Die genetischen Grundlagen von ADHS/ADS haben einen wesentlichen Einfluss auf das Verhalten und die Entwicklung betroffener Personen über die gesamte Lebensspanne. Dr. Davatz betont, dass ADHS/ADS keine Krankheit, sondern ein genetisch vererbter Genotyp ist. Statistisch gesehen sind 80 bis 85% der Fälle auf Vererbung zurückzuführen. Aus diesem Grund könne man ADHS/ADS nicht einfach umerziehen oder wegbehandeln.

Diese genetische Veranlagung äussert sich in bestimmten vererbten Eigenschaften:

  • Breite Aufmerksamkeit und Neugier: Kinder mit ADHS/ADS haben oft eine breite Aufmerksamkeit und sind neugierig, sie interessieren sich für vieles. Wenn sie jedoch nicht genügend interessiert sind, kann ihre Aufmerksamkeit leicht abgelenkt werden.
  • Impulsivität und Hyperaktivität: ADHS kann sich nach aussen durch Aggressivität und Hyperaktivität zeigen, während sich ADS eher nach innen richtet als gedankliche Hyperaktivität. Die motorische Unruhe bei ADHS kann jedoch helfen, das Gehirn zu aktivieren.
  • Schnelle Auffassungsgabe und Langeweile: Häufig geht die breite Aufmerksamkeit mit einer schnellen Auffassungsgabe einher, was dazu führen kann, dass sich Betroffene schnell langweilen, wenn sie unterfordert sind.
  • Hohe sensible Wahrnehmung: ADHS/ADS-Personen haben oft eine hohe sensible Wahrnehmung und nehmen Stimmungen und kleine Veränderungen schnell wahr, was sie aber auch verletzlicher machen kann.
  • Empathie und Gerechtigkeitssinn: Viele ADHS/ADSler sind sehr empathisch und haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ungerechtigkeit können sie nur schwer ertragen.
  • Mangelnde Impulskontrolle: Dies führt dazu, dass Betroffene schnell aggressiv reagieren können, wenn sie verletzt werden. Diese Aggressivität wird jedoch oft als Selbstverteidigung gesehen.

Über die Lebensspanne hinweg bleiben diese genetisch bedingten Eigenschaften bestehen, aber ihre Auswirkungen und die Art und Weise, wie sie sich äussern, können sich verändern.

  • Kindheit und Jugend: In der Schulzeit können die Herausforderungen besonders deutlich werden, da die Anforderungen an Aufmerksamkeit und Konzentration hoch sind. Unverständnis in der Schule kann zu negativen Erfahrungen führen.
  • Erwachsenenalter: Im Erwachsenenalter können sich die Auswirkungen im Beruf und in Beziehungen zeigen. Dr. Davatz erwähnt, dass sich ADHS/ADS-Partner häufig finden, aber es auch zu mehr Konflikten und Scheidungen kommen kann.
  • Geschlechterunterschiede: Bei Mädchen wird ADHS/ADS oft später erkannt als bei Jungen, da Mädchen tendenziell ein stärkeres Anpassungsverhalten zeigen und ihre Symptome unterdrücken. Ihre soziale Kompetenz kann die ADHS/ADS überdecken. Frauen erhalten ihre Diagnose oft erst im späteren Erwachsenenalter.

Es ist wichtig zu betonen, dass obwohl die genetische Grundlage fest ist, der Umgang mit ADHS/ADS gelernt werden kann. Dr. Davatz rät dazu, Freundschaft mit den Symptomen zu schliessen, anstatt dagegen anzukämpfen. Frühzeitige Aufklärung und Unterstützung des Umfelds (Eltern, Lehrer) sind entscheidend, um negative Entwicklungen zu verhindern. Anstatt einer reinen medikamentösen Behandlung des Kindes brauche es mehr Beratung und Unterstützung für alle Beteiligten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die genetischen Grundlagen von ADHS/ADS das Verhalten und die Entwicklung von Betroffenen über die Lebensspanne prägen, indem sie bestimmte charakteristische Neigungen und Reaktionsmuster bedingen. Während diese genetische Veranlagung nicht verändert werden kann, beeinflussen das Umfeld, das Verständnis für die Symptome und die Entwicklung von Bewältigungsstrategien massgeblich den Lebensweg von Menschen mit ADHS/ADS.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_Riedtli_13.3.2025.m4a.pdf