Dr.med. Ursula Davatz beschreibt in den bereitgestellten Quellen zwei zentrale Eigenschaften, die den Neurotyp ADHS/ADS charakterisieren:

  1. Hohe Sensibilität: Menschen mit ADHS nehmen viel mehr Reize und Informationen aus ihrer Umwelt wahr als neurotypische Menschen. Dr. Davatz bezeichnet dies als breite Aufmerksamkeit, im Gegensatz zur oft angenommenen Aufmerksamkeitsstörung. Sie erklärt, dass Menschen mit ADHS, wenn sie einen Raum betreten, sofort alles wahrnehmen, während andere Menschen nur einen Teil der Umgebung registrieren. Dies liegt an einer mangelnden Filterfunktion im Gehirn, die es ihnen erschwert, sich auf einen bestimmten Reiz zu konzentrieren, weil sie gleichzeitig von vielen anderen Reizen abgelenkt werden. Diese erhöhte Sensibilität kann dazu führen, dass ADHS-Betroffene schnell überfordert und reizüberflutet sind. Sie reagieren empfindlicher auf Kritik und Zurückweisung und sind leichter verletzlich. Ein hochgezogene Augenbraue oder eine subtile Geste der Missbilligung kann von einem Kind mit ADHS bereits als tiefe Kränkung empfunden werden. Dr. Davatz betont aber, dass diese hohe Sensibilität auch eine Gabe sein kann, die in bestimmten Berufen, wie zum Beispiel in der Medizin, von Vorteil sein kann.
  2. Schwache Impulskontrolle: Menschen mit ADHS haben Schwierigkeiten, ihre Impulse zu kontrollieren und ihre Emotionen zu regulieren. Dies kann sich in impulsivem und aggressivem Verhalten äussern, besonders wenn sie sich verletzt oder frustriert fühlen. Dr. Davatz spricht in diesem Zusammenhang von reaktiver Impulsivität, die besonders bei Jungen häufig zu aggressivem Verhalten führt. Sie vergleicht dies damit, dass Männer in Konfliktsituationen eher zu Krieg greifen, während Frauen eher weinen – beides seien Formen des Stressabbaus, doch Tränen seien weniger schädlich für die Umgebung. Dr. Davatz betont, dass diese Impulsivität bei ADHS nicht böswillig ist, sondern aus der Unfähigkeit resultiert, die eigenen Emotionen zu kontrollieren. ADHS-Betroffene müssen erst lernen, mit ihren Impulsen umzugehen und alternative Strategien zur Emotionsregulation zu entwickeln.

Zusammenhang: Die hohe Sensibilität und die schwache Impulskontrolle bedingen sich gegenseitig. Die intensive Wahrnehmung von Reizen führt zu einer starken emotionalen Erregung, die aufgrund der schwachen Impulskontrolle nur schwer kontrolliert werden kann. Aggressives Verhalten ist dann oft ein Ventil, um die aufgestaute emotionale Spannung zu entladen.

Wichtig: Dr. Davatz betont in den Quellen immer wieder, dass ADHS kein Makel oder eine Krankheit ist, sondern eine andere Art, die Welt zu erleben und zu verarbeiten. Es ist wichtig, ADHS-Betroffenen mit Verständnis und Empathie zu begegnen und ihnen zu helfen, ihre Stärken zu entwickeln und ihre Herausforderungen zu meistern.

https://ganglion.ch/pdf/shelter_schweiz_1+2.pdf