Erziehungsschäden_21.3.2026

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Dr.med. Ursula Davatz
Lika – Erziehungsschäden
21.3.2026
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[31:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ich begrüsse Sie alle ganz herzlich zu diesem
Seminar "Erziehungsschäden". Als Psychiaterin bin ich immer wieder konfrontiert mit
Erziehungsschäden. Der Freud hat schon die Erziehung des kleinen Hans
verwendet als eine gewisse Grundlage für seine Theorien. Er ist dann zwar aus
meiner Sicht ein bisschen abgeschweift, aber ich denke, Erziehung ist etwas ganz
Wichtiges.

Heute Morgen habe ich gerade gehört, wie sie Anne Frank am Radio gebracht
haben. Das war ein Teenager, der im Konzentrationslager gelebt hat, auf sehr
engem Raum, und als Ausläufer ihrer Emotionen hat sie ein Tagebuch geführt. Das
ist etwas, wo ich allen Teenagern natürlich sage.

Buben machen es weniger als Mädchen.

Aber ich gebe es auch immer den erwachsenen Personen zum Auftrag, dass, wenn
sie in einer ganz schwierigen Situation sind, dass sie probieren, ihre Gefühle in
Worte zu fassen und noch niederzuschreiben. Das ist eine Regel, dass, wenn man
aufwühlende Gefühle in Worte fasst, aufschreibt, dass dann 50 % vom Stress, von
der Aufgewühltheit weggeht.

Das ist natürlich ein ganz wichtiges neuropsychologisches Ergebnis. Ich komme von
einer Tagung über Makrokriminalität, Schweizerische Arbeitsgruppe Kriminologie.

Erziehung ist eigentlich dazu da, die Individuen zu sozialisieren. Erziehung ist
eigentlich eine Sozialisierung. Diese Sozialisierung ist natürlich immer ausgerichtet
auf ein bestimmtes Kollektiv, eine bestimmte Ethnie, eine Religion etc.

Die Justiz probiert dann, wenn ein Mensch sich fehlentwickelt, probiert sie, mit
Bestrafung den Menschen wieder zurück zum Kollektiv zu holen.

Bestrafung ist aus meiner Sicht keine gute Erziehung.

Bestrafung setzt immer dann ein, wenn man nicht weiter weiss.
[2625:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn man überfordert ist. Das können
wahrscheinlich alle Mütter bestätigen, wenn sie ehrlich mit sich sind, dass sie in die
Bestrafung ausarten, wenn sie nicht weiterwissen. Ich möchte jetzt mit Ihnen so ein

bisschen Erziehungsschädigungen anschauen und dann aber auch, und wie kann
man sie beheben.

Denn ich bin ja Therapeutin und ich möchte immer helfen, korrigieren, aber sicher
nicht bestrafen.

Ich habe einmal einen Vortrag gehalten, in Brügg.
[3183:00] Dr.med. Ursula Davatz: Bestrafung als Erziehungsmethode?

Meine Haltung war natürlich ganz klar: Nein, das geht nicht.

Ich hatte dort falsch parkiert und habe mein Auto irgendwo eben rausgestellt und
habe dann eine Busse bekommen. Und dann habe ich den Vortrag an die Polizei
geschickt, an die Brugger Polizei, und gesagt, ob sie mir diese Strafe nicht erlassen.

Haben sie natürlich nicht gemacht. Aber mindestens konnte ich ihnen einen kleinen
Denkzettel geben.

Das ist für mich eine gewisse Befriedigung.
[3786:00] Dr.med. Ursula Davatz: Die Erziehung findet statt, an erster Stelle
natürlich zu Hause, also bei den Eltern oder bei den Erziehungspersonen. Wenn
man im Heim aufwacht, sind es dann diese Personen. Sie passiert in der Schule. Sie
passiert im Klassenzimmer. Dort ist dann die Erziehung der Gruppe. Wie tut sich die
Lehrerin in der Gruppe oder der Lehrer behaupten und seine Regeln durchsetzen?
Auf dem Pausenplatz. Also Kinder tun sich auch gegenseitig erziehen.
[4314:00] Dr.med. Ursula Davatz: Früher hat es eher wenige Familien gegeben mit
vielen Kindern. Heute gibt es viele Familien mit wenigen Kindern. Das heisst, die
Erziehung durch die Gleichaltrigen oder durch die Geschwister passiert nicht mehr.
Die Kinder sind viel mehr den Eltern ausgeliefert und die Eltern sind viel mehr
präsent bei dem Einzelkind oder bei zwei Kindern. Unsere Fruchtbarkeit, oder nein,
unser Reproduktions- oder das Reproduktionsverhalten geht ja zurück. Also in allen
höher entwickelten Staaten hat man wenige Kinder. Und die nicht so kulturell
entwickelten Länder haben eher viele Kinder. Und dadurch haben wir dann viel
Einwanderung und dann müssen wir die dann neu erziehen. Dann passen die zum
Teil nicht in unsere Gesellschaft.
[5377:00] Dr.med. Ursula Davatz: In der Kindheit lernt das Kind Regeln. Es lernt
Verhaltensmuster und es lernt auch Denkmuster. Früher ist die Erziehung, jetzt
spreche ich vom westlichen Kulturraum, von der Religion gemacht worden. Also die
ersten Schulen waren religiöse Schulen. Ich war in Engelberg, dort habe ich noch
das grosse Internat gesehen, wo die Kinder erzogen wurden von den Mönchen.

Das Kind wird bei dieser Erziehung erzogen, damit es sich dann in dem Kollektiv,
wo es dazugehört, gut bewegen kann, nicht zu viel Anstoss, also dass es möglichst
reibungslos läuft. Aber in unserer westlichen individualisierten Gesellschaft erwartet
man auch, dass das Kind individuelle Leistungen erbringt. Das geht nicht immer
miteinander, stimmt nicht immer miteinander überein.

Wir wollen, dass die einzelnen Individuen, wir sind eine stark individualisierte
Gesellschaft, und wir wollen, dass die sich auch durchsetzen. Von dort her ist dann
immer eine Art Balance zu finden zwischen anpassen und durchsetzen.

Die Mädchen passen sich in der Regel mehr an, oft zu Ungunsten von sich selber.
Also sie passen sich an, damit das Kollektiv gut funktioniert. Die Mütter müssen auch
schauen, dass die Familie gut funktioniert.

Die Jungen trauen sich eher, ein bisschen aggressiv zu sein und neben
rauszugehen.
[6989:00] Dr.med. Ursula Davatz: Bei einem Mädchen erlaubt man das nicht so
oder hat es nicht so gerne. Also es ist einfach keine Tradition. Während Männer, die
sich nicht anpassen und durchschätzen, die werden dann manchmal zu Helden. Es
gibt nur ganz wenige Heldenfiguren bei den Frauen, die sich nicht angepasst haben.
Die Erziehung, wie ich schon gesagt habe, ist also geprägt durch die bestehende
Kultur, unsere westliche Kultur. Sie ist geprägt durch die Religion.
[7501:00] Dr.med. Ursula Davatz: Sie ist geprägt durch die Ethnie. Also ja, wenn
man aus dem Balkan kommt, hat man ein bisschen andere Regeln.

Sie ist geprägt durch die Nationalität. Also unsere schweizerische Erziehung gilt als
sehr gute Erziehung.

In dem Sinne haben Diktatoren ihre Kinder in die Schweiz geschickt, um zu
erziehen. Der Kim Jong-un war drei Jahre in Bern unter einem Decknamen im
Internat und hat die schweizerische Erziehung genossen.

Der ehemalige… Und ich geniere mich natürlich, dass er sich so benimmt. Also seine
Herkunft hat mehr durchgeschlagen als unsere schweizerische Erziehung.

Der Schah, der ehemalige Chef vom Iran, der war fünf Jahre in einem Internat im
Welschland. Er berichtet dort darüber auch, dass das sehr prägende Jahre waren,
dass er sehr viel Kollegialität gelernt hat. Hat dadurch eine enge Beziehung
bekommen zur Schweiz, ist dann immer wieder nach St. Moritz, hat dort immer in
einem schönen Haus gewohnt.

Dann sind die Schweizer nicht an seine grosse Feier gegangen, dann war er
beleidigt und dann ist die Beziehung zwischen der Schweiz und dem Schah von
Persien ein bisschen kaputt gegangen.

Die Schweizer haben sich damals nicht getraut, sie waren dann natürlich auf der
anderen Seite, auf der demokratischen und sicher nicht auf der autoritären.

Solche Sachen passieren dann über Erziehungsprägungen.

Heutzutage läuft die Erziehung sehr stark über elektronische Medien. Das heisst,
Kinder gehen schon früh ans Natal. Viele Eltern verwenden auch das Mobile um das
Kind zu unterhalten. Das funktioniert immer. Wenn man ruhig innen Arbeit machen
will, gibt man dem Kind das Mobile.

Dann funktioniert. Das Kind kann es dann besser als die Eltern.
[9794:00] Dr.med. Ursula Davatz: Es werden natürlich Inhalte präsentiert, die alle
zusammen auf Konsum ausgerichtet sind. Das heisst, die Medienanbieter verdienen
an dem. Die Einschaltquote. Die Kinder, also speziell, jetzt komme ich zu den
Teenagern, also ich denke, die Teenagerphase ist eine der wichtigsten Phasen. Da
entwickelt man seine Persönlichkeit, man sollte sie entwickeln. Da wird man
programmiert von diesem Internet.
[10309:00] Dr.med. Ursula Davatz: Es wird eigentlich alles so ein bisschen
egalisiert. Was zählt, ist der Verkauf, das heisst, die Erscheinung in den Medien. Die
Visibility, die Öffentlichkeitserscheinung. Es buhlen eigentlich alle auf die
Aufmerksamkeit vom Kollektiv. Man muss sich irgendwie entweder ganz nach dem
letzten Trend anlegen, benehmen und so weiter, oder dann wieder rausstechen.
[10905:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist eine fatale Angelegenheit. In diesem
Augenblick haben dann die Eltern nicht mehr so viel zu sagen. Die Lehrer kommen
auch nicht durch. Man hört jetzt schon von Schulen, Gewerbeschule und Gymi, dass
Kinder in der Stunde, an ihrem Mobile herum machen, dass sie Aufgaben lösen mit
ChatGPT, also dass sie gar nicht nicht mehr denken lernen. Sie entwickeln von dort
her gar keine eigene Persönlichkeit mehr. Das sind zukünftige Erziehungsschäden.
[11490:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ich schaue die an, die ich erlebe in meiner
Praxis. Die KI und es wird ja viel diskutiert. Ich will sie überhaupt nicht verteufeln. Sie
kann in vielen Momenten sehr hilfreich sein. Aber dadurch, dass so viel angeboten
wird an Routinearbeit, alles Wissen kann man aus dem Internet holen, ist eigentlich
die Wissensvermittlung in der Erziehung nicht mehr das Wichtigste.
[12091:00] Dr.med. Ursula Davatz: Die Moralvermittlung, die sozialen Gesetze, die
Menschlichkeit. Die kommt nicht durch über das Internet. Man weiss auch, also
wenn ein Mensch, wenn ein menschliches Hirn sich mit dem Mobile, also mit dem

Internet, auseinandersetzt, werden viel weniger Hirnaktivitäten ausgelöst, als wenn
sich der Mensch mit einem anderen Menschen auseinandersetzt.
[12621:00] Dr.med. Ursula Davatz: Die menschliche Auseinandersetzung verlangt
noch feinere Sachen. Das Hirn muss mit mehr Sachen reagieren. Das erlebe ich
jetzt auch, wenn ich zum Beispiel Therapien am Telefon mache. Dann kann ich
neben dran, ich kann zwar reden, aber ich kann immer noch anderes Zeugs
anschauen, sodass ich ein bisschen abwesend bin. Das ist natürlich nicht das
Gleiche. Hingegen, wenn man sich einander gegenübersetzt, steht, dann nimmt der
Mensch alle möglichen feinen Sachen wahr, die wieder eingespiesen werden in die
Erziehung. Früher waren die Lehrer und Pfarrer und die Ärzte so die, die alles
gewusst haben. Heute weiss das Internet alles. Man geht sofort recherchieren, was
sagt das Internet. Aber das Angebot, das vom Internet kommt, ist immer so ein
bisschen ein egalisiertes, ein geschmeidig gemachtes. Auch die Sprache ist so ein
bisschen egalisiert. Da fehlen dann ganz spezielle menschliche Sachen.
[13657:00] Bemerkung 1: Ich habe gerade eine Kollegin gehabt, die in Australien
war. Die Kinder sind ganz anders. Bis 16 Jahre keine Mobiltelefone. Das ist seit
Dezember so. Das sagt auch unsere Tochter, die auf einer Schule arbeitet. Es ist
fast wie früher.
[15051:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ein autoritärer Erziehungsstil hat sich
durchgesetzt. Australien, England. Mit Duden, wieder in einem Buch lesen.
[15597:00] Dr.med. Ursula Davatz: Australien hat das sehr radikal gemacht. Sehr
mutig, viele bewundern das. Frau Martina Bircher setzt das in der Schule ein.
[16145:00] Bemerkung 2: In Australien ist das Mobile verboten bis 16 Jahre,
komplett verboten.
[16647:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das limbische System und das emotionale
System hat sich ausgebildet bei allen sozialen Tieren. Speziell natürlich bei den
Säugetieren und zu denen gehören wir. Wenn das Lernen, das soziale Lernen, nicht
mehr über eine Beziehung läuft, sondern über ein kaltes Internet, dann fehlt da
etwas. Da sagt man sogar, dass das der Hippocampus im emotionalen Hirn, im
limbischen System, dass der ein bisschen geschrumpft ist.
[17188:00] Bemerkung 4: Das glaube ich sofort. Ich konnte alle Telefonnummern
auswending.
[17748:00] Bemerkung 3: Das Bindungsverhalten, das Beziehungsverhalten ist
etwas ganz Wichtiges für das soziale Lernen. Man hat das ja auf eine Art ein
bisschen festgehalten. Man hat immer von IQ, also Intelligenzquotient, geredet. Jetzt
spricht man auch von EQ. Aber angeschaut wird der nicht. Das ist ein theoretisches
Konzept. Also EQ ist der emotionale Intelligenzquotient. Eigentlich müsste man da
sagen: soziale Intelligenzquotient. Wir haben ja das Beispiel von Elon Musk.
[18253:00] Bemerkung 3: Hochintelligent, schrecklich aufgewachsen, mit einem
ganz, ich sage jetzt mal, schwierigen Vater, der stolz ist, dass die Kinder ihn hassen.
Also er hat gesagt, ich bin stolz darauf, wenn meine Kinder mich hassen. Das kann

es ja nicht sein. Er reproduziert dann, weiss ich nicht, was, 14 Kinder, alles künstlich.
Also das ist schon ein bisschen ein Degenerationseffekt.
[18716:25] Dr.med. Ursula Davatz: Man hat in der westlich gebildeten Gesellschaft
sehr viel Wert auf IQ gelegt, also auf die Hirnaktivität von unserem Grosshirn, und
relativ wenig auf die soziale Erziehung. Und das hat dann mit sich gebracht, dass
Menschen, die emotional zu kurz gekommen sind, dass man die leicht mit
Massenbewegungen, also mit diesen ganzen populistischen Bewegungen abholen
kann.
[19305:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ich mache dann immer das Bild vom
Rattenfänger von Hameln, wo der Rattenfänger schöne Musik gespielt hat und alle
Kinder sind hinten reingelaufen. Das hat die Gesellschaft, das Kollektiv, befreit von
den Sorgen, die man hat mit Kindern, aber auch von den Kindern. Das ist ein
bisschen das Bild, das mir jetzt so ein bisschen aufkommt. Ich finde, es ist absolut
wichtig, dass wir uns wieder um die Erziehung kümmern und um die menschliche,
die soziale Sozialisation. Das Wissen nicht alles ist. Das kann man ja heutzutage
alles holen.
[19946:00] Dr.med. Ursula Davatz: Was man mit dem Wissen macht und wie man
das verknüpft, das ist dann wieder eine individuelle Angelegenheit. Da, wenn ich von
der akademischen Welt spreche, auch jetzt wieder von dieser Tagung, wir tun uns,
also die Akademiker holen sich Wissen über Statistiken. Das heisst, man macht
Zählungen von, wer macht wie viel von was.
[20459:00] Dr.med. Ursula Davatz: Die Statistik ist dann die Wahrheit. Das ist keine
individuelle Wahrheit. Ich habe keine einzige Statistik, ich habe ein paar gemacht,
aber ich plädiere natürlich immer für die persönliche Erkenntnis und persönliche
Wahrheit und nicht einfach nur die gezählte Wahrheit. Da tue ich dann den Albert
Einstein, der ja Physiker war und Nobelpreis bekommen hat, der in den Aarauer
Kantonsschule gegangen ist, zitiere ich den und der sagt:
[20968:00] Dr.med. Ursula Davatz: Nicht alles was zählbar ist zählt und nicht alles
was zählt kann man zählen.
[21538:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn ich mich nicht an die Statistiken halte,
punkto IV-Zeugnis oder Arbeitsunfähigkeitszeugnis, dann zählt das nicht. Die halten
mir dann immer die Diagnose vor Augen. Sie haben nicht die richtige Diagnose
aufgeschrieben und dann wird ich immer verrückt. Dann fange ich dann so ein
bisschen an, aufzählen. Aber als Erstes probiere ich immer, die menschliche
Geschichte dieser Person zu erzählen und ein bisschen einsehbar auf einfache Art.
[22056:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ich möchte eigentlich ans menschliche
Gewissen von denen appellieren, aber ich komme nicht immer durch und dann muss
ich dann halt auch aufzählen. Dann kommt eine Litanei von Diagnosen, damit man
ernst genommen wird. Aber den Menschen nimmt man nicht ernst, nur die Diagnose.
Das ist natürlich auch wieder, das ist eine Riesenkritik an der heutigen Medizin. Ich
habe ja in dem Sinne auch ein Buch publiziert im letzten Jahr. Da sage ich, ADHS/

ADS, Folgekrankheiten. https://www.somedia-buchverlag.ch/gesamtverzeichnis/deadhsads-folgekrankheiten/[22637:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ich leite fast alle, ich könnte sagen allen, alle
Krankheiten von… In der Psychiatrie leite ich aus dem ADHS ab. Das ist überhaupt
nicht durch bei den Psychiatern. Es wird dann immer von Komorbidität geredet.
Gerade jetzt an dieser Tagung habe ich einen getroffen, ein Heimleiter war das, der
gesagt hat er hat noch die Diagnose manisch-depressiv, also bipolare Störung. Die
bipolare Störung sei das Wichtige und das ADS sei das Kleine hintendran. Da habe
ich gesagt: genau umgekehrt. Genau umgekehrt. Das ADHS ist eine genetisch
vererbte Veranlagung. Heute spricht man ja eher von divergenten Neurotypen, die
mehr sensibel sind, die mehr stresssensibel sind, und dann kann es alle möglichen
Krankheiten entwickeln. Und das habe ich probiert, auseinanderzunehmen in
meinem neuen Buch.
[23800:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ich komme natürlich überhaupt nicht durch bei
den Psychiatern. Man bleibt so sehr stark auf der vorgefassten Meinung. Da kann
ich nochmal etwas dazu sagen, das ist jetzt wieder eine Statistik. Man sagt,
Fachleute, also Wissenschaftler, sind bornierter als der Durchschnittsmensch. Weil
sie natürlich ihre Theorie entwickeln wollen. Das Gleiche kann man von der Politik
sagen.
[24414:00] Dr.med. Ursula Davatz: Man macht Arbeitsgruppen, wo Leute aus dem
gewöhnlichen Volk gewählt werden, die sich äussern sollten zu einem Thema. Auf
der anderen Seite hat man die professionelle Arbeitsgruppe. Die Ideen, die aus dem
allgemeinen Volk kommen, sind nicht schlechter als die Ideen der Fachleute.
Vielleicht sind sie weniger voreingenommen, weniger verdreht. Das wäre jetzt mal so
ein bisschen eine allgemeine Einleitung, also Bindungsverhalten.
[25000:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ich bin spezialisiert auf das ADHS, oder das ist
eines meiner Steckenpferde. Ich sage, nicht jeder Erziehungsstil passt zu jedem
Kind. Ich bringe die Bauern und Akademikerfamilien. Wenn man in der
Akademikerfamilie ein handwerklich talentiertes Kind hat, aber es hat eine
Legasthenie, dann kommt das ein bisschen unter die Räder. Denn die
Akademikerfamilien wollen ja, dass ihre Kinder auch studieren und da hohe Sachen
erreichen.
[25576:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn man in einer Bauernfamilie intellektuelle
Fähigkeiten hat, aber zwei linke Hände, dann kommt man in der Bauernfamilie
darunter. Weil man dort nicht gut ist, nicht helfen kann. Es geht immer um die
Passung. Wenn etwas nicht passt, also wenn der Erziehungsstil und das Wissen des
Kindes nicht passt. Man hat einen sehr sportlichen Vater und der hat einen Sohn,
der gar nicht gerne Sport hat. Dann hat der Vater immer Probleme mit dem Sohn,
weil der nicht mitmacht.
[26146:00] Dr.med. Ursula Davatz: Dann haben wir schon eine gewisse
Erziehungssperre. Es gibt ein Buch, es ist zwar vergriffen, die Passung. Wenn die

Passung zwischen Naturell vom Kind nicht stimmt, dann kann das Kind völlig kaputt
gemacht werden. Aus der Tierwelt weiss man das. Wenn man ein Rennpferd, ein
arabisches Rennpferd, erzieht wie eine Kuh, dann kommt nichts Gutes raus. Dann
wird es kaputt gemacht. Wenn man einen sehr sensiblen Hund anschreit, dann lernt
er auch nichts.
[26738:00] Dr.med. Ursula Davatz: Dann sagt man der Erzieher, also der Dresseur,
der kann das nicht. Jetzt bei uns Menschen erwartet man immer, dass das Kind sich
im eigenen Erziehungsstil anpasst. Das ist Gehorsam. Da gibt es jetzt sogar eine
neue Diagnose, die von Amerika kommt. PDA: Pathological Demand Avoidance.
[27251:00] Dr.med. Ursula Davatz: Da wird nichts anders, also pathologische
Ungehorsam, also Ungehorsam wird schon pathologisiert. Es ist eine Sendung
gekommen am SRF1, PDA, Pathological Demand Avoidance, die Sendung heisst:
Familien am Limit. https://www.srf.ch/play/tv/dok/video/familien-am-limit—wenn-kinder-alle-grenzen-sprengen?urn=urn:srf:video:05fa55a5-dbbf-40a2-9029-4b8f5b81f2b8 – Ich habe diese Sendung geschaut. Ich habe
gesehen, also es waren alles nette Mütter, aber die haben sich nicht dem Kind
entsprechend verhalten.
[27772:00] Dr.med. Ursula Davatz: Die haben sofort erziehen wollen und nicht
zuerst das Kind abgeholt. Ich habe jetzt einige solche Situationen, wo Kinder die
Schule verweigern. Dann kommt die Schule, die sagt, also wenn das Morgen nicht in
die Schule kommt, dann schalten wir das KESB ein. Oder man holt das Kind sogar
mit der Polizei ab. Aber man fragt das Kind nie, was hat dir nicht gepasst? Was hat
dich gestört? In der therapeutischen Sprache sagt man, man muss immer zuerst das
Gegenüber, also den Patienten, den Menschen validieren.
[28374:00] Dr.med. Ursula Davatz: Erst dann darf man sagen, ich will das. Wir
überfahren diese Menschen, diese Kinder und sagen gerade, was wir wollen von
ihnen. Wir wollen gerade zur Erziehung gehen, ohne dass wir das Kind
kennenlernen. Wir leben natürlich in einer sehr effizienten und leistungsorientierten
Gesellschaft und dann will man dem Kind gerade die Leistung aufzwingen, damit es
dann erfolgreich ist.
[28899:00] Dr.med. Ursula Davatz: Viele machen den Gymnasiumabschluss und
nachher kommt nichts. Das gibt es in Japan. Also diese starke Intellektualisierung in
der Erziehung, in der westlichen Gesellschaft, die ist zum Teil zum Schaden der
Kinder.
[29234:36] Bemerkung 5: Wenn zum Beispiel jetzt eben wegen dem Validieren
zuerst, wenn jetzt zum Beispiel ein zweijähriges Kind immer die grosse Schwester
beisst, was macht man da?
[29492:00] Dr.med. Ursula Davatz: Da kann man nicht validieren. Da muss man
selber beobachten. Wenn ein Kind die Schwester beisst, dann will das Kind mit
dieser Schwester interagieren. Ich habe mal in einer Pflegefamilienweiterbildung

gesagt, das ist eine ungeschickte Art, Kontakt aufzunehmen. Da komme ich, ich
mache ja diese vier Stressverhalten: Fight, Flight, Freeze and Tease.
[30003:00] Dr.med. Ursula Davatz: Teasing ist Necken, und das ist jetzt auf der
intellektuellen Ebene. Aber Tiere können ja nicht necken, aber das Beissen ist
Necken. Das ist eine Kontaktaufnahme. Ich will mit dir spielen, ich will etwas von dir.
[30247:43] Bemerkung 6: Es ist von meiner Tochter, die hat Kinder.
[30585:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das entsteht häufig, also man hat ja immer
Angst, wenn man ein Kind hat, dann kommt ein Neues auf die Welt,
[31144:00] Dr.med. Ursula Davatz: Dort hat man beim Älteren Angst, dass es mit
dem Kleinen nicht umgehen kann. Dann trennt man die oft. Also zwischen dem
Kleinen, der beisst, und dem anderen, der gebissen wird, muss man vermitteln. Da
muss man schauen, wie kann man vermitteln kann. Was will sie von ihr? Sie will
spielen mit ihr. Ich würde sagen, weisst du, die will spielen mit dir.
[31546:21] Bemerkung 7: Das hat sie alles schon gemacht. Alles. Es ist immer nur
am Freitag, wo die Grosse den ganzen Tag zu Hause ist.
[31678:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist dann wie Futterneid. Wenn man zwei
Hunde hat oder Katzen…
[31769:41] Bemerkung 8: Samstag und Sonntag geht es wieder. Dann hat sie sich
schon daran gewöhnt, dass sie auch wieder Samstag/Sonntag da ist. Am Ende geht
es wieder. Es ist jeden Freitag.
[31998:59] Dr.med. Ursula Davatz: Ja, also da wäre ich sehr aufmerksam und
würde die Kleine begleiten, validieren. Was möchtest du von deiner Schwester, was
machen wir miteinander?
[32245:00] Dr.med. Ursula Davatz: Die will etwas, das sie nicht recht sagen kann.
Die weiss ihre Bedürfnisse nicht, die kann sie nicht intellektualisieren, die macht
einfach.
[32420:08] Bemerkung 9: Die Grosse ist natürlich dann klar, die flippt dann aus und
wird bestraft, weil sie älter ist.
[32799:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist alles schon intellektuelle Erziehung. Es
muss Beziehungserziehung sein. Man muss die Grosse natürlich auch begleiten, wie
macht sie das mit dem. Sie weiss ja, die kommt jetzt zum Beissen. Da kann man ihr
einen Knochen hinhalten und sagen, schau, du darfst hier beissen. Bei Hunden
macht man das auch. Wenn die einen Schuh verknetschen, dann sagt man, nimm
da deinen Knochen, und dann kannst du beissen.
[33188:22] Bemerkung 10: Die Hunde machen nur etwas kaputt, wenn es ihnen
langweilig ist.
[33342:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das Beissen ist Spielverhalten. Das ist eben
Teasing. Teasing ist Necken, also wir sagen, was sich liebt, das neckt sich im
Liebesverhalten, kommt es auch wieder. Teasing ist Annäherungsverhalten, ich
mache irgendetwas und schaue dann, wie der andere reagiert. Wenn der andere

einen abstosst, dann kommt man ja nicht zum Resultat, dass man mit dem spielen
kann.
[33808:30] Bemerkung 11: Sie macht es nur von hinten. Es wird schnell zu einem
Zirkus.
[34035:00] Dr.med. Ursula Davatz: Man muss in das Spiel einsteigen und mit
denen zusammen hier die Annäherung ein bisschen begleiten. Nicht mit Bestrafung,
nicht mit intellektuell, sondern wirklich praktisch.
[34231:37] Bemerkung 12: Ins Spiel reingehen, wie ein Hund und einzeln
schnappen.
[34304:19] Dr.med. Ursula Davatz: Jetzt spielen wir mal Hündchen. Die jungen
Hunde, wenn ich denen die Hand hinhalte, dann beissen die meine Hand aber mit
Milchzähnen, das ist nicht schlimm. Das ist Spiel, das ist lustig. Ja, das ist
Spielverhalten.
[34703:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das natürliche Spielverhalten haben wir ein
bisschen verloren. Man spielt nur noch nach, ich weiss auch nicht, Spielkonsolen,
Computerregeln usw.
[34853:11] Bemerkung 13: Sie hat sehr viel Aufmerksamkeit, es passt einfach nicht.
[35227:00] Dr.med. Ursula Davatz: Mitspielen, mitspielen, Hündchen spielen und
so das Ganze ein bisschen, wie soll ich sagen, entlasten. Man muss ein bisschen
die eigene Fantasie walten lassen. Alle jungen Hündchen spielen miteinander. Da
sagt man dann, wenn das Kleine die Erwachsenen beisst, dann hat das
Welpenschutz. Da beissen wir nicht zurück. Die Hunde erzieht man nicht mit, du
darfst das nicht, du hast jetzt genug gehabt, weiss ich noch nicht. Ich kenne natürlich
viele Leute, die ihre Hunde so erziehen, da muss ich sagen, das geht nicht.
[35870:16] Bemerkung 14: Der Welpenschutz hat den Welpen nur im eigenen
Rudel.
[36048:00] Bemerkung 14: Wenn die Welpen beissen und man lacht, zeigt man die
Zähne. Die Hunde zeigen dir Zähne, wenn sie dich fern halten wollen, dich angreifen
wollen. Wenn der Mensch lacht, macht er, hä, ist lustig, oder?
[36271:03] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist falsch. Das ist ein falsches Signal. Ja,
das ist interessant. Das muss man der Menschheit beibringen. Das ist natürlich
Clan-Verhalten. Die haben immer Clan-Verhalten.
[36505:33] Bemerkung 14: Die Mutter tut immer den Welpen erziehen, nicht mit
Strafe. Wenn die Mutter zum Beispiel etwas nicht will, dann steht sie auf und läuft
weg. Sie steht auf und läuft weg. Genau. Sie beisst nicht zurück.
[36844:00] Bemerkung 14: Ich habe zwei Hunde. Ich verstehe Hunde sehr gut.
Menschen reissen oft am Hund oder Bellen den Hund an.
[37344:00] Dr.med. Ursula Davatz: Mitspielen, nicht moralisieren, nicht
intellektualisieren, mitspielen und schauen, was geht.
[37502:57] Bemerkung 15: Gestern ist es eskaliert.

[37528:11] Dr.med. Ursula Davatz: Ich bin mit einer Mutter auf den Spielplatz
gegangen. Die hat einen Buben, der sehr aktiv ist und sicher ein ADHS-Kind, sie ist
auch eines. Dann hat er irgendetwas gemacht und sie hat nein, nein, das nicht, das
nicht. Die werfen dann gleich mal mit Wasser. Dann habe ich dann mit ihm gespielt.
Dann habe ich gesagt, jetzt renne ich dir nach und werfe dir auch Wasser an. Dann
ist er davon gesprungen und so hin und her. Also spielen. Wir haben spielen verlernt.
Man muss spielen mit diesen Kindern. Im Spiel gibt es dann die Regeln. Eben die
grossen Familien, da haben die Kinder miteinander gespielt und haben von den
Grösseren gelernt.
[38496:00] Dr.med. Ursula Davatz: Manchmal fürsorglich. Manchmal hart, das fällt
alles weg.
[38553:44] Bemerkung 16: Das bestätigt es mir jetzt gerade. Am Montag, wenn wir
hüten, haben wir die volle Zeit für die Kinder. Wir spielen immer.
[39073:00] Dr.med. Ursula Davatz: Man kann das Gen untersuchen. indem man
Gene richtig analysieren kann und dann schaut, was für körperliche Reaktionen
dieser Mensch hat auf irgendeine Medizin, dann sagt man personalisierte Medizin.
Wir Psychiater, der Professor Hell und ich, hatten mal davon gehabt, wir sind
verrückt, dass man das personalisierte Medizin benennt. Gene sind nicht
personalisiert.
[39574:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wir haben zu 99% gleiche Gene wie der Affe
und sind ganz anders. Da hat es noch andere Prozesse dazwischen. Das ist wieder
der Glaube an die, wie soll ich sagen, mechanische, mechanistische Medizin.
[40083:00] Dr.med. Ursula Davatz: Die prägende Phase in der Erziehung wo das
Kind langsam die Regeln lernt und internalisiert, die läuft zwischen 9 und 13 Jahren
ab, sagt man. Da tun viele Kinder ja auch so Spiele machen, aber eben heute halt
eher so. Wir haben noch Hüpfspiele gemacht, Ballspiele usw., also alles kombiniert
mit Motorik. Das ist nur noch kombiniert mit dem Daumen.
[40584:00] Dr.med. Ursula Davatz: Da sagt man sogar, das Areal der Finger wird
kleiner und nur noch das Daumenareal im Hirn ist gross. Das wird sehr geschickt.
Also die meisten schreiben, ich kann es nicht, die schreiben ja so auf dem Mobile.
Der Mensch ist eine seelisch-körperliche Einheit.
[41089:00] Dr.med. Ursula Davatz: Der Körper müsste mit einbezogen sein. Um
den Körper zu betätigen, geht man dann ins Fitnesszentrum und macht lauter
gleiche Bewegungen. Irgendwie haben wir ein komisches Verständnis vom
Menschen. Anstatt dass man ja noch Arbeiten macht von Hand oder bastelt oder halt
spazieren geht, baut man dann relativ mechanisch seinen Muskelkörper auf. Ich bin
jetzt ein bisschen kritisch.
[41657:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist eine sehr prägende Phase. Die zweite
wichtige Phase wäre die Pubertät. In der Pubertät, der Mensch wird geboren mit
ganz vielen Synapsen, also sehr vielen Verbindungen im Hirn. Mit unendlich vielen

Möglichkeiten. Was Sprache und Erkennung der Sprache oder die Tonalität der
Sprache betrifft.
[42195:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ein Kind von 0 bis 2 hört noch alles. Ab 2 fängt
das Kind an, zu reduzieren auf die Muttersprache. Damit es die erkennt und das
andere aushalten kann. Sonst hat es einfach immer Lärm, wie der Staubsauger. Man
tut ja Kinder auch mit Staubsaugern beruhigen. Das ist ein undifferenzierter Lärm,
einfach ein Geräusch. Da lernt das Kind die Muttersprache zu hören.
[42716:00] Dr.med. Ursula Davatz: Schlussendlich dann sprachlich wiederholen.
Man sagt, man kann Sprache nur akzentfrei lernen vor der Pubertät. Wenn man in
die Pubertät kommt, dann ist das Hirn schon so fixiert, dass unser Kehlkopf das nicht
mehr so gut kann. Es gibt sehr begabte Leute, die es auch dann noch können, eine
Sprache akzentfrei lernen, aber der Durchschnitt nicht.
[43245:00] Dr.med. Ursula Davatz: In der Pubertät, das habe ich vielleicht auch
schon gesagt, da werden dann die vielen Synapsen, die wir haben im Hirn, die
werden zum Teil gehabt, man sagt Synaptic Pruning, also die werden zerstört und es
werden Bahnen gemacht im Hirn. Zu diesen Bahnen gehört natürlich dann, das sind
dann Gewohnheiten, das ist Persönlichkeit, also in der Pubertät muss das Kind
seine Persönlichkeit herausbilden, der Jugendliche.
[43797:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn man den Jugendlichen ständig stört in
seinen Eigenheiten oder ihn zu etwas ummodellieren will, also wenn ein Akademiker
aus seinem eigentlich handwerklich begabten Sohn einen Akademiker machen will,
dann scheitert man. Wenn ein Bauer seinen intelligenten Sohn nicht ins Gymnasium
gehen lässt und für ihn hat man das nicht zahlen können, dann ist man auf
Engelberg gegangen, ins religiöse Gymnasium.
[44300:00] Dr.med. Ursula Davatz: So konnte er dann noch diese Bahn verfolgen.
Wenn er das nicht lässt, dann vermodert diese Fähigkeit und es gibt eine
Fehlentwicklung. Dort gibt es dann Krankheiten, Delinquenz, weiss ich nicht was
alles. Also indem wir die natürlichen Ressourcen eines Kindes umerziehen wollen,
machen wir es kaputt und haben Krankheiten. Dann hat man eine psychiatrische
Krankheit.
[44808:00] Dr.med. Ursula Davatz: Der, den ich gestern angetroffen habe, der
gesagt hat, er sei bipolar. Da habe ich gefragt, wann ist das zum ersten Mal
aufgetreten? Dann hat er gesagt, er habe einfach zu viel Arbeit gehabt. Das ist auch
typisch wieder für die ADHSler, wenn sie fokussiert sind, etwas machen wollen,
können sie nicht mehr aufhören. Schlussendlich hat er durchgedreht. Jetzt ist er voll
mit Medikamenten.
[45308:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn man nicht persönlichkeitsgerecht oder
ich könnte jetzt sagen, genomgerecht mit dem Kind umgeht, wenn man das
wegerziehen will, dann hat man ein Problem und hat man alle möglichen
Krankheiten. Das wäre so eine kleine Einleitung. Jetzt möchte ich Sie eigentlich

fragen, zuerst mal persönlich, haben Sie in Ihrem Kinder- und Jugendleben
erziehungsschädigende Massnahmen erlebt und was für welche?
[45834:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wer hat Kinder gekannt oder Erwachsene
gekannt oder in der Schule so Menschen gesehen, die sogenannten
Erziehungsschäden hatten?
[45986:35] Bemerkung 17: Ich musst ohne das Abendessen ins Bett.
[46035:31] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist ein Erziehungsschaden. Das sagt man
heute, das darf man nicht mehr machen.
[46148:11] Bemerkung 17: Nein, das wollte ich sagen. Also ich finde das eine der
schlimmsten Strafen, die es gibt.
[46270:21] Dr.med. Ursula Davatz: Haben Sie es als schlimm empfunden?
[46319:13] Bemerkung 17: Extrem. Ja, extrem.
[46362:00] Dr.med. Ursula Davatz: Können Sie ein bisschen sagen, was haben Sie
für Bilder entwickelt? Sie sind von der Gesellschaft aus, also nein, vom Kollektiv
ausgeschlossen worden?
[46514:36] Bemerkung 17: Ja, ich bin unehelich geboren. Das ist durch mein Leben
durchgegangen. In der Pubertät war es dann ganz schlimm, weil die ganze Familie
hast du gehört am Tisch, das Salatbesteck erst recht noch gehört, oder den Löffel.
Ich bin aus einer Bagatelle gestraft worden. Mhm. Ich weiss nicht mehr, was für
Strafen das waren. Also warum ich die Strafe bekommen habe. Ich weiss einfach,
dass es mindestens einmal im Monat passiert ist.
[47039:00] Bemerkung 17: Irgendwann mal konnte ich offiziell dann einen Vorrat
anschaffen, via einer Kollegin, die mir mein Dessert gebracht hat. Wirklich ohne das
Abendessen ins Bett, das wünsche ich wirklich niemandem.
[47306:31] Dr.med. Ursula Davatz: Sie sind zweimal gestraft worden. Auf einer
ethisch-moralischen Ebene. Sie konnten ja nichts dafür. Sie waren ein uneheliches
Kind. Unehelich geboren. Da haben Sie nicht ins religiöse Schema gepasst. Obwohl
Sie gar nichts dafür konnten.
[47662:00] Dr.med. Ursula Davatz: Da sind Sie schon von Geburt her, sind Sie
stigmatisiert worden, dass Sie ein falsches Kind sind. Da gibt es ja dann auch Wörter
dafür und Namen. «out of wedlock», sagen sie, glaube ich, die Engländer oder die
Amerikaner. Ja, also da hat schon die Erziehung angefangen. Also Ihre Mutter hat
etwas falsch gemacht. In den Augen von…
[48019:16] Bemerkung 17: Man kann sich dann durch das, wir kennen uns ja schon
lange, aber durch das kann man ja dann eben auch Positives daraus machen.
[48218:00] Bemerkung 17: Letztens im Migros habe ich das gehört. Es ist immer
noch allgegenwärtig. Dann bin ich ins Gespräch rein.
[48431:42] Dr.med. Ursula Davatz: Erziehungsschäden sind alles Prägungen. Die
verliert man in diesem Fall in diesem Sinne nicht. Aber man, wie soll ich sagen, man
kann sie verarbeiten, sodass sie einem nicht mehr schaden. Aber die Erinnerung hat

man. Wenn man es dann hört, noch einmal, dass jetzt man… Das ist ein Trigger. Das
ist klar. Ja. Was haben andere für Erziehungsschäden bei sich oder bei anderen?
[48927:16] Bemerkung 18: Ich musste auch ohne Essen ins Bett. Mir war das
schässegal.
[49007:27] Dr.med. Ursula Davatz: Ah ja, das ist lustig.
[49038:22] Bemerkung 18: Meine Schwester hat mir immer Essen gebracht. Für
mich war es dann viel schlimmer, dass sie mir später den Vorwurf gemacht hat, ich
habe dir immer Essen bringen müssen. Der Vater hat geschlagen, also mit dem
Suppenlöffel auf den Kopf. Das war für mich viel schlimmer. Ich bin nie ins Bett.
Einfach neben dem Bett oder auf dem Sofa oder auf dem Stuhl.
[49818:00] Bemerkung 19: Wenn ich mich mit meinem Bruder gestritten habe, bin
ich geschlagen worden und immer ich habe den Teppichklopfer bekommen.
[49951:56] Dr.med. Ursula Davatz: Sind Sie älter oder jünger gewesen?
[49991:08] Bemerkung 19: Älter. Vom Vater geschlagen. Er meinte, der Bub ist
mehr wert? Heute setze ich mich sehr für die Frauen ein. Der Bruder war ein Jahr
jünger.
[50367:00] Dr.med. Ursula Davatz: Und was hat man gesagt dazu, wenn Sie
gestritten haben mit dem kleineren Bruder? Nur ein Jahr jünger.
[50457:40] Bemerkung 19: Irgendwann habe ich gesagt, du kannst mich schon
schlagen, das macht mir nicht mehr weh. Ich habe das Po hingestreckt. Ich habe
rebelliert.
[50884:00] Dr.med. Ursula Davatz: Was da für ein Konstrukt hintendran ist, ist
wahrscheinlich, also das tue ich jetzt so überlegen, man schlägt nicht, also man
streitet nicht. Man ist immer nett und lieb. Sie waren die Ältere, Sie müssen doch
vernünftig sein und der Bruder kann alles machen. Sie sind die Ältere, man will mit
Vernunft erziehen. Man will ihnen beibringen und dann noch dazu als Mädchen, man
streitet nicht. Aber es ist natürlich falsch, auch Mädchen dürfen streiten.
[51498:00] Dr.med. Ursula Davatz: Was haben Sie für Überreste davon?
[51539:05] Bemerkung 19: Ein Kampfwillen, ein extremer Kampfwillen. Ich kann
Männer nicht immer ernst nehmen, wenn sie narzisstisch sind oder von oben herab
sind.
[51779:23] Dr.med. Ursula Davatz: Da machen Sie dann das, was Sie gemacht
haben mit dem Bruder. Bei narzisstischen Männern kann das sehr gefährlich sein.
Wenn die sich nicht wahrgenommen fühlen, oh je. Das ist dann bei denen wieder
eine Kränkung. Wenn der narzisstische Mann in einer Hierarchie ist, die oben an
ihnen ist, dann kann er ausschlagen. Sehen Sie das?
[52263:07] Bemerkung 19: Ich sehe das. Ich habe ein Kind, das schulabsent ist
und wir werden nicht ernst genommen. Ich habe so einen Psychiater, der innerhalb
von fünf Minuten ein Urteil fällt. Ich könnte ihn treten.
[52752:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ja, das glaube ich. Sagen Sie, es dem
Psychiater? Eigentlich müssten Sie eine Rückmeldung geben. Jetzt tun wir eine

Lernsituation konstruieren. Eigentlich müssten Sie sagen, aber Sie dürfen es erst
sagen, wenn Sie wieder bei sich sind und ruhig sind. An sich müssten Sie dem
Psychiater sagen, ich erzähle Ihnen jetzt etwas. Ich bin so behandelt worden als
Kind. Und wenn Sie so schnell über meinen Sohn urteilen, ich könnte Sie treten. Ja!
Sagen Sie es! Sagen Sie es! Sie gehen nicht hin treten, Sie sagen: ich könnte Sie
treten. Ich werde so verrückt. Der merkt sonst nichts.
[53533:06] Bemerkung 19: Er hat einen Einweisungsbericht an die Klinik
geschrieben, dreiviertel war falsch. Ich habe diesen Bericht vier Stunden
auseinander genommen und retour geschickt. Er will meinen Sohn in die Klinik tun,
aber er hört mir nicht zu. Mein Sohn gehört nicht in die Klinik.
[53985:00] Dr.med. Ursula Davatz: Geben Sie doch dem Psychiater eine
emotionale Rückmeldung.
[54313:00] Dr.med. Ursula Davatz: Eine gefühlsmässige Rückmeldung. Ohne
Emotionen. Sie müssen absolut ruhig sein, aber Sie sagen ganz ruhig, ganz kühl,
hören Sie, ich muss Ihnen etwas erzählen, ich muss Ihnen etwas sagen, ich muss
etwas loswerden, ich habe etwas auf dem Herzen, und dann sagen Sie, wenn Sie so
mit meinem Sohn umgehen, ich könnte Sie treten.
[54722:45] Bemerkung 19: Beim zweiten Gespräch hat er gesagt, zum Glück ist die
Mutter dabei, ich weiss gar nicht, was ich mit dir machen soll.
[54943:00] Dr.med. Ursula Davatz: Viele wissen nicht, was mit Kindern machen.
[54998:51] Bemerkung 19: Zu meinem Mann habe ich gesagt, ich gehe nicht mehr
alleine, der hört mir nicht zu. Der behandelt mich von oben herab, wie mein Vater.
Dann war mein Mann dabei. Da hat er ganz anders reagiert. Ja, klar. Weil mein
Mann dabei war. Zu dem gehe ich nie mehr. Beim herausgehen sagt mein Mann: der
ist dement, der hört nicht zu.
[55495:00] Dr.med. Ursula Davatz: Der ist nicht dement.
[56040:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ich würde es nicht nur im Brief machen. Ich
würde es persönlich machen, sonst ist es wieder Papier, und sagen, Sie, ich habe
etwas auf dem Herzen, ich muss Ihnen etwas sagen. Und dann erzählen Sie das
kleine Ding, wie Sie behandelt worden sind von Ihrem Vater, und sagen, wenn Sie so
meinem Sohn behandeln, ich könnte Sie treten. Das ist aber schwierig, das im Fall
umzusetzen. Ich weiss, es ist schwierig, aber wir machen jetzt eine Lektion für den
Psychiater.
[56542:00] Bemerkung 19: Er kann mir die Fürsorgepflicht wegnehmen. Der droht
mir mit einer Zwangseinweisung von meinem Sohn. Der Sohn ist 13 Jahre alt.
[56720:51] Dr.med. Ursula Davatz: Wir können nachher das Beispiel anschauen.
[57251:00] Bemerkung 20: Was denken sie, wie der Psychiater reagieren wird?
[57304:05] Dr.med. Ursula Davatz: Der staunt zuerst. Feedback. Nach jeder
Weiterbildung wird man nach einer Rückmeldung gefragt.
[57796:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wichtig ist, dass Sie absolut ruhig sind und
dass Sie das sehr intellektuell rüberbringen

[57893:05] Bemerkung 21: Im Spital wird zu allem eine Rückmeldung gefragt, aber
nicht zum Arzt. Als würde man sich nicht getrauen.
[58386:00] Dr.med. Ursula Davatz: Es lohnt sich.
[58402:17] Bemerkung 22: Aber es können es ja nicht alle Menschen annehmen.
Die einen reagieren dann noch mehr gegen einem.
[58511:34] Dr.med. Ursula Davatz: Muss nicht sein. Wenn sie überhaupt nicht
emotional ist, sondern das absolut, ich sage jetzt, kalt sagt. Also sie beschreibt
Gefühle, Dichter haben das gemacht, Gefühle sehr gut beschrieben. Sie beschreibt
Gefühle, ist aber nicht emotional. Man sagt ja, Gefühle ohne Emotionen. Gefühle
ohne Emotionen, da beschreibt man Gefühle, aber wenn man Emotionen reinlegt,
dann will man beim anderen etwas bewirken. Das darf man nicht wollen. Da wehrt er
sich ab. Man stellt es nur in den Raum.
[59068:00] Dr.med. Ursula Davatz: Er ist sicher erstaunt. Sie sagen ja, aber ich
mache es nicht. Ich mache es nicht.
[59153:31] Bemerkung 21: Seit dem Januar kann ich das.
[59199:47] Dr.med. Ursula Davatz: Gut. Super.
[59218:17] Bemerkung 23: Ich arbeite als Sonderpädagogin.