ist es gefährlich oder nicht, dazu müssen sie auf ihren Bauch hören,
auf ihre Intuition.
[00:58:43.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Frau, welche ihre Kinder umgebracht hat, können sie zusätzlich fragen: wie gut
ist sie vernetzt?
[00:58:50.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Hat sie Bezugspersonen, wo sie sich akzeptiert fühlt?
[00:58:54.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie gar nichts hat, dann wird es gefährlicher.
[00:58:56.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man sie reinholen, wenn sie ganz alleine ist. Dann wird es gefährlicher,
dass sie den Kindern etwas schlimmes antut.
[00:59:06.410] – Bemerkung 52
Bis die Gefährdungsmeldung kommt und man einen Auftrag hat, in der Zeit kann viel
passieren. Wie können wir uns schützen?
[00:59:11.590] – Bemerkung 52
Sich austauschen im Team. Ich habe das beobachtet, empfindest du das auch so?
Nicht das Gefühl haben, dass man es alleine entscheiden muss, tragen muss.
[00:59:11.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man unsicher wird, ein ungutes Bauchgefühl hat, sollte man sich zuerst mit einer
Kollegin austauschen.
[00:59:47.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn eine Psychiaterin dran ist, ist sinnvoll, dass man die Psychiater fragt.
[00:59:52.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Tragen der Verantwortung verteilen.
[00:59:53.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Hören, was die anderen sagen. Dann muss man wieder in sich selber hören und sich
fragen: wie spüre ich es?
[00:59:53.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt keine Checkliste dafür.
[01:00:02.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist bei jedem anders.
[01:00:11.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei uns ging es um Suizid.
[01:00:12.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Lässt man ihn zu Hause, weist man ihn ein? Was macht man mit der Verantwortung.
[01:00:20.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe die Krankenschwester gefragt: hast du Angst, dass er etwas tut?
[01:00:23.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Krankenschwester gesagt hat: ja ich habe Angst! Dann habe ich das sehr
ernst genommen.
[01:00:28.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Antwort war: nein, ich habe nicht Angst, dann war sie emotional noch dran.
Dann habe ich das auch ernst genommen.
[01:00:31.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin jemand der relativ viel Risiko eingeht. Ich habe Vertrauen in den Menschen.
Natürlich versuche ist dann auch das Netz so aufzubauen.
[01:00:31.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist bei jedem anders.
[01:00:55.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss immer fragen: was ist ihr Gefühl?
[01:00:57.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ist ihre Intuition?
[01:00:59.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind ohnehin nicht verantwortlich für was passiert.
[01:01:06.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage ganz prinzipiell: sie sind nur für die Beziehung zu dieser Mutter verantwortlich.
[01:01:07.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es ihnen persönlich zu unwohl wird, dann können sie auch keine gute
Bezugsperson mehr sein. Dann müssen sie es melden.
[01:01:07.570] – Bemerkung 53
Vielleicht übernehmen wir zu viel Verantwortung. Wie haben das Gefühl, dass wir dort
helfen müssen.
[01:01:33.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollte die Verantwortung abgeben, weil sie nicht an sie rangekommen ist. Ich würde
versuchen mehr an die Mutter ranzukommen.
[01:01:46.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche ihnen Techniken beizubringen, damit sie sich getrauen eine Frage zu
stellen.
[01:01:46.880] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem sie sie zuerst loben und sagen: es ist toll, dass sie gekommen sind, das ist nicht
so einfach. Gibt es Momente, wo sie sich nicht getrauen? Was ist dann ihr
Schamgefühl, die Angst vor dem verurteil werden?
[01:01:51.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können auch sagen: ja ich verstehe es. Man sieht ihnen auch etwa an. Man muss
nicht lügen und sagen: nein, nein, es ist alles normal.
[01:02:22.380] – Bemerkung 54
Vor so einer Person kann man nicht lügen. Sie durchschaut einem sofort.
[01:02:22.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Das funktioniert ohnehin nicht.
[01:02:30.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf auch sagen: das verstehe ich.
[01:02:31.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Leute, welche sie sehen, denken sofort in irgendeinem Klischee.
[01:02:32.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie muss gegen das Klischee ankämpfen.
[01:02:32.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat eine sehr tolle Beziehung zu ihrem Kind. Sie ist durchaus beziehungsfähig.
Arbeiten wir an dem weiter.
[01:02:45.330] – Dr.med. Ursula Davatz
So kann sie Selbstwertgefühle entwickeln und den kritischen Blicken standhalten.
[01:02:45.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie war nicht sicher, wo sie von ihnen eingeteilt wird. Darum ist sie auf Distanz
gegangen. Sie hatte Angst, sie könnten sie verurteilen.
[01:02:49.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das merkt, kann man das auch gleich ansprechen: denken sie, dass ich sie
verurteile, weil man ihnen ansieht, dass sie einmal eine Drogenkarriere hatten? Aha.
Habe ich zuerst in bisschen komisch geschaut?
[01:03:16.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Patienten, die merken das alles.
[01:03:31.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Waren sie erstaunt, als sie sie gesehen haben?
[01:03:31.750] – Bemerkung 50
Nicht unbedingt. Sie hat mir einen klaren Eindruck gemacht. Ich habe sie auch gelobt
für ihre Beziehung zu ihrem Kind. Die war sehr spontan, nicht gespielt. Ihr Kind
entwickelt sich sehr schön.
[01:03:59.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat auf sie projiziert/gemeint, dass sie damit nicht umgehen können. Deshalb war
sie zurückhaltend.
[01:04:09.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie das spüren, merken, lohnt es sich, das anzusprechen.
[01:04:10.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich ohnehin immer, auf ihr Bauchgefühl zu hören. Das sagt einem viel. Das
war auch in der Ausstellung in Lenzburg: zwischen Gefühl und Kalkül.
[01:04:23.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Gehe ich auf mein Gefühl oder auf mein/e Intellekt/Berechnung?
[01:04:34.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche Leute denken primär immer: ich werde verurteilt.
[01:04:35.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das nicht sofort durchbricht, laufen sie weiter auf der Schiene: ich bin nicht
so sicher wie die mich anschaut, auch wenn es gar nicht stimmt. Primär sind sie einmal
ablehnend.
[01:04:52.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wollen sie noch mehr Anhaltspunkte?
[01:04:52.820] – Bemerkung 50
Sehr sanft und vorsichtig. Ich muss zuerst wieder den Kontakt herstellen.
[01:05:40.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat gesagt: ich brauche lange bis ich wieder Vertrauen fasse.
[01:05:43.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sie fragen: was braucht es für sie, dass sie Vertrauen fassen kann?
[01:05:51.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können das wieder zum Thema machen. Das nicht forcieren, einfach ein wenig zum
Thema machen.
[01:06:02.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht nicht darum, dass sie ihr Würmer aus der Nase ziehen möchten. Sie wollen sie
möglichst optimal unterstützen.
[01:06:10.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihr Auftrag ist ihr und dem Kind zu helfen.
[01:06:11.430] – Bemerkung 55
Liege ich falsch, wenn ich die Interaktion zwischen Mutter und Kind anschaue, es
funktioniert alles gut, das Kind entwickelt sich super schön. Das beruhigt mich. Das ist
mir das Wichtigste am Ganzen. Kippt das immer in der Psychose/Depression?
[01:07:13.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Depressive Mütter können nicht so gut eine Beziehung aufnehmen. Psychotische
Mütter auch nicht gleich gut. Dann muss man etwas tun.
[01:07:49.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sehr gute Beziehung kann natürlich auch schlechter werden, wenn das Kind
eigenwilliger ist oder wird und wenn es in die Pubertät kommt.
[01:08:12.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Beziehung kann auch mal sehr gut gewesen sein, sehr eng.
[01:08:18.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Als das Kind in die Pubertät gekommen ist, ist es nicht mehr die Schmusekatze
gewesen, das gut gewesen ist. Dann hat das die Mutter nicht ausgehalten.
[01:08:27.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wollen der Frau nicht Angst machen, aber das wäre etwas zum Bedenken.
[01:08:28.720] – Dr.med. Ursula Davatz
War die Beziehung der Mutter auch sehr gut, als sie klein war und wann ist die
Beziehung weniger gut geworden? Wovon war es abhängig?
[01:08:46.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Einige Mütter sagen: ich hatte eine so gute Beziehung zu meinem Kind. Manchmal eine
fast zu enge Beziehung. Wenn man eine zu enge Beziehung hat, dann hat man Mühe
mit dem Loslassen.
[01:08:55.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind für einem etwas erfüllt, das man sonst nicht hat, wie zum Beispiel, die
Vertraute, weil der nicht richtig zuhört, oder weil irgendetwas anderes ist, oder weil man
mit seinem Vater Problem oder der eigenen Mutter Probleme hat, dann muss das Kind
zu viel tragen.
[01:09:10.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick wo das Kind soviel tragen muss für einem, wenn es dann in die Pubertät
kommt und sich eigentlich ablösen und erwachsen werden sollte, dann darf es das
nicht.
[01:09:11.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gibt es Schwierigkeiten. Dann wird festgehalten. Dann kann sich das Kind nicht
genügend entwickeln.
[01:09:11.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss nicht ob hier so etwas stattgefunden hat oder nicht. Es kann sein.
[01:09:34.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf solche Dinge ist man dann ein wenig hellhörig.
[01:09:47.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können schon als Mutterberaterin, wenn da so eine enge, gute Beziehung ist,
können sie auch immer darauf schauen und auch Fragen: was hat sie für sich? Was
macht sie für sich? Hat sie ein Hobby?
[01:10:01.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage jeweils diesen Frauen, die depressiv sind und sogenannt eigentlich nichts für
sich haben, sage ich: was machen sie nur für sich, das überhaupt keinen Nutzen hat für
irgendjemanden? Etwas nutzloses, aber einem bringt es etwas.
[01:10:18.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Unsere Gesellschaft ist unglaublich nützlich und leistungsorientiert.
[01:10:23.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss ihnen wie die Erlaubnis geben, dass sie etwas machen dürfen, das nur ihnen
etwas bringt und sonst gar niemandem.
[01:10:28.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das darf man schon hier tun, wenn sie das kleine Kind hat.
[01:10:29.020] – Dr.med. Ursula Davatz
So spuren sie schon ein bisschen die Ablösung in der Pubertät vor.
[01:10:29.038] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat noch das Problem mit dem schwer kranken Mann? Wie läuft diese Beziehung?
[01:10:29.110] – Bemerkung 50
Ihr würde es besser gehen alleine mit dem Kind ohne den Mann dabei zu haben.
[01:10:55.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ist eine Übermutter. Sie hat ihren Mann und ihre Tochter. Sie muss beide bemuttern.
[01:10:55.320] – Bemerkung 50
Er hat jetzt psychiatrische Hilfe angenommen.
[01:11:03.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist schon mal eine Entlastung für die Mutter.
[01:11:23.900] – Bemerkung 50
Darum hat sie sich eine neue Therapeutin gesucht.
[01:11:28.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat ihre Therapeutin für den Mann geopfert. Das ist nicht so gesund. Sie ist ihm
gegenüber mütterlich gewesen.
[01:11:58.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie sieht sie ihre Rolle ihrem Mann gegenüber? Hier muss man aufpassen, dass man
nicht sagt, dass sie sich von ihm trennen muss.
[01:11:58.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus was heraus hat sie eine Beziehung mit ihrem Mann angefangen? Was für eine
Rolle hat sie ihm gegenüber? Eine mütterliche? Was für eine Rolle hat er ihr
gegenüber?
[01:11:58.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht wurde sie von ihren Eltern verurteilt, weil sie eine Drogenkarriere hinter sich
hat. Vielleicht hatte sie als Teenagerin eine sehr verantwortungsvolle Rolle, die dann
schief gelaufen ist.
[01:12:39.920] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem sie ihrem Mann aus der Patsche hilft, ist sie wieder besser.
[01:13:13.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine heikle Aufgaben.
[01:13:13.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Später kann man fragen, wie lange sie die Rolle noch aufrecht erhalten möchte. Ist das
nicht auch eine Belastung für sie?
[01:13:14.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Was tut sie nur für sich?
[01:13:45.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Keine gute Tat für ihn.
[01:13:46.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Kind muss sie etwas machen, das ist klar.
[01:13:46.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie regeneriert sie selber?
[01:13:46.240] – Bemerkung 56
Sie hat 100% IV.
[01:13:46.350] – Bemerkung 50
Sie hat noch Tiere. Das ist ihre Welt. Die lässt sie sich nicht nehmen. Er meint, das sei
zu teuer, der Unterhalt der Tiere. Sie betreut das Pferd.
[01:14:26.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche Leute gehen gerne mit Tieren um und können es auch gut. Vom sensiblen her
spüren sie die Tiere gut. Das Tier kann einem nicht erziehen. Es hat keine Theorie im
Kopf. Es hat keine Ethik. Es sagt nicht du sein musst.
[01:14:49.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das Tier falsch behandelt und man einen Fehler macht, dann gibt einem das
Tier schon eine Rückmeldung. Es wirft einem ab, es beisst einem.
[01:14:50.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine direkte Rückmeldung.
[01:14:53.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frage ist: wie viele Erwartungen waren ihr gegenüber vorhanden? Erwartungen,
welche sie nicht erfüllen konnte. Das Pferd hat keine Erwartung an sie. Das freut sich
wenn sie kommt.
[01:15:14.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat nicht sofort die Beziehung zu ihnen hergestellt. Sie hat vielleicht auf sie
projiziert: die hat Erwartungen an mich, welche ich nicht erfüllen kann.
[01:15:36.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann immer hinauf fragen: hatte ihr Vater, hatte ihre Mutter versteckte
Erwartungshaltungen an sie gehabt, welche sie nicht erfüllen konnte? Wie ist das für sie
gewesen?
[01:15:36.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Die enttäusche Erwartungshaltung der Erzieher, das haben sie erlebt, weil sie kein Bub
gewesen sind, das ist ein Kreuz.
[01:15:58.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ganz schwierig.
[01:15:59.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat sich aufgewertet, in dem sie jemanden mit einer schwierigen Kindheit
aufgenommen hat wie ein Patient/Bettler.
[01:16:04.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt hat sie zwei Abhängige.
[01:16:06.350] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem sie Leute hat, die von ihr abhängig sind, hat sie ihr Abhängigkeitsproblem von
den Drogen im Griff.
[01:16:38.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie entsteht die Drogensucht?
[01:16:40.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Drogensucht entsteht meistens in der Pubertät.
[01:16:40.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Jemand hat einmal zu mir gesagt: wissen sie, der Alkohol ist meine Mutter.
[01:16:49.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertierenden, welche in die Drogen hineingehen, haben die Vorstellung: die
Hassen ihre Abhängigkeit der Eltern und tauschen dann die Abhängigkeit von ihren
Bezugspersonen gegen die Abhängigkeit von einer Substanz ein.
[01:17:07.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Haltung ist: die Substanz habe ich immer im Griff, das kann ich steuern.
[01:17:07.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Eltern kann ich nicht steuern.
[01:17:13.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt nicht. Schlussendlich hat einem die Substanz im Griff, auf eine blöde Art
und Weise. Es ist dann ein selbstzerstörerischer Ablösungskonflikt. Gesünder wäre es,
sich mit den Eltern auseinanderzusetzen.
[01:17:28.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Man mutet sich das nicht zu, entweder weil die Eltern zu stark sind oder mit zu
schrecklichen Mitteln kämpfen, so dass man es einfach nicht aushält.
[01:17:36.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wen man ein Geno-Ökogramm aufzeichnet sieht man immer wo die Lücken sind und
wo etwas fehlt. Sie hatte sicher eine konflikthafte Beziehung.
[01:17:36.210] – Bemerkung 57
Bei mir geht es um das Methadon Programm. Früher hat sie Drogen gespritzt. Sie hat
jetzt das zweite Kind. Beim ersten Kind ist sie in der Schwangerschaft auf das
Methadon Programm umgestiegen. Sie hat nach dem ersten Kind versucht komplett
von den Drogen wegzukommen und hat es nicht geschafft. Es ist eine junge Mutter, die
ganz süss mit dem Kind umgeht. Sie reagiert auch adäquat. Sie ist sehr gepflegt. An
ihren Händen sieht man ihre Vergangenheit. Es gibt Momente in der Beratung wo sie
zusammenbricht. Sie hat eine schwierige Beziehung zu den Eltern. Die Mutter
akzeptiert nicht, dass sie nicht von den Drogen wegkommt. Der Vater sagt nichts zu
dem Thema. Der ist verstummt.
[01:19:53.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Vater hat wohl einen Beziehungsabbruch gemacht. Die Mütter leiden noch und die
Väter wollen gar nichts mehr damit zu tun haben.
[01:20:29.370] – Bemerkung 57
Sie leidet darunter, dass ihre ältere Schwester sie nicht akzeptiert. Sie suchen einander
immer wieder. Der Konflikt ist vorhanden wegen den Drogen. Sie hat eine starke
Beziehung zu den Eltern von ihrem Partner. Die Eltern vom Partner hüten auch ab und
zu die Kinder. Dort wird sie vor allem getragen. Der Partner von ihr hat es nicht so gut
mit seinen Eltern. Sie sucht immer den Kontakt zu den Eltern von ihrem Partner. Das
wird akzeptiert. Er arbeitet bei einem Beerdigungsinstitut. Er ist Bestatter. Die Eltern von
ihr sind pensioniert.
[01:22:16.180] – Bemerkung 57
Die Beziehung zu den Kindern ist wunderschön im Moment. Sie ist IV abhängig. Sie
kriegt wegen den Kindern Sozialgeld. Dem Vater wurde Druck gemacht, dass er die
Kinder anerkennen muss. Er muss bezahlen für die Kinder. Sie sind nicht verheiratet.
Sie bekommt mehr Geld, wenn sie nicht verheiratet sind und wenn er die Kinder nicht
anerkennt. Es sind zwei Knaben.
[01:22:16.460] – Bemerkung 57
Ab dem 1.6. 2014 gibt es ein neues Gesetz.
[01:23:25.480] – Bemerkung 57
Deshalb sind die beiden aneinander geraten.
[01:24:12.050] – Bemerkung 57
Ich bin froh, dass die Sozialarbeiterin dabei ist. Der Hausarzt gibt ihr Methadon. Er ist
voll tätowiert. Ich begleite beide, nehme ihre Anliegen an. Muss ich dort noch etwas
mehr unternehmen?
[01:24:12.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen gar nichts tun. Sie machen das gut.
[01:24:51.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können noch Fragen stellen oder Dinge sagen.
[01:24:56.520] – Bemerkung 58
Nimmt er auch Drogen?
[01:25:02.500] – Bemerkung 57
Nein. Er ist davon gekommen.
[01:25:02.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern sind beides Kinder, welche dem Teufel von der Karre gefallen sind.
[01:25:20.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern vom Vater akzeptieren die Mutter, weil es dort Kinder gibt. Die Enkelkinder
sind nochmals eine Chance um tolle Jungs aufzuziehen.
[01:25:20.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie will von ihrer älteren Schwester akzeptiert werden.
[01:26:05.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Das älteste Kind trägt immer die Traditionen weiter. Man muss es recht machen. Sie
sind das Sprachrohr der Eltern.
[01:26:15.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Die jüngeren probieren eher aus und machen auch Dinge falsch.
[01:26:16.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jüngere konnte flexibler und lockerer sein. Sie war zu locker und hat Drogen
ausprobiert.
[01:26:21.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte sie mal fragen: wie stark meint die Schwester, dass sie die Haltung der
Eltern vertreten muss? Deckt sie sich mit den Eltern oder hat sie eine eigene Haltung?
[01:26:36.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn in einer Familie eine Krankheit auftritt, werden meistens die gesunden
Geschwister verwendet um das jüngere Geschwister wieder auf den richtigen Weg zu
bringen. Das geht nicht.
[01:26:44.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können sagen: auch Fachleute haben immer wieder den Fehler gemacht, dass sie
gemeint haben, sie müssten das Suchtleiden selber kontrollieren können Verantwortung
darüber nehmen.
[01:27:36.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich musste den Fachleuten beibringen: wir dürfen nicht Co-Süchtige werden. Wenn wir
uns ständig um die Sucht kümmern, sowie es die Mutter macht, dann sind wir co-
süchtig.
[01:27:37.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist das Wichtigste, dass man lernt die Verantwortung beim Süchtigen zu lassen.
[01:27:52.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Suchtkrankheit kann nicht geheilt werden über Kontrollen und Erziehung und
Aussagen wie: du solltest das nicht tun, Moralpredigten usw. Das geht nicht. Sonst ist
man co-süchtig.
[01:27:58.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie darf sagen: es ist nett von dir, dass du dich um mich sorgst in Bezug auf meine
Drogensucht, mein Methadon; aber nur ich alleine kann das lösen.
[01:28:25.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem du mich immer wieder fragst, Druck auf mich aufsetzt, wird nur meine Sucht
verstärkt. Du hilfst mir in keiner Weise.
[01:28:38.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf nicht sagen: hör mal auf, frag mich nicht immer, du machst mich sauer. Man
muss es kontrolliert, ruhig und überlegen sagen. Das können sie mir ihr ein wenig
anschauen.
[01:28:38.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kann es zuerst der älteren Schwester sagen. Dann kann sie es der Mutter sagen.
[01:28:56.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, die ältere Schwester ist immer noch eingespannt im Rahmen der Eltern,
dass sie da das Kind, ihre jüngere Schwester auf der rechten Weg bringen muss.
[01:29:06.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nett von dir, dass du dich um mich kümmerst, das muss man anerkennen, aber
es geht nicht. Ich muss es selber tun.
[01:29:06.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Fachperson würde ich zu ihr sagen: Methadon ist eine legalisierte Sucht. Man hat
sie in die Bahnen gebracht. Über das Methadon wird man auch an ein Programm, an
einen Hausarzt, an eine Apotheke gebunden. Das sind Bezugspersonen. Wenn diese
Personen professionell sind, dann dürfen sie nicht moralisieren, im Gegensatz zur
Mutter die immer noch moralisiert.
[01:29:25.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Das müssen alle Suchtthrapeuten lernen. Ich darf nicht moralisieren.
[01:29:48.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich darf eine Borderline Patientin nicht erziehen.
[01:30:01.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein Symptom und es liegt beim Patienten bei der Patientin.
[01:30:06.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sich sicher genug fühlt, mit dem Methadon aufzuhören.
[01:30:11.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage allen: es kommt nicht darauf an, wie schnell sie es aufhören. Wichtig ist, dass
wenn sie es aufhören wollen, dass sie innerlich sich bereit fühlt, sicher genug fühlen.
[01:30:23.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Sucht ist ein Abhängigkeitsproblem. Man tauscht die Beziehung, die Abhängigkeit von
der wichtigen Bezugsperson aus gegen einen Stoff.
[01:30:34.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf den Stoff erst absetzen, wenn man sich stark genug fühlt. Man darf den Stoff
nie absetzen weil die anderen drängen. Das geht nicht, das funktioniert nicht.
[01:30:39.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das Rauschmittel absetzt um es der Mutter Recht zu machen, funktioniert es
sicher nicht.
[01:30:46.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Das darf man der Mutter sagen.
[01:31:02.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind völlig neutral, sie sind nicht ehrgeizig, dass sie ihre Drogen schnell absetzt. Sie
dürfen ihr das Wissen geben: es wird erst abgesetzt, wenn sie sich sicher fühlt.
[01:31:06.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gleiche mache ich bei den Antidepressiva. Wenn sie wollen, dann begleite ich sie.
Wenn sie noch nicht sicher sind, dann setzen wir es noch nicht ab.
[01:31:06.660] – Bemerkung 58
Sie hat 10 Milligramm Methadon.
[01:31:39.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist sie nahe am absetzen. Das ist ihre Krücke. Das ist eigentlich nichts.
[01:31:39.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie fragt sich auch immer: wie geht es mir, wenn ich kein Methadon mehr nehme?
[01:31:47.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf ihr sagen: sie können das Methadon so lange nehmen, wie sie finden, dass
sie es nötig haben.
[01:31:47.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte auch therapeutisch mit ihr arbeiten, damit sie ein besseres Selbstwertgefühl
bekommt, selbstsicherer wird, damit sie es nicht mehr braucht.
[01:32:06.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich mit Süchtigen arbeite, arbeit ich nie daraufhin, dass sie das Mittel loswerden.
[01:32:15.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich probiere sie zu unterstützen, dass sie stärker werden, dass sie es nicht mehr als
Krücken brauchen.
[01:32:22.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine positive Motivation.
[01:32:25.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Etwas nicht mehr zu tun ist keine gute Zielsetzung. Etwas mehr machen, damit man
das andere nicht mehr braucht, ist eine gute Zielsetzung.
[01:32:26.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sie fragen: wie stärkt sie sich, ihr Selbstwertgefühl, ihr Selbstbewusstsein,
damit sie das Methadon irgendwann nicht mehr braucht.
[01:32:36.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Es darf ihr das niemand aus der Hand reissen.
[01:32:42.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Für die Eltern gesehen ist das nichts, 10 Milligramm. Das ist eine Minimaldosis, aber es
hat einen symbolischen Wert.
[01:32:48.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Solange sie das noch nimmt, geht sie noch in die Apotheke, sie geht zum Hausarzt, sie
ist eingebunden in Beziehungen.
[01:32:48.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sie fragen: welche Beziehung hast du zur Apotheke, zum Hausarzt? Wie
steht er zu ihr?
[01:33:02.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kann die Apotheke immer noch besuchen, den Hausarzt sowieso. Es ist eine innere
Haltung, ob sie es erträgt oder nicht.
[01:33:15.940] – Bemerkung 59
Kommt es häufig vor, dass die letzten Milligramm, die Krücken noch lange bleiben? Ich
hatte jetzt eine Abklärung mit einer Mutter, wegen einem Morphium Derivat. Sie hat das
Methadon nicht ertragen und ist dann in ein Co-Programm gekommen. Sie hat schon
lange eine kleine Dosis. Die macht viel aus.
[01:33:48.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist häufig so, dass sie lange, lange dabei bleiben, weil sie einfach Angst haben.
Das ist eine psychische Abhängigkeit. Sie haben Angst, sie können es nicht prästieren,
wenn das weggeht.
[01:34:03.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde niemals jemanden dazu drängen es wegzugeben.
[01:34:07.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Erst wenn er sich wirklich sicher genug dazu fühlt.
[01:34:08.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ist rein suchtmässig bereits an einem guten Ort. Sie braucht halt noch diese Krücke.
[01:34:23.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist wieder das Ritual.
[01:34:24.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie braucht das Ritual vom holen gehen um sich sicher zu fühlen.
[01:34:24.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Die chemische Wirkung ist gar nicht mehr so stark.
[01:34:25.360] – Bemerkung 58
Das hat mir sehr geholfen, Danke.
[01:34:35.200] – Bemerkung 60
Gibt es einen Zusammenhang wie die Beziehung zu den Eltern aufgearbeitet wurde?
Jemand, der die Beziehung zu seinen Eltern aufgearbeitet hat, hat eher die Chance um
sein Rauschmittel komplett abzusetzen.
[01:34:50.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist meine Theorie und meine Erfahrung.
[01:34:59.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich erwachsene Menschen habe, die nicht aufgearbeitete Dinge mit ihren Eltern
haben, arbeite ich an erster Stelle an dieser Aufarbeitung. Das gibt unheimlich mehr
Selbstsicherheit.
[01:35:10.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Süchtige sind oft sehr sensibel. Sie haben Angst vor der Aufarbeitung. Sie haben Angst
vor der Re-Traumatisierung.
[01:35:28.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Süchtigen wieder etwas angehen, dann kommt die Mutter oder der Vater
wieder. Dann ist es unsere Aufgabe als Therapeuten sie zu stützen, damit sie das
aushalten. Sie sollen nicht gleich wieder flüchten.
[01:35:28.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Suchtverhalten ist eine chemische Flucht aus Angst vor Verletzungen.
[01:35:56.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit wir aufarbeiten können, müssen wir durch gewissen Verletzungen durch. Es ist
die Aufgabe des Therapeuten, diese Leute zu stützen, damit sie die Verletzungen
aushalten. Wenn man die Verletzung ausgehalten hat, dann ist man stärker.
[01:35:58.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Was mich nicht umbringt macht mich stärker.
[01:36:10.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern schon gestorben sind, mache ich die Aufarbeitung in dem ich den
Leuten sage, dass sie einen Brief schreiben sollen. Einen Brief an die Mutter schreiben
und einen Brief an den Vater schreiben.
[01:36:15.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sie auch fragen: was stört sie am meisten an der Mutter? Was ärgert sie am
meisten an der Mutter? Was verletzt sie am meisten? Wenn die Mutter was sagt? Wenn
sie wie schaut? Es kann auch non-verbal sein.
[01:36:33.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Was stört sie am Vater? Der Vater scheint sie zu negieren. Der sagt schon gar nichts
mehr.
[01:36:53.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Um wieder mit dem Vater in Kontakt zu kommen, kann sie über irgendetwas mit dem
Vater sprechen. Was ist deine Meinung zu dem?
[01:37:14.790] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem sie den Vater um seine Meinung fragt, fühlt er sich wertgeschätzt. Dann kann er
ihr auch wieder Wertschätzung geben.
[01:37:14.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Suchtpatienten dreht sich immer alles um den Stoff, die Sucht.
[01:37:23.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage den Eltern: nicht mehr über den Stoff sprechen sondern über etwas anderes
sprechen.
[01:37:24.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Halten sie die Patientin dazu an, dass sie den Vater einmal um seine Meinung bittet.
[01:37:47.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können auch fragen, was hat es da noch für Süchte gegeben hat. Dann fragt man
Symptom spezifisch.
[01:37:49.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass sie aktiv auf den Vater zugeht. Sie soll nicht warten, bis er einen
blöden Blick auf sie wirft.
[01:37:49.840] – Bemerkung 61
Ich nehme die Herausforderung an.
[01:38:02.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können zusammen aushecken, was sie den Vater fragen können. Dann diskutieren
sie das wieder zusammen. Wie tratschen zusammen. Sie sind dann eine ältere
Schwester zu ihr.
[01:38:27.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sucht es immer wieder.
[01:38:28.050] – Bemerkung 61
Ja, ich staune auch immer wieder. Sie erzählt es auch immer wieder in der Beratung,
das sie es versucht hätte mit der Schwester und die Schwester hätte wieder gesagt und
moralisiert und dass sie nicht schön angezogen ist.
[01:38:50.500] – Dr.med. Ursula Davatz
All das Zeugs.
[01:38:50.660] – Bemerkung 62
Was mich beschäftigt ist die Rolle der Eltern zu ihren Kindern. Die Kinder haben
stationär einen Entzug durchgemacht. Wurden die Kinder von Anfang an begleitet?
Meine Mutter hat viele Schuldgefühle, dass sie dem Kind den Entzug zugemutet hat.
Ich als Beraterin muss sehr weit zurück stehen. Ich finde das sehr anspruchsvoll. Privat
ist das für mich sehr schwierig.
[01:39:27.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist so.
[01:39:47.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Problem bei der Sucht. Die Sucht ist eine Krankheit, die sozial nicht sehr
akzeptiert ist. Man hat die Haltung: die muss einfach die Substanz nicht nehmen, dann
wäre alles in Ordnung. So einfach ist es nicht.
[01:39:53.610] – Bemerkung 63
Ich habe eine Frau begleitet, die während ihrer Herionabhängigkeit ihr erstes Kind
bekommen hat. Während der Behandlung ist sie wieder schwanger geworden. Sie hat
sich dann zu einem Abbruch entschieden. Ich habe sie als Schülerin begleitet. Der
Gynäkologe hat sie wie der letzte Dreck behandelt, als Junkie. Ich bin gegen
Abtreibung. Sie hat sich dafür entschieden. Das war schwierig.
[01:42:59.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Kinder einmal da sind, dann sind sie da. Dann sind sie eine Realität und mit
der muss man umgehen. Alle Theorie muss dann in den Hintergrund.
[01:43:00.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder sind so resistent, sonst hätten wir gar nicht überlebt als Spezies. Die mögen viel
ertragen. Der Entzug von dem Heroin ist etwas Chemisches und ist weniger schlimm
als wenn ein Kind von Anfang an der grosse Retter der ganzen Welt sein muss, weil
man soviel auf das Kind auflädt. Es ist nur etwas chemisches, der Entzug.
[01:43:00.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist: Was hat eigentlich die Substanz für einen Stellenwert?
[01:43:04.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Suchtmittel haben immer die Funktion uns ein gutes Gefühl zu gegeben, anstatt,
dass wir über eine Beziehung über etwas das wir machen, wir uns ein gutes Gefühl
holen.
[01:43:16.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie lernt sich selber ein gutes Gefühl, eine Befriedigung zu geben, dann wird das
sekundär.
[01:43:23.370] – Bemerkung 64
Man muss ihnen auch etwas zutrauen.
[01:43:23.970] – Bemerkung 64
Ich habe eine Familie mit zwei kleinen Kindern, wo der Mann im Methadonprogramm
gewesen ist. Er hatte eine schwierige Kindheit. Die Frau kommt aus einem Alkohol
Haushalt mit Messi-Charakter. Sie sagt, sie kommt nicht mehr zur Waschmaschine. Ich
habe ihr ganz viel Vertrauen geschenkt. Ich habe sie gefragt, was sie bis zum nächsten
Mal bewältigen kann? Innerhalb von sechs Monaten haben sie mit der Renovation vom
Haus begonnen. Das Haus kennt man nicht mehr. Sie haben niemanden mehr zur
Haustüre rein gelassen. Sie hatten Angst, dass ihnen die Kinder weggenommen
werden. Er hatte eine sehr schwierige Kindheit mit sehr schlimmen Behörden. Heute
macht er mit grosser Freude die Türe auf, wenn ich komme. Alles nur weil ich sie
bestätigt habe in der Art und Weise wie sie mit ihren Kindern umgehen können.
[00:00:00.500] – Bemerkung 65
Sie sprechen jetzt sogar vom Haus renovieren.
[00:00:12.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben sie absolut recht.
[00:00:14.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist erstaunlich, wenn man positiv denkt, ihnen etwas zutraut, Freude an kleinen
Dingen haben kann. Das kann motivieren. Das überträgt.
[00:00:16.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Angst hat, kann sich das auch übertragen.
[00:00:25.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen eine professionelle Beziehung zu ihren Klienten haben.
[00:00:32.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Beziehung wirkt Wunder.
[00:00:42.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Mann kann es nicht vorspielen. Man muss es in sich tragen. Dann kann das sehr sehr
viel bewirken.
[00:00:42.430] – Bemerkung 66
Er ist praktisch am ganzen Körper tätowiert. Ich habe auch gesehen, dass er einen
schönen Umgang mit den Kindern hat. Ich habe die Tätowierungen ausgeblendet und
er hat langärmlige T-Shirts angezogen, damit man es nicht so sieht. Jetzt kommt er im
kurzarm T-shirt und kann so sein wie er möchte. Es ist nicht meine Welt, aber ich muss
es tolerieren.
[00:01:31.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen es auch nicht verurteilen.
[00:01:55.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie eine Beziehung zum System haben können, auf eine gute, positive Art, ohne
dass sie Druck aufsetzen müssen, ohne dass sie Angst haben, dass alles schief läuft,
dann hat das eine grosse Wirkung. Das ist so.