Im Rahmen der Autismusdiagnostik auf neurologischer Ebene betont Dr. med. Ursula Davatz, dass das Gehirn eine ganzheitliche Funktion hat. Im Gegensatz zur Medizin, wo in verschiedene Körperorgane aufgeteilt und unterschiedliche Diagnosen gestellt werden, funktioniert das beim Gehirn nicht so gut. Sie kommt immer weiter weg von starren Diagnosestellungen in der Psychiatrie.
Das Gehirn als Anpassungs- und soziales Organ: Dr. Davatz beschreibt das Gehirn als ein Anpassungsorgan und insbesondere als ein soziales Anpassungsorgan, das immer in Aktion mit dem Umfeld steht. Obwohl Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) eine genetische Veranlagung haben, wird das Gehirn auch durch das Umfeld beeinflusst, bestimmt und verändert. Die Epigenese spielt hier eine wichtige Rolle, indem sie die Interaktion zwischen Genen und Umwelt beschreibt, wodurch sich das Gehirn und die Genexpression verändern können. Die genetischen Anlagen werden durch die Interaktion mit dem Umfeld eingeschränkt und bestimmt.
Synaptisches Pruning und Entwicklung: In der Pubertät findet eine Umstrukturierung des Gehirns statt, die als Synaptic Pruning bezeichnet wird. Dabei werden viele Vernetzungen im Gehirn gekappt, um funktionale Netzwerke zu entwickeln, die für tägliche Aufgaben wichtig sind. Bei Menschen mit ADHS/ADS (und somit auch ASS) kann dieser Prozess verlangsamt sein, da sie mehr Eindrücke zur Verarbeitung aufnehmen. Das emotionale Gehirn bleibt bei ihnen stärker mit dem ganzen Hirn vernetzt.
Breite Aufmerksamkeit und Reaktivität: Menschen mit ASS, ADHS und ADS weisen eine breite Aufmerksamkeit auf, die sie leicht störbar und ablenkbar macht. Emotional sind sie hochreaktiv, und kleine Reize können sie durcheinanderbringen. Sie sind oft ungeduldig und können Verzögerungen schlecht tolerieren. Ihr Hirn mit der starken Vernetzung benötigt Zeit, um Informationen zu verarbeiten und zu einer Entscheidung zu kommen.
Kritik an Diagnosen aus neurologischer Sicht: Dr. Davatz sieht psychiatrische Diagnosen als konzeptuelle Konzepte, die funktionelle Zustände des Gehirns einfrieren, obwohl die Funktion flexibel bleibt. Für den einzelnen Patienten bringen diese starren Diagnosen oft nicht viel, da jeder Mensch anders ist.
Genetische Veranlagung und Interkonnektivität: ASS, ADS und ADHS sind genetisch vererbt. ASS weist dabei die stärkste genetische Vererbung auf. Studien deuten darauf hin, dass diese und andere psychiatrische Erkrankungen wie Schizophrenie auf ähnlichen genetischen Veränderungen beruhen, was für Dr. Davatz zeigt, dass alles zusammenhängt. Die genetische Veranlagung kann jedoch durch die Interaktion mit dem Umfeld stark beeinflusst werden.
Folgen von nicht neurotypgerechtem Umgang: Wenn nicht persönlichkeitsgerecht und neurotypgerecht mit diesen Menschen umgegangen wird, können sich verschiedene psychische und körperliche Folgekrankheiten entwickeln. Druck erachtet sie als schädlich.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die neurologische Ebene in der Autismusdiagnostik von Dr. Davatz als ein dynamisches Zusammenspiel von genetischer Veranlagung und Umwelteinflüssen verstanden wird, das die Entwicklung und Funktion des Gehirns prägt. Starre Diagnosen werden kritisiert, und ein individuelles, verständnisvolles Eingehen auf die neurodivergenten Eigenschaften der Betroffenen wird als entscheidend für deren positive Entwicklung und die Vermeidung von Folgeerkrankungen betrachtet.
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/03/autismus-diagnostik-25.3.2025.m4a.pdf
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