ADHS/ADS Verständnis

Dr. Ursula Davatz beleuchtet ADHS/ADS nicht als Krankheit im traditionellen Sinne, sondern als einen anderen Neurotyp. Dieser ist genetisch vererbt und kann nicht einfach „wegerzogen“ werden, da das Gehirn von ADHS/ADS-Personen anders gestaltet ist und das Umfeld anders aufnimmt. Es ist ein angeborener Zustand, dessen Diagnosezeitpunkt (z.B. vor oder nach 9 Jahren) für die Vererbbarkeit irrelevant ist, auch wenn die IV willkürliche Grenzen setzt.

Im Folgenden wird ein umfassendes Verständnis von ADHS/ADS basierend auf den Quellen dargelegt:

1. Definition und grundlegende Merkmale:

  • Das „A“ steht für Aufmerksamkeitsstörung, das „H“ für Hyperaktivität.
  • Dr. Davatz korrigiert die medizinische Sichtweise der „Aufmerksamkeitsstörung“ und spricht stattdessen von einer „breiten Aufmerksamkeit“. ADHS/ADS-Kinder nehmen sofort alles in einem Raum wahr und können die Emotionen anderer erkennen.
  • Diese breite Aufmerksamkeit wird zum Problem in langweiligen Situationen, da sich ADHS/ADS-Kinder schnell ablenken lassen und dann zum Beispiel aus dem Fenster schauen oder ihre Nachbarn stören. Sie „scannen“ das Umfeld wie ein Hund, der nach Interessantem schnüffelt.
  • Wenn zu viele interessante Dinge gleichzeitig passieren (z.B. in einer grossen Schulklasse), kann diese breite Aufmerksamkeit zu einem „System Overload“ führen, bei dem das emotionale System überfordert ist und zusammenbricht.

2. Unterschiede zwischen ADHS und ADS:

  • ADHS zeigt sich oft in nach aussen gerichteter Hyperaktivität, die manchmal in „Verrücktsein“ resultiert.
  • ADS ist durch eine nach innen gerichtete Hyperaktivität gekennzeichnet; Betroffene ziehen sich zurück und passen nicht mehr auf. Sie denken sehr viel nach, haben „Kino im Kopf“ und können das Denken oft nicht stoppen, was zu Schlafproblemen führen kann. ADS kann letztendlich im Autismus münden. Dr. Davatz sieht Autismusspektrumsstörung (ASS) als eine extreme Form von ADHS/ADS.

3. Geschlechtsunterschiede in der Manifestation:

  • Mädchen sind sehr beziehungsorientiert und passen sich oft dem Lehrer oder der Lehrerin zuliebe an, manchmal bis zur Selbstunterdrückung. Sie tendieren dazu, sich mehr anzupassen als Jungen, besonders in Konfliktsituationen. Dies führt dazu, dass eine ADHS/ADS-Diagnose bei Frauen oft erst im Alter von 35 bis 45 Jahren gestellt wird, da ihre Symptome weniger auffällig sind. Sie reagieren auf Verletzungen eher mit Flucht, Rückzug oder Anpassung, um Konflikte zu vermeiden. Diese übermässige Anpassung kann später im Leben zu Depressionen und Burnout führen.
  • Jungen fallen häufiger auf, werden aggressiv, wenn sie falsch angepackt werden, etwas von ihnen verlangt wird, was sie nicht wollen, oder wenn sie bei ihrer eigenen Aktivität gestört werden. Sie reagieren auf Verletzungen mit Aggression und Kampf.
  • Statistiken zeigen eine Verschiebung: Früher wurde von fünf Jungen auf ein Mädchen mit ADHS/ADS gesprochen, heute ist das Verhältnis 1,5 Jungen auf ein Mädchen.

4. Lernen und Emotionale Intelligenz:

  • Der Mensch ist das lernfähigste Wesen auf der Erde.
  • Lernen läuft nicht nur kognitiv ab, sondern in erster Linie über das emotionale Gehirn.
  • Ohne Beziehung gibt es keine Erziehung; ein Kind lernt am besten über eine Beziehung.
  • Wissensvermittlung kann heutzutage leicht über das Internet und KI-Tools wie ChatGPT erworben werden.
  • Emotionale Beziehungen und emotionales Lernen können jedoch nicht aus dem Internet bezogen werden; emotionale Intelligenz wird nur in zwischenmenschlichen Beziehungen gefördert. Der Lehrer und die Eltern sind wichtiger denn je, um Kindern emotionale Intelligenz beizubringen und Beziehungen zu pflegen.

5. Herausforderungen im Umfeld und erzieherische Ansätze:

  • ADHS/ADS-Kinder sind für Lehrpersonen eine Herausforderung, da sie bei uninteressantem Stoff schnell abgelenkt sind.
  • Sie können nicht einfach blind folgen, sondern müssen intrinsisch motiviert sein. Wenn ihr Interesse geweckt wird, können sie einen „Hyperfokus“ entwickeln und hochkonzentriert an einer Sache bleiben, was zu wissenschaftlichen oder handwerklichen Leistungen führen kann.
  • Bei der Kommunikation mit ADHS/ADS-Kindern (und Erwachsenen) ist es entscheidend, einen „tiefen Erregungszustand“ (low arousal) zu bewahren. Im hocherregten Zustand ist das Gehirn noch erregter, und es laufen nur Reflexe ab (Kampf, Flucht, Totstellreflex, Necken), keine vernünftigen Verhaltensweisen.
  • Man darf ADHS/ADS-Personen im erregten Zustand nicht belehren oder moralisieren. Zuerst muss man sich selbst und dann das Kind beruhigen lassen. Erst im ruhigen Zustand kann man kognitiv arbeiten und gemeinsam Lösungen erarbeiten.
  • Strafen, Belohnungen und Drohungen funktionieren bei ADHS/ADS-Kindern nicht und können sogar schaden. Reflexverhalten kann nicht durch Strafen verändert werden; es führt höchstens dazu, dass sich das Kind zurückzieht, phobisch oder zwanghaft wird. Beschämung löst Ausweichverhalten aus, keine Lernbereitschaft.
  • Eltern sollten Regeln aufstellen, anstatt Befehle zu geben, da Befehle oft als Übergriff empfunden werden. Diese Regeln können aufgeschrieben und vom Kind internalisiert werden, was zur intrinsischen Motivation beiträgt.
  • Im Konfliktfall sollte man nicht endlos argumentieren, da dies zu einem „System Overload“ beim Kind führt und die Eltern als schwach erscheinen lässt. Stattdessen sollten Eltern klar sagen, was sie wollen und, falls nötig, mit ihrer mentalen Kraft durchsetzen, ohne in einen Machtkampf zu geraten, den man als Erziehungsperson oft verliert. Es ist akzeptabel, als Elternteil auch mal zu „verlieren“, um das Selbstwertgefühl des Kindes zu stärken.
  • Dr. Davatz plädiert für eine „persönlichkeitsgerechte Erziehung“ und einen „bedarfgerechten Umgang mit neurodivergenten Kindern“.

6. Weitere Merkmale und systemische Betrachtung:

  • ADHS/ADS-Personen sind hochsensibel. Diese Sensibilität kann sich in verschiedenen Bereichen zeigen, wie Empfindlichkeit gegenüber Lärm, bestimmten Materialien (z.B. Kunstfasern, Wolle) oder Licht.
  • Sie sind oft erfinderisch, kreativ und spielerisch. Sie können Grenzen überschreiten und sind Entdecker, Forscher und Eroberer.
  • Sie haben einen hohen Gerechtigkeitssinn und reagieren heftig auf Ungerechtigkeit.
  • Risikobereitschaft ist ein weiteres Merkmal, da sie Extremsituationen suchen, um Dopamin und Adrenalin auszuschütten. Man sollte dies nicht unterbinden, sondern dem Kind helfen, seine Grenzen zu spüren und verantwortungsvoll mit Risiken umzugehen.
  • ADHS/ADS-Familien sind konfliktanfälliger und haben eine höhere Scheidungsrate aufgrund ihrer hohen Sensitivität.
  • Am Arbeitsplatz mögen ADHS/ADS-Personen keine Vorgesetzten, die ihnen intellektuell unterlegen sind, was zu Kündigungen führen kann.
  • Dr. Davatz sieht ADHS/ADS als Grundursache vieler psychiatrischer Krankheiten, wie Depressionen und Schizophrenie, da die gleichen Genloci betroffen sind und die Sensibilität ein verbindendes Element ist. Dies ist eine Ansicht, die in der Fachwelt diskutiert wird.
  • Sie kritisiert das derzeitige Schulsystem, das überholt sei und Lehrer überfordere, was zu Burnout führt. Es wird zu viel Geld in die Psychiatrie und zu wenig in die Unterstützung der Schulen investiert. Statt Kinder zu pathologisieren und Medikamente zu verschreiben, sollte das Umfeld lernen, mit diesen Kindern umzugehen.
  • Lehrer brauchen mehr Unterstützung, nicht in Form von psychiatrischen Diagnosen, sondern durch Systemberatung und Familientherapie.
  • Die Persönlichkeitsförderung ist in Zeiten der KI wichtiger denn je, und die Schule sollte sich darauf konzentrieren.
  • Es ist wichtig, Kinder unterschiedlich zu behandeln und differenzierten Unterricht zu ermöglichen, da nicht alle gleich sind.

7. Medikation:

  • Medikamente wie Ritalin, Concerta, Elvanse und Medikinet sind Stressmedikamente, die die Leistungsfähigkeit kurzzeitig erhöhen und zu einer Fokussierung führen.
  • Sie wirken schnell (innerhalb einer Stunde) und es gibt kurz- und langwirksame Präparate.
  • Dr. Davatz ist nicht grundsätzlich gegen Medikamente, aber sie verschreibt sie nur, wenn das Kind und die Eltern es wollen. Sie betont, dass Medikamente die Leistungsfähigkeit erhöhen, aber auch „ausbeuten“ können. Man muss immer abwägen.
  • Medikamente müssen nicht ständig eingenommen werden; Pausen am Wochenende oder in den Ferien sind möglich, und Erwachsene nutzen sie manchmal punktuell für spezifische Aufgaben.
  • Das Ziel sollte sein, dass Kinder und Erwachsene lernen, mit ihrem Neurotyp umzugehen und sich selbst zu steuern, anstatt sich ausschliesslich auf Medikamente zu verlassen.

8. Schlaf und Rituale:

  • ADHS/ADS-Personen können oft nicht schlafen, weil ihr Gehirn die Reize des Tages nicht verarbeiten kann.
  • Regelmässige Rituale zum „Herunterfahren“ vor dem Schlafengehen sind wichtig, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene (z.B. kein Telefon vor dem Schlafengehen, Gespräche über den Tag, Tagebuch schreiben).

Zusammenfassend legt Dr. Davatz den Fokus auf ein ganzheitliches, systemisches und beziehungsorientiertes Verständnis von ADHS/ADS, das die einzigartigen Eigenschaften dieses Neurotyps würdigt und das Umfeld dazu anleitet, sich anzupassen und Unterstützung zu bieten, anstatt Symptome zu pathologisieren oder zu unterdrücken. Sie betont, dass Beziehung und Interaktion der Schlüssel zum erfolgreichen Umgang mit ADHS/ADS sind.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/07/Schule_Toess_3.7.2025.m4a.pdf

Inwiefern prägen Stigmatisierung und vorherrschende Krankheitsbilder das Verständnis und die Lebensqualität von Menschen mit ADHS/ADS?

Die Stigmatisierung und das vorherrschende Krankheitsbild prägen das Verständnis und die Lebensqualität von Menschen mit ADHS/ADS in mehrfacher Hinsicht, wie die Quellen verdeutlichen.

Stigmatisierung durch das Krankheitsbild:

  • Dr. med. Ursula Davatz betont, dass ADHS/ADS nach wie vor als Krankheit angesehen wird. Sie stellt dem entgegen, dass es sich um einen genetisch vererbten Genotyp und vererbte Eigenschaften handelt. Diese Sichtweise als Krankheit führt dazu, dass Betroffene sich möglicherweise stigmatisiert fühlen, da niemand gerne krank ist.
  • Die Diagnose ADHS/ADS kann Angst auslösen und dazu führen, dass sich Menschen verschliessen. Wenn man es als Krankheit ansieht, macht man zu.
  • Einige Kinder mit ADHS/ADS lehnen einen Nachteilsausgleich in der Schule ab, weil sie ihn als stigmatisierend empfinden und nicht aus der Gruppe ausgegrenzt werden wollen.

Auswirkungen auf das Verständnis:

  • Die Fokussierung auf das Krankheitsbild führt dazu, dass die positiven Eigenschaften von Menschen mit ADHS/ADS, wie ihre breite Aufmerksamkeit, Neugier und schnelle Auffassungsgabe, oft übersehen werden. Stattdessen wird der Fokus auf die „Störung“ gelegt.
  • Die Tendenz, ADHS/ADS als reine medizinische Angelegenheit zu betrachten, führt dazu, dass vorrangig mit Medikamenten gearbeitet wird. Dies kann den emotionalen Hirnteil und das soziale Lernen vernachlässigen.
  • Die Stigmatisierung kann zu Unverständnis im Umfeld führen, sowohl bei Lehrpersonen als auch bei Eltern. Es wird oft die Haltung vertreten, dass ADHS/ADS „abgeschafft“ werden müsse, anstatt die besonderen Bedürfnisse der Kinder zu verstehen und darauf einzugehen.
  • Die mangelnde Unterstützung für Lehrpersonen im Umgang mit ADHS/ADS verstärkt das Unverständnis und die Stigmatisierung. Wenn Lehrkräfte sich überfordert fühlen, kann dies zu negativen Reaktionen und einer Ablehnung der betroffenen Kinder führen.

Auswirkungen auf die Lebensqualität:

  • Kaputttherapieren: Ein Betroffener berichtet, dass sein Sohn durch falsche therapeutische Ansätze „kaputt therapiert“ wurde, was die langfristigen negativen Folgen der Stigmatisierung und des defizitorientierten Blicks auf ADHS/ADS verdeutlicht.
  • Soziale Ausgrenzung: Die Stigmatisierung kann zur sozialen Ausgrenzung führen, sowohl in der Schule als auch im privaten Umfeld.
  • Psychische Probleme: Durch Stigmatisierung und Unverständnis können sekundäre psychische Probleme wie Depressionen entstehen. Ein Beispiel ist der intelligente Schüler, der aufgrund von Langeweile in der Schule Selbstmordgedanken entwickelte. Auch die Entwicklung einer Depression bei medikamentöser Überdosierung zeigt die negativen Auswirkungen eines rein medizinischen Ansatzes ohne Berücksichtigung des individuellen Wohlbefindens.
  • Belastung für Familien: Eltern von Kindern mit ADHS/ADS erleben oft eine hohe Belastung durch den Kampf gegen Stigmatisierung und Unverständnis.
  • Verpasste Chancen: Wenn ADHS/ADS erst spät erkannt wird, insbesondere bei Mädchen, können wertvolle Jahre der Unterstützung und Förderung verpasst werden. Dies kann sich negativ auf die schulische und berufliche Entwicklung auswirken.
  • Negative Erfahrungen mit Institutionen: Der Bericht über den Jungen, der aufgrund von Überreaktionen im Kindergarten und der Schule in ein Heim kam, zeigt auf drastische Weise, wie Stigmatisierung und mangelndes Wissen zu völlig unangemessenen Interventionen führen können.

Dr. Davatz plädiert dafür, ADHS/ADS nicht als Krankheit, sondern als Persönlichkeitstyp zu betrachten. Dies könnte helfen, die Stigmatisierung zu reduzieren und ein positiveres und ressourcenorientierteres Verständnis zu fördern. Sie betont die Wichtigkeit, die individuellen Bedürfnisse zu erkennen und zu fördern, anstatt auf Gehorsam und Bestrafung zu setzen, was bei Kindern mit ADHS/ADS ohnehin schlecht funktioniert. Die intrinsische Motivation und die Neugier der Kinder müssen geweckt und erhalten werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Stigmatisierung und das vorherrschende Krankheitsbild von ADHS/ADS zu einem defizitorientierten Blick, Unverständnis im Umfeld, sozialer Ausgrenzung und einer Beeinträchtigung der Lebensqualität der Betroffenen führen können. Ein Wandel hin zu einem ressourcenorientierten Verständnis, das ADHS/ADS als Persönlichkeitstyp betrachtet und die individuellen Bedürfnisse in den Vordergrund stellt, ist notwendig, um die Lebensqualität von Menschen mit ADHS/ADS nachhaltig zu verbessern.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_Riedtli_13.3.2025.m4a.pdf