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Dr.med. Ursula Davatz
Erziehungsschäden Teil 2
21.3.2026
Audio

[14:00] Dr.med. Ursula Davatz: Also, in der ADHS-Familie nehme ich immer wieder
wahr: sehr viele Talente, sehr viel Energie, und dann auch sehr viel Scheitern. Also
Versuche und Nichts. Es hat dann zum Teil Hochleister in diesen Familien, und dann
solche, die völlig missraten. Entgleitet in Sucht, in ewige Studenten und lauter
solches Zeug. Ich versuche, aus dem etwas herauszuholen.

[520:00] Dr.med. Ursula Davatz: Der Vater von ihr ist aus einem Bauernhof
gekommen, und Bauern sind voll mit Traditionen, und ich habe mit vielen
Bauernfamilien gearbeitet, und dort war immer das Erd-Problem ein Problem. Es gibt
einen Kanton oder eine Landesgegend, wo immer der Älteste den Bauernhof
übernimmt, und es gibt solche, wo es immer der Jüngste ist.

Der Vater kann länger Bauer sein, wenn der Jüngste übernimmt. Es gibt aber auch
sehr viele Konflikte zwischen Sohn und Bauernvater, der noch behalten will, der
nichts aus der Hand geben will. Diese Vererbungsprozesse sind oft sehr
schmerzlich. Da versuche ich Ordnung zu machen.

Ihr Vater ist sich beschissen vorgekommen, wie dort der Erbvorgang gegangen ist,
konnte ich jetzt nicht anschauen. Er ist von dort her ein frustrierter Mensch. Er war
eigentlich gesellig und ruhig, aber in seiner Lebensgeschichte frustriert.

[1645:00] Dr.med. Ursula Davatz: Diese Frustrierung, die wird dann wieder, wie soll
ich sagen, ein Mangel an Sicherheit, ein Mangel an Vaterbild, ein Mangel an Vorbild,
ja, und dadurch dann ein Mangel an Sicherheit.

Sie als Mutter von ihrem jüngsten Sohn, die anderen machen es gut, wird nochmal
dazu aufgefordert, dem jüngsten Sohn gegenüber, dem ADS-Kind gegenüber,
welches an sich Talente hat, aber das in unserem regulären Schulsystem untergeht,
und dann einfach kaputt gemacht werden könnte.

Sie wird jetzt nochmal aufgefordert, mit ihrem Schicksal, über ihr Kind, dass sie da
alles, was ihre Mutter nicht konnte, der Vater nicht konnte, nochmal möbliert,
reklamiert, um dem jungen Kind einen guten Weg zu geben. Das ist eine rechte
Herausforderung, ist auch eine Ehre, könnte ich sagen, ist auch eine tolle
Herausforderung, aber sie brauchen eine gewisse Stamina.

[2791:00] Dr.med. Ursula Davatz: Sie brauchen ein gewisses Rückgrat. Was sie
gemacht haben, sie sind aus dem Beruf ausgestiegen und sie haben lauter
Helfersachen gelernt, aber dass sie jetzt dem Sohn das Rückgrat stärken, ist
wahrscheinlich die tollste Leistung, ist einmalig. Das andere, was sie mit den
anderen Menschen gemacht haben, können noch viele machen, aber das bei ihrem
Sohn kann niemand anders. Daher ist das auch wieder eine Auszeichnung, ein
Schicksal.

[3306:00] Dr.med. Ursula Davatz: Daher her müssen sie das auch diesen
professionellen Helfern gegenüber so anbringen und sagen, hören Sie, das ist meine
Aufgabe und ich mache das so. Wenn sie runtergemacht werden als Löwenmutter,
überstarke Mutter, sagen sie, nein, nein, wir reden in 20 Jahren wieder. Dann
können sie dann sehen, was herausgekommen ist. Die, die ihnen sagen ab in die
Klinik, die sehen ihn nicht mehr in 20 Jahren. Die sehen dann nicht das Resultat
davon.

[3830:00] Dr.med. Ursula Davatz: Es ein sehr starkes Vermächtnis, dem Kind zu
helfen. Helfen ist begleiten, zuhören, gehören, ein individuelles Programm machen.

[4093:00] Bemerkung 1: Das ist eine sehr gut Zusammenfassung.

[4146:00] Dr.med. Ursula Davatz: Stimmt das für sie. Sie kennen ihr Kind natürlich
am besten.

[4189:00] Bemerkung 1: Sie haben das jetzt so schön gesagt. Ich bin eine High-
Performerin.

[4254:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ja, das glaube ich Ihnen.

[4277:00] Bemerkung 1: Ich gehe jetzt einen Schritt retour aus dem heraus für mein
Kind.

[4343:00] Dr.med. Ursula Davatz: Genau.

[4387:00] Bemerkung 1: Ja.

[4413:00] Dr.med. Ursula Davatz: Schön.

[4418:00] Bemerkung 1: Wenn sie mir sagen, das ist ein Vermächtnis, das stützt
mich.

[4472:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ja, ja.

[4490:00] Bemerkung 1: Das bestärkt mich auf meinem Weg jetzt.

[4535:00] Dr.med. Ursula Davatz: Schön.

[4541:00] Bemerkung 1: In der Ruhe und nicht in der Aggression.

[4585:00] Dr.med. Ursula Davatz: Nein, nicht in dem.

[4602:00] Bemerkung 1: Ja.

[4610:00] Dr.med. Ursula Davatz: In der Sicherheit. Ich zitiere dann immer den
Martin Luther, der hat ja gegen die katholische Kirche dann die Reformierte
gegründet, und der hat der Schatz gesagt: hier stehe ich und kann nicht anders. Das
ist ein emotionales Statement, ein selbstsicheres Statement, so dürfen sie hin
stehen. Ich muss dem Sohn jetzt den Rücken stärken. So hat es der Martin Luther
gemacht. Das war ein riesiger Machtkampf innerhalb der Religion.

[5125:00] Dr.med. Ursula Davatz: Die religiösen Kriege sind ja die grössten
Machtkämpfe, die tödlichsten haben wir ja jetzt auch wieder auf dieser Welt. Sie
stehen hin für Ihren Sohn mit einer Sicherheit, die niemand von diesen Berufsleuten
hat. Niemand. Es geht nicht um eine Symptombekämpfung, es geht um ein
Hinstehen für das Kind und für das Leben.

[5459:00] Bemerkung 2: Und Sie machen immer ein Genogramm?

[5493:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ich mache immer ein Genogramm, ja. Ich
schaue dann so, was da alles ist. Bei Ihrem Vater haben wir ja geschrieben,
depressiv, aber andererseits gesellig. Ich sage ja, Depression ist eigentlich ein
Anfang zur Selbstfindung. Man wird dann depressiv, wenn man falsch investiert hat.
Ihr Vater hat investiert in, das ist falsch, ich hätte hier den Bauernhof bekommen
sollen.

[6038:00] Dr.med. Ursula Davatz: Und der andere Bruder, aus welchem Grund der
das übernommen hat, weiss ich nicht, das muss das Verhältnis zu dem Vater sein.
Das könnte man nochmal ein bisschen aufarbeiten. Ja. Da müssten Sie Ihren Vater
fragen, wie das entschieden worden ist. Und da würden Sie natürlich gleichzeitig
dem Vater ein bisschen, wie soll ich sagen, Wertschätzung geben oder eine
Verarbeitung.

[6479:00] Bemerkung 2: Er ist verstorben in meinem Fall.

[6514:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ah, er ist gestorben. Ja, dann können wir es
nicht mehr.

[6568:00] Dr.med. Ursula Davatz: Nein, dann kann man nur noch schreiben. Ich
schreibe dann Briefe oder lasse Leute Briefe schreiben. Da ist ein Frust und das hat
ihn blockiert.

[6712:25] Dr.med. Ursula Davatz: Das hat ihn depressiv gemacht.

[6746:46] Bemerkung 2: Ich habe meinem Vater Briefe geschrieben, wo er
verstorben ist.

[6824:00] Dr.med. Ursula Davatz: Okay.

[6830:00] Bemerkung 2: Ja, das habe ich gemacht.

[6898:00] Dr.med. Ursula Davatz: Okay, sehr schön.

[7034:00] Bemerkung 3: Ich bin mega froh, weil das hat mich wahnsinnig
interessiert.

[7081:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist gut, Sie müssen Fragen stellen.

[7120:00] Bemerkung 3: Wir sind doch auf der Welt und wir haben Vorfahren
gehabt. Sie kann der Kundin jetzt etwas mitgeben.

[7416:00] Dr.med. Ursula Davatz: Genau.

[7423:00] Bemerkung 3: Das lebt so wie weiter. Danke vielmals.

[7462:00] Dr.med. Ursula Davatz: Sehr schön. Gut, dass Sie gefragt haben. Ich bin
froh. Ja, ich mache das immer. Man kann eigentlich immer herauslesen, aber man
muss sich Mühe nehmen. Sie haben mich jetzt dazu gebracht, mir die Mühe zu
nehmen.

[7770:00] Bemerkung 1: Das ist gut.

[7791:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ich bin eine Psychiaterin, die nicht
Symptombekämpfung macht. Denn das Symptom ist ja nur ein Momentausdruck.
Ich versuche, Symptome immer in die Geschichte einzubetten, sodass man es dann
besser verstehen kann. Wenn man Symptome besser in die Geschichte einbettet,
kann man auch in sich etwas verändern. Dann hat man eine Möglichkeit. Dann ist
man nicht einfach dem Arzt ausgeliefert oder den Medikamenten, sondern dann
kann man selber etwas dazu beitragen. Ich möchte eigentlich den Menschen immer
ermächtigen, empowern, dass er mit seiner Geschichte, mit seinem Leben in seiner
Situation selber etwas machen kann.

[8631:00] Bemerkung 4: Dass man aus dem Muster austreten kann.

[8666:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ja.

Sie haben dann gefragt, ob ich nochmal über das ADHS reden würde. Hätten Sie
einen Fall, an dem wir es aufrollen könnten? Oder wollen Sie, dass ich mal ein
bisschen allgemein theoretisch etwas sage?

[9235:00] Dr.med. Ursula Davatz: ADHS/ADS Menschen haben zwei
hervorstechende Eigenschaften. Ich sage jetzt drei. Das Symptom wird
Aufmerksamkeitsstörung genannt. Ich sage breite Aufmerksamkeit. Sie nehmen
alles wahr und Sie nehmen mehr wahr als der Durchschnittsmensch. Dadurch, dass
Sie mehr wahrnehmen als der Durchschnittsmensch, werden Sie schnell abgelenkt.
Was die Schule betrifft, wenn der Lehrer nicht sehr interessant ist, nicht
interessanten Stoff bringen kann, dann schweifen Sie ab, schauen zum Fenster
raus, suchen etwas anderes, etwas Interessanteres. Oder sie zeigen Teasing-
Verhalten, sticheln den Nachbarn und so weiter. Vom Lehrer wird das interpretiert als
Respektlosigkeit. Der hat keinen Respekt. Da geht es um die Autorität, da geht es
um die Hierarchie. Aber für das Kind geht es nicht um die Hierarchie, sondern um
sein Naturell und es ist ihm einfach langweilig und dann holt es sich die Stimulation.
Das ist bei den Tieren genau gleich. Dann holt man sich etwas, um sich damit zu
beschäftigen.

[10450:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist die breite Aufmerksamkeit. Dann haben
sie eine hohe Sensibilität. Wenn sie schlecht behandelt werden, Menschen mit
einem ADHS, sie haben einen riesigen Gerechtigkeitssinn. In Bezug auf sich, aber
auch in Bezug auf andere. Wenn ungerechte Sachen passieren in der Umgebung,
dann müssen sie da dreinfahren. Dann müssen sie etwas sagen. Dann müssen sie
sagen, das ist nicht gerecht und so weiter.

[10981:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn es ihnen selber gegenüber passiert, dass
sie ungerecht behandelt werden, dann gehen sie entweder in Kampfmodus, das
wäre dann Fight, Mädchen gehen eher in den Fluchtmodus, Flight. Dann ziehen sie
sich zurück, hängen sich ab und machen nicht mehr mit. Dann ist das wieder
Respektlosigkeit. Du passt nicht auf. Aber das ist auf der menschlichen Ebene, dass
sie sich zurückziehen. Das sind eher Mädchen.

[11550:00] Dr.med. Ursula Davatz: Darum wird bei den Mädchen oft erst im
Erwachsenenalter, also mit 40 oder so ADHS/ADS diagnostiziert, vorher haben sie
sich immer angepasst. Jetzt sagt man ADHS/ADS im Erwachsenenalter bei Frauen.
Früher war die Verteilung fünf Jungen auf ein Mädchen. Jetzt ist nur noch, seit man
jetzt auch die Diagnose stellt im Erwachsenenalter, sagt man 1.5 Knaben auf ein
Mädchen. Die Knaben sind nicht mehr so stark im Vordergrund.

[12062:00] Dr.med. Ursula Davatz: Die Jungen, die werden eher aggressiv und
dann gibt es einen Machtkampf. Dann gibt es einen Machtkampf mit dem Lehrer. Ich
sage die Paraphrasierung: man kann ADHS, ich sage jetzt mal Jungen, zu Tode
schlagen und sie folgen immer noch.

Sie machen dann Rebellion und es geht gar nicht mehr. Man ist blockiert. Im
Augenblick, wo man blockiert ist, kommt man nicht mehr weiter. Von dort her müsste
man zurück ins spielerische Verhalten gehen.

[12578:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das Teasing, das spielerische Verhalten, das
zeigen alle sozialen Tierarten, inklusive Menschen, in der Pubertät.

Bei uns Menschen geht die Pubertät relativ lang, also von 13 bis 25. Die Lehrperson
oder die Bezugsperson, die etwas erreichen will, muss da eher wieder einen Kontakt
finden mit dem ADHS-Menschen über ein Teasing, also über einen Spass, über
Humor, über ein bisschen Necken.

[13111:00] Dr.med. Ursula Davatz: Da darf nicht beleidigend sein, wenn er selber
geneckt wird. Da gibt es Kulturen, die gut sind in dem, also die Basler machen es an

der Basler Fasnacht, da darf man den Regierungsrat, den Bundesrat, den
Bundespräsidenten angehen, sogenannt intrigieren und ihm dumme Sachen
anhängen oder sich lustig machen über ihn. Nur an der Fasnacht. Die Eltern, die es
gut können mit diesen ADHS/ADS-Kindern, die gehen automatisch dann in das
Spielverhalten hinein und dann passiert nichts, also nichts Schlimmes.

[13744:00] Dr.med. Ursula Davatz: Indem man in das Spielverhalten hineingeht,
heisst das noch lange nicht, dass man nicht seine Regeln und Prinzipien hat. Man
kann so in das Spielverhalten hineingehen und dann nachher, wenn man ein
bisschen genug ausgespielt hat, dann darf man wieder sagen, bei mir im
Schulzimmer oder in meiner Familie oder am Sonntag oder am Samstagabend gilt
die und die Regeln. Da gehört dann das Aufräumen dazu, Kochen oder was man
dann machen muss. Man kann diesen Kindern sehr wohl Sachen übergeben, aber
es muss immer auf Augenhöhe sein.

[14286:00] Dr.med. Ursula Davatz: Man kann überhaupt nicht befehlen. Sobald
man befiehlt, gibt es dann eben das PDA, Demand Avoidance Behavior. Dann haben
wir wieder eine Krankheit. Es muss nicht sein. Von dem Bübel, von dem ich
gesprochen habe, mit dem habe ich gerade sofort ein bisschen gespielt und gesagt,
ich will das so und das so. Ich habe immer ruhig mit ihm gesprochen, so ein
bisschen bedächtig. Seine Mutter ist immer reingefahren.

[14793:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ich nehme es jetzt mal mit heim, damit es
besser geht. Bei ihr macht er alles. Er hat nur alles gemacht, weil ich auf ihn
eingegangen bin und nicht gerade sofort, nein, nein, nein. Da sage ich auch, bei
ADHS-Kindern darf man nie nein sagen. Man darf nur sagen, das ist jetzt die und die
Situation, du hast jetzt das gemacht, aus dem und dem Grund, das kann man sogar
validieren, aber ich als Lehrerin in meinem Klassenzimmer will es so.

[15300:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ich als Mutter zu dem Zeitpunkt will es so. Also
man darf sagen, was man will, aber nicht befehlen, was man will.

Wenn man etwas sagt, was man will, dann ist die Energie da.

Nicht du sollst, du sollst, du sollst.

Man darf ihnen gar nicht das Genick runter blasen.

Dann hat man verloren. Wenn man anfängt zu streiten, ist man sowieso verloren.

Okay, wenn man sich so verrennt hat, muss man aussteigen und sagen, ja, ich
glaube, heute geht es nicht. Wir können dann das nächste Mal wieder anfangen,
wenn wir ruhig sind.

[15931:00] Dr.med. Ursula Davatz: Immer, wenn man den ADHS-Kindern etwas
sagt, was man will, dass man in einer ruhigen, gelassenen und selbstsicheren
Position ist.

Die Haltung haben, ich erreiche das schon noch.

Ich weiss noch nicht wann.

Ich bringe das Beispiel vom Zirkus Knie, der Freddy Knie, der die Pferde dressiert
hat, so freie Dressuren. Er hat gesagt, jetzt ist es nicht gegangen mit diesen
Übungen, es gibt immer Pferde, die sehr willig sind und genau das machen, was
man von ihnen will.

[16471:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das sind wahrscheinlich eher die Weibchen, die
Stuten.

Es gibt solche, die auch einen eigenen Kopf haben. Wenn es nicht geht, dann üben
wir es am nächsten Mittwoch nochmal. Es darf nie das letzte Mal sein.

Dass man diese Gelassenheit hat, zu sagen, ich habe es jetzt zwar nicht erreicht,
das ist keine Tragik, aber irgendwann erreiche ich es. Wenn ich Müttern einen Rat
gebe, wie sie mit ihrem Kind umgehen sollen, dann sagen sie, ja, ich kann es
probieren, aber es geht ja sowieso nicht.

[17066:00] Dr.med. Ursula Davatz: Dann müssen sie gar nicht anfangen.

Das Kind merkt sofort, dass sie nicht ganz hinter dem stehen. Der Hund merkt es
auch, wenn der Herr oder das Frauenlein nicht daran glaubt, dass sie es erreicht.

Man muss wirklich daran glauben, dass man es erreicht.

Da hatte ich schon jüdische Familien gehabt, die haben ja viele Regeln. Ein ADHS-
Bub ist es gewesen. Die Mutter ist verzweifelt, der macht nichts von dem, was ich
will. Dann habe ich gesagt, Sie werden sehen, er hat viele von ihren Regeln
internalisiert, introversiert.

[17624:00] Dr.med. Ursula Davatz: Vielleicht in fünf Jahren kommen die wieder
zurück. Er hat mehr aufgenommen, als Sie denken, auch wenn er nicht gerade
sofort folgt. Fünf Jahre später ist sie zu mir gekommen und hat gesagt, Sie haben
recht gehabt. Damals hat sie nicht daran geglaubt. Wir müssen einen viel längeren
Schnauf haben als Erzieher von ADHS-Kindern. Ich bringe das hin, vielleicht nicht so
schnell, aber ich bringe das hin. Ich glaube daran.

[18140:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn man hier die Strategie häufig wechselt,
dann gibt es ein riesiges Durcheinander.

Wenn man etwas durchsetzen will und weil das Kind dann ganz blöd tut, aufgibt, ist
es das Schlimmste, dann lieber nichts wollen.

Wenn man dann mal etwas will, wenn einem etwas wichtig ist und durchsetzen will,
dann muss man wirklich auch dahinter bleiben. Dann muss man auch annehmen
können, dass der von mir aus Möbel verschlägt oder irgend so etwas. Da hat mal
einer gesagt: mir ist lieber, wenn in der Familie den Möbeln die Ecken fehlen, als den
Kinder.

[18753:00] Dr.med. Ursula Davatz: Daher muss man es dann aushalten, dass es
jetzt halt einen Kampf gibt.

[19335:00] Bemerkung 5: Nein sagen, ist schwierig. Ich kann mir jetzt vorstellen,
gerade in so einem Familiensystem, wo ihnen vielleicht patriarchisch sind oder auch
Menschen, die ihre Regeln und so durchsetzen wollen, das ist eigentlich Gift für sie.

[19855:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn Neinsager, der Patriarch trotzdem nicht
diesen Sicherheit gibt, dann sind es tödliche Kämpfe. Die landen dann im Gefängnis.

Ich habe lange in der Nordost, Schweizerische Strafvollzugskommission gearbeitet
und immer gelesen, POS-Kinder hat es dann geheissen. Da waren alle solche, da
hat es autoritäre Väter gehabt, aber die hatten sich verheddert. Die Mütter haben
dann alles durchgehen lassen oder sind zusammengebrochen. Einfach keine
Sicherheit. Nein sagen ist Gift.

Ah, du hast jetzt das so gemacht, man könnte noch fragen, mit was für einer Absicht.
Ich fand es interessant, okay, ja, man kann es interessant sehen. Erst dann darf man
mit seiner Antwort kommen. Ich in diesem Kontext, an dieser Stelle, als Mutter oder
als Vater, ich will es so. Dann ist das Verhandeln.

[20356:00] Dr.med. Ursula Davatz: Man muss an seine Erziehungsqualität
glauben.

Man darf dann auch nicht gerade nebenan stehen bleiben. Man darf aber auch nicht
in ein anderes Zimmer gehen. Wenn man dem Hund ja befiehlt, Platz zu machen,
muss man auch irgendwo ein bisschen in der Nähe sein, sonst läuft er davon.

Man muss noch seelisch verbunden sein, aber nicht das Genick runterblasen.

Dann gibt es nur einen Machtkampf.

Das sind feine Nuancen. Man muss die erst spüren. Wenn man merkt, nein, jetzt hat
es keinen Sinn, dann ist man am Punkt des Totschlags.

[20884:00] Dr.med. Ursula Davatz: Dann muss man sagen, ich gebe auf. Dann darf
man das auch sagen, und das ist kein Misserfolg.

Für heute gebe ich auf, wir fangen das nächste Mal wieder an.

Mein Schlittschuhlehrer Otto Hügin hat mir damals gesagt, jetzt haben wir genug
geübt, das nehmen wir das nächste Mal wieder dran.

Selber ist man auch ehrgeizig, man will es können, und je mehr man es will, umso
weniger geht es.

[21398:00] Dr.med. Ursula Davatz: Es braucht Geduld und natürlich
Selbstvertrauen.

[21920:00] Bemerkung 6: Man lernt auch im Abstand.

[22473:00] Dr.med. Ursula Davatz: Dann kann man besser überlegen. Man muss
sich nicht immer durchsetzen. Das ist nicht immer ein Misserfolg. Das ist auch
wichtig.

Im Schulsystem spricht man oft von Respekt und Respektlosigkeit.

Diese Kinder haben nur vor einem Respekt, wenn man sie auch selber respektiert.

Man kann sie nur respektieren, wenn man sie sieht.

Gewisse Mütter sagen: ich mag dich, aber ich mag dieses Verhalten nicht.

Man muss das Verhalten zuerst verstehen.

Wenn ich Männer hatte, die ihren Frauen drohten, weil die weg wollten, also aus der
Beziehung aussteigen, und auch die Frauen geschlagen haben, ich musste nicht die
Frau beschützen, ich musste den Mann besser verstehen lernen.

Ich musste den Mann in seinem hintersten Kämmerchen verstehen lernen, warum er
so Angst hat, wenn seine Frau weggeht. Das löst in diesen Männern Angst aus. In
der Angst ist man dann aggressiv.

[22981:00] Dr.med. Ursula Davatz: Es geht immer darum, herauszufinden, was
läuft, was interaktiv läuft.

[23515:00] Bemerkung 7: Eigentlich geht es ja dann wie um die Bedürfnisse, oder?

[24065:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ja genau!

Die vier Stressreflexe, die treten immer auf, also Kampf und Flucht, Totstellreflex, der
schlimmste Totstellreflex ist dann die Katatonie.

Das Wort autistisch hat man ursprünglich verwendet für die Schizophrenen, wenn
sie in den katatonen Zustand gekommen sind.

Das heisst immer, ich bin am Ende, ich weiss nicht weiter.

Jetzt, wenn man von ASS redet, also Autismus-Spektrum-Störung, dann sagt man
Meltdown, dann verwendet man neue Ausdrücke, Meltdown oder Frozen State. Das
ist eigentlich nichts anderes als die Angststarre. Da ist alles blockiert, aber die
Wahrnehmung ist noch voll da, die nehmen alles wahr. Aber sie können keine
Bewegung mehr machen. Sie können nicht schwitzen, sie können sich nicht
bewegen. Sie können nichts mehr machen, sie sind völlig eingefroren. Eben: frozen.

[24577:00] Bemerkung 8: Ich glaube, Angst in dem Sinne von, man wird aggressiv
oder so, ist ja auch, wenn man nicht ADHS ist.

[24664:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ja klar, das ist eine allgemeine Regel.

Das ist bei den Tieren, also Angst unter Angsteinfluss kann man flüchten, kämpfen,
Totstellreflex oder eben das Annäherungsversuchen.

Dort würde ich sagen, dort ist es eher Unsicherheit, das ist nicht Angst. Es läuft auch
reflexartig. Das Teasing.

[24925:54] Bemerkung 9: Mein Sohn ist 16 und hat das ADHS. Manchmal wirft er
mir vor, dass er sagt: Mami, ich habe zu viel Empathie von dir gelernt. Darum kann
ich mich in der Schule nicht durchsetzen. Dann bin ich ratlos.

[25115:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist was dran. Wie ist der Vater?

[25186:07] Bemerkung 9: Wie meinen Sie?

[25216:52] Dr.med. Ursula Davatz: Was hat er vom Vater gelernt, der Sohn?

[25302:28] Bemerkung 9: Der Vater geht auch nicht so in den Kampf. Er mag
Konflikte nicht so.

[25643:00] Dr.med. Ursula Davatz: Da kann man sagen, ja, von mir hast du viel
Empathie gelernt und vom Vater Ausweichverhalten.

Du hast viele Leute um dich herum, wo du das andere auch noch lernen kannst.
Man könnte dann fragen, wer in der Schule, bei dir, in der Klasse kann am besten
kämpfen?

Ist das ein Kampf, der ihm entspricht oder würde er eher eine andere Variante
wählen?

[26173:00] Dr.med. Ursula Davatz: Bei den Frauen ist kämpfen oft negativ besetzt.

Das macht man nicht. Wir sind eher harmoniebedürftig. Das entspricht uns mehr.

Da musste ich den Müttern der kleinen Knaben sagen, sie dürfen aus ihrem Sohn
kein Mädchen machen.

Um sich in dieser Welt durchzusetzen, muss man schon auch kämpfen können.

[26680:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ds elegante Kämpfen ist natürlich eben wie der
Martin Luther, mit einer klaren Haltung. So finde ich es. So vertrete ich es.

Bei den Akademikern, das habe ich jetzt wieder erlebt, die haben dann nur die
Statistik. Die Statistik sagt so und so. Da sage ich, nein, nicht mit einer Statistik.

Ich erlebe, dass viele Statistiken schlussendlich mir recht geben. Also so wie ich es
schon gesehen habe, kommt es heraus.

[27195:00] Dr.med. Ursula Davatz: Sie dürfen ihren Sohn ruhig unterstützen. Er
darf eine eigene Meinung haben, das ist hilfreich. So trägt er etwas bei zum
Gruppenprozess. Das heisst nicht, dass er missionieren muss.

Er darf seine Haltung sagen. Wenn jemand etwas von ihm will oder mit ihm etwas
macht, das ihm überhaupt nicht entspricht, muss er nicht Empathie zeigen.

[27762:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ich einmal auch einen Vortrag gehalten,
Empathie versus Selbstfürsorge.

https://ganglion.ch/pdf/youtube_empathie_vs_selbst.pdf

Selbstfürsorge ist, dass man für sich eintritt, wenn andere etwas mit einem machen,
das einem gegen den Strich geht.

Man darf sagen, mir ist das und das passiert und ich habe das und das empfunden.
Es kann einem niemand die eigenen Gefühle absprechen.

[28314:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn man die eigenen Gefühle ausagiert, dann
ist es nicht mehr gut.

Wenn man sie benennt, das ist absolut okay.

Man kann nie sagen, du hast nicht das Recht, so zu fühlen.

Doch, man hat das Recht.

Da können sie ihn ein bisschen unterstützen, dass er sich gut spürt, wenn ihm etwas
nicht passt, wenn ihm jemand gegen den Strich geht oder wenn er etwas sagen will,
das nicht der Allgemeinmeinung entspricht, dass er sich traut, das zu sagen.

Das is ein Lanzenbrecher.

[28854:00] Bemerkung 10: Empathie ist ja eigentlich eine Stärke von ADHS. Ich
habe selber auch ADHS. Ich finde Empathie etwas Tolles. Das hat mich auch so
gemacht, wie ich jetzt bin. Ich erlebe auch viele Menschen mit ADHS sind halt so
People Pleaser. Die wollen es allen recht machen. Das ist auch ein grosses Thema
mit ADHS, weil sie auch so Angst hat dann von dieser Zurückweisung.

[29372:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ganz genau. ADHSler merken alles, und die
haben immer ihre Fühler draussen, die merken alles, was da passiert. Dann wollen
sie sich so verhalten, dass nichts Negatives passiert, also dass man nicht auf sie
losgeht. Im Extremfall geht das bis in die Psychose hinein, dass sie, wenn sie
eigentlich ein schlechtes Gewissen haben und dann irgendjemand zwinkert mit den
Augen, denken sie, der tut jetzt mich verurteilen. Sie projizieren eigentlich ihre
eigenen Schuldgefühle auf die Aussenwelt. Ich muss die dann immer zurückholen
und sagen, Fühler ein bisschen zurücknehmen. Dann bringe ich immer den Satz von
Antoine de Saint-Exupéry: On ne voit bien avec le coeur.

[29943:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ich sage dann, consultez votre coeur.

Halten Sie inne, machen Sie die Augen zu, spüren Sie, überlegen Sie, was nehme
ich wahr?

Was nehme ich emotional wahr und nicht visuell?

[30479:00] Bemerkung 9: In diesem Moment darf er mehr auf sich selber bezogen
sein.

[30527:57] Dr.med. Ursula Davatz: Absolut.

Dann heisst es, ist das nicht egoistisch?

Dann sage ich, einen gewissen Egoismus braucht es, um zu überleben.

Die Flight Attendant sagt auch zuerst selber die Maske anziehen, dann dem Kind.

Sie können niemanden hilfreich sein, wenn sie verloren sind.

[31011:00] Bemerkung 11: Insbesondere als Teenager.

[31038:44] Dr.med. Ursula Davatz: Viele brauchen dann auch manchmal wieder
ein bisschen Distanz von der Gruppe, damit sie sich sammeln können.

Damit sie wieder finden, wo sie sind. Dem sage ich dann, zentrieren.

Sie müssen sich zentrieren. Sie müssen sich finden.

Sie müssen sich spüren.

Sie müssen in sich hinein hören, was sie brauchen, was ihre Meinung ist.

[31519:00] Dr.med. Ursula Davatz: Depression, der Weg zur Selbstfindung.

[31601:52] Bemerkung 11: Wann wird man depressiv?

[31655:44] Dr.med. Ursula Davatz: Man wird depressiv, wenn man falsch investiert.

Falsch investiert, falsch investiert beim ADHS, zu fest in die anderen investiert und
sich vergisst.

Dann ist das Gleichgewicht nicht mehr gut.

[32084:00] Bemerkung 12: Zwei Schwestern und die eine ist schwer erziehbar, hat
man mir gesagt. Das ist so super gut gegangen bis an dem einen Tag, wo dann der
Freund der Mutter aufgetaucht ist.

[32360:16] Dr.med. Ursula Davatz: Da ist ein patriarchales System reingekommen,
das dann gemeint hat, er wisse alles und er muss allen befehlen. Da muss man
immer bedenken, wir haben 2000 Jahre unter patriarchalen Systemen gelebt.

Jetzt sind ja die patriarchalen Systeme dran, sich gegenseitig zu bekämpfen.

Es ist eine absolute Katastrophe. Jetzt sind wir Frauen an sich speziell gefragt, dass
wir eine andere Methode verwenden.

[32876:48] Bemerkung 13: Sie haben vorhin erwähnt, wir sollten Geduld haben und
durchhalten. Das ist schon gut und recht.

[33029:30] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist, wenn es Ihr eigenes Kind ist. Genau.
Aber nicht ein fremdes.

[33146:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das geht nicht. Da hat der Patriarch, der
Freund von ihr, hat alles übernommen.

Das ist vergessene Liebesmühe, wenn sie da sich weiter bewegen. Das geht nicht.
Das ist zu stark dann. Die Frau hat ja das auch zugelassen, die Mutter.

Da hat man das Verhältnis von Mutter der Kinder und Stiefvater.

[33673:00] Dr.med. Ursula Davatz: Immer, wenn man Patchworkfamilien hat, wenn
Leute neu zusammenkommen, gilt für mich immer die Regel, die liebliche Mutter ist
die Erzieherin, aber nie der Stiefvater.
Er ist nur Mensch, Mann, er hat sein Geschlecht und er darf sagen, ich habe das
nicht gerne. Oder mit dem komme ich nicht zugange. Oder ich habe lieber so und
so. Er darf persönlich etwas sagen, aber nicht die Kinder erziehen.

Das machen die meisten Stiefväter und Stiefmütter. Die Stiefväter wollen die Kinder
erziehen und die Stiefmütter, die wollen geliebt werden. Auch das geht nicht.

[34339:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn man die Stiefmutter gerade so liebt, dann
ist man untreu zur verstorbenen Mutter oder zur geschiedenen Mutter. Dann kommt
das Kind wieder in ein moralisches Dilemma, in einen Konflikt. Man darf nicht
erziehen als Zusatzperson.

[34633:15] Bemerkung 14: Ich arbeite in einem Beobachtungskindergarten, vor
allem mit ADHS und Autismuskindern.

Bei uns ist einfach auch das Problem, wenn man etwas einfordert, dass das nicht
ankommt. Zum Beispiel aufräumen.

Spielt der kulturelle Hintergrund eine Rolle?

Die weiblichen Lehrpersonen werden nicht ernst genommen.

[34936:00] Bemerkung 14: Der Bub hat einen albanischen Hintergrund.

[35020:20] Dr.med. Ursula Davatz: Ja, klar, dann macht es Mutter.

[35126:33] Bemerkung 14: Mir ist auch gesagt worden, du als Lehrperson kannst
dich jetzt nicht durchsetzen gegen den Brief.

[35452:00] Bemerkung 14: Mein Ansatz ist mehr, dass man auf Beziehungsebene
arbeitet.

Die anderen Lehrpersonen sind länger dort und haben mir gesagt: du lässt dir das
auch gefallen in dem Sinn, dass er frech gegenüber mir ist. Das sei falsch.

[35812:39] Dr.med. Ursula Davatz: Sobald man einen multikulturellen Kindergarten
hat, hat man heutzutage eine multikulturelle Schulklasse.

[36007:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn man es ein bisschen gut machen will,
muss man bei jedem Kind ein bisschen sich vor Augen halten, was hat er für einen
Hintergrund.

Bei diesem albanischen Bub, wenn der nicht aufräumt, wenn er ihnen nicht folgt,
dann würde ich, aber es braucht Zeit, klar, würde ich auf die Gegenstrategie gehen,
wer räumt bei euch zu Hause auf? Der Vater oder die Mutter? Oder die Geschwister
oder deine Schwestern, die älteren Brüder?

[36511:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn er nichts sagt, sagt man ist es immer die
Mutter, die aufräumt.

Man muss nach seinen Vorbildern suchen. Ich gehe jetzt davon aus, dass die Mutter
immer aufräumt. Dann würde ich fragen, wenn er Schwestern hat, und die Mädchen,
müssen die auch beim aufräumen helfen oder nicht? Ja, vielleicht. Okay, vielleicht
helfen die der Mutter.

[37029:00] Dr.med. Ursula Davatz: Und der Vater, tut er auch aufräumen? Nein,
nicht. Okay. Das ist deine Kultur. Bei dir zu Hause läuft es so. Wir sind jetzt hier im
Kindergarten, in der Schweiz, im Kanton weiss ich nicht was. Dann sagen sie, weisst
du, hier bei uns läuft es so. Da sind alle gleichgestellt, da müssen Mädchen und
Buben aufräumen. Dann fragen: kannst du das verstehen?

[37537:00] Dr.med. Ursula Davatz: Kannst du das nachvollziehen?

Nein, das will ich nicht.

Wie willst du dann mal in die Gesellschaft? Befiehlst du dann einfach allen, was
willst du mal für einen Beruf?

Kann man schauen.

Also man muss ihn dann ein bisschen begleiten. ier den Tschau durchbegleiten.

Am Schluss landet man wieder hier bei mir in diesem Raum.

[38092:00] Bemerkung 14: Manchmal kann er es. Dann frage ich hast du
vergessen, dass Du aufräumen kannst?

[38150:04] Dr.med. Ursula Davatz: Ich würde es nicht so hervorheben.

Ich würde sagen, schön, jetzt hast du geholfen.

[38231:06] Bemerkung 14: Manchmal macht er es. Oder wir machen es
zusammen.

[38286:25] Dr.med. Ursula Davatz: Das finde ich auch gut, dass man es dann
zusammen macht und dass man sogar sagt, oh, ich habe da etwas, wo gehört das
hin? Sie spiele dumm und er muss entscheiden. die Dummen sind, die nicht wissen,
wie. Und er muss sagen. Ja, okay. Aber das ist möglich. Zusammen mache ich…
Kann man nicht in ein Spiel reingehen? Ja, das ist auch gut.

[38646:00] Bemerkung 14: Es geht mehr in ein Spiel hinein.

[38692:10] Dr.med. Ursula Davatz: Jetzt machen wir Aufräumspiel. Spielerisch mit
ihm umgehen.

Es geht nicht um das Können und nicht Können.

Das ist ein polarisierendes Bild.

[39148:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das nächste Mal, wenn er nicht will, sagen, ja,
was läuft nicht recht? Wollen wir es zusammen machen?

Immer in einer Interaktion und immer in Aufgaben.

Wenn man noch auf das Problem zugehen will, kann man sagen: lässt du dir von
deiner Mutter keinen Befehl geben, darf nur der Vater befehlen? Was macht der
Vater, wenn du nicht folgst?

Die fliehen dann meistens.

Dann sagt man: weisst du, das will ich nicht, bei uns machen wir es anders. Sie
können immer unterscheiden und das andere ist nicht schlecht, es ist einfach
anders. Hier machen wir es so.

[39862:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ich zitiere ich immer den Jean Piaget mit dem
Konzept der Dezentrierung.

Mit 16 Jahren oder so, in der Pubertät, lernt man dezentrieren.

Als Kind ist man völlig monozentriert auf sich, seine Verhaltensweise und so weiter.

In der Pubertät hat man zwar Regeln, aber man kann sagen, aha, die anderen
machen es anders.

Das muss man dem beibringen, in deiner Familie läuft es so und im Kindergarten
läuft es so.

[40392:00] Dr.med. Ursula Davatz: Kinder können das lernen. Auch wenn es zu
Hause wieder nach dem alten Stil läuft, hier läuft es so.

Der Schah aus Persien hat auch gelernt, wie es geht in der Schweiz.

Er hat es dann auf der Welt so ein bisschen probiert, aber ist dann auch völlig
entgleist.

Für das sind wir nicht verantwortlich. Wir sind hier. Ja. Sie dürfen ganz klar sagen,
sie sind die Autorität. Hier bei mir und in der Schweiz und in diesem Kindergarten
sind das die Regeln.

[40963:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das wäre wieder der Martin Luther, der sagt:
hier stehe ich und kann nicht anders.

Wir erreichen das schon. Zusammen in einen Wettlauf gehen.

Macht das Sinn?

[41599:00] Bemerkung 15: Hat das nur mit dem Kulturellen zu tun?

[42179:00] Bemerkung 16: Ich komme als Frau, Lehrperson und muss mich
durchsetzen. Bei mir läuft es über die Beziehung. Im Einzelsetting klappt es sehr gut.

[42720:00] Dr.med. Ursula Davatz: Sie dürfen sich Zeit lassen. Sie müssen sich
persönlich durchsetzen. Sie müssen den Jungen in die Beziehung holen.

Willst du nicht, dass man dich sieht, dass du einer Frau folgst?

Da wird er in seinem System beschämt.

[43238:00] Dr.med. Ursula Davatz: Lassen Sie sich nicht durcheinanderbringen,
wenn die anderen sagen, sie können sich nicht durchsetzen. Wenn man sich zu früh
durchsetzt, läuft es schief. Sie müssen zuerst die Allianz bilden.

[43765:00] Dr.med. Ursula Davatz: Die können sie eben besser bilden, wenn sie in
seinem System Respekt entgegenbringen.

Klar, für ihn ist es ein Vorteil, wenn die Männer immer recht haben und sich immer
durchsetzen können.

Da geht es halt nicht. Da kommen wir jetzt auch zu den jetzigen politischen
Situationen. Die benehmen sich ja wie kleine Kinder.

So kann man eine Welt nicht mehr regieren.

[44311:00] Dr.med. Ursula Davatz: Man kann ihm sagen, du wirst mal ein
gescheiterer und vernünftiger Mann.

Du kannst mit anderen Sachen umgehen.

[45217:00] Bemerkung 17: Ich arbeite in der Altersintegration und wir haben ja sehr
viele undiagnostizierte Menschen mit ADHS, mit ganz viel Erziehungsschäden.

Gibt es dort vielleicht ein paar Grundsätze, wie man dem gut begegnen kann?

[45770:00] Dr.med. Ursula Davatz: Da würde ich genau das Gleiche anbringen. Ich
würde sagen, wie ist das bei dir zu Hause gelaufen? Wer hat es gesagt? Der Vater,
die Mutter. Wenn er nicht durchgekommen ist, was hat er gemacht? Was hat die
Mutter gemacht, wenn sie nicht durchgekommen ist? Die Männer schlagen,
schimpfen und schreien. Die Frauen, die wollen oft sich durchsetzen mit Leiden.

Wenn du mir nicht folgst, habe ich Kopfweh oder Bauchweh oder Asthmaanfall und
weiss ich nicht was.

Das ist auch nicht gut.

Dass man eher wieder Geschichten erfragt.

Dann könnte man fragen, und was willst du für einen wertvollen männlichen Bürger
in unserer Gesellschaft sein?

Nachfragen, nach was für einem Leitbild will er sich entwickeln?

Und das Gleiche in Bezug auf die schwierige Schulkarriere?

[46094:10] Bemerkung 17: Geschlagen sind schon nicht mehr so viele geworden,
aber einfach wahnsinnig gelitten, mit Abwertung und mit den Anforderungen
entsprechend.

[46169:50] Dr.med. Ursula Davatz: Ja, dann kann man sagen, das war sicher
schwer für dich. Da hast du leiden müssen und das ist schlimm. Aber weisst, unser
Hirn ist dermassen lernfähig, das kann neue Muster lernen. Damit will ich dir
behilflich sein. Unser Hirn ist lernfähig. Heutzutage sagt man, das Hirn kann lernen
bis zum Tod. Also früher hat man gemeint, das Hirn ist ausgebildet, ist fertig. Jetzt
spricht man von dieser adulten, also erwachsenen Neurogenese. Das ist der
Hippocampus innerhalb des emotionalen Hirns, Mittelhirns. Der kann lernen, ein
bisschen langsamer, aber never too late.

[46774:00] Dr.med. Ursula Davatz: Die dürfen eifrig sein, ihm etwas Neues
beizubringen.

Er ist ja schliesslich geflüchtet, er ist zu uns geflüchtet und nicht um einfach gleich zu
bleiben.

Da kann man etwas lernen.

Sie wollen ihm helfen zu lernen.

Nehmen sie es nie persönlich.

[47366:00] Dr.med. Ursula Davatz: Indem man in einen Lernmodus reingeht, ist es
für einem interessant und man lockt den anderen.

Wir lernen jetzt etwas miteinander. Das ist spannend.

Hoffnung, dass es noch veränderbar ist.

Da kann man sagen, das Hirn ist so lernfähig.

Ich habe ein Buch gelesen über Neuroplastizität, das ist unglaublich.

Das war dann auch bei körperlichen Krankheiten.

Was sie gelernt haben, Wahnsinn. Wenn jemand einen gelähmten rechten Arm
hatte, hat man dem gesunden Arm einen Fausthandschuh angelegt, damit er dem
rechten Arm Kommandos geben musste.

[48003:00] Dr.med. Ursula Davatz: Indem er den linken Arm, der eigentlich
funktioniert hat, blockiert hat, war er gezwungen.

Wir sind ein tolles Wesen.

[48328:51] Bemerkung 18: Ich frage mich dann einfach, wie mache ich das mit 24
Kindern um mich herum?

[48557:00] Bemerkung 18: 10 davon fürchten das Gespräch und die Beziehung.

Ich habe die Zeit nicht.

Dann sind ja noch 14 andere, die ja normal funktionieren und auch etwas zu gut
hätten.

Können Sie da noch etwas dazu sagen?

Ich spüre etwas beim einzelnen Kind, aber danach in der Masse klappt es nicht.

Der Schulleiter sagt dann wir sind überfordert.

[49097:00] Bemerkung 18: Wie kann man einen Rahmen schaffen, wo möglichst
viel möglich ist?

[49172:06] Dr.med. Ursula Davatz: Ich denke, Sie müssen dann immer
herausfinden, ob Sie das alleine mit ihm abhandeln müssen.

Sie als Klassenlehrerin sind natürlich für das Ganze zuständig.

Sie geben Ihre Regeln durch. Die müssen einfach sein, klar, aber die wollen Sie
durchsetzen.

Wenn du das Kind dagegen verstösst, dann können Sie nicht im Klassenverband
mit dem dann so einzeln reden. Das ist alles Einzelgespräch. Da müssen Sie sagen,
du hast Mühe, dich an das anzupassen, wir müssen miteinander noch ein
Einzelgespräch führen.

Dann und dann habe ich Zeit. Wenn Du jetzt hier nicht mitmachen kann, dann
müsste man dem eher einen Auftrag geben, spring dreimal auf das Schulhaus oder
geh Briefmarken kleben.

Einen anderen, einen einzelnen Auftrag, dass man ihn herausnimmt aus dem
Klassenverband.

[50196:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wichtig ist immer, dass Sie Ihre Regeln sagen
und immer wieder vertreten.

In der Schule hängen die Regeln an der Wand.

Regeln müssen immer persönlich vertreten werden.

Regeln kann man nie einfach, das ist der Paragraph, sondern das sind unsere
Regeln.

Das Einzelne müssen Sie mit dem Einzelnen machen.

Da dürfen Sie sogar sagen, das können wir jetzt nicht aushandeln, das muss ich mit
dir alleine aushandeln.

Dann und dann. Das alleine aushandeln ist nicht, du wirst bestraft in dieser
Einzelstunde. Nicht so!
Man sagt man ja, mit dir muss ich ein Hühnchen rupfen.

Nein, wir wollen nicht ein Hühnchen rupfen, sondern miteinander in der
Zweierbeziehung Regeln besprechen.

[50928:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das geht dann nicht im Klassenverband.

Im Klassenverband müssen Sie die Autorität behalten können.

Ich hatte Lehrer, die nicht sehr stark waren, einer, der psychotisch wurde, und dann
haben die Mädchen übernommen und die Klasse geführt.

[51451:00] Dr.med. Ursula Davatz: Das nehme ich nicht an bei ihnen, das muss
nicht sein.

Sie dürfen sagen, ein paar von euch leuchtet das jetzt vielleicht nicht ein und ihr seid
nicht einverstanden, aber es läuft jetzt hier im Klassenverband trotzdem so.

Ich sage: Mobbing ist immer Chefsache.

Wenn Mobbing in einer Klasse passiert, hat die Klasse, keine Sicherheit.

Dann übernimmt irgendeines der Kinder die Führung, auf seine Art.

[51978:00] Dr.med. Ursula Davatz: Sie müssen nicht eine bestrafende Führung
haben, aber man muss immer spüren, dass sie die Führungsperson sind.

Da hat es ein Beispiel gegeben.

Da hat eine Klasse überhaupt nicht funktioniert und der Lehrer ist krank geworden.

Dann hat man einen alten, erfahrenen Lehrer gefragt, ob er die Klasse nochmal
übernehmen würde, weil man einfach nicht mehr zugange kommt mit der Klasse. Er
hat gesagt, ja, ich mache das aber ihr dürft mir gar nichts vorschreiben. Ich mache
das, was für mich stimmt.

Das ist seine natürliche Autorität.

Am ersten Tag ist er da rein gesessen. Er hat nur gelesen. Zuerst die Zeitung, alles
durcheinander. Am zweiten Tag ist er wieder gekommen, hat er ein Buch gelesen,
wieder alles durcheinander. Am dritten Tag hat einer der Schüler gesagt, wann
fangen wir endlich an mit dem Unterricht?

[53113:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn man aushalten kann, dass es ein
bisschen rundherum drübergeht, aber wegen dem seine Autorität nicht verliert, dann
bekommt man sie.

Leuchtet das ein?

[53289:45] Bemerkung 19: Ja, ja, schon.

Ich habe jetzt einfach so Situationen im Kopf, wo der eine schreit und der andere
davorspringt.

Es ist der einzige Weg wie ich es überlebe.

[53672:00] Dr.med. Ursula Davatz: Bevor sie ins Klassenzimmer gehen, sich
überlegen, was ist der Anfangsfokus.

Dann sagen, heute machen wir das.

[54197:00] Bemerkung 20: Ich arbeite im Kindergarten. Wir haben schon einen
Plan.

[54255:31] Dr.med. Ursula Davatz: Nicht irgendein Plan.

Ein Thema und was wir machen mit dem Thema.

Heute nehmen wir das Thema und wir machen das mit dem. Das kann dann ändern
später.

[54733:00] Bemerkung 20: Wir kommen zuerst in den Kreis.

Dann machen wir bis alle da sind irgendein Sammelding.

Dann machen wir den Fokus.

Das machen wir jetzt heute. Da sind wir dran bis zum Znüni und nachher öffnet es
sich dann wieder.

[54971:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wie büchsen die Kinder aus? Wie tun Sie sich
daraus herausnehmen?

[55056:57] Bemerkung 20: Wir essen zuerst Znüni, die fertig sind, stehen auf den
Stuhl und dann besprechen wir mit ihnen, was sie jetzt machen.

[55247:00] Bemerkung 20: Wenn sie nicht wissen, was, dann suchen wir mit ihnen
zusammen etwas.

[55342:21] Dr.med. Ursula Davatz: Ich bin jetzt Kindergärtnerin, aber vielleicht
müssen Sie doch noch ein bisschen klarer fokussieren. Wenn Sie zu früh gerade
anfangen zu besprechen, wie machen wir es, dann ist es fast ein bisschen viel.

[55783:00] Bemerkung 21: Wir geben die Freiheit: wie machen wir es?

[55829:12] Dr.med. Ursula Davatz: Damit sie auf einem Fokus sind, wo sie zuerst
einsteigen.

Wenn dann jemand irgendetwas sagt, kann man das mit reinnehmen.

Das ist noch keine demokratische Partei.

[56017:06] Bemerkung 22: Sie würden nach dem Znüi mehr führen?

[56053:32] Dr.med. Ursula Davatz: Ja, zu Beginn mehr führen.

[56100:05] Bemerkung 23: Ich mache es auch so. Ich habe so einen Pikto mit
Klammern.

Dann dürfen die Kinder dort hin, wo noch nicht besetzt ist.

Alle wollen dann in den Bewegungsraum. Es gibt schon zwei Klammern, du musst
jetzt woanders hin.

Nein, will trotzdem in den Bewegungsraum.

Das geht nicht.

Dann haben sie einfach die Wahl, noch eben in die Bauecken zu gehen oder zu
zeichnen.

Dann ist die Auswahl kleiner.

Die einen haben auch am Anfang Mühe, das zu akzeptieren, dass sie gerade zuerst
das machen dürfen, was ihren Bedürfnissen entspricht.

Nach dem Znüni dürfen wir wechseln.

[56952:00] Dr.med. Ursula Davatz: Da haben Sie die Regeln.

Es dürfen nur so viele an einen Ort.

Das ist die Regel.

Die Regel wir nicht gebrochen.

[57538:00] Bemerkung 24: Die ersten zwei dürfen sagen, sie wollen gerne in den
Bewegungsraum.

[57617:21] Bemerkung 25: Ja, das tue ich natürlich sehr dezent steuern, welches
Kind zuerst zu mir kommt und welches Klämmerchen setzt.

[57749:36] Dr.med. Ursula Davatz: Da immer wieder die Regeln anmahnen und
nicht sagen, nein, du darfst jetzt nicht. Die Regel ist, nur zwei, der Geschwindere ist
der Schnellere. Das ist jetzt halt so.

[58134:00] Bemerkung 24: Teils muss man es auch wirklich sehr strukturiert
machen.

[58195:43] Dr.med. Ursula Davatz: Gerade, wenn man schon viele Ethnien hat,
muss man mehr strukturieren.

Sie müssen immer ein bisschen schneller sein.

Das ist noch schwierig, denen immer eins voraus zu sein.

[58395:05] Bemerkung 26: Seit ihr nicht zwei, drei Kindergärtnerinnen? Wenn wir
unsere Grosskinder abholen, habe ich schon erlebt, dass eine Lehrerin draussen
war mit vier Kindern. Was machen die?

Fast jeden Montag sind die vier, die noch eine Runde drehen, damit sie auf die
Reise gehen.

Nachher sind sie zufrieden.

Jetzt haben wir immer einen schönen Abschluss, hat die Kindergärtnerin gesagt.

Jetzt kommen wir nachher wieder rein und dann gehen in den Kreis und haben
Ruhe.

[59187:08] Dr.med. Ursula Davatz: Ganz allgemein sind die Kinder ohnehin zu fest
rückgebunden ihrer Bewegung.

Kinder sind sehr bewegungsdrängig.

[59390:00] Dr.med. Ursula Davatz: Früher waren sie auf dem Bauernhof und
haben den ganzen Tag mitgeholfen beim Arbeiten oder irgendetwas machen oder
spielen.

Heute sind sie relativ stark eingebunden.

Von dort her muss man oft halt zuerst eine Bewegung machen, bevor man sie dann
wieder zusammennimmt.

Speziell die paar sehr Störenden.

Sie sind der Chef.

Je weniger gut das Kollektiv funktioniert, umso mehr müssen sie Chef sein.

Je besser es eingespielt ist, umso weniger müssen sie Chef sein.

Sie müssen merken, jetzt braucht es sie.

Sonst passiert Mobbing.

[60070:00] Bemerkung 27: Ich gehe immer wieder in den Kindergarten, Kinder
beobachten.

Das letztes Mal mussten die Kinder eine Stunde in dieser Kreissequenz sitzen.

[60212:19] Dr.med. Ursula Davatz: Das geht nicht.

[60228:08] Bemerkung 27: Dann wurde einfach gesagt: Matteo, wir haben doch
letzte Woche besprochen, dass du dich zusammenreissest.

Ich meine, gebt doch dem irgendein Fidget-Toy in die Hand, lasst den irgendwie
etwas machen.

Der ist dann so da gehockt, oder?

[60595:00] Dr.med. Ursula Davatz: Dem muss man eine Aufgabe geben.

Man könnte ihm auch eine andere Aufgabe geben.

[60698:10] Bemerkung 27: Ich erlebe das immer wieder, dass es unvorhersehbar
ist, eben dass es weniger so klare Abläufe gibt.

Gerade bei Autismus ist ja der Kindergarten oft schwierig, weil der nicht so
strukturiert ist wie die Schule.

[60894:11] Bemerkung 28: Das ist eine wahnsinnige Herausforderung, auch was
du jetzt so erzählt hast, so viele verschiedene Kinder zu führen.

Ich würde an dem glaube ich scheitern, weil ich es allen recht machen will.
Individuell recht machen.

Das muss man sich abschminken.

Ich bin keine Lehrperson, aber ich kann mir so vorstellen, dass das die tägliche
Herausforderung ist und die Enttäuschung, dass man dem wieder nicht gerecht
wurde oder dem nicht, weil es wird nicht funktionieren.

Ich sehe das nur, wenn ich alle fünf Grosskinder aufs Mal füttere.

Ich kann unmöglich allen gerecht werden.

[61680:00] Bemerkung 28: Ich versuche mein Allerbestes, aber gewisse Frustdinge
sind einfach da, was ja auch gut ist, dass sie lernen, mit Frust umzugehen, wenn ich
das begleiten kann, mit fünf Kindern.

Aber mit 23 Kindern ein Ding der Unmöglichkeit.

[61898:06] Bemerkung 29: Wir waren früher auch viele Kinder im Kindergarten,
aber keine so grosse Kulturvermischung.

[62219:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn es schon ein heterogenes Kollektiv ist
und mit so vielen Anforderungen, muss man autoritärer werden und mehr führen.

Da kann man nicht so demokratisch und das willst du und das willst du.

Wenn man dann mal den Ton angegeben hat und wenn es gut läuft, dann kann man
wieder ein bisschen anders.

Zum Beginn muss man mehr die Zügel in die Hand nehmen.

Sonst läuft es einem einfach aus den Fingern.

[62731:00] Bemerkung 30: Es gibt jetzt ganz coole Lehrkräfte, die wirklich bewegte
Schulen machen, die wirklich auch Bewegungszettel haben.

Ich finde, das ist mega sinnvoll.

Ich habe drei Kinder, ich habe so eine Kindergartenlehrperson gehabt, die war mit
diesen jeden Tag draussen.

[63246:00] Bemerkung 30: Die hatten nie so Konfliktsituationen, ruhig da sitzen,
still sitzen, zuhören, alles in der Ruhe machen können.

Das geht gar nicht.

Die müssen sich auch bewegen können und mit der Motorik aktiv sein, die
vierjährigen Kinder.

[63677:04] Dr.med. Ursula Davatz: Ich möchte Sie mal als Lehrperson fragen, was
sagen Sie dazu, wie könnte man die Schule noch ein bisschen mehr unterstützen?
Mit diesen vielfältigen Anforderungen.

[63802:00] Bemerkung 31: Ich finde, ein gutes Rezept als Lehrperson ist sicher,
weil es ja so multikulturell ist, wenn man auch Arbeiten mehr das Miteinander in den
Raum stellt.

Ich habe ich zum Beispiel gute Erfahrungen gemacht, dass man miteinander eine
Arbeit macht, miteinander etwas macht, weil dann verbindet man sich auch als
Klasse oder als Einzelne und stellt nicht nur sich in den Raum, sondern das
Miteinander, das gemeinsame Erarbeiten von etwas.

[64326:00] Dr.med. Ursula Davatz: Man könnte von dort her auch gerade am
Anfang so eine Miteinanderarbeit ankündigen.

Wer übernimmt welche Rolle und was müssen wir da alles erfüllen?

[64568:14] Bemerkung 32: Es ist unruhig in der Welt, sie streiten zum Beispiel viel.

Wir haben ja auch viele Probleme mit, eben aufeinander losgehen.

Wir machen zum Beispiel: heute ist ein friedvoller Tag oder heute ist mein friedvoller
Tag.

[65182:00] Bemerkung 32: Das ist eine Bewusstseinschulung.

Das fruchtet über mehrere Jahre.

[65518:58] Dr.med. Ursula Davatz: Dass man das Gemeinschaftsgefühl fördert,
das geht mit allen Ethnien.

[65696:00] Dr.med. Ursula Davatz: Alle Religionen haben ja so
Gemeinschaftsrituale.

Sie können als Lehrerin das auch in der Schule einführen.

Heute haben wir das Ritual.

Es ist wichtig und jeder darf seinen Beitrag leisten und jeder leistet einen anderen
Beitrag, aber man darf nie Gemeinschaftlichkeit aus lasssen.

Nicht einfach individualisiert.

[66133:35] Bemerkung 32: Genau.

Die Eigenverantwortung zum Beispiel fördern oder dass auch mal ein Kind, wie eine
Lehrerposition übernimmt oder eine Assistenzposition und dann auch mal das
Gefühl bekommt für eine Verantwortung, die man übernimmt, zum Beispiel, und
dann auch wahrnimmt, wie ist das, wenn ein anderer einem immer stört?

Oder wenn ich störe, wie ist das, wenn andere mich stören?

Dann empfindet man oder erlebt das eben auch als anderer Mensch.

[66271:00] Dr.med. Ursula Davatz: Ja, das finde ich auch eine sehr gute Idee. Das
habe ich gemacht in der Schulklasse von unserer ältesten Tochter. Die sind nicht in
das Lager gegangen, weil die sich nicht gut benommen haben. Das fand ich sehr
schlimm.

[66802:00] Dr.med. Ursula Davatz: Dann habe ich mich dann auch eingemischt.
Dann habe ich auch den Vorschlag gemacht, die Kinder, die wollen oder die, die
Ansprüche haben, die dürfen eine Viertelstunde lang mit dem Lehrer zusammen
oder auch alleine Schule geben. Das ist so hilfreich.

Ein Rollenwechsel.

Dann merken sie, wie es ist, wenn man immer gestört wird von seinen Kollegen.

[67372:00] Dr.med. Ursula Davatz: Dass sie Lehrer spielen dürfen. Was für eine
Stufe haben Sie?

[67441:23] Bemerkung 32: Ich habe Mittelstufe und Unterstufe, bin aber
Fachlehrperson. Im kreativen Bereich.

[67537:33] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist natürlich schön. Gerade dort kann man
ganz viel einbringen für die Persönlichkeitsbildung.

[67654:00] Bemerkung 32: Ja, das ist es so. Das ist ein sehr schönes Fach von
dem.

[67723:26] Dr.med. Ursula Davatz: Ich habe ja gesagt, wir leben in einer
individualisierten Gesellschaft und ich denke, zum Teil sind wir da zu sehr
individualisiert und wir müssen immer auch wieder das Gemeinschaftsgefühl
erwecken können, stimulieren können in den Kindern.

[67998:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wir sind soziale Wesen.

Sonst will jeder Chef sein und dann zerfällt der ganze Kuchen.

Ich sage: ein Kuchen nur aus Rosinchen hält nicht zusammen.

Es sei denn, es ist der Plumpudding dort ist viel Zucker drin.

Ja, dass man das Gemeinschaftlichkeitsgefühl immer wieder ein bisschen fördert
und dass im Gemeinschaftlichkeitsgefühl nicht jeder verdrückt wird, sondern jeder
einen bisschen einen anderen Platz haben kann.

[68516:00] Bemerkung 32: Jeder Mensch hat ja auch seine eigenen Qualitäten und
Fähigkeiten.

Das alles zusammen gibt ja ein riesengrosses Potenzial.

[68703:31] Dr.med. Ursula Davatz: Da sagt man dann immer, das Ganze ist mehr
als die Summe der Einzelteile.

Indem man es zusammensetzt, gibt es etwas viel Interessanteres.

Ich befasse mich immer so mit Evolution.

[69046:00] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn man da die Evolutionsgeschichte
anschaut, bis die ersten Einzeller gekommen sind, ist es relativ lange gegangen.

Dann bis aus den Einzellern Vielzeller geworden sind, ist es nochmal lange
gegangen.

Wo dann die Vielzeller-Organismen gekommen sind, ist es auf einmal rasant
hochgegangen.

Wir sind sozial ein Vielzeller-Organismus.

Wir müssen als Vielzeller-Organismus lernen, ohne einen König oder einen Diktator
zu funktionieren.

[69557:00] Dr.med. Ursula Davatz: Dann gibt es so viel mehr Möglichkeiten.

Man sagt ja, auch in den demokratischen Gesellschaften ist die Entwicklung mehr
vorangegangen als in den autoritären.

Da ist Europa das Beispiel dafür.

Wir können immer wieder so unser historisches Beispiel verwenden.

[70058:00] Dr.med. Ursula Davatz: Mehr Theorie oder noch einzelne Fällen?

[70111:11] Bemerkung 33: Ich hätte noch gerne ein bisschen Theorie.

Ich arbeite einfach therapeutisch.

Wenn Sie so theoretische Sachen erklären, dann gibt das für mich so Sinn.

[70325:28] Dr.med. Ursula Davatz: Da könnte ich ja ein bisschen erzählen von
meiner therapeutischen Erfahrung.

[70437:18] Bemerkung 33: Für mich wäre es sehr spannend.

[70595:00] Dr.med. Ursula Davatz: Viertelstunde Pause.