Dr.med. Ursula Davatz definiert ADHS/ADS im Erwachsenenalter nicht als Krankheit, sondern als „Neurodiversität“ oder „Neurotyp“, der genetisch vererbt wird. Sie betrachtet es als Persönlichkeitstyp, der sich aus dem angeborenen Neurotyp entwickeln kann.
ADHS/ADS als Persönlichkeitstyp
Davatz differenziert zwischen zwei Ausprägungen von ADHS/ADS, die sie mit den von Hans Jürgen Eysenck definierten Persönlichkeitstypen „extrovertiert“ und „introvertiert“ in Verbindung bringt.
- ADHS ordnet sie dem extrovertierten Typ zu, der durch Impulsivität und äusserlich gezeigte Hyperaktivität gekennzeichnet ist.
- ADS entspricht dem introvertierten Typ, der zwar ebenfalls eine hohe innere Aktivität („hyperaktiven Gedankengang“) aufweist, diese aber nicht in sichtbares Handeln umsetzt.
Zentrale Eigenschaften von ADHS/ADS
Unabhängig von der Ausprägung als ADHS oder ADS betont Dr.med. Ursula Davatz zwei Eigenschaften, die für beide Typen zentral sind:
- Hohe Sensitivität: ADHS/ADSler nehmen Reize aus ihrer Umwelt intensiver wahr und reagieren emotional stärker darauf.
- Breite Wahrnehmung: ADHS/ADSler haben eine breite Aufmerksamkeitsspanne und nehmen viele Details gleichzeitig wahr, was in bestimmten Situationen (z.B. im Unterricht) zu Ablenkung führen kann.
Entwicklung im Erwachsenenalter
Dr.med. Ursula Davatz geht davon aus, dass ADHS/ADS sich im Laufe des Lebens weiterentwickelt. Sie beobachtet, dass sich im Alter sowohl bei Männern als auch bei Frauen eine gewisse Beruhigung einstellt. Der Dopaminabbau verlangsamt sich, und die Betroffenen werden gelassener und milder. Allerdings betont Davatz, dass diese Entwicklung nur eintritt, wenn die Person nicht ständig unter Stress und Druck steht.
Herausforderungen im Erwachsenenalter
Auch im Erwachsenenalter bleiben die Herausforderungen von ADHS/ADS bestehen, können sich aber in ihren Auswirkungen verändern.
- Beziehungen: ADHS/ADSler haben oft Schwierigkeiten in Beziehungen, da ihre hohe Sensitivität und Impulsivität zu Konflikten führen können.
- Beruf: Die breite Wahrnehmung und Ablenkbarkeit kann im Beruf zu Problemen führen. Davatz weist aber auch auf die Stärken von ADHS/ADSlern hin, die sie zu erfolgreichen Unternehmern, Wissenschaftlern oder Künstlern machen können.
- Folgeerkrankungen: Dr.med. Ursula Davatz sieht einen klaren Zusammenhang zwischen einem ungünstigen Umgang mit ADHS/ADS und der Entwicklung von Folgeerkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen.
Bedeutung des Umfelds
Dr.med. Ursula Davatz betont die entscheidende Rolle des Umfelds für die Entwicklung von ADHS/ADS im Erwachsenenalter. Ein wohlwollendes Umfeld, das die individuellen Bedürfnisse des ADHS/ADSlers berücksichtigt und ihm hilft, seine Stärken zu entfalten, kann die Entwicklung von Folgeerkrankungen verhindern und zu einem erfüllten Leben beitragen.
https://ganglion.ch/pdf/Hilfesuchende_ADHS_1.10.2024.m4a.pdf