Vortrag zum Anhören:
Systemischer Umgang mit Psychisch Kranken , 8. Jahrestagung der Sozialen Dienste der Stadt Zürich 28.11.2011
8. Jahrestagung der Sozialen Dienste der Stadt Zürich und der Vormundschaftsbehörde. Montag, 28. November 2011, 13.30-18.00 Uhr, Verwaltungszentrum Werd, Zürich.
Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
28.11.2011
Systemischer Umgang mit psychisch Kranken.
Audio
[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich danke ihnen für die Einladung.
[00:00:03.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich sehr gefreut.
[00:00:03.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin gerade von kurzem aus der Ferien zurückgekommen.
[00:00:12.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war ein schöner Grund, um wieder zurückzukommen.
[00:00:16.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema heisst: systemischer Umgang mit psychisch Kranken.
[00:00:25.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Bis jetzt haben sie, wenn die psychische Krankheit vorgestellt worden ist, an erster
Stelle einfach den Patienten als Individuum und die psychische Krankheit als eine Art
Einzeleinheit vorgestellt bekommen.
[00:00:40.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache es jetzt ein bisschen komplizierter.
[00:00:41.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich probiere ihnen die psychische Krankheit innerhalb des Systems vorzustellen und auf
dem dann auch aufzubauen, wie man mit der psychischen Krankheit umgehen soll, in
diesen schwierigen Krisensituationen.
[00:00:53.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich postuliere gleich am Anfang der Einleitung, dass die psychische Krankheit stets, und
ich sage immer, sie ist nie genetisch bedingt, aus meiner Sicht.
[00:01:06.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die psychische Krankheit entsteht immer im Zusammenhang mit dem familiären Umfeld
und dem weiteren sozialen Umfeld.
[00:01:15.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit den Erfahrungen, die der Mensch in seinem Leben macht.
[00:01:20.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage weiss man auch aus der Neuropsychologie, dass die Erfahrungen im
Gehirn festgelegt werden.
[00:01:33.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf der Hardware festgelegt werden und dort wieder abgerufen werden und natürlich
wieder verwendet im späteren Leben.
[00:01:41.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht mehr einfach nur Annahme, man kann es heutzutage sogar wissenschaftlich
aufzeigen, was natürlich für das materialistische Weltbild der Ärzte sehr wichtig ist.
[00:01:52.540] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sage ich, die psychische Krankheit sollte immer im Umfeld in der
Entstehung angeschaut werden und somit auch im Umfeld behandelt werden.
[00:02:06.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte immer das Familienumfeld miteinbeziehen, wenn nicht in der Person, dann
doch im Kopf von der Geschichte her.
[00:02:17.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht um Fakten und was wir machen.
[00:02:26.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Geschichte, das sind auch Fakten.
[00:02:29.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Fakten sind alle im Kopf drinnen von diesem Individuum und diese muss man mit
in Rechnung ziehen.
[00:02:34.900] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Augenblick verstehen sie die psychische Krankheit besser und sie können diese
Familiengeschichte auch als Ressourcen verwenden.
[00:02:46.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich sehr wichtig.
[00:02:49.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein paar Gedanken zum systemischen Verständnis und der psychischen Krankheit.
[00:02:54.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wieder ein Postulat.
[00:02:57.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehungspflege innerhalb eines Systems ist etwas ganz Wichtiges.
[00:03:01.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehungspflege innerhalb dieses Systems ist ein wichtiger Teil der
Zusammenarbeit.
[00:03:09.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie bewirkt, dass man gut oder schlecht zusammenarbeitet.
[00:03:13.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie bewirkt ein Kohäsionsgefühl, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wie man zu diesem
System dazugehört, was dort Usus ist.
[00:03:25.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Kohäsion sehr gut ist, fühlt man sich wohl. Das gibt ein
Wohlbefindlichkeitsgefühl und es gibt ein Sicherheitsgefühl.
[00:03:36.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist umso wichtiger in der heutigen Zeit, in der sehr viel Verunsicherung in der Luft
liegt, in der Politik und im Finanzwesen.
[00:03:46.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehungspflege wird unter Vater, Mutter und Kindern gepflegt.
[00:03:55.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehungspflege unter den Eltern ist auf eine Art das Fundament auf dem sich das
Familiensystem aufbaut.
[00:04:05.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wird die Beziehungspflege über längere Zeit gestört oder bricht sogar zusammen aus
irgendwelchen Gründen, auf das gehe ich jetzt nicht ein, das geht viel zu weit, dann
leidet die Entwicklung des Kindes.
[00:04:20.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, in dem die Entwicklung des Kindes leidet, treten dann sogenannte
Entwicklungsstörungen auf psychiatrische Störungen.
[00:04:30.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich spreche von Entwicklungsstörungen innerhalb der Psyche.
[00:04:36.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Die anderen lasse ich hier weg.
[00:04:39.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Entwicklungsstörungen führen schlussendlich zu Krankheiten.
[00:04:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die meisten psychiatrischen Krankheiten treten in der Pubertät auf.
[00:04:48.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles, was in der Pubertät auftritt, kann dann weitergehen oder es kann sich wieder
regulieren.
[00:04:58.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem, wie man eingreift.
[00:05:00.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin erstaunt, wieviel in der Pubertät bei den jungen Leuten schon schwierige,
schwerste Krankheitsbilder diesen jungen Menschen angehängt werden.
[00:05:07.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Die behandelnde Psychiatrie steuert den jungen Patienten, den jungen Menschen, die
noch gar keine fertige Persönlichkeit ist, steuert er auf eine Art in Richtung Krankheit.
[00:05:20.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ja den Spruch von der Selffulfilling Prophecy. Die selbsterfüllende Prophezeiung.
[00:05:26.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man annimmt, dass er sich der in dieser Richtung entwickelt, dann muss er sich
fast in diese Richtung entwickeln.
[00:05:33.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Anstatt dass man ihn wieder in die gesunde Entwicklung bringen kann, lässt man sich
all diese schönen psychiatrischen Krankheitsbilder bestätigen.
[00:05:41.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Folge dieser psychischen Krankheitsbilder ist ein verändertes Sozialverhalten, das
mehr oder weniger auffällt.
[00:05:53.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Patient zu Ihnen kommt, dann ist das Sozialverhalten meistens schon so sehr
gestört, dass es wirklich auffällig ist.
[00:06:03.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Das veränderte Sozialverhalten, das die psychische Krankheit mit sich bringt, zeichnet
sich aus, unterscheidet sich von der körperlichen Krankheit.
[00:06:13.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der körperlichen Krankheit wirkt es sich nur auf das körperliche Organ aus.
[00:06:18.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hirn wirkt sich auf alles aus und wirkt sich unter anderem auf das Verhalten aus.
[00:06:24.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das veränderte Verhalten treffen sie in ihrem Berufsalltag an.
[00:06:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe schon viele Sozialarbeiter, Psychiatrieschwestern oder Spitexschwestern, die
ambulant gearbeitet haben, ausgebildet.
[00:06:40.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt immer der Vorwurf: wir sind keine Therapeutin. Von den Ärzten kommt der
Vorwurf, sie dürfen keine Therapie machen.
[00:06:48.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will sie empowern und ich will ihnen Wertschätzung und Kraft geben.
[00:07:06.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch wenn sie keine Psychotherapeuten sind und ihre Pflicht nicht darin besteht, dass
sie alle therapieren und ihr Verhalten verändern.
[00:07:17.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen sie dennoch lernen, mit diesem veränderten Verhalten umzugehen.
[00:07:21.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man auf geschickte Art machen oder auf weniger geschickte Art.
[00:07:28.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ungeschickte Art ist symptomverstärkend, und die geschickte Art ist Symptom zu
reduzierend.
[00:07:33.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe vorhin auch eine Kritik an der traditionellen Psychiatrie angebracht.
[00:07:40.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die traditionelle Psychiatrie eine Diagnose stellt, bei einer 16 Jährigen, wie
Borderline oder manisch-depressiv, bipolar etc.
[00:07:48.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit werden die Symptome eher verstärkt. Das finde ich nicht sehr gut.
[00:07:56.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will allen Menschen eine Chance geben, sich wieder in Richtung Normalität zu
verändern.
[00:08:01.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass sie etwas von der Krankheit verstehen, die in diesem Umfeld
entstanden ist.
[00:08:09.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Symptomverstärkung kann es je nach Patient gefährlich werden.
[00:08:23.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sich ungeschickt verhält, kann es für einem selber gefährlich werden.
[00:08:27.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Je besser sie den Patienten systemisch verstehen, innerhalb seines Umfeldes, umso
weniger machen sie die gleichen Fehler, umso geschickter können sie mit ihm
umgehen.
[00:08:42.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss artgerecht mit dem Patienten umgehen.
[00:08:46.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Jedes Individuum wäre eine andere Art.
[00:08:49.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache jetzt lauter neue Spezies.
[00:08:54.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es gar nicht mehr geht und sie sind am Ende ihres Lateins, sie bekommen Angst,
dann wird es gefährlich.
[00:09:02.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Patient will sich an ihnen halten.
[00:09:04.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann ein kleines Beispiel bringe.
[00:09:07.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte mal einen psychotischen Patienten. Ich sass auf meinem Stuhl und er war voll
psychotisch. Er zog mich vom Stuhl runter.
[00:09:13.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind beide auf dem Boden herumgerollt.
[00:09:18.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe nur nach meiner Sekretärin gerufen. Sie kam rein. Wir beide lagen verstört am
Boden. Ich habe ich meinem Patienten gesagt, es sei Zeit, dass wir in die Klinik gehen.
Er ist mir gefolgt wie ein Hündchen.
[00:09:37.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Später sagte er: ich wollte ihnen nichts tun.
[00:09:42.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin sicher erschrocken. Ich habe nicht zurückgeschlagen oder einen Alarmknopf
gedrückt. Ich habe versucht, vernünftig mit ihm umzugehen.
[00:09:52.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Nachher hat er sich entschuldigt, dass er das gemacht hat. Er wollte sich nur an mir
festhalten. Er hatte solche Angst.
[00:10:02.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Er fühlte sich verfolgt. Ich war quasi sein Leuchtturm oder sein Sicherheitsanker.
[00:10:09.560] – Dr.med. Ursula Davatz
So hat er mich zu Boden gezogen.
[00:10:11.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sekretärin, die zu Hilfe kam, in dem sie einfach reinkam, das war durchaus gut.
[00:10:19.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mir Hilfe von meiner Sekretärin geholt.
[00:10:22.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sehen, es braucht nicht immer eine Fachperson oder die Polizei.
[00:10:26.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist auch eine Fachperson, aber nicht eine psychiatrische Fachperson.
[00:10:30.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie Angst bekommen, spürt das der Patient. Er merkt, dass sie keine Person
mehr sind, an der man sich halten kann. Dann kann das zur Eskalation kommen.
[00:10:47.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist es sicher wichtig, dass sie zu anderen Massnahmen greifen. Hier kommt der
fürsorgerische Freiheitsentzug, jetzt heisst es fürsorgerische Unterbringung.
[00:11:00.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nach wie vor eine juristische Massnahme. Das ist schön formuliert.
[00:11:11.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Für den Patienten ist es ein Freiheitsentzug. Dementsprechend wird das auch
empfunden.
[00:11:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Durchführung der fürsorgerischen Unterbringung, kommt es weiter darauf an,
wie sie es machen, wie sie sich verhalten.
[00:11:30.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch in dieser akuten Situation ist es wichtig, dass sie sich systemgerecht und
situationsgerecht verhalten.
[00:11:40.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche jetzt ein paar Fehler aufzuzeigen, die man meistens macht.
[00:11:40.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Der erste typische Fehler, den wir Fachleute oft machen, mit Leuten, die sich "daneben"
benehmen, die sogenannt spinnen. Diese wollen wir erziehen.
[00:12:06.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Man will ihnen sagen: nein so geht es nicht. Das akzeptiere ich nicht.
[00:12:06.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Achtung, aufgepasst: nicht erziehen, zur Standpunkt beziehen.
[00:12:26.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das klingt für sie vielleicht fast gleich.
[00:12:26.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kennen alle aus ihrer Ausbildung: ich Position beziehen.
[00:12:26.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gilt auch hier.
[00:12:32.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ich Position bedeutet natürlich nicht, ich finde, wenn sie das nicht machen, dann
muss ich die Polizei holen.
[00:12:39.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist keine Ich Position.
[00:12:42.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ich Position muss wirklich bei einem selber bleiben.
[00:12:48.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen das abweichende Sozialverhalten nicht korrigieren wollen, ad hoc, jetzt, im
Hier und Jetzt. Sie müssen es einfach stehen lassen.
[00:13:00.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen es von sich aus reden, so wie von zwei verschiedenen Sternen.
[00:13:05.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht können sie sich den Petit Prince vorstellen, der sein Füchslein gezähmt hat
und von einem anderen Stern gesprochen hat.
[00:13:13.791] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_kleine_Prinz
[00:13:13.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf deinem Stern klingt das so, das kann ich nachvollziehen.
[00:13:14.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte auch den anderen validieren auf seinem Stern.
[00:13:25.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf meinem Stern sieht es so aus.
[00:13:26.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich fühle mich jetzt verpflichtet, so zu handeln.
[00:13:35.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie beziehen eine eigene Position. Sie stehen für sich ein, sie stehen für ihre Ethik ein,
für ihren Auftrag ein.
[00:13:42.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollen gar nicht direkt etwas am Patienten verändern.
[00:13:47.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald sie ihn erziehen wollen, ihm etwas beibringen, ihn korrigieren wollen, löst das
Druck aus und er wehrt sich noch mehr mit der gleichen Waffe.
[00:13:59.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Luc Ciompi, ein emeritierter Professor aus Bern, der viel mit Schizophrenen gearbeitet
hat.
[00:14:09.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat den Begriff der Affektlogik geprägt.
[00:14:14.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Er sagt, der Affekt herrscht manchmal und in diesen Situationen immer über die Logik.
[00:14:21.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Das neue Gesetz macht alles sehr gut.
[00:14:29.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich, wenn sie den Menschen vor sich haben, geht es nicht um Gesetz und
nicht um Logik und nicht um Vernunft, sondern um Emotionalität.
[00:14:37.720] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Augenblick beherrscht die Emotionalität das Verhalten.
[00:14:42.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie in diese Emotionalität hinein argumentieren und sogar noch gescheit hinein
argumentieren und sogar noch recht haben, dann drücken sie den Patienten in eine
Ecke, sie verbauen ihm den Fluchtweg und im Augenblick, wo man ihm den Fluchtweg
mit der Argumentation verbaut, wird er eher noch verrückter.
[00:15:06.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst er geht noch mehr auf sie los und will sie emotional überzeugen, erpressen,
manipulieren, dass das nicht stimmt, was sie sagen.
[00:15:16.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum überhaupt nicht überzeugen wollen, sondern ihn dort auf dem Stern stehen
lassen.
[00:15:22.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Von mir aus das sogar noch respektieren.
[00:15:23.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich sehe, sie sehen es so oder für sie ist es so.
[00:15:27.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Pause.
[00:15:27.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich als Sozialarbeiterin, Vormündin, Vertreterin der Stadt oder was sie dann immer sind,
bin in dieser Situation leider gezwungen das so und so zu beurteilen.
[00:15:41.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Trennen und nicht überzeugen wollen.
[00:15:45.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Erzieherinstinkt, welcher in uns allen drinnen steckt, wir sind alles Mütter. Die Väter
haben den Erzieherinstinkt weniger. Die Väter kommen eher mir der Macht.
[00:16:02.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt einen blöden Witz.
[00:16:02.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frauen sagen: ich kann schon noch etwas aus diesem Mann machen.
[00:16:11.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Frauen, Mütter, sind dem Erzieherinstinkt noch mehr unterworfen.
[00:16:14.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Männer gehen eher auf Konfrontation, im Sinne von: wenn du nicht so machst,
dann kräftige ich meinen Arm.
[00:16:26.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Die kommen dann mit der Macht.
[00:16:27.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wirkt genau gleich bedrohlich wie der Erzieherinstinkt.
[00:16:33.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf eine eigene Position beziehen, eine Ich Position beziehen, ohne das
Gegenüber überzeugen zu wollen.
[00:16:33.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ohne Bedrohung. Bedrohen bringt es gar nicht.
[00:16:46.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein ganz wichtiger Punkt ist: die Emotionen beruhigen. Wenn sie selber ein bisschen
ruhiger sind als der Patient, wirkt das schon beruhigend.
[00:16:46.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie das Gefühl haben, dass sie die Sachen einigermassen im Griff haben, wirkt
das beruhigend.
[00:17:00.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen zuerst sich beruhigen. Die Beziehung aufrechterhalten zum Patient. Das
wirkt auch beruhigend auf den Patienten.
[00:17:30.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Gesundheitswesen und unser Sozialwesen sind relativ stark vom Juristischen
her besetzt.
[00:17:36.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Man meint, wenn man einen Vertrag machen kann, dass man
Austrittsbehandlungsplanungen machen kann.
[00:17:44.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche habe ich natürlich viel erlebt.
[00:17:48.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben aber auch nicht funktioniert.
[00:17:50.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Kein Vertrag bringt etwas, wenn man keine Beziehung zum Patienten herstellen kann
oder wenn man keinen Therapeut hat, der das kann.
[00:18:01.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehöre ich nicht zu denen, die an die Verträge glauben.
[00:18:05.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich glaube nicht so sehr an diese Massnahmen.
[00:18:11.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit juristischem Denken, kann man Emotionen nicht einbinden, sonst wäre unser
Strafrecht sehr viel erfolgreicher, was es nicht ist.
[00:18:20.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Emotionen lassen sich über Dokumente nicht kanalisieren.
[00:18:26.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich kommt es immer wieder darauf an, dass sie dem Patienten selber
gegenüber stehen und für das, was sie tun wollen, selbst hinstehen.
[00:18:40.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Die psychische Krankheit lässt sich nicht per Vertrag regeln und nicht per Vertrag, nicht
per Behandlungsplan unter Kontrolle bringen.
[00:18:49.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage das, weil ich mit sehr vielen Schizophrenen arbeite, also mit den schwierigsten
der psychisch Kranken. Ich rede in dem Sinn aus Erfahrung.
[00:19:00.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage als Beispiel, auch in der Politik haben diese Verträge, diese Friedensverträge
auch nicht so viel gebracht.
[00:19:07.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Beispiel ist der letzte Weltkrieg. Man hat mit Adolf Hitler einen Vertrag gemacht und
am nächsten Tag hat er den Krieg angefangen. Adolf Hitler war ein psychisch Kranker.
[00:19:14.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Gott sei Dank sind nicht alle unsere psychisch Kranken nicht so schlimm wie der Hitler.
[00:19:23.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gesagt, ich muss es wieder sagen. Bei den psychisch Kranken wird ihr Verhalten
von ihren Emotionen her gesteuert, nicht per Vertrag und nicht per Vernunft.
[00:19:33.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sie tun können um Zeit zu gewinnen, bei allen Geiselnahmen und allen weiteren
kritischen Situationen. Es geht immer darum, dass man Zeit gewinnen muss, damit die
Situation nicht eskaliert und damit man dann auch das Richtige macht.
[00:19:33.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Um Zeit zu gewinnen, muss man versuchen eine vertrauensvolle Beziehung
herzustellen oder mit einer anderen Bezugsperson vom Familiensystem eine
vertrauensvolle Beziehung herstellen und versuchen, die Situation zu deeskalieren.
[00:20:12.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt noch ein paar andere Fehler, die man häufig macht.
[00:20:14.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort geht es nicht um den fürsorglichen Freiheitsentzug.
[00:20:18.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Messiness mit im Spiel ist, könnte das auch mitspielen.
[00:20:25.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben oft Patienten, die sie bejammern und sehr viel negative Emotionen haben.
Schmerz, Wut oder Trauer. Sie klagen über ihre Situation oder sie sind immer wütend.
[00:20:40.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Emotionen besänftigen zu wollen geht meistens nicht. Dann fühlt sich der Patient nicht
ernst genommen. Er muss dann noch mehr aufdrehen.
[00:20:50.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geschieht bei somatischen Ärzten immer, wenn Patienten vor allen Dingen die
Leute aus dem Balkan, mit Schmerzproblemen zu einem kommen.
[00:20:58.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wollen die Ärzte das immer ein bisschen runterreden.
[00:21:03.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir finden ja nichts im Röntgenbild, folglich kann es nicht so schlimm sein.
[00:21:09.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt nichts, denn der Patient fühlt sich nicht ernst genommen. Dann muss er noch
mehr aufdrehen. Dann hat er noch mehr Schmerzen und läuft noch gebückter oder es
geht ihm noch viel schlechter.
[00:21:18.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Von daher nicht, die Emotionen besänftigen wollen, im Sinne von verneutigen/
verachten. Anderen geht es noch schlechter als ihnen. Die üblichen Dinge, die man es
sagt.
[00:21:29.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man etwas machen will, dann eher ein Reframing.
[00:21:33.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, die Situation, in der der Patient steckt, eher auf eine andere Art darstellen.
[00:21:41.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es einem gelingt, die Situation auf eine humoristische Art darzustellen, also quasi
die Tragik/Komik aus der Situation herauszuholen, dann hat man natürlich sehr viel
gewonnen.
[00:21:53.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gelingt einem nicht immer.
[00:21:54.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn einem das gelingt, dann ist das sehr hilfreich.
[00:21:56.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man die Situation anders darstellt und dann auf eine andere Schiene kommt,
kann man ein bisschen ablenken und dann hat man vielleicht wieder mehr
Manövriermöglichkeiten.
[00:22:08.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Es bringt nichts, gegen das Symptom vorzugehen.
[00:22:11.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Das machen wir Ärzte immer, aber das bringt in dem Moment überhaupt nichts.
[00:22:17.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Patient wird höchstens verrückter, sie nimmt mich nicht ernst, sie sehen nicht, wie
ich leide etc. und die ganze Leier beginnt von vorne.
[00:22:36.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das Gefühl hat, man komme dem näher und man kann es jetzt nicht mehr
handhaben ohne FFE, nie mit dem FFE drohen.
[00:22:45.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie das nicht machen, dann muss ich sie einweisen. So im Sinne einer
Bestrafung.
[00:22:51.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wirkt der FFE wie eine Bestrafung.
[00:22:54.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche Dinge hat man oft auch in der Drogentherapie gemacht. Wenn du nicht das
machst, fliegst du raus. Das bringt nichts.
[00:23:02.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man etwas machen will, muss man das innerlich beschliessen.
[00:23:06.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man alle Massnahmen getroffen hat, muss man so schnell wie möglich handeln.
[00:23:12.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss nicht hinterrücks handeln, aber man muss eine Übermacht organisieren,
damit man handlungsfähig bleibt.
[00:23:18.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man den Patienten bedroht und sagt: wenn sie ihre Medikamente nicht nehmen,
muss man ein FFE machen, steigt man nur in den negativen Bereich, den
Eskalationszirkel ein und es wird schlimmer.
[00:23:33.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Die manisch depressiven Patienten jagt man dann.
[00:23:37.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie fahren dann wild durch die Gegend oder springen irgendwo runter, weil sie vor
einem flüchten und meinen, sie könnten hier ausweichen.
[00:23:46.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es schon machen muss, muss man quasi in Überfall bereit sein, sodass der
Patient merkt, dass man stärker ist, er hat kein Bier hat und es wird gemacht.
[00:23:57.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sollte ihm aber natürlich gesagt werden.
[00:24:02.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde nicht vorschlagen, wenn der Arzt das nicht möchte, und wenn er sagt, ich
muss ihn nachher weiter behandeln, und darum möchte ich kein Böser sein, ich möchte
nachher der liebe Therapeut sein und machen doch bitte sie den FFE.
[00:24:22.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Als systemisch Denkende sage ich: Nein, da hilft man dem Arzt aus der Schlinge.
[00:24:27.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Er sollte nachher dafür hinstehen und sagen: jawohl ich habe das gemacht. Ich stehe
dahinter. Ich habe es nach meinem Gewissen gemacht. Ich musste das machen. Ich
habe es nach bestem Wissen und Gewissen gemacht. Ich würde es wieder tun, wenn
es so wäre.
[00:24:29.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt eine wirkliche Auseinandersetzung, zwischen Therapeut und Patient.
[00:24:48.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er es dem Stadtarzt zuschiebt, drückt er sich vor dieser Auseinandersetzung und
das ist keine gute Sache.
[00:24:58.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Der behandelnden Therapeut missbraucht den Stadtarzt, um etwas auszuführen, das er
nicht gerne macht. Er muss für ihn die dreckige Arbeit machen.
[00:25:10.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Systemisch gesehen ist das nicht korrekt und auch nicht so nachhaltig.
[00:25:17.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Was man machen kann, wenn man nicht mehr vom FFE absehen kann, ist
Pseudoalternativen anbieten. Das ist ein systemisches Vorgehen.
[00:25:32.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, wo sie noch zwei Wahlmöglichkeiten haben.
[00:25:32.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eine Art Pseudowahl. Sie können ihre Medikamente manipulativ, zwangsmässig
nehmen, oder sie können den FFE wählen.
[00:25:47.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eigentlich ein Widerspruch aber man gibt dem Patienten doch zwei
Möglichkeiten.
[00:25:58.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Strategien werden oft angewendet, wenn man am Ende ist.
[00:26:01.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese beiden Zwangsmöglichkeiten kann man anbieten.
[00:26:04.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann dann zwischen zwei schlechten Sachen wählen, aber man kann immer noch
wählen.
[00:26:09.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Schlimme für den Menschen ist, wenn er einen Kontrollverlust hat.
[00:26:13.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er nicht mehr wählen kann, verliert er die Kontrolle über sich selbst. Das hat
niemand gern.
[00:26:19.640] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne kann man die sogenannten Pseudoalternativen anbieten.
[00:26:28.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie ich schon gesagt habe, wenn die Gefahr im Verzug ist, dann muss man schnell
handeln und nicht gross davon reden, bis man voll und ganz vorbereitet ist. Dann muss
man eingreifen.
[00:26:48.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kommt die Essenz davon, was ich am Anfang angekündigt habe.
[00:26:48.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es immer irgendwie geht, die Familie miteinbeziehen.
[00:26:55.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, schauen, wer noch da ist.
[00:26:57.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familie macht es genau gleich wie der Arzt, der behandelnde Arzt. Die wollen nur
die Lieben sein. Wenn es schwierig ist, heisst es: schaff mir das schwierige Kind vom
Leib.
[00:27:06.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind in der Klinik ist, wird wieder zusammengespannt. Dann heisst es, der
böse Arzt hat das Kind eingewiesen, eigentlich wollten wir das gar nicht. Sie stehen
nicht hinter dem Entscheid.
[00:27:21.060] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne sage ich, wenn es noch jemanden in der Familie gibt, sei es Vater,
Mutter, Geschwister, etc, auch wenn es sich um eine alte Mutter handelt, muss man die
Kinder reinholen. Wenn es sich um einen jungen Schizophrenen handelt, muss man die
Eltern reinholen und dann versuchen, dass jemand von diesem System zu diesem
Entscheid steht, dass er mitträgt.
[00:27:53.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehungen sind irgendwo schief gelaufen. So entstand die psychische Krankheit.
[00:27:58.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn niemand vom System das mit trägt, wenn er es einfach delegiert an den Arzt
nach aussen oder an den Stadtarzt, dann wird die Problematik outgesourced.
[00:28:09.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Problematik nur ausgelagert wird, ist das nur eine Krisenintervention, aber
es hat keine nachhaltige Wirkung.
[00:28:19.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Vater mit trägt, häufig muss ich die Väter reinholen, damit die mitmachen. Die
Mütter können es oft nicht so gut. Es gibt auch Mütter die voll dahinter stehen.
[00:28:36.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich jemanden vom System reinholen kann, dann hat dieser Eingriff eine bessere
Wirkung.
[00:28:36.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe hier ein Beispiel eines 17 jährigen Jugendlichen.
[00:28:41.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe relativ wenig FFEs gemacht.
[00:28:46.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war ein Drogensüchtiger. Wir hatten ihn zuerst noch ambulant oder teil stationär.
Dann ist das alles dermassen eskaliert, dass ich es nicht mehr verantworten konnte.
[00:28:57.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich fand, wenn ich den einfach so lasse, dann verkommt der. Mit allem Recht auf
Verkommen und Verelenden. Wenn er erst 17 Jahre alt ist, sollte er doch noch eine
bessere Chance haben. Das war im Kanton Aargau.
[00:29:09.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ihn nicht per Bezirksarzt eingewiesen. Ich wusste genau, wenn ich den
einweise via dem Bezirksarzt, dann lässt ihn die Klinik wieder raus. Dann ist er wieder
auf der Gasse. Ich habe dann die Einweisung per Bezirksamtmann gemacht, eine
amtsvormundschaftliche Einweisung.
[00:29:27.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat geklappt. Er kam rein. Er hat am Anfang natürlich getobt und geschumpfen
gegen mich.
[00:29:33.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Klinik hat geschumpfen, dass ich ihnen den untergeschoben habe. Sie konnten ihn
nicht entlassen. Das wollte ich genau.
[00:29:42.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wollte, dass sie ihn behalten, bis sie eine geeignete Institution für ihn finden.
[00:29:42.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich ihn per Bezirksarzt eingewiesen hätte, hätten sie ihn nicht behalten. Dann
hätten sie ihn einfach wieder auf die Strasse geschickt. Sie haben ihm dann wohl oder
übel eine Institution gesucht. Er ist dort hingekommen. Er wurde entzogen. Später kam
er zu mir und hat sich bei mir bedankt.
[00:29:57.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Er kommt noch jetzt zu mir, stellt seine Freundin vor und wenn immer etwas ist, kommt
er.
[00:30:16.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat mir den gewaltsamen Freiheitsentzug nicht übel genommen.
[00:30:20.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hätte jederzeit dazu hinstehen können und sagen können, dass ich es gemacht
habe und dass ich es wieder machen würde.
[00:30:25.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe es aus dem und dem Grund gemacht. Das war meine Überzeugung.
[00:30:29.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gleiche versuche ich den Eltern beizubringen, dass sie, wenn sie so etwas
durchziehen, mit meiner Hilfe, ich helfe ihnen, das zu machen, aber ich will es nie
alleine im Auftrag von ihnen machen.
[00:30:42.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich ziehe sie mit in die Verantwortung.
[00:30:47.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre das systemische Vorgehen.
[00:30:51.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt noch kurz zum Abschluss.
[00:30:55.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei diesem Jugendlichen habe ich mit den Eltern gearbeitet. Dort haben wir es auch
zusammen gemacht. Die Mutter war völlig verzweifelt.
[00:31:08.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mit den Eltern weitergearbeitet.
[00:31:10.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Letztes zum Abschluss, damit sie nicht ins Fettnäpfchen treten, und jetzt kommt
wieder die Geschichte, damit sie als professionelle Helfer nicht in dieselben Falle treten
wie das Familiensystem, ist es natürlich sinnvoll, dass sie das Familiensystem ein
bisschen kennenlernen.
[00:31:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles, was sie an Daten holen können und sich ein Bild machen können, in welchem
Kontext der Patient aufgewachsen ist, hilft ihnen, dass sie nicht die gleichen Fehler
machen, wie die Familie das schon gemacht hat.
[00:31:44.060] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne lohnt es sich, die Biografie nicht nur die Krankengeschichte eines
Patienten aufzunehmen, eines Klienten, sondern die Biografie.
[00:31:53.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das auch nur bruchstückartig ist, es gibt ihnen doch ein besseres Bild.
[00:31:57.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe immer gesehen, je chronischer diese Krankheiten waren, also die
psychiatrischen Patienten, umso dicker das Dossier.
[00:32:07.020] – Dr.med. Ursula Davatz
An den Fallvorstellungen hörte man nur immer etwas über die Krankengeschichte, aber
gar nichts darüber, wer das ist, wo er herkommt, zur Person etc.
[00:32:14.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich rate ihnen sehr und lege ihnen sehr ans Herz, dass sie sich diese Biografie
reinholen, damit sie dann fachlich geschickter vorgehen können.
[00:32:26.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihre vielleicht administrative Vorgehensweise oder Intervention hat dann eine
therapeutische Auswirkung.
[00:32:34.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Hingegen nur sie und der Patient und sonst gibt es niemanden mehr auf dieser Welt,
dann verpassen sie viele Chancen, viele Ressourcen, sie sind weniger effizient und
weniger effektiv.
[00:32:50.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Schlussbemerkung sage ich: machen sie sich immer ein besseres Bild vom
Familiensystem, bevor sie zur Handlung schreiten.
[00:33:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei chronischen Situationen von chronisch-psychisch Kranken oder auch bei
Akkutsituationen, in denen Selbst- und Fremdgefährdung vorhanden ist.
[00:33:09.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich.
[00:33:09.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können effektiver vorgehen.
[00:33:09.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können ein besseres Ergebnis erreichen, weil sie nicht in so viele Fettnäpfchen
trampen.
[00:33:17.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können mit weniger mehr bewirken, also effizienter.
[00:33:28.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Das spielt heutzutage eine riesige Rolle, denn das Geld ist immer ein Diskussionspunkt.
[00:33:35.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man am Ende sagen muss: ausser Spesen nichts gewesen. Es ist zwar alles
sehr korrekt abgelaufen, dann ist das schade.
[00:33:48.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wurde immer die Verhaltenstherapie erwähnt.
[00:33:54.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Verhaltenstherapie geniesst ein grosses Ansehen bei den Versicherungen, bei allen
Forschungsinstrumenten, weil sie einfach zu beforschen ist.
[00:34:04.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue sie als relativ limitiert an.
[00:34:09.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Verhaltenstherapie ist schnell auf der Seite der Erziehung oder Dressur.
[00:34:14.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann verhaltenstherapeutische Aspekte mit rein nehmen.
[00:34:16.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Krankenkasse und bei den Versicherungen wird heute auch immer von Case
Management gesprochen.
[00:34:24.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, der Patient wird wie ein Fall behandelt, also administriert.
[00:34:30.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin auch keine Freundin von Case Management. Das heisst, im Prinzip wäre das
schon recht. Ich spreche eher von Prozessmanagement.
[00:34:40.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Versuchen sie eher, den Prozess gut zu manage, anstatt den Fall, den Patienten.
[00:34:48.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Der ganzen Psychiatrie haftet immer noch an, dass der psychiatrische Patient enorm
bevormundet wird.
[00:34:57.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Er wird mehr bevormundet, als der somatische Patient. Das ist eine Fehlangelegenheit.
[00:35:07.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, wir sollten den psychiatrischen Patienten immer auch als gegenüber sehen,
sonst machen wir viele Fehler.
[00:35:15.680] – Dr.med. Ursula Davatz
In gewissen Situationen müssen wir handeln, das ist ganz klar.
[00:35:21.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Denken sie eher an ein Prozessmanagement, in dem sie sich selbst mit ihren
Fähigkeiten handhaben, in dem sie zusammenarbeiten mit allen anderen.
[00:35:31.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird der Patient weniger bevormundet, weniger gedemütigt.
[00:35:36.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Er muss sich weniger gegen ihr Vorgehen wehren.
[00:35:41.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn kein Familiensystem mehr vorhanden ist, ist dennoch die Geschichte des
Familiensystems vorhanden.
[00:35:49.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Die kann man alleweil holen und die ist alleweil in einem gewissen Sinne
richtungsgebend.
[00:35:55.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann nicht genug dafür plädieren.
[00:36:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind nicht so fest, nur im Urwald und im Dunkeln. Sie haben viel schneller ein
besseres Verständnis für die Situation und das Individuum, das sie vor sich haben.
[00:36:09.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre mein Plädoyer.
[00:36:49.640] – Bemerkung 1
Ich verstehe, dass man die Familie miteinbeziehen muss. Wie ist das bei der FFE
Vorbereitung?
[00:37:01.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht ja beim FFE nicht darum, dass man auf Lebzeiten bevormundet, sondern es
geht darum, dass man in diesem Moment verantwortungsvoll handelt.
[00:37:18.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich dann die Familie miteinbeziehe, dann will ich, dass sie mit die Verantwortung
trägt.
[00:37:24.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familie weicht dem Konflikt aus.
[00:37:27.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie überträgt, sie lagert die Probleme auf sie aus. Sie müssen dann das Problem für die
Familie lösen. Das können sie langfristig nicht tun.
[00:37:28.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es irgendwie geht, jemanden von der Familie miteinbeziehen, dass er den Schritt
vom FFE mit trägt. Macht das keinen Sinn für sie? Empfinden sie das als
Bevormundung?
[00:37:54.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf der anderen Seite schützt man den Patienten vor der Bevormundung der Eltern.
[00:38:01.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch das ist nicht in Ordnung.
[00:38:03.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die müssen sich miteinander auseinandersetzen.
[00:38:05.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ohne diese Auseinandersetzung gibt es kein Erwachsen werden und keine
Eigenverantwortung.
[00:38:11.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem sie den Patienten schützen vor diesen bösen Eltern, bevormunden sie ihn auch.
Sehen sie, was ich meine?
[00:38:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte die Familie zur Verantwortung ziehen, dass sie mit trägt.
[00:38:25.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch bei einem Suizid frage ich immer: wollen sie, dass ihr Angehöriger eingewiesen
wird? Haben sie Angst?
[00:38:38.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Angst sehr hoch ist im System, dann sage ich: ich zeige ihnen, wie man es
macht.
[00:38:43.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich lasse sie dann auch einige Schritte machen. Ich begleite sie.
[00:38:48.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich übernehme nie die ganze Verantwortung. Es sei denn, es ist absolut wahnsinnig
akut.
[00:38:53.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familie präsentiert sich immer so, dass sie es ganz akut macht, dass dann der
Notfallarzt handeln muss.
[00:39:02.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Danach schimpft sie über den. Das will ich verhindern.
[00:39:07.880] – Bemerkung 2
Wie arbeiten sie mit Migranten, die keine Familie vor Ort haben?
[00:39:13.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Migranten versuche ich zuerst, ihr System zu verstehen.
[00:39:18.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ticken ja oft etwas anders als wir.
[00:39:21.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich mit schweizerischen Massstäben komme, laufe ich daneben.
[00:39:25.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche zuerst, sie auch kulturell zu verstehen. Ich muss schauen, wie sie
funktionieren. Häufig sind das patriarchale Systeme. Dann schaue ich nach einem
Patriarch in der Familie und versuche, mich mit ihm zusammen zu tun. Oder ich hole
einen Patriarch in unserem System. Das muss auch ein Mann sein und vielleicht der
Vorgesetzte. Wenn es nur eine Frau gibt, dann muss es diese machen.
[00:39:51.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es einen Hausarzt gibt, kann man diesen reinziehen.
[00:39:55.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man systemgerecht mit diesem System umgeht.
[00:40:01.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er ganz alleine hier ist, frage ich natürlich auch nach der Geschichte.
[00:40:06.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Migranten frage ich immer, wovor sind sie weggelaufen?
[00:40:11.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind immer von irgendetwas weggelaufen. Es ist nie nur das Geld.
[00:40:15.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist immer noch ein Familiensystem hinten dran, mit dem sie sich nicht
auseinandergesetzt haben. Das war dann auch durch das politische System vertreten.
[00:40:24.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Was haben sie hier erwartet?
[00:40:30.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Migranten kommen meistens mit riesigen Erwartungshaltungen.
[00:40:32.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese nicht erfüllt werden, sind sie verrückt.
[00:40:35.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn wir sollten sie erfüllen, also kindliche Erwartungshaltungen.
[00:40:39.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese beiden Seiten versuche ich abzufangen, anzuschauen und dann zu sagen: ja ich
verstehe sie, ich sehe es. Leider ist die Schweiz nicht aus Milch und Honig gemacht.
Die Schweiz ist kein Läckerlihaus, auch wenn es ein Läckerlihaus gibt in Basel. Darum
kann ich nur das und das machen
[00:41:06.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Wieder abholen dort wo sie sind aber die eigene Realität hinstellen.
[00:41:20.850] – Bemerkung 3
Was ist mit einer 40 jährigen Frau, die sagt, sie habe drei Kinder und zwei Männer und
das ist nicht wahr. Sie war gerade wieder per FFE in der Klinik. Wie soll ich damit
umgehen. Sie hatte nur eine Tochter vor 20 Jahren.
[00:42:19.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Von der Geschichte her, ist das eine Schulddynamik.
[00:42:33.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hatte vor 20 Jahren eine Tochter, sie hat diese zur Adoption freigegeben, hat aber
immer noch Muttergefühle und hat diese Tochter verdreifacht. Sie sagt, dass sie drei
Kinder zu Hause hat.
[00:42:40.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde sofort die Schuldgefühle bei ihr ansprechen und sagen: ah, das muss ihnen
sicher sehr schwer gefallen sein. Was ist dort der Grund gewesen, dass sie sie weg
gegeben haben? Wo ist diese Tochter? Wie geht es ihr? Ich würde ganz konkret auf
ihre Geschichte eingehen. Ich würde ihr nicht ausreden: das stimmt doch gar nicht.
[00:42:41.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Klinik würde ich anrufen und sagen: sie, ich habe hier noch eine Information, die
wichtig sein könnte oder müsste für sie. Ich glaube diese Frau hat die Weggabe dieses
Kindes nicht verarbeitet. Sie hat immer noch Schuldgefühle. Darum sagt sie: ich habe
drei Kinder und ich muss drei Mal nach Hause geben.
[00:43:36.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Psychotiker machen immer eine Verlagerung ihres Symptoms. Sie sprechen nicht von
ihren eigentlichen Gefühlen, sondern sie projizieren es auf eine Geschichte, welche sie
selber konstruieren.
[00:43:44.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nenne das es eine Problemlösungsstrategie auf einer Metaebene.
[00:43:54.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind sehr erfinderisch.
[00:43:57.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen erfinderisch sein. Die Patienten sind von sich aus, von Natur her, sehr
erfinderisch.
[00:44:03.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hilft, ganz konkret auf die Realität einzugehen.
[00:44:06.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum ist es sinnvoll, diese Geschichte zu wissen.
[00:44:09.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eine Patientin, die ein Kind weggegeben hat. Sie war nicht verheiratet. Sie hat
das Kind weg gegeben zur Adoption. Sie fühlte sich schuldig, dass sie Sex hatte und
ein Kind.
[00:44:20.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat sich noch jeden Tag fünfmal geduscht, um das loszuwerden. Sie hat das nicht
los gelassen.
[00:44:28.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Geschichte setzt sich im Hirn nieder.
[00:44:32.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie macht dort gewisse Muster, und das wird immer wieder reproduziert.
[00:44:36.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich, dass man die Geschichte anschaut und sie auf eine Art interpretiert.
[00:44:44.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz normal von dieser Tochter reden, wie sie heisst, wo sie ist, was sie macht, was sie
gelernt hat, ob sie irgendetwas weiss.
[00:44:53.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie nichts weiss, fragen: soll ich helfen, sie zu suchen?
[00:44:56.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage kann man das.
[00:45:00.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man unterbrochen zwischen leiblicher Mutter und Adoptivmutter. Heute
macht man das nicht mehr.
[00:45:11.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde nach den Schuldgefühlen fragen und den Grund weshalb sie das Kind weg
gegeben hat. Wollten die Eltern, dass sie es weggibt. Wer wollte es? Die Entscheide
wurden oft nicht ganz eigenständig getroffen, sondern eher unter Druck. Dann hält es
nicht.
[00:45:26.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie verdreifacht es und die Leute glauben es.
[00:45:26.500] – Bemerkung 4
Wie kommen wir mit unseren beschränkten Ressourcen möglichst schnell zu möglichst
vielen Informationen über das Familiensystem?
[00:45:26.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Später haben wir die Fallvorstellung. Man kann in 20 Minuten ein Diagramm erstellen.
Man muss danach fragen.
[00:45:26.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Teil werden auch unsystematisch Informationen an sie herangetragen.
[00:46:05.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sich eine Krankengeschichte machen, wo sie es notieren, können sie es
immer wieder hervor holen.
[00:46:11.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf der Klinik Barmelweid hatte ich nur 20 Minuten Zeit, um das Familiendiagramm
aufzuzeichnen. Klar, ich bin schon ein wenig geübt.
[00:46:11.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe in kurzer Zeit das Familiendiagramm aufgenommen. Dann hatte ich doch
einen Anhaltspunkt, um den Patienten besser zu verstehen.
[00:46:30.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin ausgelacht worden von den jungen Assistenzärzten, ich könne nicht einmal
Diagnose stellen, weil ich nach der Grossmutter gefragt habe.
[00:46:36.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Diagnose stellt man aus dem Augenwinkel. Das sieht man ja.
[00:46:46.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Hingegen alle Informationen aus dem Familiensystem muss man erfragen.
[00:46:51.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Leute, die es erlernt haben, verwenden es. Das ist ein sehr wichtiges Instrument.
[00:47:01.710] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich haben Sozialarbeiter das schon länger gemacht, im Sinne von Casework.
[00:47:05.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich wurde die Familientherapie bei den Sozialarbeitern geboren.
[00:47:09.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ärzte haben es dann übernommen.
[00:47:14.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Es war eine Zeit lang sehr in Mode, so in den 1980er Jahren.
[00:47:17.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt ist es wieder etwas ausser Mode gekommen. Jetzt herrschen in der Psychiatrie an
erster Stelle Neuropsychiatrie und Medikamente vor.
[00:47:22.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Neuropsychiatrie hilft mir auch.
[00:47:28.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort sehe ich alle Erlebnisse, die die Leute in der Jugend und im jungen
Erwachsenenalter erlebt haben, sie sind dann dort programmiert.
[00:47:38.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann dann quasi meine Theorie beweisen und das ist auch wieder schön.
[00:47:43.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielen Dank!
8. Jahrestagung der Sozialen Dienste der Stadt Zürich und der
Vormundschaftsbehörde
Fürsorgerische Freiheitsentziehung und Umgang mit psychisch kranken
Menschen
Dr. med. Ursula. Davatz, http://www.ganglion.ch, http://www.schizo.li
Systemischer Umgang mit psychisch Kranken
I. Einleitung
Die psychische Krankheit ist stets im Zusammenhang mit dem familiären und auch
weiteren sozialen Umfeld entstanden. Sie ist niemals ein singuläres Geschehen
innerhalb eines Individuums. Aus diesem Grunde sollte bei der Behandlung der
psychischen Krankheit das Umfeld, d.h. vor allem die Familie, stets mit einbezogen
werden, dies zum besseren Verständnis und zweitens als Ressource.
II. Systemisches Verständnis der psychischen Krankheit
Die Beziehungspflege innerhalb eines familiären Systems ist verantwortlich für den
Zusammenhalt, die Kohäsion und das kollektive Wohl- und Sicherheitsgefühl jedes
einzelnen Familienmitgliedes.
Wird die Beziehungspflege zwischen dem Elternpaar als Fundament des
Familiensystems aus irgendwelchen Gründen ernsthaft über längere Zeit gestört,
leidet die psychische Entwicklung der Kinder darunter.
Eine gestörte psychische Entwicklung führt zu einer psychischen Krankheit und in
der Folge zu verändertem Sozialverhalten.
Dieses veränderte Verhalten der psychischen Krankheit bekommen sie als
Fachperson in ihrem Berufsalltag dann zu spüren.
Sie sind zwar keine Therapeuten und ihre Pflicht ist es nicht, dieses Verhalten zu
verändern, sie müssen aber dennoch lernen, möglichst effizient und nicht Symptom
verstärkend damit umzugehen und auch so, dass es für sie nicht gefährlich wird und
sie nicht stellvertretend für die Familienmitglieder wieder zur Zielscheibe werden.
Wir das psychisch krankhafte Verhalten selbst- oder fremdgefährdend, stellt sich die
Frage des juristisch gewaltsamen Eingriffs durch den FFE.
Bei der Durchführung desselben geht es wieder darum, sich möglichst geschickt
dem Patienten angepasst zu verhalten, damit die Situation nicht eskaliert und es
nicht gefährlich wird für einen selbst.
III. Typische Fehler die gegenüber von psychisch Kranken gemacht werden
1. Nicht erziehen, nur Standpunkt beziehen
Das abweichende Sozialverhalten des psychisch kranken Patienten löst
unweigerlich Korrektur bzw. Erziehungsverhalten in der Fachperson aus.
Ein solches Erziehungsverhalten wirkt sich bedrohlich auf den psychisch
kranken Menschen aus, er fühlt sich bevormundet, nicht ernst genommen und
zieht sich aus der Beziehung zurück oder wird aggressiv. Beides ist nicht
hilfreich, die Situation eskaliert.
Dieser Erzieherinstinkt sollte deshalb unterdrückt werden, um eine
Gewalteskalation zu verhindern.
Was man jedoch tun darf, will man dem abweichenden Sozialverhalten des
psychisch kranken Patienten etwas entgegenhalten, ist eine eigene Position
beziehen, eine Haltung einnehmen, aber ohne jeglichen Überzeugungs- oder
Überredungsversuch. Dieser setzt nur wieder emotionalen Druck auf und erhöht
die Gefahr der Eskalation.
1. Emotionen beruhigen
Der Glaube an den “Vertrag“ ist ein weit verbreiteter Irrtum im Umgang mit
psychisch Kranken. Man geht von juristischem Denken aus, dass ein Vertrag als
juristisches Dokument Emotionen zu binden und somit das Verhalten von
psychisch Kranken zu steuern vermag.
Eine psychische Krankheit lässt sich aber nicht per Vertrag regeln bzw. unter
Kontrolle bringen. Ein Vertrag funktioniert unter Gesunden, und auch dort nicht
immer, siehe Politik, Vertrag mit Hitler etc. oder Friedensvertrag zwischen
Israel und Palästinensern.
Bei psychisch kranken Menschen wird das Verhalten über Emotionen gesteuert
und nicht per Vertrag.
Was man jedoch tun kann, ist Zeit gewinnen und über eine vertrauensvolle
Beziehung, die Emotionen beruhigen beim psychisch Kranken, so dass diese
weniger eskalieren bzw. sogar de-eskalieren.
1. Negative Emotionen wie Trauer, Schmerz oder Wut nicht besänftigen wollen,
sondern “Reframing“ machen
Ist ein Patient krank und klagt oder jammert mit „appellativem
Jammerverhalten“ fühlt man sich schnell dazu verführt zu besänftigen oder
diesen Gefühlszustand mit Argumenten herunterzuspielen, was zur Folge hat,
dass der Patient sich nicht ernst genommen fühlt und sein Symptomverhalten
verstärkt oder aggressiv wird.
Negative Emotionen kann man allenfalls über ein “Reframing“, d.h. durch eine
andere Darstellung der Situation aus einem völlig unerwarteten Blickwinkel
beeinflussen, quasi die Komik der Situation zur Darstellung bringen, so dass aus
dem “Bächli“ ein Lächeln wird.
1. Niemals mit Massnahmen wie FFE drohen, sondern im Notfall schnell handeln
mit Übermacht
Zieht man den FFE in Erwägung, darf niemals mit dieser Massnahme gedroht
werden, denn dies erhöht zusätzlich den emotionalen Druck und verstärkt die
psychischen Symptome bzw. kann eine gefährliche Situation hervorrufen.
Ist man bereit den FFE anzuwenden, möchte man aber zuerst eine andere
Massnahme versuchen, kann man allenfalls eine “Pseudoalternative“ anbieten,
die wie der FFE das gleiche Ziel hat, dem Patienten jedoch die Möglichkeit der
Wahl lässt, zwischen beiden zu wählen.
Beispiel: „Sie können wählen zwischen FFE und ambulanter
Zwangsmedikation.“ Die Alternative darf aber nicht lauten: „Wenn sie die
Medikation nicht akzeptieren, muss ich den FFE durchführen!“
Ist jedoch Gefahr in Verzug, muss schnell und mit Übermacht gehandelt
werden, damit der Patient sofort einsieht, dass er keine Chance hat, d.h. lieber
zu viele Menschen aufbieten, als Verstärkung im Nachhinein zu verlangen.
1. Einbezug des Familiensystems
Müssen gewaltsam Grenzen gesetzt werden, so sollte nach Möglichkeit das
Familiensystem mithelfen diese zu tragen.
Können konflikthafte Beziehungen innerhalb der Familie nicht mehr
gehandhabt werden, springt das Problem über auf die Struktur des Staates als
“Vaterfigur“, d.h. die Sozialhilfe muss eingreifen, wenn das Familiensystem
versagt.
Der “Vater“-Staat sollte aber wenn immer möglich den richtigen Vater und die
richtige Mutter miteinbeziehen und sie zur Verantwortung ziehen, damit die
Massnahme nachhaltiger wird innerhalb des Familiensystems, sonst ist das
Problem nur symptomatisch angegangen und nach aussen delegiert.
“Outsourcing“ nennt man dies. Da der Staat keine natürliche Einheit mit dem
Patienten darstellt, wie dies die Familie ist, können diese Probleme aber niemals
langfristig und nachhaltig gelöst werden.
1. Nicht ins Fettnäpfchen treten
Damit man als professioneller Helfer nicht in die gleiche Falle tritt wie das
Familiensystem, ist es von Vorteil, sich genauer über das Funktionieren des
Familiensystems zu informieren.
Aus diesem Grunde lohnt es sich, von seinen Klienten eine genauere “Drei
Generationen Biographie“ aufzunehmen, selbst wenn man nicht therapeutisch
mit ihnen arbeitet.
Die administrative Intervention hat dann stets eine therapeutische Auswirkung,
und die Intervention wirkt effektiver und effizienter.
Schlussbemerkung
Machen sie sich stets ein besseres Bild vom Familiensystem, bevor sie zur helfenden
Handlung schreiten, sei dies in der chronischen Situation eines psychisch Kranken
oder in der Akutsituation bei Selbst- oder Fremdgefährdung. Ihre Interventionen
werden effektiver, wenn sie ihre Interventionen nicht am Symptom und nur am
isolierten Individuum des psychisch Kranken ansetzen.Sie werden dadurch effizienter,
d.h. sie können mit wenig eigener Energie viel bewirken.
Wenn kein Familiensystem mehr vorhanden ist, gibt es dennoch die
Familiengeschichte und über diese kann man sich ebenfalls ins Bild setzten, um dann
wirksamer handeln zu können.